Prägung (Verhalten)

Prägung nennt man in der Ethologie eine besondere Lernmethode: Während eines meist relativ kurzen, genetisch festgelegten Zeitabschnitts werden Reize der Umwelt derart dauerhaft ins Verhaltensrepertoir aufgenommen, dass sie später wie angeboren erscheinen.

Prägung ist also dadurch gekennzeichnet, dass sie nur in einer sensiblen Lebensphase ablaufen kann, nicht nachholbar, unwiderruflich, besonders schnell und effektiv ist und dadurch, dass der Inhalt des Lernens eng begrenzt ist. Im Rahmen der Instinkttheorie wird das Phänomen Prägung gedeutet als die Aneignung eines Schlüsselreizes durch Lernen.

Es gibt grundsätzlich zwei Prägungsformen. Bei der Objektprägung wird das Tier auf ein Objekt geprägt, etwa auf einen Artgenossen. Bei der motorischen Prägung eignet sich das Tier eine Handlung an, zum Beispiel bei manchen Vogelarten den Gesang. Unterscheiden lassen sich ferner Nachfolgeprägung, Biotop-Prägung, Ortsprägung, Nahrungsprägung und sexuelle Prägung.

Diesen "blitzartigen Lernvorgang" (Katharina Heinroth, 1988), beschrieb Oskar Heinroth 1911 mit den Worten, der Beobachter entwickle die Vorstellung, dass die in einem Brutapparat schlüpfenden Küken "einen wirklich in der Absicht ansehen, um sich das Bild genau einzuprägen". Später, in den 1930er Jahren, wurde das Phänomen Prägung vor allem von Konrad Lorenz genau definiert, ausführlich beschrieben und in zahlreichen Versuchen vor allem mit Vögeln untersucht. Bekannt geworden ist Lorenz daher u.a. als "Vater der Graugänse": Unmittelbar nach dem Schlüpfen prägen sich Graugans-Küken in der Natur normalerweise das Erscheinungsbild ihrer Mutter ein. Lorenz sorgte aber wiederholt dafür, dass nur er selbst sich nach dem Schlüpfen von Küken in deren unmittelbarer Nähe aufhielt. Dies hatte zur Folge, dass die Küken auf Lorenz geprägt wurden und ihm nachfolgten, wohin auch immer er lief.

Das englische Wort für Prägung ("imprinting") wird heute in der Genetik auch in einem gänzlich anderen Zusammenhang benutzt.

"Je näher man einen Begriff anschaut, desto ferner blickt er zurück."

Als Konrad Lorenz 1973 der "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" verliehen wurde, stellte man in der offiziellen Begründung besonders seine Verdienste um die Erforschung der Prägung heraus. Das war zumindest kurios wenn nicht gar leichtfertig, denn Lorenz hatte sich bereits 1935 in seinem hervorragenden Frühwerk "Der Kumpan in der Umwelt des Vogels" ausdrücklich auf die wichtigen Vorarbeiten von Oskar Heinroth bezogen und, dessen oben zitierte Wortwahl aufgreifend, den Begriff "Prägung" geprägt - eine wirkliche wissenschaftliche Entdeckung hatte Lorenz hinsichtlich des Phänomens Prägung aber gewiss nicht vollbracht.

Auch wenn selbst seine Frau Katherina Heinroth (1988) und viele andere im deutschen Sprachraum ihm die Entdeckung des Phänomens zugeschrieben haben: Oskar Heinroth hatte einen wissenschaftlichen Vorgänger, und zwar den in London geborenen Briten Douglas Alexander Spalding (ca. 1840-1877), der diese besondere Lernmethode im Februar 1873 zwar wissenschaftlich korrekt beschrieb, aber in Macmillan's Magazine doch eher versteckt und ohne vertiefende Experimente durchzuführen. Gleichwohl wurde diese Veröffentlichung 1890 von William James in seinen "Principles of Psycholoy" (Chapter XXIV, Instinct, The law of inhibition of instincts by habits) ausführlich und sehr wohlwollend zitiert, und Spalding gilt daher im englischen Sprachraum gelegentlich als der "eigentliche" Entdecker der Prägung.

Das wiederum ist selbst aus britischer Sicht kaum nachvollziehbar, denn die historische Spur der vermeintlichen wissenschaftlichen Erstbeschreibungen reicht mindestens zurück bis nach Utopia, also ins frühe 16. Jahrhundert. Bei Thomas Morus heißt es nämlich wörtlich über die landwirtschaftlich tätigen Utopier: "Geflügel ziehen sie in unendlicher Menge auf, und zwar mit Hilfe einer erstaunlichen Einrichtung: Die Hennen brüten nämlich die Eier nicht selbst aus, sondern man setzt eine große Anzahl von Eiern einer gleichmäßigen Wärme aus, erweckt so das Leben und zieht die Küken auf. Sobald diese aus der Schale geschlüpft sind, laufen sie hinter den Menschen her wie hinter der Glucke und sehen sie als diese an." (nachzulesen u.a. in: "Der utopische Staat". 1960: Reinbek, S. 50)

Es mag sein, dass man bei noch gründlicherer Recherche am Ende bei den alten Römern, Griechen und Ägyptern landet, denn das Wissen, dass speziell Enten gelegentlich unzuverlässige Brüter sind und man deren Gelege dann am besten einer Henne unterschiebt, um es nicht zu verlieren, dürfte fast so alt sein wie die Tierzucht.


siehe auch:

Literatur

Weblinks


Kategorie:Verhaltensbiologie Kategorie:Wahrnehmung

See also: Prägung (Verhalten), Douglas Alexander Spalding, Ethologie, Imprinting, Instinkttheorie, Katharina Heinroth, Konrad Lorenz, Lernverhalten von Pferden, Oskar Heinroth, Schlüsselreiz