Politische Theologie

Politische Theologie

Inhaltsverzeichnis

Politische Theologie als "theologia civilis"

Einige Interpretatoren verbinden mit dem Begriff der Politischen Theologie eine Hinterlassenschaft aus dem philosophiegeschichtlichem Übergang vom Mythos zum Logos im alten Rom, als Varro mit dem Begriff "theologia civilis" die den Kaiserkult legitimierende "Bürgerliche Theologie" von der "theologia mythica" ("mythische Theologie") und "theologia naturalis" ("natürliche Theologie") abgrenzte. In der Übersetzung wurde dieser Begriff dabei meist als "Politische Theologie" wiedergegeben. Dabei handelt es sich aber aufgrund der damaligen Begriffsbedeutung von Theologie aus heutiger Sicht theoretisch weiterhin um politisch verzweckte "Mythologie" bzw. praktisch ausgeübt um "politischen Mythos" (Ernst Cassirer) bzw. "politische Religion" (Eric Voegelin). In dem Maße als im Mittelalter oder in der Neuzeit versucht wurde, diese "theologia civilis" in welcher Form und Absicht auch immer wiederzubeleben, wird heute von der "Politischen Theologie" bestimmter mittelalterlicher und neuzeitlicher Autoren gesprochen, meist in Abgrenzung zum Begriff "Politische Philosophie". Auch dabei handelt es sich aber nicht um Theologie im Sinne eines Reflektierens über Gott, sondern um eine Benutzung theologischer Gehalte zur Legitimierung politischen Verhaltens.

Erledigungsthese Erik Petersons

In diesem Sinne erklärt Erik Peterson in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die antike "politische Theologie" zu Recht mit dem Christentum für im Grunde erledigt, und gleichzeitig alle seitherigen und zeitgenössischen Versuche, diese wiederzubeleben. Dabei führt er ausdrücklich den Namen des Verfassungsrechtlers Carl Schmitt an. Hans Maier dehnt die Erledigungsthese nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf die sogenannte "neue" Politische Theologie um den Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz aus. Tatsächlich sind mit Carl Schmitt und Johann Baptist Metz die bekanntesten Protagonisten benannt.

Politische Theologie Carl Schmitts

Der neuzeitliche Begriffsgebrauch wurde tatsächlich von Carl Schmitts Büchern "Römischer Katholizismus und politische Form" sowie "Politische Theologie" geprägt. Er verarbeitet darin beschreibend, aber auch polemisch die theologiegeschichtliche Entwicklung der Neuzeit im Blick auf politische, staatliche und staatskirchenrechtliche Fragestellungen. Geprägt von der Philosophie der Scholastik und Hegels orientiert er sich an den Autoren der katholischen Restauration (z.B. Donoso Cortes). Er versucht aus diesem Verständnis heraus die politische Verfassung der Weimarer Republik zu kritisieren und schlägt sich von 1933 bis 1936 zum Teil aus opportunistischen Gründen, zum Teil aus inhaltlichen Überzeugungen, zum Teil aus strategischen Hoffnungen, zum Teil aus antisemitistischen Attitüden heraus auf die Seite der Nationalsozialisten, als deren "Kronjurist" er bald gilt. Diese haben ihn dann aber bald als "zu katholisch" fallen gelassen. Gemeinsam u.a. mit dem Kirchenrechtler Hans Barion und dem Theologen Karl Eschweiler bildet er somit die erste Richtung "politischer Theologie", die sich innerkirchlich schließlich gegen das II. Vatikanische Konzil als zu progressiv wenden wird.

Politische Theologie Johann Baptist Metz'

Gegen diese aus seiner Sicht "alte" Politische Theologie wendet sich Johann Baptist Metz nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner alsbald auch selbst so benannten "neuen" Politischen Theologie. Faktisch knüpft er damit aber an die Vertreter des "Katholischen Sozialismus" (Heinrich Mertens, Walter Dirks, Ernst Michel) an, in dem die "neue" Politische Theologie bereits grundgelegt ist. Metz reichert sie lediglich mit dem theologischem Gedankengut Karl Rahners und dem philosophisch-soziologischen Ansätzen der Frankfurter Schule an.

Erledigungsthese des Kritischen Rationalismus

In diese Diskussion greift nun aus wissenschaftstheoretischer Sicht in den siebziger Jahren der deutsche Kritische Rationalismus (Hans Albert, Hans Blumenberg) ein, der sich dabei formal auf die Seite der Erledigungsthese schlägt, dabei aber aus agnostischen bis atheistischen Motiven die theologische Erledigungsthese selbst miterledigt.

Notwendigkeit und Grenzen Politischer Theologie

Infolge all dieser Auseinandersetzungen wurde dabei aber die Frage nach dem eigentlichen Ort einer neuzeitlichen Politischen Theologie nicht mehr gestellt. Sie wurde erst wieder durch Ernst-Wolfgang Böckenförde gestellt, als er von den Voraussetzungen des Staates sprach, die er selbst nicht herstellen bzw. gewährleisten kann (sog. Böckenförde-Diktum). Diese Voraussetzungen sind faktisch auch religiös bedingt. So ist es gerade die eigentliche Aufgabe Politischer Theologie, diese Voraussetzungen der Politik einer theologischen Reflexion und Kritik zu unterziehen, eben damit theologische Gehalte nicht zur Legitimierung von politischen Zuständen – sei es des Status-Quo, sei es von "konservativen" bzw. "progressiven" Revolutionen – bestimmt werden. In diesem Sinn ist Politische Theologie notwendig. Die weitergehende Frage gilt daher den Grenzen und den Methoden.

Alternative politische Theologie Romano Guardinis

In diesem Sinne hat zum Beispiel der Religionsphilosoph Romano Guardini versucht, gegen die hegelianisch geprägten Politischen Theologien eine alternative politische Theologie zu entwickeln. Kern ist dabei die 1925 veröffentlichte Gegensatzlehre, die statt der hegelianischen Dialektik von Widersprüchen (These-Antithese), die sich in Synthesen hinein auflösen, echte Widersprüche von polaren Gegensätzen streng unterscheidet und letztere im Sinne einer personalistischen Dialogphilosophie als lebendig-konkrete Spannungseinheit darstellt. In diesem Sinne ist sein Ansatz als Politische Theologie des "Menschlich-Unerlässlichen im Neuen" zu verstehen.

See also: Politische Theologie, Böckenförde-Diktum, Carl Schmitt, Eric Voegelin, Erik Peterson, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Ernst Cassirer, Frankfurter Schule, Hans Albert, Hans Blumenberg