Pfälzische Dialekte

385px|thumb|Das Rheinpfälzische und die mitteldeutschen Mundarten

Pfälzisch ist ein Sammelbegriff für die Dialekte der beiden rheinfränkischen Dialektgruppen Westpfälzisch und Vorderpfälzisch. Es gehört zum westmitteldeutschen, fränkischen Dialektgebiet.

Inhaltsverzeichnis

Sprachgeographie

Von den benachbarten Mundarten kann Pfälzisch mittels folgender Isoglossen (gedachte Linien, die die Aussprache charakteristischer Wörter kennzeichnen) abgegrenzt werden:

Selbstverständlich sind die Übergange fließend, und auch innerhalb des Pfälzischen gibt es charakteristische Unterschiede, vor allem zwischen dem Vorder- und West- (oder Hinter-)Pfälzischen. Wie bei allen Dialekten hat jeder Ort seine eigene Dialekttradition. Es gibt zum Beispiel charakteristische Lautungen, die sich nur in einem Dorf finden und im Nachbarort schon nicht mehr auftauchen.

Zum pfälzischen Sprachgebiet zählen in erster Linie die Mundarten des ehemaligen Regierungsbezirks Pfalz in Rheinland-Pfalz. Hinzu kommen der westlich angrenzende Saarpfalz-Kreis im Saarland, die Rhein-Neckar-Region (die nicht einfach mit dem Rhein-Neckar-Kreis identisch ist) in Baden-Württemberg, die oft auch als Kurpfalz bezeichnet wird, sowie der südliche Teil von Rheinhessen. Daneben existieren einige pfälzische Sprachinseln am Niederrhein.

Überwiegend pfälzischen Ursprungs ist auch das in den USA von Mennoniten und Amishen verwendete Pennsylvania Dutch.

Phonetik

Im Pfälzischen wurde die Hochdeutsche Lautverschiebung nicht vollständig durchgeführt; charakteristisch sind die erhaltenen p-Lautungen, wie in dem bekannten Spruch: "In de Palz geht de Parre(r) mid de Peif in die Ker(s)ch."

Weitere Eigentümlichkeiten des Pfälzischen, die auch durchklingen, wenn sich der Pfälzer Dialektsprecher der Hochsprache bedient:

Grammatik

Die Grammatik zeichnet sich gegenüber dem Hochdeutschen (wie bei anderen Dialekten) durch eine starke Reduktion des Nominal- und Verbalsystems aus.

Verbalsystem

Das Pfälzische kennt nur drei Zeiten, Präsens, Perfekt und Plusquamperfekt. Das Imperfekt ist bis auf wenige Restformen bei den Hilfsverben verschwunden und wird durch das Perfekt ersetzt. Es gibt keine Futurzeiten; Zukünftigkeit wird durch Präsens mit entsprechendem Kontext ausgedrückt. Das Plusquamperfekt ist selten.

Konjugationsbeispiel (schwaches Verb "liewe" < lieben, Westpfälzisch):
Präsens: i(s)ch liewe, du liebschd, er/sie/es liebd, mir liewe, ihr liewe, die liewe
Perfekt: i(s)ch han geliebt, du hasch geliebt, er/sie/es hat geliebt, mir han geliebt, ihr han geliebt, die han geliebt
Plusquamperfekt: i(s)ch hatt geliebd, du hattschd geliebt, er/sie/es hatt geliebt, mir hadde geliebt, ihr hadde geliebt, die hadde geliebt

Wie man sieht, sind in der regelmäßigen Konjugation alle drei Pluralformen gleich, nicht nur die erste und zweite Person wie im Hochdeutschen.

Das Partizip wird häufiger stark gebildet als im Hochdeutschen, z.B. "gesass" statt "gesessen" oder "gestock" statt "gesteckt".

Bei den Modi fehlen die Konjunktive, mit der Ausnahme des Konjunktivs II bei einigen Hilfs- und Modalverben:
"han": er hat > er hätt
"sinn": sie is > sie wär
"dun": es dut > es deet
"kenne": er kann > er kennt.

Bei anderen Verben wird das Hilfsverb modifiziert, liegt keines vor, wird "dun" eingeschaltet:
Er sagte, sie habe nicht laut genug gerufen. > Er hat gesaat, es hätt net laut genuch geruf.
Er sagt, sie rufe nicht laut genug. > Er saat, es deet net laut genuch rufe.

Nominalsystem

Ein Genitiv ist unbekannt; er wird durch Hilfskonstruktionen unter Zuhilfenahme des Dativs ersetzt. Beispiel:

Hochdeutsch: "Gertrud Schäfers Onkel ist Harald Webers Kollege"; (West-)Pfälzisch: "Em Schäfer Gertrud sei Unggel is em Wewer Harald sei Kolleech."

