Pädophilie
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Pädophilie (von griechisch pais „Knabe, Kind“ und philia „Freundschaft“) nennt man die primäre erotisch-sexuelle Neigung Erwachsener zu Personen vor der Geschlechtsreife (im folgenden „Kinder“ genannt). Das Wort „Pädosexualität“ wird oft synonym zu Pädophilie verwendet.
Im ICD-10 wird Pädophilie unter dem Code F65.4 (Störung der Sexualpräferenz) geführt; im DSM-IV unter 302.2 (Paraphilie).
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Eingrenzung des Begriffes
Eingeführt wurde der Begriff (als „Paedophilia erotica“) 1896 durch den Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing in dessen Schrift Psychopathia sexualis. Im Wesentlichen ist es bei seiner Definition geblieben. Für Pädophilie werden folgende Merkmale aufgeführt:
- Das sexuelle Interesse gilt Kindern, die sich vor oder am Beginn der Pubertät befinden
- Das sexuelle Interesse ist dabei primär, das heißt ausschließlich bzw. überwiegend und ursprünglich auf Kinder ausgerichtet
- Das sexuelle Interesse ist zeitlich überdauernd
Manche Definitionen setzen zusätzlich ein Altersunterschied von mindestens fünf Jahren voraus, um so sexuelles Interesse von Kindern und Jugendlichen an Kindern nicht zu pathologisieren. Dem entgegen steht jedoch die Beobachtung, dass sich eine pädophile Orientierung bereits in der Adoleszenz – oder in der Kindheit – heranbildet.
Pädophilie liegt dann nicht vor, wenn zwar eine sexuelle Erregbarkeit durch Kinder besteht, diese aber nicht primär ist. Viele erwachsene Männer sind auch durch Kinder sexuell stimulierbar (Hall et. al 1995, Freund und Watson 1991 und Quinsey et al. 1975), im Unterschied zu Pädophilen jedoch interessieren sie sich sexuell in erster Linie für Erwachsene.
Im Gegensatz dazu wird die Bezeichnung Pädophilie oft nicht im streng wissenschaftlichen Sinne verwendet, wenn grundsätzlich alle Täter, die Kinder sexuell missbrauchen als Pädophile bezeichnet werden. Es existieren bei sexuellem Missbrauch aber auch andere Motivlagen. Im ersten Fall spricht man bisweilen auch von Pseudopädophilie. Originäre Pädophile werden zur besseren Abgrenzung auch als strukturiert pädophil bezeichnet, da ihre sexuelle Orientierung fest in der Persönlichkeitsstruktur verankert ist.
Die primäre Neigung zu Jugendlichen (also Menschen nach Beginn der Pubertät), wird als Ephebophilie bezeichnet. Geht es nur um die Neigung zu männlichen Jugendlichen, spricht man von Päderastie.
Phänomenologie
Über die Anzahl pädophiler Menschen gibt es keine zuverlässigen Angaben. Vorsichtige Schätzungen gehen von 50.000 bis 200.000 pädophilen Menschen in Deutschland aus.
Über 80 Prozent der Pädophilen sollen auf Jungen fixiert sein, wobei andere Quellen davon ausgehen, dass als Opfer pädophiler Übergriffe eher Mädchen betroffen sind. Unklar ist, ob auf Mädchen orientierte Pädophile lediglich in geringerer Zahl öffentlich in Erscheinung treten und so eine Gleichverteilung der Geschlechtspräferenz unter Berücksichtigung dieses Dunkelfeldes vorliegt. Es gilt ferner zu berücksichtigen, dass manche der primär pädophil orientierten Männer bevorzugt alleinstehende Frauen mit kleinen Kindern heiraten, um gefahrloser und leichter Kontakte zu Kindern herstellen zu können.
Nach Studien von Coxell et al. (1999) haben 13 % der Knaben sexuelle Kontakte zu pädophil oder päderastisch veranlagten Männern gehabt. 5,3 % der befragten Männer berichteten, dass sie als Kind unfreiwillige Sexualkontakte mit einem Mann gehabt hätten, der beträchtlich älter war als sie. 7,7 % sprachen von freiwilligen Kontakten zu den Männern. Noch höher liegen die Zahlen bei Kontakten zu Mädchen. Nach einer amerikanischen Studie, die über 1000 junge Frauen und Mädchen befragte, ergab sich, dass rund 30 Prozent der Mädchen im Internet, zum Beispiel in Kinderchats, von Männern, die sich oft als Teenager ausgeben, angesprochen wurden.
