Politische Religion
Der Begriff Politische Religion ist ein Analyseinstrument der politischen Sozialwissenschaft, eingeführt durch Eric Voegelin.
Der Begriff ist zu unterscheiden von den Begriffen "säkulare Religion" und "zivile Religion" (Zivilreligion), wenn es auch Gemeinsamkeiten gibt.
Politische Religion gilt als Form totalitärer Regime und Bewegungen (v.a. des Nationalsozialismus und Kommunismus). Dagegen meint zivile Religion eine Form der Sakralisierung der Politik in Demokratien (vgl. die sakralen Tendenzen in den Vereinigten Staaten)
Voraussetzung für die Rede von "Politischer Religion" ist ein weit gefasster Begriff der Religion und des Religiösen:
- "Um die politischen Religionen angemessen zu erfassen, müssen wir daher den Begriff des Religiösen so erweitern, daß nicht nur die Erlösungsreligionen, sondern auch jene anderen Erscheinungen darunter fallen, die wir nicht in der Staatsentwicklung als religiöse zu erkennen glauben; und wir müssen den Begriff des Staates daraufhin prüfen, ob er wirklich nichts anderes betrifft als weltlich-menschliche Organisationsverhältnisse ohne Beziehung zum Bereich des Religiösen." (Voegelin, E., Politische Religionen, München 1993, S. 12)
- Indem der Staat sich für ursprünglich erklärt und Heil verspricht, wird er zum religiös-politischen Phänomen.
Die von den politischen Religionen verkündete Heilsversprechung und totale Erlösung hat als unmittelbare Konsequenz in der Herrschaftsausübung die absolute Gewalt und deren absolute Rechtfertigung durch eine politisch-religiöse Ideologie (vgl. zum Beispiel Alfred Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" als politische Religion)
Dabei gilt es allerdings "politische Religion" einerseits von "politischem Mythos", andererseits von politischer Theologiezu unterscheiden.
Das soziologische Phänomen selbst wurde aber nicht erst von Voegelin im Blick auf den Totalitarismus entdeckt. So schreibt bereits Max Weber 1895:
- "Die alten Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf." (Weber, M., Der Beruf zur Wissenschaft, in: Soziologie, Universalgeschichtliche Analysen, Politik, Stuttgart 1979, S. 330)
Weitere Autoren, die versucht haben mit dem Konzept der "Politischen Religion" die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts zu erklären, waren:
- Carl Friedrich
- Raymond Aron
Die Vertreter einer Zivilreligion auch für den europäischen Raum (z.B. Hermann Lübbe) wenden sich gegen den Begriff der politische Religion, weil beide Begriffe oft undifferenziert ineinandergeworfen werden. So plädiert Hermann Lübbe für eine Umbenennung des Terminus "Politische Religionen" in "Antireligionen", da totalitäre Regime Religionen immer explizit abgelehnt hätten.
Literatur
- Voegelin, Eric: Die politischen Religionen (1938), Neuaufl. 1993.
- Gentile, Emilio: Il culto del littorio. La sacralizzazione della politica nell' Italia fascista, Rom, Bari 1993.
- Maier, Hans (Hg.): "Totalitarismus" und "Politische Religionen", Bd. 1, München u.a. 1996.
- Bärsch, Claus-E., Die politische Religion des Nationalsozialismus, München 1997.
- Ley, Michael: Der Nationalsozialismus als politische Religion, Bodenheim 1997.
- Faber, Richard (Hg.): Politische Religion - religiöse Politik, Würzburg 1997.
- Maier, Hans/Schäfer, Michael (Hg.): "Totalitarismus" und "Politische Religionen", Bd. 2, München u. a. 1997.
- Huttner, Markus: Totalitarismus und säkulare Religionen. Zur Frühgeschichte totalitarismuskritischer Begriffs- und Theoriebildung in Großbritannien, Bonn 1999.
- Maier, Hans (Hg.): Wege in die Gewalt. Die modernen politischen Religionen, Frankfurt/Main 2000.
- Gentile, Emilio: Le religioni della politica. Fra democrazie e totalitarismi, Rom 2001.
- Maier, Hans (Hg.): "Totalitarismus" und "Politische Religionen", Bd.3, München u.a. 2003.
- Hildebrand Klaus (Hg.): Zwischen Politik und Religion. Studien zur Entstehung, Existenz und Wirkung des Totalitarismus, 2003.
