Polizeiruf 110

Der Polizeiruf 110 ist heute neben dem Tatort die beliebteste Krimifernsehserie der ARD. Am 27. Juni 1971 im DDR-Fernsehen als Gegenstück zum westdeutschen Tatort zum ersten Mal gesendet, entwickelte er sich schnell zum Publikumsliebling.

Inhaltsverzeichnis

Unterschiedliche kleine und größere Verbrechen wurden aufgegriffen und dabei ansonsten tabuisierte Themen wie Alkoholismus, Kindesmissbrauch und Vergewaltigung behandelt. Anders als bei heutigen Krimis, in denen Tötungen praktisch die Minimalverbrechen sind, kamen zwar auch beim Polizeiruf 110 Morde vor, jedoch beschäftigten sich die Ermittler Oberleutnant (später Hauptmann) Peter Fuchs (Peter Borgelt), Oberleutnant Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep), Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler), Volkspolizei-Meister Lutz Subras (Alfred Rücker), Leutnant Woltersdorf (Werner Tietze), Oberleutnant Bergmann (Jürgen Zartmann), Oberleutnant Lutz Zimmermann (Lutz Riemann), Leutnant (später Oberleutnant) Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller), Hauptmann Reichenbach (Friedhelm Eberle), Oberleutnant Dillinger (Wolfgang Dehler), Hauptmann Reger (Klaus Gendries), Unterleutnant Ikser (Anne Kasprik) und Hauptmann Beck (Günter Naumann) bei ihren Ermittlungen in allen Bezirken der DDR aber auch und vor allem mit den häufigeren und weniger schweren Delikten Einbruch, Erpressung, Betrug, Diebstahl und Jugendkriminalität. Im Gegensatz zum Tatort, der sich eindeutig auf die polizeilichen Hauptpersonen konzentriert, stand in den früheren Polizeiruf-Filmen die polizeiliche Ermittlungsarbeit stärker im Vordergrund. Reißerische Action-Sequenzen waren selten. Die Drehbuchautoren legten besonderen Wert auf die Darstellung des Täters und seiner Psyche.

Da der Polizeiruf eine der wenigen Sendungen des DDR-Fernsehens war, in denen Probleme und Missstände offen angesprochen wurden, nahm das Publikum auch hin, dass die Sendungen oft auch einen pädagogischen Charakter hatten.Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976, als das DDR-Fernsehen stärker politisch kontrolliert wurde, mussten einige bereits produzierte Polizeiruf-Folgen z.T. stark gekürzt werden, z.B. "Der Einzelgänger". Die** Folge "Schuldig" allerdings wurde von der Zensur als zu kritisch betrachtet (enthielt u.a. unverholene Kritik an einem der DDR-Hauptprobleme, der Wohnraumknappheit) und zu DDR-Zeiten nie gesendet, der Regisseur Rolf Römer, der auch als Schauspieler in dieser** Folge auftrat, erhielt daraufhin ein faktisches Berufsverbot (Dreh- und Auftrittsverbot). Ebenfalls nicht gesendet wurde die** Folge "Risiko", bei der es um eine Republikflucht ging.

Ein häufig vorkommendes Motiv - insbesondere auf Täterseite - war der Alkoholmissbrauch, der zu DDR-Zeiten als gesellschaftlich großes Problem angesehen wurde. Der Alkohol wurde als Mitursache für die kriminelle Entwicklung dargestellt, wobei er aber nie als Entschuldigung herhalten konnte.

Täter waren auffällig oft lebenslustige, staatskritische Bürger, insbesondere zu Anfangszeiten der Serie gern aus dem Umfeld von Zirkussen und Schaustellern sowie selbstständige Gewerbetreibende, später auch Angehörige der - oft technischen - Intelligenz, nomenklaturmäßig höchstgestellter Täter war wohl ein Betriebsleiter in "Auskünfte in Blindenschrift". Als guten Gegenpol zum Täter gab es nicht selten fleißige und staatstreue (einfache) Werktätige, die als moralisch überlegen präsentiert wurden.

Nach der Wende gingen die Veränderungen im Fernsehen der DDR/Deutschen Fernsehfunk (DFF) auch an dieser Sendung nicht spurlos vorbei. Nach der Auflösung des DFF zum 31. Dezember 1991 produzierten zunächst die neuen ARD-Anstalten MDR und ORB neue Polizeirufe, die erst 1994 offiziell in das Fernsehprogramm der ARD übernommen wurden. Einige der bisherigen Schauspieler waren auch nach der Wende noch als Kommissare tätig (Fuchs, Grawe, Beck), jedoch traten auch neue Personen, wie z.B. die Kommissare Jens Hinrichs (Uwe Steimle) und Kurt Groth (Kurt Böwe) als Schweriner Ermittler auf.

Heute produzieren neben MDR und RBB auch der BR, der HR, der WDR und der NDR Polizeirufe, die in der Regel sonntags im Wechsel mit dem Tatort gesendet werden.

Ein Produzent der Sendereihe, Thomas Wilkening, ist in der Nacht vom 3. März auf den 4. März 2005 tödlich verunglückt.

Bereits gesendete Polizeiruf-Folgen

1971-79 DDR-Fernsehen

1980-89 DDR-Fernsehen

1990/91 Deutscher Fernsehfunk

Seit 1993 ARD

ES: Erst-Sendedatum, A: Autor, R: Regie

Literatur

Weblinks

See also: Polizeiruf 110, 1971, 1972, 1973, 1974, 1975, 1976, 1977, 1978, 1979