Siehe auch: Sexueller Missbrauch von Kindern
Alter des Kindes
In wissenschaftlichen Definitionen ist überwiegend die Pubertät im Sinne der Geschlechtsreife (Gonadarche) als obere Grenze für den Altersbereich für ‚Kinder‘ im Zusammenhang mit Pädophilie zu finden. Dabei setzt die Pubertät in Ländern westlichen Lebensstandards bei Mädchen heute im Mittel zwischen dem 10. und 11. und bei Jungen zwischen dem 11. und 12. Lebensjahr ein und dauert mehrere Jahre. Die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale setzt bei Kindern zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein. Zwar kann man sie im Prinzip durch Augenschein feststellen, aber die sexuelle Entwicklung ist ein langjähriger Prozess.
Das primäre Interesse der Pädophilen ist auf Kinder zwischen 4 und 14 Jahren ausgerichtet, wobei es zwei Gipfel in der Alterspräferenz gibt: der eine Gipfel liegt bei 5 bis 6 Jahren, der andere bei 11 bis 12 Jahren. Das sexuelle Begehren ist beim konkreten Pädophilen in der Regel auf einen Alterabschnitt in diesem Bereich – und nicht den gesamten Bereich – orientiert. Es erlischt oft spätestens bei der Ausprägung sekundärer Geschlechtsmerkmale beim Kind.
Das primäre sexuelle Interesse der Pädophilen
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht bei der Pädophilie die primäre sexuelle Ausrichtung auf Kinder. Im Unterschied zu anderen Sexualitäten ist diese nicht zwingend koital ausgeprägt; Pädophile können bereits durch Situationen erregt und befriedigt werden, in denen kein Körperkontakt zu einem Kind besteht. Bei Situationen mit Körperkontakt kann bereits das Berühren des Kindes allein als erregend empfunden werden, ohne dass diese Berührungen im Genitalbereich stattfinden müssen. Der Wunsch nach dem Vollzug des Koitus mit dem Kind ist bei Pädophilen seltener anzutreffen.
Neben dem sexuellen Interesse ist bei Pädophilen ein Bedürfnis nach emotionaler Nähe zu Kindern festzustellen. Manche Pädophile empfinden ihr Leben als unvollständig und emotional destabilisierend, wenn ihr Wunsch nach emotionaler Nähe keine Erfüllung findet. Es wird daher vermutet, dass viele Pädophile entsprechende Berufe oder Freizeitaktivitäten ausüben, um Umgang mit Kindern zu haben. Häufig gelingt es ihnen, ihre sexuellen Neigungen in pädagogisches Engagement zu überführen. Es kann aber auch zu sexuellen Kontakten mit Kindern kommen, die meist Einzelfälle bleiben. Es wird ferner vermutet, dass manche der primär pädophil orientierten Männer bevorzugt alleinstehende Frauen mit kleinen Kindern heiraten.
Das Bedürfnis nach körperlicher und emotionaler Nähe ist individuell sehr verschieden ausgeprägt und gewichtet. Die Bedürfnislagen können sowohl einzeln als auch zusammen im Vorder- oder Hintergrund stehen. In den 1970er und 1980er Jahren wurde das sexuelle Interesse an Kindern von Pädophilen-Organisationen noch weitgehend verneint und Pädophilie als nicht-sexuelle Kinderliebe dargestellt. Mittlerweile finden dort auch die sexuellen Aspekte Beachtung.
Wie durch über 60 Fälle aufgedeckt wurde, die im März 2005 in Frankreich vor Gericht verhandelt wurden, lebt eine bestimmte Anzahl von Pädophilen ihre sexuellen Neigungen an Kindern aus, wobei vor allem die Kinder sozial schwacher Bevölkerungsschichten für sexuelle Kontakte benutzt werden, indem in Armut lebende Eltern dafür bezahlt werden, dass sie ihre Kinder sexuell missbrauchen lassen.