Pronomen

Die Personalpronomen weichen leicht vom Hochdeutschen ab (Genitiv entfällt, Westpfälzisch):

"ich": i(s)ch, mir, mi(s)ch "du": du, dir, di(s)ch "er/(sie)/es": er, ihm, ihne / (sie, ihr, sie) / es, ihm, es "wir": mir, uns, uns "ihr": ihr, ei(s)ch, ei(s)ch ("sie": sie, ihne, sie)

Das "sie" ist dem Pfälzischen eigentlich fremd, sowohl als weibliche 3. Person Singular als auch als 3. Person Plural, und wird so weit wie möglich vermieden, indem statt dessen zum Beispiel das Demonstrativpronomen "die" verwendet werden und indem weibliche Personen vor allem im Westpfälzischen grundsätzlich neutral sind.

Artikel und grammatisches Geschlecht

Das Pfälzische kennt drei Geschlechter (bestimmte Artikel: de, die, es). Der unbestimmte Artikel "e" [ə] ist im Westpfälzischen für alle drei Geschlechter gleich, im Vorderpfälzischen weicht der maskuline unbestimmte Artikel "en" davon ab. Pfälzische Eigennamen können nie ohne Artikel stehen (Nachnamen werden generell vorangestellt). Weibliche Personen sind meist neutrum und nicht feminin (wie in Teilen des Hessischen).

Mädchen/Frauen sind:

Wortschatz

Im Wortschatz finden sich (vor allem bei der älteren Bevölkerung) manche Worte aus dem Französischen wie das 'Lawabo' für Waschschüssel, der 'Bottschamber' (von pot de chambre = Nachttopf) oder der 'Hussjeh' (von huissier = Gerichtsvollzieher) oder aus dem Jiddischen wie 'Kazuff' für Metzger oder 'Zores' für Streit. Diese Lehnwörter lassen sich auf die geographische Mittlerlage der Pfalz zwischen vielfältigen Regionen, die französischen dabei insbesondere auf die Nähe zu Frankreich und die wiederholte französische Besatzung bzw. Annexion zurückführen. Dies spricht auch für die stark assimilierende Kraft der Region und ihres Dialekts.

Verbreitung

Pfälzisch wird in der (Saar-,) West-, (Kur-,) Vorder- und Südpfalz gesprochen.

Während der Auswanderungswellen aus Europa nach Nordamerika emigrierten von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts besonders viele Pfälzer. Sie pflegten ihren mitgebrachten Dialekt teilweise über zehn Generationen hinweg neben dem Englischen, im US-Staat Pennsylvania hielt er sich bei den Mennoniten und Amish People sogar als dominante Sprache. Mehrere hunderttausend Amerikaner und Kanadier sprechen noch heute diesen Dialekt, der dem rezenten Pfälzisch sehr ähnlich ist - Pennsylvaniadeutsch (von den Benutzern selbst "Deitsch" genannt, englisch Pennsylvania German, unkorrekt auch Pennsylvania Dutch).

Sprachsoziologie

Auf Grund der ländlichen Struktur des Verbreitungsraumes ist der Dialekt einer der vitalsten und am stärksten im Volke verwurzelten; er wird auch in Unternehmen, Verwaltung und Politik gesprochen. Vor allem in der Westpfalz ist Pfälzisch trotz anderslautender Weisungen sogar inoffizielle Unterrichtssprache an vielen Schulen, darunter auch Gymnasien.

Hauptsächlich, aber nicht nur, unter Jugendlichen wird Hochdeutschsprechern Skepsis, teils sogar offene Abneigung zuteil. Es ist unter anderem zu beobachten, dass im Grundschulalter noch viele Westpfälzer Kinder durchweg Hochdeutsch sprechen, in der Pubertät aber durch gruppendynamische Prozesse zu Dialektsprechern werden, da Hochdeutschsprecher als Außenseiter gelten.

Pfälzische Dichtung

Es existiert eine vielfältige pfälzische Lyrik- und Prosadichtung, die vor allem von volkstümlichen "Heimatdichtern" getragen wird. Da das Pfälzische zahlreiche Elemente, die für eine Schriftsprache unverzichtbar sind, vermissen lässt, sind die Ergebnisse manchmal von unfreiwillig humoristischer Qualität, vor allem, wenn zum umständlichen Umgang mit der Mundart auch noch eine klischeehafte Themenwahl aus dem Bereich "Weck, Worscht un Woi" kommt.

Beim alljährlichen Bockenheimer Wettbewerb lässt sich jedoch feststellen, dass die Reformbemühungen in der pfälzischen Mundartdichtung Früchte getragen haben. Die moderne Dialektlyrik bringt zum Beispiel Gedichte hohen literarischen Niveaus und von (im Gegensatz zur Tradition) teilweise avantgardistischer Formgebung hervor, und es gibt auch Ansätze zu modernen Dialektdramen. Hier macht sich vor allem die Sparte "szenische Darbietung" verdient, die der Mundartwettbewerb "Dannstadter Höhe" seit der Jahrtausendwende mit ins Programm genommen hat.

