Philosophieren
Das Philosophieren ist als permanentes in-Frage-stellen von "Gott und der Welt" ein allgemein-menschliches Vorkommnis. Dieses macht den Philosophierenden zum Philosophen. Das Wort Philosophie kommt aus der altgriechischen Sprache. Wobei "philein" lieben und "sophia" die Weisheit bedeutet. Bei Herodot wird von den Reisen berichtet, die einer auf der Suche nach einer gewissen sophia machte. Philosophie bezeichnet in der Zeit nach Sokrates die "Liebe zur Weisheit" und ein Philosoph gibt sich anbiedernd als "Freund der Weisheit" aus, um Gehör bei Bürgern und Herrschern zu finden.
Sokrates betrieb dies als Lebensaufgabe, indem er sich jahrzehntelang belehrend seinen Mitbürgern zuwandte, die ihn daraufhin hinrichteten. Der sogenannte sokratische Dialog ist ein literarisch konstruiertes Scheingespräch, in dem der Diskussionspartner nur Stichwortgeber für die Meinung des Philosophen ist. Platon gründete zu diesem Zweck seine Akademie. Augustinus verstand darunter die "schauende Bewegung" (ratiocinatio) des menschlichen Geistes.
Immanuel Kant machte auf diese besondere philosophische Tätigkeit aufmerksam, als er befand, man könne nicht Philosophie, sondern "nur philosophieren lernen". Er verlagerte also das philosophische Interesse vom System auf die Methode bzw. von der Vernunft-Dogmatik (Rationalismus) auf die Vernunft-Kritik (Kritizismus).
Demzufolge lässt sich das Philosophieren als Selbstreferenz jeden Denkens verstehen. So prüfte Kant etwa die traditionellen Gottesbeweise, machte sich also zu einem Beobachter zweiter Ordnung, der sich weniger mit den Gegenständen als mit unserem Vermögen, sie zu erkennen, beschäftigt.
Bei Hegel hieß dann dieses "selbstkritische" Philosophieren "Phänomenologie des Geistes" oder "Wissenschaft von der Erfahrung des Bewusstseins" - mit einem Wort: Spekulation. Der neue Beobachtungsgegenstand, mit dem sich die Philosophie als Wissenschaft einzig noch betreiben ließ, war also das Beobachten selbst. Im Deutschen Idealismus verwendete man dafür auch den Ausdruck "Intellektuelle Anschauung".
Auch wenn sich viele "Denker" mit einem "reinen" logischen Denken nie begnügen konnten, haben sich auch einige mit der "reinen" Logik beschäftigt. Diese waren dann meist zugleich auch Mathematiker. (Dies trifft vor allem auf sogenannte "Universalgelehrte", wie z.B. Leibniz, die vor der Neuzeit lebten.)
Darauf deutet bereits das griechische "theoría" (wörtlich: die Schau) hin, ein Wort, mit dem Aristoteles "das Geschäft der Philosophen" bezeichnete. Die Tradition dieses "kontemplativen" Denkens reicht von der platonischen "Ideenschau" bis zur "Wesensschau" in der phänomenologischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Und der "Logiker" Ludwig Wittgenstein rief in seinen "Philosophischen Untersuchungen" sich selbst zur Ordnung mit den Worten "Denk nicht, sondern schau!". Diese Haltung führt zur Philosophia perennis.
Literatur
- Annemarie Pieper (1997): Selber denken. Anstiftung zum Philosophieren, ISBN 3-379-01585-7 (Reclam Bibliothek Leipzig)
- Arno Anzenbacher: Einführung in die Philosophie, 8., überarb. u. erw. Aufl. 2002, 410 S., m. über 42 Abb., kartoniert, ISBN 3-451-27851-0, Freiburg: Herder
- Jay F. Rosenberg (1984): Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger
- ISBN 3-465-01718-8 (Klostermann)
- Amerikanischer Originaltitel: "The Practice of Philosophy"
- Freimut Hauk (1998): Faszination Philosophie. Stationen der Erkenntnis von der Antike bis zur Gegenwart, ISBN 3-499-60347-0 (Rowohlt)
- Josef M. Bochenski (1993): Die zeitgenössischen Denkmethoden.
- ISBN 3-7720-1202-7 (A. Franke Verlag) oder
- ISBN 3-8252-0006-X (UTB - Philosophie)
- Josef M. Bochenski (1991): Wege zum philosophischen Denken. Einführung in die Grundbegriffe, ISBN 3-451-04020-4 (Herder)