Verhalten von Pädophilen
Während 1988 Finkelhor und I. A. Lewis postulierten, "dass die meisten, wenn nicht alle" der "Kinderschänder" unter den Pädophilen kein Interesse an Kindern und keine Empathie für Kinder hätten, sprechen zahlreiche andere Studien von einer Nicht-Aggressivität und Zuneigung der Pädophilen zu Kindern. Dem entspricht auch die Beobachtung, dass sexuell aktive pädophile Männer in stärkerem Maße kinderlieb zu sein scheinen als andere Sexualstraftäter. Ein Pädophiler wird demzufolge oft versuchen, sich mit den Kindern gut zu stellen, um von ihnen gemocht zu werden. Ob Pädophile gewalttätig werden hängt auch stark von ihren allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. Gewaltbereitschaft und Frustrationstoleranz ab. In manchen Fällen kann es auch zu sadistischen Handlungen mit Kindern kommen, wie im Fall von Jürgen Bartsch. Auch die Fälle von Kindesentführung mit Todesfolge sind hierzu zu rechnen.
Nach der ersten Kontaktaufnahme halten Pädophile meist einen längeren direkten Kontakt zu den Mädchen und Jungen aufrecht. Sie verschleiern vor den Kindern meist ihre eigentlichen Interessen. Etliche von ihnen wenden Tricks an, um die Kinder an sich zu binden. Sie benutzen zum Beispiel Geld- oder andere Geschenke um das Kind zu ködern. Vor allem Pädophile aus der näheren Umgebung wenden bei Kindern oft auch die Masche des "Hofierens" an: Sie treten dem Kind als der "große Freund" gegenüber, als jemand, der die Kinder versteht und auf sie eingeht. Die Minderjährigen werden wie Erwachsene behandelt, dürfen beim Täter zum Beispiel Dinge unternehmen, die ihnen im Elternhaus nicht erlaubt sind, zum Beispiel Rauchen oder Alkohol trinken. Manche Täter versuchen, das kindliche Mitgefühl zum eigenen Vorteil zu nutzen; sie geben sich etwa einsam und ohne Familie, und sagen dem Kind, dass sie es schätzen, wenn es "lieb" zu ihnen ist. Einige Pädosexuelle holen die Kinder als Freund der Familie sogar bei ihren Eltern ab, ohne dass die Eltern Argwohn hegen; manche nutzen bestimmte Wohnungen für ihre Aktivitäten, in denen sie z.B. Computer aufstellen, um sich bei Jungen beliebt zu machen. Lehnen die Kinder dann einen körperlichen Kontakt zu den Männern ab, wird ihnen prompt mit Entzug ihres "Lieblingsspielzeugs" gedroht. Oder es werden den Kindern ab einem bestimmten Zeitpunkt nur dann noch kostspielige Geschenke gemacht, wenn sie sich willig zeigen. Häufig spielen die Täter so erfolgreich den Kinderfreund, dass die betroffenen Minderjährigen oft nicht verstehen, dass sie von den freundlichen Erwachsenen gezielt manipuliert wurden, um deren sexuelle Interessen zu befriedigen. Wenn es zu sexuellen Handlungen kommt, findet in der Regel eine Entwicklung von zunächst einfacheren (zum Beispiel Petting) hin zu intensiveren sexuellen Handlungen (zum Beispiel masturbieren des Kindes) statt. Lautmann (1994) interviewte Pädophile aus dem Dunkelfeld, und kam zu dem Ergebnis, dass die eigene körperliche Stimulation Pädophilen oft weniger wichtig sei und häufig durch Selbstbefriedigung erreicht werde. Er spricht von Pädophilen als "sexuell zurückgenommene Erwachsene". In aller Regel beachteten sie den Willen des Kindes, einerseits im Interesse der eigenen Sicherheit, andererseits weil dies die Voraussetzung für ihren Lustgewinn sei. Von Kritikern wird Lautmann jedoch vorgeworfen, durch die alleinige und ungeprüfte Befragung Pädophiler ausschließlich deren Sicht darzustellen. Er gibt also lediglich wieder, wie sich Pädophile selber sehen. Die angebliche Beachtung des Willens der Kinder, die sich oft darin äußert, dass den Kindern von den Pädophilen größere Freiheiten als von den Eltern erlaubt werden, diene nur dem Ziel, eine Vertrauensbasis zu schaffen, um letztlich dem Kind körperlich näher zu kommen.
