Philosophie des Mittelalters
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Das Mittelalter wurde begrifflich oft als eine Übergangszeit bezeichnet, welche nur die Antike von der Renaissance zu trennen schien. Soweit diese Bezeichnung wie schon in der Renaissance und in der Aufklärung abwertend geschieht, verkennt der Kritiker jedoch, dass auch die Philosophen des Mittelalters einen bedeutenden Teil zum Bestand der Philosophie beigetragen haben, ohne den sich die Antithesen des Humanismus, der Renaissance und der Reformation gar nicht hätten herausbilden können.
Wenn das Mittelalter in der allgemeinen Gliederung der geschichtlichen Perioden üblicherweise in etwa in den Zeitraum von ca. 500 bis ca. 1500 gelegt wird, so ist dies aus der Perspektive der Geschichte der Philosophie des Mittelalters zu eng. Das Fundament für die aus einem Zusammenspiel von christlich theologischen Gedanken und dem Neuplatonismus geprägte Philosophie dieser Zeit wurde durch die Kirchenväter in der so genannten Patristik geschaffen, die rein chronologisch noch dem Altertum zuzurechnen wäre; siehe dazu auch Spätantike. Geistes- und wirkungsgeschichtlich gehört die Patristik jedoch zur nachfolgenden Periode. Das aufkommende Christentum musste sich dogmatisch festigen und gegen die noch vorherrschende Philosophie, aber auch gegen Verzerrungen der Gnosis und konkurrierende Systeme wie den Manichäismus durchsetzen. Nach Vorbereitungen durch die Apologeten und die Systematiker schuf in der Spätantike der Nordafrikaner und Kirchenvater Augustinus von Hippo das Fundament für die nächsten 500 Jahre. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts war es Boethius, der mit dem Trost der Philosophie ein bedeutendes und im Mittelalter sehr beliebtes Werk schuf, in welchem Boethius aus seinem Wissen der Philosophie der Antike schöpfte und damit dem Mittelalter griechisches Wissen vermittelte; Er übersetzte auch einige Werke des Aristoteles ins Lateinische, insbesondere dessen Schriften zur Logik (Organon). Bis ins 12. Jahrhundert blieben seine z.T. kommentierenden und erläuternden Übertragungen die einzigen in Europa auf Lateinisch verfügbaren Schriften des Aristoteles.
Nach dem Untergang des weströmischen Reiches im Jahre 476 (im Ostren bestand schließlich das griechisch geprägte byzantinische Reich bis 1453 fort) wurde das Wissen im westlichen Europa nur noch in den Klöstern, die u.a. die Funktion von Brückenköpfen bei der Christianisierung und als Ausbildungsstätten der Priester hatten, bewahrt. In der so genannten "dunklen Zeit" bis 800 gibt es keine bekannten Philosophen, bis 1100 nur wenige dokumentierte Größen wie Johannes Eriugena und Anselm von Canterbury.
Erst im späten 11. Jahrhundert auch unter dem Einfluss von arabischen Philosophen (Avicenna, Averroes) begann begleitet von einer prosperierenden Wirtschaft und einem signifikanten Bevölkerungswachstum in der Philosophie ein ähnlicher Aufschwung wie in der attischen Zeit. In Bologna, Oxford und Paris wurden Universitäten zur Theologenausbildung gegründet. Neben Theologie und Medizin wurde auch Philosophie gelehrt. Diese umfasste die sog. „sieben freien Künste“ (artes liberales), die sich aus dem Trivium (Grammatik, Dialektik und Rethorik) sowie aus dem Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) zusammensetzten. Europa in dieser Zeit war noch nicht durch nationale Grenzen beschränkt. Die Wissenschaftssprache war Latein, so dass ein Austausch zwischen allen Regionen ungehindert stattfinden konnte. Um 1100 entstand der Universalienstreit mit dem platonisch – realistischen Vertreter Wilhelm von Champeaux und Anselm einerseits sowie dem radikalen Nominalisten Roscelinus andererseits. Roscelinus unterlag und musste widerrufen ähnlich wie auch später sein Schüler Abaelard mit einem Versuch der Versöhnung der gegensätzlichen Positionen scheiterte. Von letzterem wurde die sog. Scholastische Methode (sic et non = Ja und Nein) zu einer vollständigen Systematik ausgearbeitet, so dass das frühe Mittelalter eigentlich falsch mit Frühscholastik bezeichnet wird. In diesem Verfahren wird in einer aufwändigen dialektischen Diskussion ein Thema unter Einbeziehung aller bisher bekannten Argumente untersucht, um dann das Problem in einer Synthese zu lösen. In formstrengen Disputationen werden Begriffe geklärt und scharf abgegrenzt und die Logik entwickelt sich weiter. Es entstanden eine Reihe von Enzyklopädien als sog. „Summae“ oder Sentenzen.
