Parzival
thumb|220px|Wolfram, Parzival 1,1ff - Ist zwiffel hertzen noch gebur... (UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 6r)
Der "Parzival" von Wolfram von Eschenbach ist ein Versroman der mittelhochdeutschen hochhöfischen Literatur, entstanden vermutlich im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts.
In kunstvoll verzahnten Handlungssträngen werden die Abenteuer zweier ritterlicher Hauptfiguren erzählt - einerseits die Entwicklung des Titelhelden vom unwissenden Kämpfer im Narrenkleid zum Gralskönig, andererseits die gefahrvollen Bewährungsproben für den Artusritter Gawan. Thematisch gehört der Roman zur sogenannten Artusepik, auch wenn die Aufnahme Parzivals in die Tafelrunde des mythischen britannischen Königs nur eine Durchgangsstation seiner Gralssuche ist.
Der Stoff wurde literarisch, aber auch in der Bildenden Kunst und in der Musik vielfach bearbeitet; die nachhaltigste Wirkung erreichte dabei wohl Richard Wagners Adaption für das Musiktheater mit seinem "Bühnenweihfestspiel" Parsifal (Uraufführung 1882).
Handlung – Überblick
Parzivals Erziehung zum Ritter und seine Entwicklungsgeschichte auf der Suche nach dem Gral ist zwar – wie der Erzähler mehrfach betont – Hauptthema der Handlung, fast gleichwertig aber verfolgt Wolfram kontrastierend die Ritterfahrt Gawans. Während Gawan dabei der heldenhafte Ritter ist, der sich in zahlreichen Abenteuern immer erfolgreich darin bewährt, die Schuldigen an Missständen der Weltordnung zur Verantwortung zu ziehen und diese Ordnung zu restituieren, durchlebt Parzival extreme persönliche Konfliktsituationen und wird – gerade weil er sich erst im Laufe der Romanhandlung entwickelt – immer wieder selbst schuldig. Doch gerade er, der über lange Jahre hinweg die Folgen seines Fehlverhaltens ertragen muss, erlangt am Ende die Gralsherrschaft. Das Epos endet mit einem Ausblick auf die Geschichte von Parzivals Sohn Loherangrin.
Der folgende Überblick orientiert sich mit der Einteilung des Textes in sogenannte 'Bücher' am etablierten Ordnungsprinzip Karl Lachmanns, des ersten 'kritischen' Herausgebers des Parzival.
Wolframs 'Prolog' (Buch I, Verse 1,1 bis 4,26)
Die Vorgeschichte: Gahmurets Ritterfahrten (Buch I–II)
Wolfram leitet seinen Roman mit der breit ausgemalten Geschichte Gahmurets ein, des Vaters von Parzival. Jener bleibt als zweitgeborener Sohn beim Tod seines Vaters, des Königs von Anschouwe, ohne Erbe und zieht auf der Suche nach ritterlicher Bewährung und Ruhm in den Orient. Zunächst dient er dem Kalifen von Bagdad, dann hilft er der schwarzhäutigen Königin Belacane gegen ihre Belagerer. Er siegt und heiratet Belacane, wird damit König von Zazamanc und Azagouc, verlässt sie aber schon bald wieder auf der Suche nach weiteren Abenteuern. Zurück in Europa nimmt Gahmuret an einem Turnier vor Kanvoleis teil, bei dem er die Hand der Königin Herzeloyde und die Herrschaft über ihre Länder Waleis und Norgals gewinnt. Aber auch von hier zieht Gahmuret bald wieder auf Ritterfahrt, tritt erneut in die Dienste des Kalifen, wobei er schließlich durch einen vergifteten Speer getötet wird.
Gahmuret verlässt beide Frauen so schnell, dass er die Geburt seiner beiden Söhne nicht mehr erlebt: Belacanes Sohn Feirefiz, am ganzen Körper schwarz-weiß gescheckt wie eine Elster, und Herzeloydes Sohn Parzival.