Pädosexuelle, die sich Minderjährige aus ihrer entfernteren Umgebung oder völlig fremde Kinder auf der Straße als Opfer suchen, lauern oft an Orten, wo sich Kindern oft und gerne aufhalten und sie unauffällig angesprochen werden können, einschließlich des Internets. Laut Professor Adolf Gallwitz halten sich Pädophile "dort auf, wo Kinder gern sind". Dies gelte besonders für Wohngebiete, in denen viele "Schlüsselkinder" leben, oder auch für Viertel mit einem hohen Singleanteil. Die Freie Universität Berlin arbeitet zusammen mit einer Kinderschutzorganisation an einer Studie, in denen die Orte näher analysiert werden, an denen Kinder besonders gefährdet sind, mit dem Ziel, Präventionsmaßnahmen für diese Schwerpunkte zu erarbeiten. Nach den ersten Erkenntnissen seien z.B. Schwimmbäder als Orte der Kontaktaufnahme bei Pädosexuellen besonders beliebt, doch das Personal wisse häufig nicht, wie es mit Verdächtigen umgehen soll.
Strafrechtliche Einordnung
Pädophilie als bloße sexuelle Orientierung wird strafrechtlich nicht verfolgt. Das Ausleben der Orientierung durch sexuelle Kontakte mit Kindern steht dagegen in den meisten Ländern als sexueller Missbrauch von Kindern unter Strafe. Ebenso sind viele Ersatzhandlungen wie Herstellung, Besitz und die Beschaffung von Darstellungen, die Kinder in sexuellen Handlungen oder Positionen zeigen (Kinderpornografie) strafbar.
Vermutlich wegen der juristischen Konsequenzen vermeidet ein nennenswerter Teil der Pädophilen sexuelle Kontakte zu Kindern.
Einmal einschlägig straffällig gewordene Pädophile unterliegen allerdings einer hohen Rückfallgefahr. Internationale Studien haben ergeben, dass die Rückfallquote bei ihnen mit etwa 40 bis 50 Prozent etwa doppelt so hoch ist wie die durchschnittliche Quote für Sexualstraftäter von 22 Prozent (Egg 2001). Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist bei Pädophilen, die auf Jungen orientiert sind, deutlich höher als bei solchen, die auf Mädchen orientiert sind.
Der Anteil pädophiler Täter am sexuellen Missbrauch von Kindern wird auf 2 bis 10 Prozent eingeschätzt (Kinsey-Report, Lautmann, Brongersma, Groth).
Therapeutischer Aspekt
Die pädophile Orientierung ist tief in der Persönlichkeitsstruktur verankert und lässt sich nicht ohne Weiteres und möglicherweise nicht ohne Schäden an der Persönlichkeit des Betroffenen ändern. Wie jeder andere Mensch auch ist er aber dafür verantwortlich, dass niemand unter seiner Krankheit bzw. seiner sexuellen Orientierung zu leiden hat. Dem entsprechend besteht das primäre Ziel darin, sexuelle Handlungen an Kindern zu verhindern und die mitunter auch von den Patienten als quälend empfundenen Impulse abzuwehren und zu verringern. Eine ursächliche Therapie, die das sexuelle Verlangen auf Erwachsene ‚umlenkt‘ ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kaum oder überhaupt nicht möglich. Weiterhin sollte eine Therapie den Patienten auch auffangen, wenn er mit den sozialen Folgen, die ein Bekanntwerden seiner Pädophilie meist zur Folge hat, konfrontiert wird.
