Polynom

In der Mathematik ist ein Polynom eine Summe von Vielfachen von Potenzen einer Variablen X. In der elementaren Algebra identifiziert man diese formale Summe mit einer Funktion in X (einer Polynomfunktion), in der abstrakten Algebra unterscheidet man streng zwischen diesen beiden Begriffen.

Inhaltsverzeichnis

Polynome in der elementaren Algebra

Definition

In der elementaren Algebra ist eine Polynomfunktion oder kurz Polynom eine Funktion P(x) der Form

P(x) = \sum_{i=0}^n a_ix^i = a_nx^n + a_{n-1}x^{n-1} + \cdots + a_2x^2 + a_1x + a_0,

wobei als Definitionsbereich jeder beliebige Ring in Frage kommt, z.B auch ein Restklassenring. Meist werden aber die ganzen Zahlen oder die reellen Zahlen genommen.

Die ai stammen aus dem Definitionsbereich und werden Koeffizienten genannt. Als Grad des Polynoms wird der höchste Exponent n von x bezeichnet, dessen zugehöriger Koeffizient an nicht null ist. Dieser Koeffizient heißt Leitkoeffizient. Ist der Leitkoeffizient 1, dann heißt das Polynom normiert. Der Koeffizient a0 heißt Absolutglied. Beispielsweise ist 2x³ - 7x² + x ein Polynom vom Grad 3 mit Leitkoeffizient 2 und Absolutglied 0.

Polynome des Grades

Eigenschaften

-\infty\ ...\ f(x)\ ...\ \infty \quad (a_n>0) bzw. \infty\ ...\ f(x)\ ...\ -\infty \quad (a_n<0).
y_{min}\ ...\ f(x)\ ...\ \infty \quad (a_n>0) bzw. -\infty\ ...\ f(x)\ ...\ y_{max} \quad (a_n<0)

Nullstellen

Allgemeine Eigenschaften

Als Nullstellen oder Wurzeln eines Polynoms werden jene Werte von x bezeichnet, für die der Funktionswert P(x) null ist. Sie sind also die Lösungen der Gleichung P(x) = 0. Ein Polynom über einem Körper (oder allgemeiner einem Integritätsbereich) hat stets höchstens so viele Nullstellen, wie sein Grad angibt.

n \cdot x^2 + 2 \cdot a_{n-1} \cdot x + 2 \cdot (n-1) \cdot a_{n-2} - (n-2) \cdot a_{n-1}^2 = 0

Lösungsformeln

Prinzipiell gibt es mehrere Möglichkeiten, die Nullstellen eines Polynoms zu bestimmen:

Für Polynome höheren Grades gibt es Lösungsformeln, sofern diese spezielle Formen haben:

f(x) = c_0 \cdot x^n + c_1 \cdot x^{n-1} + ... + c_1 \cdot x + c_0
d.h. für den i-ten Koeffizienten gilt c_i = c_{n-i} \,; anders gesagt: die Koeffizienten sind symmetrisch. Für diese Polynome und solche, die eine leichte Modifikation dieser Symmetriebedingung erfüllen, kann die Nullstellenbestimmung mithilfe der Substitution z = x + 1 / x (bzw. z = x − 1 / x) auf eine Polynomgleichung reduziert werden, deren Grad halb so groß ist. Für Details siehe reziprokes Polynom.
Die n Lösungen ergeben sich -je nach Vorzeichen von c- aus den de-Moivreschen-Formeln:
x_i = \sqrt[n]{\vert c \vert } \cdot (\cos\frac{(2 \cdot n-1) \cdot \pi}{n} + i \cdot \sin\frac{(2 \cdot n-1) \cdot \pi}{n}), \quad c \geq 0
x_i = \sqrt[n]{\vert c \vert } \cdot (\cos\frac{2 \cdot (n-1) \cdot \pi}{n} + i \cdot \sin\frac{2 \cdot (n-1) \cdot \pi}{n}), \quad c \leq 0
f(x) = c_n \cdot x^n + c_{n-2} \cdot x^{n-2} + c_{n-4} \cdot x^{n-4} + ... + c_4 \cdot x^4 + c_2 \cdot x^2 + c_0
Die Lösung erfolgt durch die Substitution z = x^2 \,. Hat man eine Lösung für z1 gefunden, so ist zu berücksichtigen, dass daraus zwei Lösungen für x abzuleiten sind:
x_1 = \sqrt{z_1} und x_2 = - \sqrt{z_1}
f(x) = c_n \cdot x^n + c_{n-2} \cdot x^{n-2} + ... + c_5 \cdot x^5 + c_3 \cdot x^3 + c_1 \cdot x
Hier ist offensichtlich 0 eine Nullstelle des Polynoms. Man dividiert das Polynom durch x aus und behandelt es dann wie ein Polynom (n-1)-ten Grades, welches nur gerade Potenzen von x enthält