Jugend und ritterliche Erziehung Parzivals (Buch III–IV)
thumb|220px|Herzeloyde und Parzival im Wald von Soltane (UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 87r)
Auf die Nachricht von Gahmurets Tod hin zieht Herzeloyde sich mit Parzival verzweifelt in die Waldeinöde von Soltane zurück. Dort erzieht sie ihren Sohn in quasi-paradiesischer Unschuld und Unwissenheit; selbst seinen Namen und seine Abstammung erfährt er erst später von seiner Cousine Sigune kurz vor seinem ersten Auftritt am Artushof. Ganz bewusst enthält die Mutter ihm jede Art Erkenntnis über die Welt und das Leben außerhalb des Waldes vor, bereitet ihn insbesondere auf keine der ethischen, sozialen und militärischen Anforderungen vor, denen er sich standesgemäß als Ritter und Herrscher gegenüber sehen würde. Dass Parzival dennoch später in der höfischen Welt überhaupt wahrgenommen wird, hat er in erster Linie seinen äußeren Attributen zu verdanken: Der Erzähler hebt wiederholt seine auffällige Schönheit und erstaunliche körperliche Gewandtheit und Kraft hervor bzw. erzählt, welchen Eindruck diese Vorzüge auf Parzivals Umgebung machen.
Herzeloydes Versuch, den Jungen von den Gefahren bzw. Verlockungen des Rittertums fernzuhalten, misslingt gründlich: Als Parzival erstmals zufällig Rittern begegnet, kann Herzeloyde nicht verhindern, dass er sich auf den Weg zum Artushof begibt, um selbst Ritter zu werden. In der Hoffnung, dass ihr Sohn zu ihr zurückkehren werde, wenn er nur ausreichend schlechte Erfahrungen in der Welt macht, stattet sie ihn mit der Kleidung und Ausrüstung eines Narren aus und gibt ihm abschließende Lehren mit auf den Weg, deren wörtliche Befolgung ihn im Zusammenspiel mit dem naiven Auftreten und der Narrenkleidung zum komischen Zerrbild eines höfischen Ritters werden lassen.
Die defizitäre Erziehung bewirkt direkt nach dem Auszug Parzivals aus Soltane eine ganze Kette von Unglücken, ohne dass Parzival sich seines persönlichen Anteils daran, seiner Schuld, zu diesem Zeitpunkt schon bewusst werden kann. Zunächst verursacht der Abschiedsschmerz den Tod der Mutter, dann überfällt Parzival – die unzureichenden Minnelehre Herzeloydes missverstehend– brutal Jeschute, die erste Frau, auf die er trifft, und raubt ihren Schmuck. Für Jeschute wird diese Begegnung mit Parzival zur persönlichen Katastrophe, denn ihr Ehemann Orilus glaubt ihr die Unschuld nicht, misshandelt sie und setzt sie als Ehebrecherin der gesellschaftlichen Verachtung aus. Schließlich am Artushof angekommen erschlägt Parzival den 'roten Ritter' Ither– ein naher Verwandter, wie sich später herausstellt– um an dessen Rüstung und Pferd zu kommen. Für Parzival bedeutet der Raub der Waffen, dass er sich nun als Ritter fühlt; bezeichnenderweise besteht er aber darauf, sein Narrenkleid unter der Rüstung weiter zu tragen.
Dies legt er erst auf der nächsten Station seiner Reise ab, bei Gurnemanz von Graharz. Gurnemanz unterweist Parzival in die Normen ritterlicher Lebensführung und Kampftechniken, hier erlernt Parzival erst eigentlich höfisches – d.h. hier auch menschliches – Verhalten (Gewinnung der Scham, Ablegen des Narrenkleides, Rituale des christlichen Gottesdienstes, 'Höflichkeit'); er bekommt damit äußerlich alle Voraussetzungen, als Herrscher und Ehemann seine Stellung in der Welt einzunehmen. Als er Graharz nach 14 Tagen wieder verlässt, ist Parzival ein perfekter Ritter im Sinne der Artuswelt. Allerdings gibt Gurnemanz ihm mit dem Verbot, unnötige Fragen zu stellen, auch eine schwere Hypothek mit auf den weiteren Weg (s.u.).
Parzival bewährt sich als Ritter, als er die Königin Condwiramurs in der Stadt Pelrapeire von der Belagerung durch aufdringliche Bewerber befreit; er gewinnt die Hand der Königin und damit die Herrschaft über das Königreich. Nachdem er das Reich geordnet hat – aber wie sein Vater noch vor der Niederkunft seiner Frau – verlässt er Condwiramurs, um seine Mutter, von deren Tod er noch nichts weiß, zu besuchen.
