Polyamorie

Das Modell der Polyamorie stellt im sozialen Gefüge die Ausschließlichkeit von Zweierbeziehungen in Frage und bejaht, dass ein Mensch mit mehreren Menschen zur gleichen Zeit Liebesbeziehungen haben kann.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Menschen, die sich als polyamourös bezeichnen, haben die Auffassung, dass man mit mehreren Menschen eine Liebesbeziehung führen kann. Sie kritisieren vielfach die herrschenden Konzepte des Zusammenlebens. Die Liebe ist ihnen zu Folge kein endliches oder limitiertes Gut, das immer nur für die Liebe zu einer einzigen Person ausreicht, sondern gegenüber jedem Menschen in einer ganz individuellen Ausprägung in Erscheinung treten kann.

Polyamorie definiert sich dabei über die emotionale Seite der Liebesbeziehungen. Es steht also nicht der sexuelle Verkehr im Mittelpunkt, der allerdings -- wie in jeder Liebesbeziehung -- durchaus eine wesentliche Rolle spielen kann und soll.

Als Bedingungen für polyamouröse Beziehungen werden vielfach absolute Ehrlichkeit zwischen den Beteiligten und gegenseitiges Einverständnis genannt. Deshalb gibt es im Konzept der Polyamorie keine zu verheimlichenden Liebhaberinnen und Liebhaber. Es ist legitim und gewünscht, eine Vielzahl an Liebesbeziehungen zu führen um sich selbst zu entfalten. Den Menschen, die man mag, soll man mit dem jeweils angebrachten Maß an Zuneigung und Intimität begegen können. Es braucht nicht geleugnet zu werden, falls man für mehr als einen Menschen Gefühle empfindet. Hierauf soll nicht mit Eifersucht und Verlustängsten reagiert werden, da dies innerhalb der Polyamorie-Idee unbegründet ist. Im Gegensatz zur Monogamie stellt es auch insbesondere keinen Grund dar, die Beziehung zu beenden, falls der Partner eine oder mehrere weitere Liebesbeziehungen unterschiedlicher Intensität hat.

Ausprägungen

Polyamouröse Beziehungen können in verschiedenen Formen gelebt werden, da jede einzelne Beziehung einzigartig ist und sich von anderen unterscheiden kann. Manchmal gibt es eine Hauptbeziehung mit einem Paar, das zusammen lebt, wobei aber jeder der beiden Partner nebenher noch weniger intensive oder enge Liebschaften hat. Es kann auch vorkommen, dass eine Gruppe von Menschen ein exklusives Netzwerk bildet, in dem man jeweils nur untereinander Liebesbeziehungen hat.

Sexuelle Identität

Entdeckt ein Mensch Polyamorie als Bedürfnis oder alternative Beziehungsform, kann dies zu einer sexuellen Identitätskrise führen. Umgekehrt bietet Polyamorie für Menschen mit schwach ausgeprägtem sexuellen Selbst- oder Rollenverständnis (vgl. Judith Butler, "gender trouble") eine Möglichkeit, feste partnerschaftliche Bindungen einzugehen, ohne Teile der eigenen Sexualität brachliegen zu lassen oder unterdrücken zu müssen. Beides – gender trouble ebenso wie Polyamorie – stößt vielfach auf Unverständnis: Diese Konzepte bedürfen gewöhnlich intensiverer Erklärung und lösen oft aggressive Ablehnung aus bei Menschen, die monogame Zweierbeziehungen und solide sexuelle Identität als einzig zulässige Lebens- bzw. Liebesform idealisieren. Dabei wird – durch Unkenntnis und/oder generelle Ablehnung der Konzepte – gender trouble häufig verwechselt oder gleichgesetzt mit Bisexualität und Polyamorie mit stärker verbreiteten nicht-monogamen Praktiken des westlichen Kulturraums wie Swingen.

Begrifflichkeiten

Statt Polyamorie wird im deutschsprachigen Raum oft die englische Schreibweise Polyamory vorgezogen. Gelegentlich findet auch das französische Wort Polyamour Verwendung. Abzugrenzen und nicht zu verwechseln mit Polyamorie ist der Begriff der Polygamie. Der trennschärfste Unterschied besteht darin, dass Polyamorie nicht an das Institut der Ehe gebunden ist und die Beteiligten nicht miteinander verheiratet sind. Vom swingen kann man Polyamorie dadurch abgrenzen, dass dort die sexuelle Ebene im Vordergrund steht, bei Polyamorie jedoch die emotionale Bindung den Mittelpunkt bildet.

Literatur

Es wird behauptet, dass Polyamorie auf der freien Liebe basiere, die wiederum auf Charles Fourier und sein Werk "Die neue Liebeswelt" von 1820 (1967 erstmals vollständig veröffentlicht) zurückgeht. Zu den bekanntesten modernen Büchern zum Thema Polyamorie zählt The Ethical Slut: A Guide to Infinite Sexual Possibilities von Dossie Easton und Catherine A. Liszt, erschienen 1998. In The Ethical Slut (bislang nicht ins Deutsche übersetzt) stehen die Aspekte Vertrauen, Partnerschaft, Liebe und insbesondere "Community" als Bestandteile gelebter Polyamorie im Vordergrund.

Verweise

Portal Zusammenleben Partnerschaft und Sexualität

Weblinks

See also: Polyamorie, Bisexualität, Charles Fourier, Ehe, Freie Liebe, Identität, Judith Butler, Liebe, Monogamie, Polygamie