Gruppentherapie und Selbsthilfegruppen verfolgen ähnliche Ziele. Patienten lernen ähnliche Verhaltensmuster und deren Konsequenzen bei anderen kennen und können lernen, wie andere Patienten mit ihren Impulsen umgehen und können gleichzeitig bei sich und anderen mögliche Muster der Selbsttäuschung und des Leugnens aufdecken. Selbsthifegruppen stellen die Form mit der geringeren Hemmschwelle dar, sie aufzusuchen. Viele können sich dort zum ersten Mal eingestehen, dass sie pädophil sind. Gruppentherapien werden von professionellen Betreuern geleitet, meist Psychologen oder Psychiatern, was unter Umständen eine bessere Lenkung der Therapie ermöglicht und gerade bei schweren Konflikten innerhalb der Gruppe entlastend wirken kann. Gruppentherapien und Selbsthilfegruppen können den Betroffenen helfen, schwierige Lebenslagen, die aufgrund von Pädophilie entstehen können, zu bewältigen.
Es werden Gesprächstherapien angeboten, in denen der Pädophile ausreichend über seine sexuelle Orientierung reflektieren und einen verantwortungsvollen Umgang mit seiner Orientierung erlernen kann.
Weiterhin werden - in schweren Fällen - Testosteron-Antagonisten sowie SSRIs (Selective Serotonin Reception Inhibitors – selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer) verwendet, die den Sexualtrieb hemmen, die Impulskontrolle verbessern und somit die Gefahr von Übergriffen, teilweise auch von Intrusionen (Gedankeneinbrüchen, die vom Patienten nicht willentlich verhindert werden können) dämmen können.
Nicht zuletzt müssen möglicherweise bestehende Folgestörungen wie zum Beispiel Depressionen und Alkoholismus behandelt werden.
Neuere Studien (Hanson 2002) zeigen auf, dass Therapien straffällig gewordener Pädophiler die Rückfallwahrscheinlichkeit um etwa 12 bis 17 Prozent zu senken vermögen. Doch bleibt die Rückfallquote vergleichsweise hoch.
Kontroversen
Seelische Störung oder sexuelle Orientierung?
Sowohl in der International Classification of Diseases, Injuries, and Causes of Death (ICD) als auch im einflussreichen amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual (DSM) wird Pädophilie als psychische Störung aufgeführt. Um diese Tatsache und um die Details der DSM-Definition hat sich eine Diskussion entwickelt (vgl. Archives of Sexual Behavior, Dezember 2002):
- Es wurde vorgeschlagen, alle Paraphilien (zu denen auch die Pädophilie zählt) aus dem Verzeichnis (DSM) zu streichen. Dafür machen sich jene stark, die den betreffenden Störungen keinen eigentlichen Krankheitswert zuweisen, sondern glauben, dass die Paraphilien nur aufgrund eines gesellschaftlichen Konflikts als psychische Störung aufgefasst würden (solche Konflikte werden (im Prinzip) zur Zeit ausdrücklich nicht als DSM-relevante Störungen angesehen).
- Über die Frage, unter was für einer Störung Pädophile leiden könnten, gibt es keinen Konsens. Beispielsweise wird vorgeschlagen, Pädophilie als Impulskontrollstörung (ICD: F63) zu kategorisieren. Dies ist für die gegenwärtige DSM-Definition von Pädophilie möglich, nicht aber für andere (z.B. ICD). In jedem Fall wird damit das Hauptaugenmerk von der primären sexuellen Orientierung auf Kinder weggenommen und auf das Verhalten des Pädophilen gelenkt.
Diese Diskussionen betreffen lediglich die psychologische Einordnung der Pädophilie, nicht die Bewertung von Handlungen, die aufgrund pädophiler Veranlagungen begangen werden.
Zur Frage der Freiwilligkeit
Auch freiwillige sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen sind in den meisten Ländern strafbar. Sie werden auch aus sitten-moralischen Gründen abgelehnt. Diese Ablehnung stützt sich in der Sexualwissenschaft hauptsächlich auf drei Begründungen:
- Kinder können zwar willentlich (fachlich simple consent), nicht aber wissentlich (fachlich informed consent) sexuellen Handlungen zustimmen. Demnach wissen Kinder nicht, wozu sie ihre Zustimmung geben.