Parzivals Versagen in der Gralsburg – Aufnahme in die Tafelrunde (Buch V–VI)
thumb|220px|Parzival hat Segramors besiegt und kämpft mit Keye (UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 208v)
Auf die Frage nach einer Herberge für die Nacht wird Parzival von einem Fischer auf eine nahegelegene Burg verwiesen und erlebt dort eine Reihe von mysteriösen Vorgängen: Die Besatzung der Burg freut sich ganz offenbar sehr über sein Erscheinen, wirkt aber gleichzeitig wie in tiefer Trauer. Im Festsaal der Burg trifft er den Fischer wieder; es ist der Burgherr Anfortas, der unter einer schweren Erkrankung leidet. Vor dem Mahl wird eine blutende Lanze durch den Raum getragen, was lautes Klagen der versammelten Hofgesellschaft verursacht. Dann tragen 24 junge Edelfrauen in einem komplizierten Ablauf das kostbare Tischbesteck auf, schließlich wird von der Königin Repanse de Schoye der Gral herein getragen, bei Wolfram ein Stein, der auf geheimnisvolle Weise wie ein 'Tischlein-deck-dich' die Speisen und Getränke hervorbringt. Und am Ende bekommt Parzival vom Burgherrn dann noch dessen eigenes kostbares Schwert geschenkt – ein letzter Versuch, den schweigsamen Ritter zu einer Nachfrage zu ermuntern, mit der er, nach Auskunft des Erzählers, den siechen König erlöst hätte. Parzival aber unterdrückt, wie er es von Gurnemanz als höfisch angemessenes Benehmen eingeschärft bekommen hatte, auch jetzt jede Frage dazu, was es mit dem Leiden seines Gastgebers oder der Bedeutung der merkwürdigen Zeremonien auf sich hat.
Am nächsten Morgen ist die Burg völlig verlassen; Parzival versucht, den Hufspuren der Ritter zu folgen, verliert sie aber. Stattdessen trifft er im Wald zum zweiten Mal auf Sigune, von der er den Namen der Burg, Munsalvaesche, und des Burgherrn erfährt und dass Parzival selbst jetzt ein mächtiger König mit höchstem gesellschaftlichen Ansehen wäre, hätte er den Burgherrn nach seinen Leiden gefragt und damit ihn und die Burggesellschaft erlöst. Als er Sigune gegenüber zugeben muss, dass er nicht zu einer einzigen mitleidigen Frage fähig war, verflucht sie ihn und verweigert jeden weiteren Kontakt. Direkt im Anschluss trifft Parzival eine weitere Dame zum zweiten Mal: Jeschute. Indem er Orilus schwört, dass er kein Liebesverhältnis mit ihr hatte, kann er sein Fehlverhalten bei der ersten Begegnung zumindest insoweit korrigieren, dass Jeschute gesellschaftlich rehabilitiert wieder als Gattin aufgenommen wird.
Schließlich eine weitere leitmotivische Handlungsvariation: Parzival erreicht den Artushof zum zweiten Mal. Artus hatte sich eigens zu dem Zweck, den mittlerweile berühmten 'roten Ritter' zu finden, auf den Weg begeben, und dieses Mal wird Parzival mit allen höfischen Ehren in die Tafelrunde aufgenommen; er hat damit den weltlichen Gipfel der ritterlichen Karriereleiter erklommen. Die Tafelrunde versammelt sich zum gemeinsamen Mahl; scheinbar sind alle zuvor erzählten Widersprüche, Verfehlungen und internen Rivalitäten vergeben und bewältigt. Außer Parzival wird mit Gawan, Artus' Neffen, hier ein weiterer ritterlicher Held vom Erzähler im höfischen Ansehen, seinem Kampfesmut und seiner adligen Würde ausdrücklich hervorgehoben.
Aber genau in diesem Moment höchster Prachtentfaltung und Selbstbestätigung der idealtypischen adligen Gesellschaft treten zwei Figuren auf, die mit bitteren Verwünschungen und Vorwürfen gegen die Ritterehre ausgerechnet Gawans und Parzivals die heitere Stimmung gründlich zerstören und das sofortige Ende der festlichen Versammlung bewirken: Die hässliche Gralsbotin Cundrie la Surziere verflucht Parzival, beklagt sein Versagen auf der Gralsburg und kennzeichnet seine Anwesenheit am Artushof als Schande für die ritterliche Gesellschaft insgesamt. Außerdem macht sie die Runde darauf aufmerksam, dass die ritterliche Welt keineswegs so wohlgeordnet ist, wie es die fröhliche Geselligkeit glauben machen könnte. Sie erzählt von der Gefangenschaft vieler hundert adliger Frauen und Mädchen auf der Burg Schastel marveile, darunter die nächsten weiblichen Verwandten Gawans und Artus'. Gawan schließlich wird von Kingrimursel, dem Landgrafen von Schanpfanzun, des heimtückischen Mordes am König von Ascalun bezichtigt und zum Gerichtskampf herausgefordert.
