Popliteratur
Hinweis: Popliteratur bitte nicht verwechseln mit jenen Publikationen, die sich mit den Positionen von Popsongs in den nationalen und internationalen Hitparaden oder mit den Lebensläufen von Schlager- und Popsängern beschäftigen, wie z. B. Frank Laufenbergs "Pop Diary". Siehe Fanklubs und Fanmagazine.
Popliteratur ist eine nicht klar umrissene Literaturgattung. Zur Zeit seiner Entstehung in den 1940er Jahren drückte sie literarisch verarbeitetes Aufbegehren gegen verkrustete Strukturen der US-Gesellschaft aus. Heute bezeichnet es in der deutschsprachigen Literatur eher eine Modeliteraturszene: junge Schriftsteller, deren Hauptthema vor allem sie selbst und ihre kleinen Sorgen mitten im Luxus sind. Es gibt jedoch auch Nachfolger im Sinne der älteren Begriffsbestimmung.
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Vorläufer, Geschichte
Popliteratur geht auf die Beat Generation in den 1940er und 1950er Jahren in den USA zurück, in der sich Schriftsteller wie William S. Burroughs, Jack Kerouac und Allen Ginsberg zu einer mehr oder weniger lockeren Gruppe zusammenschlossen und zum ersten Mal das spezifische Gefühl Jugendlicher zum Ausdruck zu bringen versuchten.
Die so genannten Beatniks brachen mit den herkömmlichen dominanten Moral- und Lebensvorstellungen, versuchten durch Drogenkonsum ihr Bewusstsein zu erweitern und ihren unkonventionellen Lebensstil in einer möglichst realistischen Sprache darzustellen. Popliteratur stellte in dieser Phase den Versuch dar, Jugendlichen und ihrem subkulturellen Lebensstil eine authentische Sprache zu geben. Ein Stilmittel dafür war der Stream of Consciousness.
- Beispiele:
- Allen Ginsberg: "Howl" (1956)
- Jack Kerouac: "On the road" (1957)
- William Burroughs: "Junkie" (1953), "Auf der Suche nach Yage" (1953), "Naked Lunch" (1959)
In Deutschland wurde die Popliteratur durch den in einer christlichen Zeitschrift und zeitgleich im Playboy veröffentlichten Aufsatz von Leslie Fiedler "cross the border, close the gap" bekannt. Er forderte die Ablösung der elitären Hochkultur durch eine Literatur, die auch den Alltag mit einbezieht. Hier war es vor allem der junge, zornige und rebellische Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der in den 1960er Jahren die Anthologie Acid herausbrachte und damit die amerikanischen Popliteraten in Deutschland vorstellte. Damit platzte Brinkmann in eine, durch die restaurative Nachkriegszeit sowie durch die "politisch korrekte" Literatur der Gruppe 47 dominierte Literaturszene: sein Auftreten wirkte extrem provozierend.
Brinkmann schreibt: "Enzensbergers ablehnende Haltung gegenüber dem Statement Kerouacs kann symptomatisch genommen werden für die bekannte Unsinnlichkeit des Denkens abendländischer Intellektueller [...]. Es ist tatsächlich nicht einzusehen, warum nicht ein Gedanke die Attraktivität von Titten einer 19jährigen haben sollte, an die man gerne faßt..." (Zitat: ACID S: 384)
"Der Tot-Stell-Reflex, der die deutschsprachigen Literaturprodukte weithin kennzeichnet, äußert sich in der praktizierten hemmungslosen Tabuisierung bestimmter "Wörter", anstatt auf Wörter oder Sätze so lange draufzuschlagen, bis das in ihnen eingekapselte Leben (Dasein, einfach nur: Dasein) neu daraus aufspringt in Bildern, Vorstellungen" (Zitat: ACID S: 399)
- Beispiele:
- "Keiner weiß mehr" (1968)
- "ACID. Neue amerikanische Szene. hg. v. Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla. Reinbek (1969)
- "Rom, Blicke" (1979)
- "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin (Tagebuch) (1987)
Die historische Bedeutung der Popliteratur in Deutschland hängt mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der 1960er Jahre, den Studentenunruhen und der 68er-Bewegung zusammen. In dieser Stimmung wurde Popliteratur als eine Möglichkeit begrüßt, sich auch kulturell deutlich von der scharf kritisierten Elterngeneration abzugrenzen. Zum ersten Mal wird "Jugend" zu einem eigenständigen Lebensabschnitt mit nur ihr vorbehaltenen Subkulturen.
Gegenwart, Modeströmung "Popliteratur"
In jüngster Zeit sind vor allem Werke von Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Thomas Brussig, Rainald Goetz und Alexa Hennig von Lange für die Bewegung von Bedeutung.
Als heutige Formen popkultureller Genres in der älteren Begriffsbestimmung könnten Social Beat oder Poetry Slam gewertet werden.
Literatur
- Heinz Ludwig Arnold/Jörgen Schäfer (Hrsg.): "Pop-Literatur". München : Ed. Text + Kritik, 2003. 328 S. ISBN 3-88377-735-8 (Schriftenreihe: Text + Kritik, Sonderband 2003)
- Moritz Baßler: "Der deutsche Pop-Roman : die neuen Archivisten". Orig.-Ausg. München : Beck, 2002. 221 S. ISBN 3-406-47614-7
- Thomas Ernst: "Popliteratur". Rotbuch-Verl., Hamburg 2001. 95 S. ISBN 3-434-53519-5
- Thomas Newhouse: "The beat generation and the popular novel in the United States : 1945 - 1970". Jefferson, NC : McFarland, 2000. 193 S. ISBN 0-7864-0841-3
Weblinks
- www.berlinerzimmer.de Literatur-Foren
- www.single-generation.de Aktuelle deutschsprachige Popliteraten: Portraits, Werke und Kontexte
Siehe auch:
Kategorie:Literaturgattung
Kategorie:Literaturgeschichte
