Positivismus

Positivismus, Philosophie, die Erkenntnis auf die Interpretation "positiver Befunde" verpflichtet - das Sprechen von "positiven Befunde" ist dabei das naturwissenschaftliche, nach dem etwa eine Untersuchung von Gewebe auf Krebszellen hin einen "positiven Befund" erbringen kann, ein Ergebnis, das unter vorher definierten Untersuchungsbedingungen als Nachweis gewertet wird. Der Positivismus geht in der Namensgebung und ersten Institutionalisierung auf Auguste Comte zurück und wurde unter seinem Gründer und seinen Nachfolgern im 19. Jahrhundert vorübergehend zu einem weltumspannenden humanistischen Religionsersatz ohne transzendente Instanzen ausgebaut. Die Menschheit nimmt hier die Position Gottes ein, die Soziologie wird als Wissenschaft begründet, die sich mit der Menschheit und ihrer Organisation befaßt.

Unter den Debatten, die sich vor allem am Aufbau einer der katholischen Kirche nachgeahmten Organisationsstruktur entzündeten, erweiterte sich der Positivismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um eine unorganisierte Anhängerschaft, die sich speziell an seiner erkenntnistheoretischen Prämisse interessiert zeigte. Größten Einfluß gewann der Positivismus dabei im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Wissenschaftstheorie mit Spezialströmungen wie dem für die Entwicklung der Relativitätstheorie bedeutsam gewordenen Empiriokritizismus Ernst Machs, dem Neopositivismus und dem Logischen Empirismus des Wiener Kreises, Bertrand Russels, und Ludwig Wittgensteins, von dem aus sich eine weitere Einflußlinie in ein breites Spektrum der mit Logik und Sprache befaßten analyischen Wissenschaften des 20. Jahrhunderts erstreckt.

Eine eigene Bedeutung gewann der Positivismus in der Historik als (zumeist kritisch vergebenes) Etikett für Richtungen, in denen die Faktensammlung Selbstwert gewinne, sowie in der Rechtswissenschaft durch den Rechtspositivismus, der die Diskussion von Rechtsgrundlagen von alten Debatten der Moral und der Natur loskoppelte und die Wirksamkeit von Setzungen in den aufgebauten Gesetzeswerekn stärker betonte.

Der von August Comte begründete organisierte Positivismus

Hier müßte ein Kapitel Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hinein: Wie sah die positivistische Kirche aus, Feiertage, Zeremonien, Kalender, Organisationsstruktur? Inwieweit lebt sie fort - in Brasilien scheint es noch immer eine positivistische Organisation zu geben.

Positivismus als erkenntnistheoretische Option

Für die Erkenntnistheorie wurde der Positivismus im 19. Jahrhundert als Philosophie interessant, die fundamentale Fragen der vorangegangenen und andauernden philosophischen Debatte als unbeantwortbare "Scheinprobleme" hintanstellte. Gibt es Gott? Besteht die Welt, die wir sehen, nur aus Materie? All diese Fragen lassen sich unter der Prämisse des Positivismus, daß uns primär Sinneswahrnehmungen gegeben sind, die wir interpretieren, nicht beantworten. Positivismus, so die Wortdefinition, hatte sich an das positiv gegebene, die von uns erhobenen Daten zu halten. Deren Interpretation wurde als das eigentliche Problem definiert. Eine Wissenschaft, die sich auf die Interpetation von Daten beschränkte, würde - so die Forderung - Daten sammeln, übersichtlich ordnen und kürzestmöglich (ökonomisch) interpretieren, ohne aus dem Blick zu verlieren, daß alle ihre Aussagen genau dies blieben: praktische Interpretationen des Datenmaterials. Für das Aufkommen der modernen Physik wurde diese Option präferabel gegenüber der materialistischen, die darauf beharrte, daß alle Daten von der Materie herrührten, die auf die Sinnesorgane einwirkte - eine im Positivismus unnötige Prämisse. Sollte, so die Antwort der Positivisten um Ernst Mach zu Beginn des 20 Jahrhunderts im Streit mit Lenins Schrift gegen den Empiriokritizismus, irgendein Beschreibungsmodell die Datenlage besser fassen, als das einer dreidimensionalen Materie, so würden die positivistisch arbeitende Naturwissenschaftler das bessere Beschreibungsmodell wählen. Albert Einstein notierte hierin später eine Voraussetzung seiner Entscheidung für einen vierdimensionalen Raum als das in der Astronomie überlegene Modell.

Ludwig Wittgensteins Veröffentlichungen betteten sich im frühen 20. Jahrhundert in das Diskussiongefüge ein mit ihren Erwägungen zu den logischen Grenzen sinnvoller Aussagen. Hatten die Positivisten des 19. Jahrhunderts die phiosophische Debatte von den Dingen weg auf die Interpretation der Daten gelenkt, so konzentrierte sich die neue Debatte auf die Aussagen, in denen jede Interpretation von Daten geschehen mußten: Wann können Aussagen als verifizierbare eingestuft werden, welche Grenzen ergeben sich daraus rein logisch innerhalb aller für verifizierbar erachteten Aussagen, so die grundlegende Problemstellung des Tractatus Logicus, dem Wittgenstein in den folgenden Jahrzehnten ein weiteres Nachdenken darüber nachsetzte, wie im Spracherwerb und Sprachgebrauch Bedeutung von Srache entsteht.

Siehe auch: Rechtspositivismus, Positivismusstreit, Polnischer Positivismus

See also: Positivismus, Albert Einstein, Auguste Comte, Bertrand Russel, Empiriokritizismus, Ernst Mach, Lenin, Logischer Empirismus, Ludwig Wittgenstein, Materialismus