Philister
weiteres siehe: Philister (Begriffsklärung)
thumb|300px|Die fünf Städte der Pentapolis (rot) Die Philister (hebr: פְלִשְׁתִּים felištīm) waren ein vermutlich nichtsemitisches Volk, das um 1175 v. Chr. in der palästinischen Küstenlandschaft ansässig wurde. Sie gehörten zu den sogenannten "Seevölkern", einer Koalition wahrscheinlich westanatolischer und ägäischer Völker, die kurz nach 1200 v. Chr. mehrfach Ägypten angriffen. In Texten aus der Zeit Ramses III. werden die Philister "Peleset" (plst) genannt. Bald danach gründeten sie einen Fünf-Städte-Bund (Pentapolis) der Stadtstaaten Asdod (heute: esdud), Askalon (heute: askalan), Akkaron (auch: Ekron, heute: akir), Gath und Gaza (heute: ghazze). Die Städte wurden von fünf Prinzen regiert.
Herkunft
Nach der "ägäischen" Hypothese sind die Philister von den ägäischen Inseln und vom griechischen Festland gekommen. Die Bibel enthält einige der wenigen schriftlichen Zeugnisse, die wir über die Philister haben. Im Unterschied zu den Israeliten sind von den Philistern selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen überliefert. Im Alten Testament werden sie mehrfach erwähnt und sollen ursprünglich aus Kaphtor = ägypt. Keftu = Kreta stammen. Der Prophet Amos schrieb z.B. "Habe ich nicht Israel aus dem Lande Ägypten heraufgeführt, und die Philister aus Kaphtor und die Syrer aus Kir?". Vermutlich hat der Prophet Amos ein philistäisches Epos gekannt, das die Ankunft der Philister in der neuen Heimat verherrlichte. Einen weiteren Beleg für die kretische Herkunft der Philister enthält möglicherweise der Diskos von Phaistós, der auf Kreta entdeckt wurde und aus der Mitte des zweiten Jahrtausends stammt. Ein Piktogramm, das auf dem Diskus mehrfach erscheint, stellt einen Kopf mit dem für die Philister typischen Kopfschmuck dar.
Die "anatolische" Hypothese betrachtet dagegen die West- und Südküste Kleinasiens als das Herkunftsland der Philister. Man versucht dies einerseits durch die griechische Sage zu belegen, wonach Perseus und Mopsus, die mit dem Seevolk der Danaer und Kleinasien verbunden sind, mit den Küstenstädten Palästinas Krieg führten. Danach kämpfte Perseus mit einem Seeungeheuer vor Jaffa und Mopsus eroberte Askalon. Ein wichtigerer Beleg ist jedoch der Verweis auf klassische Historiker, die Lydien als Heimatland der Philister betrachten und nach deren Beschreibung des Kopfschmuckes der Karier dem der Philister glich.
Die Widersprüche zwischen beiden Thesen ließen sich vielleicht dadurch auflösen, das man sich auf jene klassische Überlieferung beruft, wonach auch der Ursprung der Karier und Lydier auf Kreta liege. Der historische Wert dieser Überlieferung (z.B. durch Herodot) gilt aber als fragwürdig. Man nimmt lieber von einer allzu scharfen geographischen Abgrenzung des Herkunftslandes der Philister abstand. Für Seefahrer wie die Philister bildeten die Küsten Griechenlands, Kleinasiens und die ägäischen Inseln sicherlich eine geschlossene, organische Welt, in der sie vielfältige Beziehungen unterhielten. Die Philister kamen demnach im Verband mit anderen Seevölkern von der Ägäis und Kleinasien in die Region Palästina.
Heute gibt es im Israelisch-Palästinensischen Konflikt auf beiden Seiten Meinungen, die die heutigen Palästinenser als Nachfahren der Philister ansehen, wodurch der heutige Konflikt historisch überhöht und gerechtfertigt wird. Historisch ist dies allerdings sehr fragwürdig. Eine rein biologische Abstammung mag in manchen Fällen existieren, eine kulturelle Kontinuität von den Philistern zu den Palästinensern gibt es dagegen sicher nicht.
Kultur
Ausgrabungen der Überreste der Kultur der Philister bezeugen intensive Beziehungen zu anderen Ländern des Mittelmeerraumes. Dies zeigt sich ausgeprägt in der Keramik, die von der spätmykenischen Keramik abstammt, wie man sie auf Zypern, Rhodos, an der südanatolischen Küste und auf dem griechischen Festland gefunden hat. Die Töpferwaren des 12. und frühen 11. Jahrhunderts sind zweifarbig (rot und schwarz) und mit geometrischen Tiermotiven verziert, hauptsächlich Vogel- und Fischmotive. Man fand Siegel, die ägäischen Einfluss verraten. Einige tragen Zeichen, die der zyprisch-minoischen Schrift ähneln.
Reliefs zeigen Kriegsschiffe, Streitwagen und Transportkarren und geben eine Vorstellung vom äußeren Erscheinungsbild der Philister. Die Männer waren hochgewachsen, im Gegensatz zu den semitischen Nachbarn trugen sie keine Bärte und waren schwer bewaffnet. Ihre Schiffe wiesen einige Neuerungen auf: mit Holzzinken versehene Steinanker, bewegliche Segel und ein Schiffsausguck.
Die Eisenherstellung muss eine besondere Fertigkeit der Philister gewesen sein und sicherte ihren militärischen Erfolg.
In die Architektur der Gegend führten die Philister behauene Steinquader ein. Sie bauten groß angelegte Städte mit geräumigen Häusern und Palästen. Die Tempel zu Verehrung ihres höchsten Gottes Dagan waren weite Hallen, deren Säulen halb offene Dächer trugen. Hier befanden sich Feueropferstellen, fahrbare Altäre und Gebetsplattformen. Die Philister verehrten mehrere männliche und weibliche Götter. Der zweitwichtigste hieß Baal-Zebub, der "Herr der Fliegen", aus dem in jüdisch-christlicher Tradition der Teufel wurde.
Man trank Bier und Wein. Ekron soll bekannt gewesen sein für hochwertiges Olivenöl. Auf dem Speiseplan standen Rind, Schaf, Geflügel, Ziegen und Schwein.
Abgesehen vom Streben nach militärischer Vorherrschaft neigten die Philister dazu, sich den kulturellen Einflüssen anderer Völker anzupassen. So nahm die Qualität der oben beschriebenen Keramik im 11. Jahrhundert immer mehr ab. Die Philister übernahmen Sprache und Götter der Kanaaniter. Man hat aber auch Hinweise auf einen eigenständigen Kult gefunden.
Einfluss in der Region
Die Siedlungstätigkeit im fruchtbaren Süden Palästinas stand zunächst unter der Schirmherrschaft Ägyptens. Die Küstenstädte Gaza, Askalon und Asdod waren Ende des 12. Jahrhunderts noch ägyptische Zentren.
Die Stadtstaaten bildeten eine Konföderation, die wahrscheinlich nicht statisch organisiert war. Der Schwerpunkt wechselte im Verlauf der Zeit von Stadt zu Stadt. Mit dem Schwinden der ägyptischen Macht erbten die Philister die Vormacht in der Region, die sie bis zu David auch behielten.
Bei ihrer Ausdehnung ins Landesinnere lieferten sich die Philister mit den Israeliten und Kanaanitern über mehrere Jahrhunderte immer wieder erbitterte Kämpfe, von der Richterzeit bis zur frühen Königszeit. Dahingehende biblische Berichte konnten durch Ausgrabungen bestätigt werden.
Die Philister erlangten die Vorherrschaft durch ihre technische und militärische Überlegenheit, die sich auf eine perfekte Ausrüstung und ein ausgebildetes Berufsheer gründete. Sie unterhielten kleine Garnisonen in strategisch wichtigen Orten und bewegliche Kommandos, die von philistäischen Basen aus Streifzüge und Strafexpeditionen unternahmen. Dieses System hatten sie von den Ägyptern übernommen. Streitwagen und Bogenschützen gewährten den Philistern lange Zeit die Kontrolle über die Region. Sie erzwangen Abgaben, erstickten jeden Widerstand im Keim und hielten ihr Monopol zu Eisenherstellung aufrecht. Zeitweise könnte es nach der biblischen Simson-Erzählung aber auch Ansätze zu gutnachbarschaftlichen Beziehungen gegeben haben.
Die Bedrohung durch die Philister und die dadurch notwendige bessere militärische Organisation trugen wesentlich zur Entstehung des Königtums im vorher hauptsächlich nach Stämmen organisierten Israel bei.
In einer Stunde der Bedrängnis krönten die Israeliten Saul zu ihrem ersten König. Er erzielte einige Erfolge, wurde aber letztlich von den Philistern geschlagen. Erst seinem Nachfolger König David gelang es, die Philister zurückzudrängen. Legendär ist die Geschichte vom Kampf Davids gegen Goliath in den Büchern Samuel.
Ab der mittleren Königszeit (etwa 9. Jahrhundert v. Chr.) war relativ plötzlich und ohne genaue Erklärung in der Bibel von den Philistern nur noch ganz vereinzelt die Rede, andere Nachbarvölker rückten in den Vordergrund.
