Philosophie bei Nicolai Hartmann
Die Philosophie bei Nicolai Hartmann bezeichnet die Grundlinien der philosophischen Werke von Nicolai Hartmann.
| Inhaltsverzeichnis |
Zum Ziel der Werke von Nicolai Hartmann: ein philosophisches System
In den Jahrzehnten seines Schaffens, beginnend mit seiner Lehrtätigkeit in Köln ab 1925 entstanden und erschienen eine Vielzahl von Arbeiten, die sämtlich dem Ziel untergeordnet waren, ein großangelegtes philosophisches System zur Überwindung des Gegensatzes von Materialismus und Idealismus zu erstellen, das in Wirklichkeit eindeutig objektiv-idealistische Züge trug. Dazu gehörten neben seiner "Metaphysik der Erkenntnis" (1921) in vier Bänden, in denen er sein sogenanntes ontologisches System darlegte:
- Grundlegung der Ontologie
- Möglichkeit und Wirklichkeit
- Der Aufbau der realen Welt
- Philosophie der Natur
welche von 1935 bis 1950 erschienen. Die Schrift "Metapyhsik der Erkenntnis" bedeutete der Bruch mit der Marburger Schule des Neukantianismus, der sich bei ihm anfänglich aus dem Streben nach Wissenschaftlichkeit und der Präferenz für Platonische Philosophie ergeben hatte. In dieser scharfen und kenntnisreichen Kritik wollte er in Anknüpfung an die Ontologie bei Leibniz und Christian Wolff eine Neubegründung der Metaphysik einleiten. Daneben gehörten Arbeiten zur Ethik, Ästthetik und Geschichte des deutschen Idealismus sowie Veröffentlichungen zu verschiedenen geschichstsphilosophischen, erkenntnistheoretischen und logischen Problemen.
Zur Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Neukantianismus
In der Auseinandersetzung mit der subjektiv-idealistischen erkenntnistheoretischen Grundlage des Neukantianismus, die den Gegensatz zwischen Sein und Bewußtsein ins Innere des Erkenntnissubjekts verlegte und damit nach Hartmann die Ontologie unterläuft, verteidigte er das materialistische Moment der Philosophie von Immanuel Kant, indem er das Sein als ein vom Bewußtsein unabhängiges Ansichsein des Erkenntnisgegenstandes proklamierte. Die "bewußtseinstranzendente" Außenwelt, die dem menschlichen Erkennen unabhängig gegenübersteht, vermittelt den Realismus der "natürlichen Weltansicht" als intentio recta:
"Die natürliche Einstellung auf den Gegenstand..., die Gerichtetheit auf das, was dem Sub- jekt begegnet, vorkommt, sich darbietet, kurz die Richtung auf die Welt, in der es lebt und deren Teil es ist, - diese Grundeinstellung ist die uns im Leben geläufige, und sie bleibt es lebenslänglich. Sie ist es, durch die wir uns in der Welt zurechtfinden, kraft deren wir mit unserem Erkennen an den Berdarf des Alltags angepaßt sind".
Zur Definition des Seinsbegriffs als Ausgangspunkt der Überwindung traditioneller Auffassungen
Diese Verteidigung wurde allerdings nicht durch eine materialistische Grundposition diktiert. Für Hartmann sind alle vorangegangenen Philosophien (Ontologien) an der Interpretation des Seinsbegriffs gescheitert, weil sie nämlich die Vorstellung von der Erkenntnis als dem "Erfassen von etwas" aufgegeben haben. Erkenntnis müsse ein Problem der Seinslehre sein, nicht umgekehrt. Indem er eine "Erkenntnisrelation" zwischen erkennendem Subjekt und dem Erkenntnisgegenstand als ein Verhältnis zwischen zwei Seiendem und damit als eine Art "Seinsrelation" deutete, transformierte Hartmann die Erkenntnistheorie im Neukantisnismus in eine neu Seinslehre, d.h. in eine Ontologie.
Zur Überwindung der Mängel der bisherigen Ontologien
Hartmann reflektierte so auf seine Weise den auf einem veränderten Verhältnis des Bürgertums zur Wirklichkeit beruhenden Prozess der zunehmenden Hinwendung der Philosophie zu Subjektivismus, Irrationalismus und Mystizismus. Ontologie müsse laut Hartmann eine gegenüber Materialismus und Idealismus neutrale Kategorienlehre sein, deren Gegenstand das "Sein als Seiendes" ist. Diese "ontologische Umprägung der idealistischen Denkimmanenz des Seins in eine Seinsimmanenz des Denkens" sollte "die Umkehrung der 'kopernikanischen Tat' Kants" aufzeigen. Diese "kritische Ontologie" sollte die alten Mängel der bisherigen Ontologie beheben:
- die dogmatisch-spekuklative Gleichsetzung von logischer Form, realer Seinsform und Denken überwinden und sie durch eine "Metaphysik der Probleme" ersetzen, ausgehend von der "Analyse vorliegender Strukturphänonme"
Zur Konstruktion der primären und sekundären Sphären
Dieser zunächst noch unklare Seinsbegriff erwies sich bei näherer Betrachtung als Grundpfeiler der Konzeption von Hartmann. Als Ansichsein des Erkenntnisgegenstandes setzt sich das Sein aus primären und sekundären Sphären zusammen. Die beiden primären Sphären seien das reale und das ideale Sein. Während für das reale Sein Zeitlichkeit und Individualität charakteristisch seien, zeichne sich das ideale Sein durch Zeitlosigkeit und Allgemeinheit aus.
Den Begriff der Materialität ignorierte Hartmann bei der Charakterisierung des Seins. Das reale Sein enthalte eine anorganische, organische, seelische und geistige "Seinsschicht". Zum idealen Sein gehören die mathematischen Strukturen, die Wesenheiten und die sittlichen, ästhetischen u.a. Werte. Als die beiden sekudären Sphären des Ansichseins betrachtete Hartmann die Erkenntnis und das Logische. Das reale sein werde vom idealen Sein als der "grundlegenden Struktur" und "allgemeinen Gesetzmäßigkeit" bestimmt. ADmit hatte Hartmann eindeitig idealistische Positionen bezogen. Das Grundgesetz der Ontologie ist für ihn das der Seinsschichtung.
Zum Prinzip der Schichtentheorie: der Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre
Die sogenannte Schichtentheorie, dargelegt in seiner Schrift "Aufbau der realen Welt" (1940), ein "Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre", sollte den Formenreichtum des realen Seins, seine Struktur und die ihm innewohnenden Gesetzmäßigkeiten verdeutlichen.
Ausgehend von der Analyse der Seinsmodalitäten
- Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit
beschrieb er das Grundprinzip seiner Ontologie. Da das im real Seienden Mögliche sei das Wirkliche und damit notwendig, womit er entschieden gegen den aristotelischen Möglichkeitsbegriff Stellung bezog und damit auch gegen jede teleologische Auffassung von Wirklichkeit. Seine damit gezeigte Kategorienlehre sollte somit nicht ein abgeschlossenes System von Kategorien sein, sondern eher als "Kategorienanalyse" verstehen. Diese sollte in der Detailuntersuchung der Einzelwissenschaften die Strukturen der Ordnung des Seins aufzeigen. Daraus entwickelte Hartmann eine Lehre von der Gliederung des realen Seins, die "Seinschichten".
Zu den vier Stufen der Kategorienanalyse
Die Kategorienanlyse steht bei Hartman im Zentrum seiner Anschauungen. Er unterscheidet vier Stufen seiner Analyse:
- 1. Zuerst werden die Argumente der bisherigen Philosophie bewertet (als "epoché)
- 2. Danach folgt die Wesensanalyse oder Phänomenologie, in der ein Sachverhalt dargestellt wird
- 3. Dann erfolgt die Problemanalyse oder Aporetik, wo die Widersprüche der gegebenen Sachverhalte untersucht wrden
- 4. Als letzte Stufe der Analyse ist jetzt eine Theorienbildung möglich
Hieraus ergibt sich in der Methode ein weitgehend induktiv orientiertes Verfahren, welches die Mängel der alten Ontologien vermeiden wollte, nämlich das Logische des Wirklichen aus der Identität von Denken und Sein abzuleiten. Andererseits sollte vermieden werden, das Logische dem Subjektiven anhängt, indem das Logische mit dem Denken identifiziert wird.
Zu den Schichten des realen Seins
Die einzelnen Schichten des realen Seins (Anorganisches, Organisches, Seelisches und Geistiges) wurden durch allgemeine und spezielle Kategorien gekennzeichnet, welche bei Hartmann grundlegende Bestimmungen, zeitlose Seinsstrukturen darstellten. Diese stünden in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis. Für die göttliche Vorstellung war darin kein Platz. Hartmanns Lehre unterscheidet sich hier vom Neuthomismus und dem teleologisch orientierten Neurealismus von Alfred North Whitehead. Das kategoriale Grundgesetz, die grundlegende Gesetzmäßigkeit des Seins überhaupt, besage, daß die höheren Seinsschichten von den niederen abhängig seie, diese "überformten" (z.B. die organische die anorganische) oder auf ihnen aufbauten (z.B. die seelische auf der organischen). Es sei deshalb unzulässig, eine kategoriale "Grenzüberschreitung" zu begehen, indem man schichtspezifische Kategorien auf andere Seinsschichten übertrage.
Zur Interpretation der Seinsschichten: das Problem des genetischen Ursprungs
Jede höhere Schicht enthalte ein Novum, welches sich nicht auf niedere zurückführen ließe. Der für eine Vermeidung reduktionistischer Auffassungen zweifellos fruchtbare Ansatz verkehrte sich jedoch bei Hartmann in eine Liquidierung des weltanschaulich entscheidenden Problems: die Frage nach dem genetischen Ursprung der höheren "Schichten" des Seins könne aus demselben Grunde nicht beantwortet werden, das sie das kategoriale Grundgesetz verletze, die absolute Autonomie der "Seinsschichten" antaste. Auch in der sogenannten realistischen Erkenntnistheorie von Hartmann offenbarte sich der Idealismus seiner Philosophie. Die Erkenntnis ist für ihn eine sekundäre Seinssphäre. Die Dinge, die sie erfaßt, haben immer Ansichsein. Da er die Relativität von Teilschritten der Erkenntnis verabsolutierte, gelangte Hartmann letztlich zu der Annahme einer absoluten Erkenntnisschranke und damit in die Nähe zum Agnostizismus.
Zu Ursache und Triebkraft des Erkennens - die "transzendentale Fühlung"
Letzte Ursache und Triebkraft des Erkennens ist bei Hartmann das Bewußtsein über die "Inadäquatheit" zwischen Erkanntem und Unerkanntem. Beim Erkenntnisfortschritt habe man es mit einer nur im Subjekt wurzelnden und nur dessen Verhältnis zum Objekt betreffenden Tendenz zu tun. Diese Tendenz, das Problembewußtsein, das "Wissen des Nichtwissens" ist für ihn "transzendentale Fühlung" und trägt apriorischen Charakter. Hartmanns Kritik am subjektiven Idealismus stieß nicht zu den eigentlichen materialistsichen Schlussfolgerungen vor, sondern bliebt selbst im Idealismus behaftet. Dies erwies sich besonders deutlich auch in seiner Ethik und seinen geschichtsphilosophischen Auffassungen. Sie trugen apologetischen Charakter und zeigten deutlich, daß Hartmann kein den geselllschaftlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit fernstehender "akademischer" Denker war. Bei der Darstellung des historschen Prozesses lehnte Hartmann sowohl die Hegelsche teleologische Geschichtsmetaphysik als auch die materialistische Geschichtsauffassung ab.
Ethik bei Hartmann im Sinne von Max Scheler
Die Geschichte werde letztlich von geistigen Faktoren bestimmt, die sich zum über dem Individuum, dem "personalen Geist", stehenden und dieses überdauernden Gemeingeist zusammenfügten, welcher wiederum in geschichtlich bedeutenden Persönlichkeiten wirksam werde. Von dieser Position aus gelangte Hartmann auch in seiner Etik und Ästhetik zu einer apologetischen, ahistorischen und mystifizierenden Interpretation der sittlichen und ästhetischen Werte, die sich an Max Scheler anlehnte und ein jenseits der Wirklichkeit liegendes absolutes "Reich der Werte" annahm, welches weder durch den einzelnen noch durch die Gemeinschaft beeinflußt würde. Diese aus Schelers entnommenen "materialen Wertethik" Grundzüge unterschieden sich aber insofern, daß Hartmann ein zeitloses und überpersönliches "ideales Sein" postulierte. Diese Werte würden durch den Menschen realisiert, der durch "Zweckmäßigkeit, Wertbewußtsein und Freiheit" dazu befähigt sei, doch wegen der "Härte des Realen" sei dazu ein unbedingter Sollanspruch notwendig. Diese Position nimmt Hartmann gegen alle bisherigen idealistischen Konzeptionen in seiner Ontologie ein.
Die "neue Ontologie" von Hartmann, die in Günther Jacoby und Hans Pichler weitere Vertreter hatte, erwies sich als eine Variante des objektiven Idealismus. Sie reihte sich ein in die sogenannten realistischen Strömungen der Philosophie, zu denen auch der Neurealismus und der " kritische Realismus" gehörten.