Parzivals oberflächliche Gottesvorstellung zeigt sich darin, dass er sein Versagen auf der Gralsburg auf die mangelhafte Fürsorge Gottes zurückführt, der ja seine Allmacht hätte zeigen können, um Anfortas zu erlösen und damit seinen treuen Diener Parzival vor der schmachvollen Verfluchung durch Cundrie zu bewahren. Wie in einem Lehensverhältnis kündigt Parzival Gott den Dienst auf; diese Fehleinschätzung des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen steigert sich später zu einem regelrechten Gotteshass.
Der Titelheld verlässt die Tafelrunde umgehend und begibt sich auf eine jahrelange einsame Suche nach dem Gral, wird damit auch zur Randfigur der Erzählung der folgenden Bücher; im Vordergrund stehen die Aventiuren Gawans.
Gawans Abenteuer in Bearosche und Schanpfanzun (Buch VII–VIII)
Die Parzival- und die Gawan-Handlung variieren dieselbe Grundproblematik aus unterschiedlichen Perspektiven: Beide Protagonisten werden als heldenhafte Ritter immer wieder herausgefordert, die verlorengegangene Ordnung der höfischen Welt wieder herzustellen. Parzival scheitert an dieser Aufgabe regelmäßig, weil seine stufenweise ritterliche Ausbildung und Erziehung sich gegenüber der jeweils folgenden, schwierigeren Aufgabenstellung als unzureichend erweist. Das Fehlverhalten des Titelhelden hat also immer seine Ursache in den Defizienzen der höfischen Gesellschaft selbst.
Gawan dagegen verkörpert vom ersten Auftritt an ideales Rittertum. Auch er hat sich zwar bei zunehmend schwierigeren Aufgabenstellungen mit den Defiziten der höfischen Gesellschaft auseinanderzusetzen; dabei haben alle Konflikte, in die er gestürzt wird, ihre Ursache in einem falschen Verständnis dessen, was Liebe ist (Minne-Problematik). Gawan aber zeigt sich dazu in der Lage, die daraus erwachsenden Probleme zu lösen, auch wenn er selbst eben nicht– wie umgekehrt wiederum Parzival– in jahrelanger Treue an einer Ehepartnerin festhält.
Auf dem Weg zum Gerichtskampf kommt Gawan an der Stadt Bearosche vorbei und wird Zeuge von Kriegsvorbereitungen: Der König Meljanz von Liz belagert die Stadt seines eigenen Vasallen, weil Obie, die Tochter des Stadtherrn, seine Liebeswerbung zurückgewiesen hat. Kompliziert wird die Situation dadurch, dass Gawan zunächst von Obie völlig unmotiviert mit falschen Anschuldigungen überzogen wird, dass er ein Betrüger sei, dann jedoch nach der Klarstellung vom bedrängten Fürsten um ritterlichen Beistand gebeten wird. Gawans Ritterehre gebietet eigentlich, dieser Bitte zu entsprechen, andererseits will er aber in die Kämpfe nicht verwickelt werden, weil er die Verpflichtung empfindet, rechtzeitig und unversehrt nach Ascalun zu gelangen. Obilot, der kleinen Schwester Obies, gelingt es schließlich mit kindlichem Charme, Gawan zu überreden, als ihr Ritter in die Kämpfe einzugreifen; und Gawan entscheidet den Krieg, als er Meljanz gefangen nimmt. Er zeigt sich als kluger Vermittler, als er der kleinen Obilot den Gefangenen ausliefert und es erfolgreich damit ihr überlässt, Meljanz und Obie miteinander zu versöhnen.