Mundartliteratur ist entstehungsgeschichtlich Volks- und Heimatdichtung mit den Hauptgattungen Gedicht, Schwank und mündliche Erzählung. Dem Dialekt als reiner gesprochener Sprache fehlen außerdem die Mittel, um zum Beispiel kompliziertere Zeitstellungen in befriedigender Weise zu verschriftlichen. Versuche, lange Prosaformen wie Romane im pfälzischen Dialekt abzufassen, hat es gegeben, wenn auch keine davon nennenswerten Bekanntheitsgrad erlangt haben. Auch sonstige Langformen sind selten. Es überwiegen Anthologien besinnlichen und/oder humoristischen Inhalts.

Franz von Kobell (1803-1882), der in München geborene, aus einer Mannheimer Malerfamilie stammende Altmeister der pfälzischen Mundartdichtung, hat die Problematik, in der Mundart zu schreiben, in einer Strophe über die "Pälzer Sprooch" so ausgedrückt:

Wer kann 'n liewe Glockeklang
so schreiwe, wie er klingt.
Un wer kann schreiwe mit de Schrift,
wie schee e Amsel singt?
Des kann mit aller Müh kee Mensch,
denk nor e bißche nooch.
Un wie mit Glock un Vochelsang
is 's mit de Pälzer Sprooch.

Bekanntestes Werk der pfälzischen Mundartliteratur ist wohl Paul Münchs (1879-1951) "Die Pälzisch Weltgeschicht" (1909), formal irgendwo zwischen humoristischem Lyrikband und Versepos anzusiedeln. Die durchaus selbstironische Darstellung des Pfälzers als Krone der Schöpfung und der Pfalz als Mittelpunkt der Welt hat stilistisch und inhaltlich bis heute den Löwenanteil aller nachfolgender Mundartdichtung geprägt. Zu den jüngeren Autoren, die den Dialekt auch als Ausdrucksmöglichkeit für anspruchsvolle literarische Texte nutzen, zählen der in Mannheim geborene Arno Reinfrank (1934 - 2001) und der 1954 in Ludwigshafen geborene Bruno Hain. Die bosener gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Mundartliteratur aus dem rhein- und moselfränkischen Sprachraum zu fördern.

Sprachbeispiele

Das Vaterunser

Südpfälzisch (beispielhaft):
Unser Vadder im Himmel / Doi(n) Name soll heilisch soi, / Doi Känischsherrschaft soll kumme, / Doi(n) Wille soll gschehe / uf de Erd genauso wie im Himmel. / Geb uns heit das Brot, was mer de Daach brauche, / un vergeb uns unser Schuld / genauso wie mir denne vergewwe, wo an uns schuldisch worre sin. / Un fiehr uns net in Versuchung, / rett uns awwer vum Beese. / Dir gheert jo die Herrschaft / un die Kraft / un die Herrlischkeit / bis in alli Ewischkeit. / Amen.

Westpfälzisch (beispielhaft; aus dem südpfälzischen Zeugnis übertragen):
Unser Vadder im Himmel / Dei Nåme soll heilisch sin, / Doi Keeni(s)chsherrschaft soll komme, / Was du willsch, soll bassiere / uf de Erd genauso wie im Himmel. / Geb uns heit es Brot, was mer de Daach brauche, un vergeb uns unser Schuld / genauso wie mir denne vergewwe, wo an uns schuldisch worr sin. / Un fiehr uns net in Versuchung, / rett uns awwer vum Beese. / Dir geheert jo die Herrschaft / un die Kraft / und die Herrli(s)chkeet / bis in alli Ewischkeet. / Amen.

Vorderpfälzisch (beispielhaft):
Unser Vadder im Himmel / Doi Nåme soll heilisch soi, / Doi Reisch soll kumme, / Des wu du willschd, soll kumme / wie im Himmel, so aach uff de Erd / Unser teglisch Brood geb uns heid, un vergebb uns unser Schuld / genauso wie mer denne vergewwen, wo an uns schuldisch worre sin. / Un duh uns ned in versuchung fiere, / sondern erlees uns vum Beese. / Weil dir es Reisch geheerd / un die Kraft / und die Herrlischkeid / in Ewischkeid. / Aamen.

Anzumerken ist, dass "Name" kein genuin pfälzisches Wort ist und sich die Endsilbe daher ausnahmsweise nicht abschleift. "Geschehen" hat im Westpfälzischen keine direkte Realisierung, darum die Umschrift mit "bassiere".

Literatur

Siehe auch

Dialekte in Rheinland-Pfalz, Pfälzer Mundartdichter

Weblinks

See also: Pfälzische Dialekte, 1879, 1909, 1934, 1951, 1954, 2001, Amish People, Annexion, Arno Reinfrank