Polynome in der abstrakten Algebra

Definition

In der abstrakten Algebra ist ein Polynom eine formale Summe der Form

f = a_n X^n + a_{n-1} X^{n-1} + \cdots + a_1 X + a_0,

wobei die Koeffizienten ai aus einem Ring R stammen und X ein formales Symbol ist.

Zwei Polynome sind genau dann gleich, wenn sie in allen Koeffizienten übereinstimmen. Polynome werden koeffizientenweise addiert und die Multiplikation ergibt sich mit dem Distributivgesetz aus den Regeln

X · a = a · X für a aus R
Xm · Xn = Xm+n für natürliche Zahlen m,n.

Stellt man Polynome durch die Folge ihrer Koeffizienten dar, dann ist das Produkt zweier Polynome die Faltung ihrer Koeffizientenfolgen.

Polynomfunktion

Indem man an Stelle von X ein Element x des Rings R einsetzt, erhält man ein Element f(x) von R als Bild. Diese Zuordnung x\mapsto f(x) ist eine Funktion von R nach R, die von f induzierte Funktion, eine Polynomfunktion.

In den Formeln wird dieser Unterschied nicht deutlich; meist schreibt man jedoch Unbestimmte als Großbuchstaben und Ringelemente als Kleinbuchstaben.

Die Unterscheidung ist jedoch wichtig, weil verschiedene Polynome dieselbe Polynomfunktion induzieren können. Ist beispielsweise R der Restklassenring \mathbb Z/3\mathbb Z, so induzieren die beiden Polynome

f(X)=X(X-\bar1)(X-\bar2)=X^3-\bar3X^2+\bar2X=X^3-X

und

g(X) = 0

beide die Nullfunktion

f(x) = g(x) = 0 für alle x\in\mathbb Z/3\mathbb Z=\{\bar0,\bar1,\bar2\}.

Für Polynome über den reellen oder ganzen Zahlen oder allgemein jedem unendlichen Integritätsbereich ist ein Polynom jedoch durch die induzierte Polynomfunktion bestimmt.

Polynomring

Die Menge aller Polynome mit Koeffizienten in einem Ring R und der Unbestimmten X bezeichnet man als R[X]. Sie ist mit der oben angegebenen Addition und Multiplikation ein Ring, der so genannte Polynomring über R .

Auch die Menge der Polynomfunktionen über dem Ring R bildet einen Ring, der jedoch nur selten betrachtet wird. Es gibt einen natürlichen Ring-Homomorphismus von R[X] in den Ring der Polynomfunktionen, dessen Kern die Menge der Polynome ist, die die Nullfunktion induzieren.

Für weitere Informationen siehe den Artikel Polynomring.

Verallgemeinerung

Allgemein versteht man jede Summe von Monomen der Form aijxij als Polynom:

P(x_0,\, \dots,\, x_n) = \sum_{i,j} a_{ij}x_i^j

Auch die Polynome in den n Unbestimmten X1 bis Xn über dem Ring R bilden einen Polynomring, geschrieben als R[X1, ..., Xn].

Geht man zu unendlichen Reihen der Form

f = \sum_{i=0}^\infty a_i X^i

über, erhält man formale Potenzreihen.

Lässt man auch negative Exponenten zu:

f = \sum_{i=-N}^\infty a_i X^i

dann erhält man formale Laurentreihen.

Siehe auch

See also: Polynom, Abstrakte Algebra, Bairstow-Verfahren, Biquadratische Gleichung, Cardanische Formeln, Definitionsbereich, Differentialrechnung, Distributivgesetz, Elementare Algebra, Exponent (Mathematik)