- Ein Modell beschreibt die Disparität der Wünsche bzw. der Ungleichzeitigkeit, nach dem Erwachsene und Kinder in einer sexuellen Beziehung unterschiedliche Wünsche haben und in ihrer sexuellen Entwicklung ungleichzeitig sind. Die sexuellen Wünsche der Erwachsenen korrelieren damit entwicklungspsychologisch nicht mit den Wünschen des Kindes.
- Kinder würden nur den Erwachsenen zuliebe in sexuelle Handlungen mit ihnen einwilligen, da sie von ihnen abhängig sind. Außerdem können Erwachsene, die ja selber Wünsche haben, Signale des Kindes falsch interpretieren. Letzteres gilt besonders, wenn man Pädophilie als Krankheit sieht.
- Im Sinne der Rechtssicherheit sollen Kinder vor Fehleinschätzungen bei der Bewertung der Legalität durch den Erwachsenen geschützt werden.
Dem halten einige Autoren (u.a. Griesemer) entgegen, dass einige Kinder durchaus von sich aus sexuelle Wünsche hätten und diese teilweise auch auf Erwachsene gerichtet seien. Die Umstellung der sexuellen Wünsche finde teilweise schon im Alter von zwölf Jahren statt.
Die Abgrenzung zwischen Verstößen gegen die willentliche und gegen die wissentliche Zustimmung ist umstritten.
Vermischtes
Pädophilengruppen
Es gibt eine Reihe von Pädophilengruppen, die recht unterschiedliche Ziele verfolgen, zum Beispiel die Legalisierung sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die Ausgliederung der Pädophilie aus den Krankheiten oder auch Öffentlichkeitsarbeit oder Unterstützung für Pädophile in Gefängnissen betreiben. Diese Gruppen werden häufig wegen Verharmlosung von sexuellem Missbrauch und Einseitigkeit angegriffen. Sofern sie die Pädophilie nicht als Krankheit sehen, lehnen sie Therapien, die die Pädophilie selbst betreffen und nicht nur Folgen wie Ausgrenzung und Strafverfolgung, in der Regel ab. Informelle, kriminelle Gruppen benutzen manchmal auch offizielle Gruppen um zum Beispiel Kinderpornografie auszutauschen oder Tipps zu geben, wie man sich am besten Kindern annähert und diese zur Teilnahme an sexuellen Handlungen bewegt.
Übergriffe von Priestern auf Minderjährige
In jüngerer Zeit betrifft ein besonderes Phänomen vor allem die katholische Kirche: die Fälle sexueller Übergriffe von Priestern auf minderjährige Jungen. Derartige Fälle sind zunächst in den USA und dann auch in Deutschland und Österreich bekannt geworden. Dabei wurde die Bezeichnung „pädophile Priester“ übernommen, ohne dass psychologische Diagnosen vorlagen. Eine Untersuchung der katholischen Kirche zeigte unter Zugrundelegung psychologischer Diagnosen (DSM-IV), dass 80 Prozent der auffällig gewordenen Priester nicht pädophil orientiert waren. Kritiker bemängelten jedoch, dass diese Untersuchungen von unabhängiger Seite nicht verifiziert wurden und warfen der Kirche Vertuschung vor.
Pädophilie und Internet
Über Pädophilie wird häufig im Zusammenhang mit dem Internet berichtet. Es steht zu vermuten, dass viele Pädophile das Internet zum Austausch von Kinderpornografie, vornehmlich über Tauschbörsen, IRC und das Usenet, benutzen. Besitzer von Kinderpornografie müssen nicht in jedem Fall pädophil sein; sie können sich das Material auch wegen des "Reizes des Verbotenen" verschafft haben. Oft wird in Ermittlungsverfahren zusätzlich Pornographie unterschiedlichster Art sichergestellt. Vor der Verbreitung über das Internet Ende der 1980er lag der Anteil Nicht-Pädophiler Konsumenten (sogenannte "Neugierkäufer") bei schätzungsweise 5-15%.