In dieser Zeit (12. Jahrhundert) war die byzantinische und die islamische Welt kulturell überlegen. Es wurden Erkenntnisse der Medizin und der Mathematik übernommen. Vor allem aber gelangte auch das bis dahin nur als Teil der Logik vorliegende Werk des Aristoteles vermittelt durch islamische, und später byzantinische, Gelehrte in Gänze an die Universitäten und Klosterschulen. Besonders gefördert durch Albertus Magnus und seinen Schüler Thomas von Aquin, dem bedeutendsten Philosophen des Mittelalters mit einer Wirkung noch bis in die Gegenwart, wird der wissenschaftsfreundliche Aristotelismus nun für lange Zeit dominierend. Doch es waren auch schon Scholastiker wie Roger Bacon oder Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham, die Gegenpositionen zu Thomas aufbauten und mit einer Öffnung zur naturwissenschaftlichen Forschung hin sowie einer stärkeren Betonung des Individuellen die Türen für die Neuzeit öffneten. Vor allem die letzten beiden sind Wegbereiter der Trennung der Welt des Glaubens von der der Philosophie.
In der Spätscholastik entstehen auch die ersten Werke, die sich mit einer Trennung von geistlicher und weltlicher Macht befassen (Dante). Neben der Scholastik existierte eine breite Bewegung der Mystik, für die u.a. Hildegard von Bingen und Meister Eckhart stehen. Als Höhepunkt der mittelalterlichen Philosophie und zugleich als Übergang kann die Philosophie des Nikolaus von Kues angesehen werden, wobei dessen Bedeutung heute in höheres Gewicht hat, als zu seiner eigenen Zeit wahrgenommen wurde. In jedem Fall kann man feststellen, der Ursprung der Neuzeit liegt im Mittelalter.
Bedeutende mittelalterliche Philosophen
- Johannes Scotus Eriugena (um 810 - um 877, irischer Neuplatoniker)
- Avicenna (980-1037, arabischer Aristoteliker)
- Anselm von Canterbury (1033-1109, durch einen Gottesbeweis bekannter Erzbischof)
- Averroes (1126-1198, arabischer Aristoteliker)
- Maimonides (1135-1204, jüdischer Aristoteliker)
- Albertus Magnus (1200-1280, Dominikaner)
- Thomas von Aquin (1225-1274, der scholastische "Fürst der Philosophen")
- Johannes Duns Scotus (1266-1308, Franziskaner)
- Meister Eckhart (um 1260-1328, Dominikaner)
- Wilhelm von Ockham (ca. 1300-1347), spätscholastischer Nominalist)
- Hugo von Sankt Viktor
- Richard von Sankt Viktor
- Pierre Abaelard
- Thomas von Stitny
Weblinks
Literatur
- Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli, 2. Aufl. Stuttgart 2000
- Richard Heinzmann: Die Philosophie des Mittelalter, 2. Aufl. Stuttgart, Berlin, Köln 1998