Die zentrale Textpassage, das Liebeswerben Obilots um Gawans ritterlichen Beistand, bekommt einen komischen Akzent durch den extremen Altersunterschied der beiden; Gawan geht im Rahmen der höfischen Konventionen spielerisch auf Obilots Avancen ein. Das nächste Minne-Abenteuer dagegen – Partnerin ist mit Antikonie, der Schwester des Königs von Ascalun, diesmal eine attraktive Frau – entwickelt sich zu einer ernsten Gefahr für das Leben des Helden. Gawan trifft den König Vergulaht, dessen Vater er angeblich erschlagen habe, bei der Jagd, und der König empfiehlt ihn der Gastfreundschaft seiner Schwester in Schampfanzun. Gawans kaum verhülltes sexuelles Begehren und Antikonies offensichtliches Gegeninteresse führt die beiden in eine kompromittierende Situation; als sie entdeckt werden, macht die Stadtbevölkerung gegen die angebliche Vergewaltigungsabsicht Gawans regelrecht militärisch mobil. Weil Gawan unbewaffnet ist, können die beiden sich der folgenden Angriffe nur mühsam erwehren, vollends unhaltbar wird Gawans Lage, als König Vergulaht selbst gegen ihn in den Kampf eingreift.
Gawan hatte allerdings von Kingrimursel freies Geleit bis zum Gerichtskampf zugesichert bekommen; deshalb stellt sich dieser nun schützend vor den Ritter und damit gegen den eigenen König. Die anschließenden heftigen Diskussionen im Beraterkreis des Königs führen zu einem Kompromiss, der es Gawan erlaubt, das Gesicht zu wahren und die Stadt frei wieder zu verlassen: Der Gerichtskampf wird verschoben– er wird schließlich gar nicht mehr stattfinden, da Gawans Unschuld erwiesen wird– und Gawan bekommt die Aufgabe übertragen, sich an Stelle des Königs auf die Suche nach dem Gral zu begeben.
Parzival bei Trevrizent – Religiöse Unterweisung und Aufklärung (Buch IX)
Wenn der Erzähler hier den Parzival-Faden wieder aufnimmt, sind mehr als vier Jahre vergangen seit dem letzten Auftritt des 'Roten Ritters' im Hintergrund der Aventiuren Gawans. An Parzivals Grundhaltung hat sich nichts geändert: Nach wie vor lebt er im Hass auf Gott, der ihm die Hilfe, zu der er nach Parzivals Meinung verpflichtet war, im entscheidenden Moment auf der Gralsburg verweigert hatte; immer noch ist er auf der einsamen Suche nach dem Gral.
Zunächst begegnet Parzival zum dritten Mal seiner Cousine Sigune. Diese lebt ganz der Trauer um ihren verstorbenen Geliebten Schianatulander hingegeben und hat sich mittlerweile zusammen mit dessen Sarg in einer Klause einmauern lassen; von der Gralsburg aus wird sie mit dem Notwendigsten versorgt. Dass sie inzwischen wieder dazu bereit ist, mit Parzival zu kommunizieren, sich mit ihm auszusöhnen, ist das erste Zeichen für eine mögliche Wende zum Guten im Schicksal des Titelhelden; die Gralsburg kann er allerdings trotz der offensichtlichen Nähe noch nicht finden.
Nochmals einige Wochen später, synchronisiert mit der christlichen Heilsgeschichte an einem Karfreitag, trifft Parzival auf eine Gruppe von Bußpilgern, die ihm entsetzt über seinen Auftritt in Waffen an diesem Tag und seine Abwendung von Gott raten, einen in der Nähe in einer Höhle wohnenden 'heiligen Mann' aufzusuchen, um von ihm Hilfe und Sündenvergebung zu erhalten. Erst diese Begegnung mit dem Einsiedler Trevrizent, einem Bruder seiner Mutter, wie sich herausstellt, bringt die persönliche Entwicklung des Helden – und das heißt: dessen ritterliche Erziehung – zum Abschluss; damit erst ist die Voraussetzung für einen zweiten Anlauf zur Übernahme der Gralsherrschaft gegeben. Die langen Gespräche der folgenden beiden Wochen bei Trevrizent unterscheiden sich deutlich von den vorangegangenen 'Lehrstunden' für den Titelhelden durch Herzeloyde bzw. Gurnemanz. Sie sind wesentlich umfangreicher, aber auch grundsätzlich anders angelegt als die früheren: Indem der Einsiedler in quasi mäeutischen Dialogen mit Parzival die gesamte Problematik erörtert, lässt er diesen selbst zu den entscheidenden Erkenntnissen über die Ursachen seiner desolaten Verfassung kommen.