Über Chats im Internet kann es zur Anbahnung sexueller Kontakte zwischen Kindern und vermutlich Pädophilen kommen. Finkelhor (2000) gab an, dass 3% der Kinder und Jugendlichen im Internet danach gefragt worden seien, sich mit jemandem zu treffen, mit jemandem telefoniert hätten oder Geld- bzw. Sachgeschenke erhalten hätten. Dabei sei es jedoch nicht zu sexuellen Kontaktanbahnungen gekommen. Ein Drittel dieser Kinder und Jugendlichen habe sich dadurch sehr beunruhigt gefühlt. Ein Drittel der Kontaktpersonen sei über 18 Jahre alt gewesen. Finkelhor et al. (2004) untersuchte Fälle von verhafteten Tätern, die ihre Opfer online kennengelernt hatten. Meist seien die Opfer zwischen 13 und 15 Jahre alt gewesen, und hätten bei mehr als einer Gelegenheit sexuellen Kontakt mit dem Täter gehabt. Keines sei jünger als zwölf gewesen. Bei den Taten sei überwiegend kein Zwang angewendet worden. Die meisten Täter hätten ihre Opfer nicht über ihr Alter oder ihre sexuellen Motive getäuscht. Die Hälfte der Opfer habe angegeben, den Täter zu lieben oder ihm eng verbunden zu sein.
Seit Sommer 2003 schult das FBI einzelne Beamte darin, sich durch einschlägiges Vokabular in Chaträumen als Mädchen auszugeben und auf eine scheinbare Kontaktanbahnung zwecks Verhaftung hinzuwirken. Dies Taktik hat bereits zu mehreren Verhaftungen geführt.
Pädophile Einzelpersonen und Gruppen nutzen das Internet als Medium zur Selbstdarstellung, politisches Diskussionsforum und zur Verbreitung vorteilhafter wissenschaftlicher Studien.
Weiterführende Angaben
Literatur
- Fagan PJ, Wise TN, et al "Pedophilia" JAMA. 2002;288:2458-2465.
- Archives of Sexual Behavior: Special Section on Pedophilia, Vol. 31, No. 6 (Dec. 2002), S. 465-510 (mit Beiträgen insbes. von Green, Schmidt, Rind, u.a.)
- Volkmar Sigusch: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, Thieme 2001, ISBN 3131039434
- Matthias Stöckel: Pädophilie. Befreiung oder sexuelle Ausbeutung von Kindern. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1998
- Beier, Bosinski, Hartmann, Loewit: Sexualmedizin, Urban & Fischer 2001, ISBN 3-437-51086-X
- Frits Bernard: Pädophilie ohne Grenzen: Theorie, Forschung, Praxis. Förster, Frankfurt/M. 1997
- Martin Dannecker: Das Drama der Sexualität, Europäische Verlagsanstalt 1992, ISBN 3434460993
- Günther Deegener: Sexueller Missbrauch: Die Täter, Beltz 1995, ISBN 3621272518
- Rüdiger Lautmann: Die Lust am Kind - Portrait des Pädophilen, Klein, Hamburg 1994, ISBN 3895210153
- Archives of Sexual Behavior : Special Section on Pedohilia, Vol. 31, No. 6 (Dec. 2002), S. 465-510 (mit Beiträgen insbes. von Green, Schmidt, Rind, u.a.)
- Pedophila : Biosocial Perspectives / Jay R. Feierman, Ed. -- x, 594 pp. -- New York, 1990 ISBN 0-387-97243-9
- Theo Sandfort: Pädophile Erlebnisse: Aus einer Untersuchung der Reichsuniversität Utrecht über Sexualität in pädophilen Beziehungen, Gerd J. Holtzmeyer Verlag, Braunschweig 1986, ISBN 3-923722-17-6 Auszüge
Siehe auch
- Babystrich
- Kinderpornografie
- Kinderprostitution
- Päderastie
- Pädokriminalität
- Pädosadismus
- Pubertät
- Schutzalter
- Sexualität
- Sexueller Missbrauch von Kindern
- Strichjunge
Weblinks
- Therapie: Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld
- Dipl. Psych. Sophinette Becker: Pädophilie zwischen Dämonisierung und Verharmlosung
- Ist Pädosexualität eine Krankheit?
- Ist Pädophilie Gewalt? Tom O'Carroll
- Journalist inkognito in der Pädo-Szene
- Analyse einer Hysterie Dipl.-Psych. M. Griesemer (ITP-Arcados)
- Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen - Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität
