Politischer Neorealismus

Der Politische Neorealismus ist eine der Großtheorien im Bereich der Internationalen Beziehungen. Die Theorie baut auf den Grundlagen des Realismus des Carr und Hans Morgenthau auf.

Der Neorealismus nach Kenneth Waltz macht zunächst einige Grundannahmen zu Staaten und dem internationalen System:

Aus dem gesagten leiten Neorealisten eine staatliche Selbsthilfestrategie und eine permanente Unsicherheit über die Absichten des anderen ab. Oder um es in den Worten Waltz' zu sagen:

You have to do it on your own; you can't count on someone else. Maybe he does it, maybe he doesn't....

Es kommt darum und aufgrund der Tatsache, dass Macht das einzige wirksame Mittel zur Interssendurchsetzung ist, immer nur auf die relativen Gewinne an. Das heißt der andere (Staat) darf niemals mehr Machtgewinne einfahren als man selbst.

Dementsprechend schließen Neorealisten die Möglichkeiten für Kooperation praktisch aus. Nur unter Hegemonial-Einfluss oder zur Bündnisbildung gegen eine Übermacht kommt Kooperation zustande.

Aus letzterem lässt sich ableiten, dass Neorealisten vor allem eine Balance-of-Power-Strategie vorschlagen (während andere Autoren zum Beispiel Balance-of-Terror, Balance-of-interest oder Balance-of-Threat-Strategien voraussagen).

Die wichtgste Weiterentwicklung innerhalb des neorealistischen Lagers ist dessen Aufteilung in offensive und defensive Neorealisten. Zu erstgenannten muss beispielsweise John Mearsheimer gezählt werden, zu letzteren zählt beispielsweise Kenneth Waltz. Die offensiven Realisten sehen den Kampf um Macht als eine Art Wettbewerb, da Macht ein knappes Gut ist. Demgegenüber meinen defensive Realisten, Macht sei genügend vorhanden und deshalb täten Staaten gut daran, den Status Quo (Balance-of-Power) zu verteidigen.

Kritik am Neorealismus kam vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges auf. Denn die Theorie besagt, dass bipolare Systeme (wie im Ost-West-Konflikt) äußerst stabil sind (was ja für fast ein halbes Jahrhundert auch zutraf). Vertreter des Neorealismus entgegnen diesem verbreiteten Einwand, dass diese ungewöhnlichen Situationen nicht zu den üblichen Phenomnen in den internationalen Beziehungen gehören. Kontinuitäten im Weltgeschehen seien weit aus wichtiger und häufiger als solche radikalen und sehr seltenen Umbrüche. Um diese zu erklären, biete der Neorealismus jedoch gute Ansätze. Des Weiteren bleibt fraglich, ob aus der Anarchie tatsächlich und logisch ein Selbsthilfesystem resultiert. Hierzu meint der Konstruktivist Wendt, dass "Anarchie is what state make of it". Schließlich lässt sich zweifeln, ob die innere Verfasstheit eines Staates tatsächlich von untergeordneter Bedeutung ist. Dieser Einwand kam vor allem aus dem liberalen Lager (Andrew Moravcsik liefert hierzu einen wertvollen Beitrag, ebenso wie diverse Autoren zum Theorem des demokratischen Friedens). In der Gegenwart wird der Neorealismus wieder durch eine interpretatorische Komponente erweitert. Es handelt sich um den neoklassischen Realismus, von William Wohlforth und Glenn Snyder vertreten.

In Deutschland vertreten Gottfried-Karl Kindermann, Werner Link, Alexander Siedschlag, Carlo Masala und Christoph Rohde diesen Ansatz. Die Konstellationsanalyse Kindermanns hat bereits in den siebziger Jahren wichtige methodische Innovationen geliefert.


Siehe auch: politischer Realismus

Weblink

Neorealismus bei der Universität Bremen

See also: Politischer Neorealismus, Alexander Wendt, Hans Morgenthau, Internationale Beziehungen, Kenneth Waltz, Politischer Realismus, Universität Bremen, John Mearsheimer, Großtheorie