Trevrizents Beitrag besteht dabei im Wesentlichen aus Fragestellung und Aufklärung: Er erläutert als richtiges Gottesverständnis, dass sich Gott nicht zwingen lasse, Hilfe dem zu gewähren, der sie– wie Parzival– meint einfordern zu können, sondern sie aus göttlicher Gnade und Liebe zu den Menschen heraus dem gewähre, der sich demütig Gottes Willen ergibt. Weiter erklärt der Einsiedler ausführlich die Beschaffenheit und die Wirkungskraft des Grals; zusammengefasst: Es ist ein kostbarer Stein, der lebens- und jugenderhaltende Kräfte besitzt, die jährlich am Karfreitag durch eine aus dem Himmel gespendete Oblate erneuert werden; mitunter erscheint eine Schrift auf dem Stein, die Anweisungen gibt, beispielsweise darüber, wer in die Gralsritterschaft aufgenommen werden soll. Ausdrücklich verneint Trevrizent die Möglichkeit, den Gral durch ritterliche Taten und Kämpfe zu erlangen, wie es Parzival oder inzwischen auch Gawan versuchen. Gralskönig kann nur werden, wer vom Gral dazu berufen wird, und die Gemeinschaft wartet sehnsüchtig auf eine solche Botschaft des Steins, damit Anfortas von seinen Leiden erlöst wird. Trevrizent hebt die Geschichte des Sündenfalls, und insbesondere die Geschichte des Brudermords Kains an Abel, als exemplarisch für die Sündhaftigkeit der Menschheit insgesamt und die Abkehr von Gott hervor. Im Zusammenhang damit wird die Offenbarung von Parzivals Familiengeschichte– Anfortas, der wegen Parzivals Frageversäumnis weiter leiden muss, ist ebenfalls Bruder seiner Mutter, Herzeloyde ist in der Trauer über den Verlust Parzivals gestorben, auch der getötete Ither, in dessen Rüstung Parzival immer noch steckt, war ein Verwandter– zum schwerwiegenden Sündenregister.
Die Tage bei Trevrizent in der spartanisch ausgestatteten Höhle und bei kärglicher Verpflegung werden zur trostreichen Bußübung – als Parzival Trevrizent verlässt, erteilt ihm dieser ganz entsprechend eine Art Laien-Absolution. Damit ist Parzival offenbar von den Sünden seiner Vergangenheit gelöst, diese werden jedenfalls im weiteren Verlauf der Erzählung nicht mehr als Belastung für den Helden thematisiert. Vor allem aber ist er vom Gotteshass befreit.
Gawan und Orgeluse – Befreiung des Schastel marveile (Buch X–XIII)
Finale der Gawan-Handlung – Versöhnung unter der Regie König Artus' (Buch XIV)
Parzival und Feirefiz (Buch XV–XVI)
Literaturgeschichtliche Einordnung
Unter den Versromanen der mittelhochdeutschen Literatur hebt sich Wolframs wilde maere - von Gottfried von Straßburg im sogenannten 'Literaturexkurs' des Tristan eigentlich polemisch abwertend gemeint - gleich in mehrfacher Hinsicht hervor:
Mit seiner komplexen Sinnstruktur und aufwendigen erzählerischen Komposition ist der Parzival keineswegs 'leichte Lektüre' - dennoch hat das Epos mit über 80 überlieferten Textzeugnissen eine einzigartige Wirkungsgeschichte, es wird quasi ein "Bestseller" des Mittelalters. Joachim Bumke (s.u. Literatur) spricht von einer "literarischen Sensation", die das Werk gewesen sein müsse, so häufig zitiert und kopiert wie kein anderes im 13. Jahrhundert. Wolfram verarbeitet alle geläufigen Problemstellungen der literarischen Epoche (v.a. Minne-Problematik, Aventiure-Forderungen, Herrscher-Idoneität, religiöse Determiniertheit) - teilweise kritisch ironisierend, teilweise für seine Zeit neuartig zuspitzend; dem Roman kommt damit exemplarische Bedeutung für die Themenkomplexe der höfischen Literatur insgesamt zu.
