Philosophische Grammatik
Die philosophische Grammatik bezeichnet eine logische Grammatik, die im Jahre 1660 in der Lehre von Port-Royal formuliert wurde und sich in bedeutendem Maße auf die formale Logik von Aristoteles und dem philosophischen Rationalismus von René Descartes stützt.
Diese philosophische Grammatik hat bis Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend die grammatischen und syntaktischen Forschungen auf dem Gebiet der indoeuropäischen Sprachen beeinflusst. Das Grundprinzip der Autoren der philosophischen Grammatik bestand darin, dass "man von den verschiedenen Bedeutungen, die in den Wörtern enthalten sind, keinen klaren Begriff bekommen kann, solange man nicht versteht, was in unseren Gedanken vor sich geht; denn die Wörter wurden ja nur dazu erfunden, um unsere Gedanken fassbar zu machen."
Die Verneinung jedweder relativen Selbständigkeit der Sprache, die keineswegs eine unvermeidliche Folge dieser These ist, dass die Sprache dazu bestimmt sei, den menschlichen Gedanken auszudrücken, führt die Verfasser der philosophischen Grammatik zu der fehlerhaften Auffassung von der Natur der Sprache, zur Beschränkung der Sprache auf ihre materielle (lautliche) Seite. Dem entsprechend bestimmen die Verfasser dieser Grammatik die Wörter "als lediglich ausgesprochene Laute, die der Mensch als Zeichen für die Abbildung seiner Gedanken verwendet"(in: Grammaire général et raisonnée de Port-Royal par Arnauld et Lancelot, Paris 1810).
Auf dem Gebiet der Syntax ergab sich aus diesem Herangehen an die Sprache die völlige Gleichsetzung von Urteil und Satz, sowohl hinsichtlich des Inhalts als auch hinsichtlich seiner Struktur. Die Verfasser der philosophischen Grammatik unterscheiden drei Operationen des Geistes:
- den Begriff
- das Urteil
- die Schlussfolgerung
Sie definieren den Satz folgendermaßen : "Ein Urteil, das ich über einen Gegenstand bilde, z.B. wenn ich sage "Die Erde ist rund", nennt man Satz; somit besteht jeder Satz obligatorisch aus zwei Gliedern. Das eine wird Subjekt genannt, d.h. das, worüber etwas behauptet wird - so z.B. die Erde -, das andere wird Attribut genannt, d.h. das, was behauptet wird, z.B. rund. Außerdem gibt es noch die Kopula ist zwischen den beiden Gliedern. Man sieht leicht, daß die beiden Glieder des Urteils zur ersten Operation des Geistes [d.h. dem Begriff] gehören, weil sie das sind, was wir wahrnehmen (verstehen) und was das Objekt unserer Gedanken ist, während die Kopula zu der zweiten Operation des Geistes gehört, die man die Tätigkeit unseres Geistes und das Abbild unserer Gedanken nennen kann"(in: ebenda).
Diese Definitionen von Subjekt und Prädikat als Element des Urteils und seines verbalen (lautlichen) Ausdrucks, des Satzes, wurden in der weiteren Entwicklung nach dem Entstehen der Satzgliedtheorie fast ohne Veränderung auf das grammatische Subjekt und Prädikat als Satzlied übertragen. Noam Chomsky berichtet in seinen Schriften, dass er sich auf diese philosophische Grammatik bezogen hat. Ludwig Wittgenstein benannte auch eine seiner Schriften mit dem gleichlautenden Titel.
Hinweis: der oben zitierte Autor "Arnauld" ist Antoine Arnauld (1612 - 1694)