Dabei verfolgt der Autor parallel zum Hauptgeschehen um Parzival eine Vielzahl von weiteren Handlungssträngen. In immer neuen 'Würfelwürfen' ("schanzen", Parz. 2, 13 - Metapher Wolframs im Prolog des Parzival in Bezug auf sein eigenes narratives Verfahren) spielt er die politischen, gesellschaftlichen und religiösen Probleme, vor die sich Parzival gestellt sieht, mit anderen Protagonisten durch und entfaltet die Romanhandlung so zu einer umfassenden Anthropologie. Wolfram selbst war sich dessen bewusst, dass seine oft sprunghafte, bildreich assoziierende Erzählweise neu und ungewöhnlich war; er vergleicht sie mit dem 'Hakenschlagen eines Hasen auf der Flucht vor Ignoranten' ("tumben liuten", Parz. 1, 15 ff) und betont damit, wiederum gegenüber Gottfried, der dieselbe Metapher spöttisch abwertend verwendet, selbstbewusst seine auffällige sprachkünstlerische Formkraft und inhaltliche/thematische Fantasie.
Auffällig und ungewöhnlich für einen mittelalterlichen Autoren ist schließlich, wie souverän Wolfram den vorgefundenen Stoff neu arrangiert und gemäß den eigenen literarischen Ideen und Intentionen bearbeitet.
Wolframs Parzival und Chrétiens Perceval
Hauptquelle zum Parzival ist der unvollendete Versroman Perceval le Gallois ou le conte du Graal / Li contes del Graal von Chrétien de Troyes, entstanden 1180/90. Wolfram selbst allerdings distanziert sich im Epilog von Chrétien, nennt dagegen mehrfach das Werk eines gewissen 'Kyot' als Vorlage und versieht diese auch noch mit einer abenteuerlichen Entstehungsgeschichte. Da aber ein solcher 'Kyot' außerhalb von Wolframs Dichtung nicht identifiziert werden konnte, sind diese Angaben eher als literarische Koketterie des Autors einzuordnen.
Die Handlung des Parzival ist gegenüber der Vorlage umfangreich erweitert, insbesondere durch die Rahmung mit der einleitenden Vorgeschichte um Parzivals Vater Gahmuret und den abschließenden Ereignissen im Zusammentreffen Parzivals mit seinem Halbbruder Feirefiz. Die Einbettung in die Familiengeschichte dient - über die pure Lust am Fabulieren hinaus - der verstärkten Kausalmotivation der Handlung. Wolfram kommt so auf fast 24.900 Verse gegenüber gut 9.200 Versen bei Chrétien.
Aber auch in jenen Passagen, in denen Wolfram Chrétien inhaltlich folgt (Buch III bis Buch XIII), geht er wesentlich freier und selbstbewusster an die Nacherzählung als andere zeitgenössische Autoren (etwa Hartmann von Aue, dessen Artus-Romane Erec und Iwein auch auf Chrétien zurück gehen): Der Textumfang der Vorlage ist fast verdoppelt auf etwa 18.000 Verse, auch deshalb, weil Wolfram seine Protagonisten wesentlich breiter ethische und religiöse Fragestellungen reflektieren lässt, sich auch selbst immer wieder als reflektierender Erzähler zu Vorgängen der fiktiven Handlung äußert.
Übertragungen und Rezeption
Von Wolframs Epos gibt es zahlreiche Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche - sowohl in Versform (v.a. aus dem 19. Jahrhundert) als auch als Prosaübertragung. Als Nachteil der älteren, durchgereimten Übertragungen in Versform gilt, dass sie sich in Sprachgestaltung und Begriffsdeutung zwangsläufig sehr weit vom Original entfernen mussten. Prosaübertragungen können demgegenüber die Konnotationen des mittelhochdeutschen Wortschatzes genauer wiedergeben, entschärfen dabei aber die ursprüngliche sprachliche Kraft und Virtuosität des Textes.
In dieser Hinsicht gelten zwei neuere Übertragungen - die Prosaübertragung von Peter Knecht und die (ungereimte) Versübertragung von Dieter Kühn (s.u. 'Literatur') - als literarisch gelungene und philologisch korrekte Annäherungen an den Stil und die sprachliche Eigenart des Originals.
Literatur
Zur Einführung
- Dieter Kühn: Der Parzival des Wolfram von Eschenbach, Frankfurt a.M. 1997 ISBN 3-596-13336-X.
- (In der ersten Hälfte eine literarische Zeitreise zu Lebenswelt, Werk und Zeit Wolframs von Eschenbach, in der zweiten Hälfte eine auf die Parzival-Gawan-Handlung gekürzte Version der Übertragung Kühns für die 'Bibliothek des Mittelalters' (s.u.))
Text und Übersetzung/Übertragung
- Wolfram von Eschenbach: Parzival, Studienausgabe, zweite Auflage. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung von Peter Knecht, mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der 'Parzival'-Interpretation von Bernd Schirok, Berlin, New York 2003, ISBN 3-11-017859-1
- (Vollständige zweisprachige Textausgabe mit Prosaübertragung, für die Nutzung im akademischen Bereich konzipiert, mit dem wissenschaftlichen Apparat der Lachmann-Ausgabe.)
- Wolfram von Eschenbach: Parzival, (2 Teilbände), nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übertragen von Dieter Kühn, (= Bibliothek des Mittelalters, Texte und Übersetzungen, Vierundzwanzig Bände, Herausgegeben von Walter Haug; Band 8/1 und 8/2), Frankfurt a.M. 1994, ISBN 3-618-66083-9
- (Vollständige zweisprachige Textausgabe (ebenfalls nach der sechsten Auflage von Lachmann), mit Versübertragung bei Übernahme des metrischen Schemas, aber Verzicht auf Reimung. Nachwort, Anmerkungen zur Übertragung, umfangreicher Stellenkommentar, Nachweis der Abweichungen von Lachmann.)
- Wolfram von Eschenbach. Parzival, (Band 1: Buch 1-8, Band 2: Buch 9-16), Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Spiewok, (=Reclams Universalbibliothek; Band 3681 und 3682), Stuttgart 1986, ISBN 3-15-003682-8 und ISBN 3-15-003681-X
- (Vollständige zweisprachige Textausgabe (nach der siebten Auflage von Lachmann), mit Prosaübertragung, Anmerkungen und Nachwort.)
Wissenschaftliche Sekundärliteratur
- Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach (=Sammlung Metzler, Band 36), 8., vollständig neu bearbeitete Auflage Stuttgart 2004, ISBN 3-476-18036-0
- (Angesichts der kaum mehr überschaubaren Flut an Literatur zu Wolfram und speziell zum Parzival eine unverzichtbare, grundlegende Orientierung zu Wolframs Werk insgesamt und zum Parzival speziell. Das Werk bietet eine ausführliche Textanalyse nebst umfangreicher Bibliographie der wichtigsten Sekundärtexte und stellt die wesentlichen Forschungsansätze und Diskussionen dar.)
Literarische Rezeption
- Adolf Muschg: Der Rote Ritter, Frankfurt a.M. 2002 ISBN 3-518-39920-9
- Peter Handke: Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum Sonoren Land, Frankfurt a.M. 1989, ISBN 3-518-40151-3
- (Populäre Behandlungen des Stoffes - angefangen beim Jugendbuch - gibt es viele; diese beiden Werke sind für ganz unterschiedliche Art der Adaptation des mittelalterlichen Stoffes in der dezidiert modernen (Handke) bzw. der eher spielerisch orientierten postmodernen (Muschg) deutschen Literatur exemplarisch.)
Weblinks
- Digitalisierter Volltext einer Parzival-Handschrift der Bibliotheca Palatina (Universitätsbibliothek Heidelberg) - aus der Werkstatt Diebold Lauber in Hagenau etwa 1443-1446.
- (Die Bilder zu diesem Artikel entstammen dieser Handschrift.)
- Digitalisierter Volltext des Parzival ('Bibliotheca Augustana') - nach der fünften Auflage von Karl Lachmann, Berlin 1891.
- (Da eine kritische Ausgabe des 'Parzival' nach wie vor ein Desiderat ist (vgl. aber den folgenden Link) – führt am "Lachmann" noch kein Weg vorbei.)
- (Das Projekt hat das Ziel, eine elektronische Textedition aller Handschriften-Varianten zu erreichen als Voraussetzung einer neuen kritischen Ausgabe des 'Parzival' – eine Editionsprobe demonstriert die Möglichkeiten dieser Unternehmung.)
- (Vollständiges Verzeichnis aller überlieferten Parzival-Handschriften und -Fragmente.)
Kategorie:Literarische Figur
Kategorie:Literarisches Werk
Kategorie:Mittelalter (Literatur)
Kategorie:Literatur (Mittelhochdeutsch)
Kategorie:Artusepik
