Prophet Amos
Amos, Gestalt des gleichnamigen Buches: alttestamentlicher Prophet aus Juda, der im 8. Jahrhundert v. Chr. in Israel predigte.
Amos wirkte in der Zeit von Jerobeam II. von Israel, der etwa 787-747 regierte und trat gegen soziale wie religiöse Misstände auf. Er ist der älteste der sog. Schriftpropheten.
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Herkunft
Von Amos ist überliefert, dass er als Schafhirte (noqed) oder sogar Herdenbesitzer in einem kleinen Ort namens Tekoa, wahrscheinlich südlich von Betlehem bei der Wüste Juda (also im Südreich Juda) wohnte, als JHWH ihn beaufragte, im Nordreich zu verkünden.
Hier und da wird in der Literatur auch angenommen, Tekoa hätte in Galiläa gelegen und Amos sei erst im Vollzuge seiner Ausweisung nach Juda gekommen; diese Annahme würde zumindest die größeren Kenntnisse über den israelitischen Kultus einsichtiger werden lassen, spräche aber gegen den »einfachen« Schafhirten. Möglich ist auch, dass es sich bei Amos um ein Kunstprodukt handelt, das evtl. aus mehreren Quellen kompiliert wurde.
Die großisraelitische Einstellung des Amos steht und fällt aber kaum mit der historischen Zuweisung seines Wohnortes, da, auch wenn die aktive Verkündung von Jahwe auf das Nordreich eingeschränkt wird, der Geltungskreis der Worte Amos' immer schon auf das ganze Volk Israel bezogen sein will. (Es ist zwischen der Bedeutung »Israel« als »Nordreich« und als »Gesamtheit des erwählten Volkes« zu unterscheiden).
Wirkung
Wirkungsort
Die Wirkungsweite der Prophezeiungen erstreckte sich von Dan über Bet-El als Mitte Israels bis Beerscheba. Besonders intensivem heimsuchenden Wirken JHWH sah Amos Bet-El und (weniger bedeutend) Gilgal ausgesetzt. In einem zweiten Kreis wurde dann Beerscheba (das judäisch war) und Dan genannt. Einzig Jerusalem schien unter den grösseren Heiligtümern des Volkes nicht explizit bedacht worden zu sein.
Amos trat nach der Überlieferung nur in der Nordreich-Hauptstadt Samaria und danach im Nationalheiligtum Bet-El auf, bevor er, vom Oberpriester Amazja dem König Jerobeam II. angezeigt, wieder nach Juda verschwand und seine Geschichte aufschrieb (?). (Dieser Weg des Amos von Norden nach Süden spräche für die Annahme, Amos käme aus Galiläa (K.Koch)). Während seines öffentlichen und überlieferten Auftretens grenzte Amos sich mehrfach von einem institutionellen (Kultstätten-)Propheten (nabi) ab, der mit seiner Tätigkeit seinen Lebensunterhalt zu finanzieren hat. Ein solcher nabi - oftmals waren mehrere in Gruppen oder (/und?) einer kultischen Institution zusammengeschlossen - unterlag dem ökonomomischen Zwang zur Prophetie. Amos hingegen nannte sich einen (mit gesichertem Lebensunterhalt von JHWH berufenen) Seher (?) (chosä).
sozio-ökonomische Voraussetzungen
Grund des Aufretens Amos' sowie der in seinen Auftritten verkündeten Heimsuchung JHWH war das Vorhandensein tiefer sozial-zwischenmenschlicher und damit widerreligiöser Misstände. Das Nordreich befand sich unter Jerobeam II. - ebenso wie das Südreich - in einer Situation äußerer Befriedung und inneren Wohlstandes. Gerade an diesem Wohlstand aber partizipierten nur Wenige. Wahrscheinlich ist, dass diese Prosperität erreicht wurde auf Kosten von Kleinbauern (dallim), die ihr Land und somit nicht nur ihre wirtschaftliche, sondern auch ihre rechtliche Eigenständigkeit verloren. (dallim meinte bei Amos aber wahrscheinlich dennoch "Kleinbauer" ohne die erst allmählich hinzutretende Bedeutung "Verarmter").
Zudem waren im Vollzug der 'Urbanisierung' zunehmend die Sippen- und Stammesstrukturen als gesellschaftlich konstitutive Grössen einem Klassensystem von (schon) Verarmten, Kleinbauern und Großgrundbesitzern (zu welchen auch die herrschende Aristokratie und der Klerus zählen) gewichen. Die fortschreitende Ausbeutung und Verarmung von Kleinbauern und die Polarisation des einen Volkes, dem JHWH das verheissende Land gegeben hatte, in nunmehr viele Arme (Landlose) und wenige Reiche (Landbesitzer) war also der Angriffspunkt der Kritik des Amos.
Kultkritik und Sozialkritik
Die manchmal zu findende exegetische Einteilung der Worte Amos' in sozialkritische und kultkritische kann also nur eine operante sein, ist es doch das dem ganzen Volke Israel JHWH-gegebene Land, für das als Erfüllung der Väterverheissungen in den Kultfeiern gedankt wird - an Kultorten, die als die Symbole der Landnahme und Landgabe als vollzogene Heilsgeschichte gelten und die zudem nach altem israelitischen Denken mit einer besonderen JHWH-Präsenz versehen waren: Wurde JHWH doch kein »transzendentaler« Gott im Himmel, sondern als eine alles durchwirkende und so an heiligen Stätten nahezu personal gegenwärtige Macht vorgestellt. (Das gleiche Lexem migdasch steht für das (konkrete) Heiligtum und die (abstrakte) Heiligkeit JHWH, so wie es auch gänzlich unproblematisch war, wenn JHWH in der ersten Prophezeihung neben dem Altar in Bet-El erschien).
Daher scheint es für Amos auch der grösste Frevel gewesen zu sein, dass die, die JHWHs Gebote und die ihnen auferlegte Verpflichtungen missachteten, die ihre Volksgenossen in die Armut oder Versklavung trieben, indem sie ihnen ihr Land nahmen, sich dann in Bet-El und an anderen Kultstätten trafen, um JHWH für das dem Volke gegebene Land feierlich zu danken.
Dabei traten die Kritisierten nicht etwa heuchlerisch an den Heiligtümern JHWH gegenüber, sondern feierten vielmehr einen längst zum hohlen Ritus verkommenes Fest, in dem der innere Widerspruch schon nicht mehr erfahrbar war. Auch Bet-El, von dem aus sich das »schwärendes Unheil« (awän) sich über das Land ausbereitete, stand daher letztlich pars pro toto für den verderbten Kult an sich.
So zeigt diese Position des Amos, dass es weder um eine Kritik des Kultes als solchem, noch um eine Demokratisierung des israelitischen Staatengefüges geht. (Es blieb bspw. dem König in seiner besonderen Machtposition auch eine besondere Verantwortung erhalten, auf die hin er von JHWH zur Rechenschaft gezogen wurde). Amos Motivation ist vielmehr das Vergehen an den in Erwählung, Verheissung und Landgabe liegenden Verpflichtungen zu kritisieren, das als »frevlerische (bewusste) Auflehnung« (päscha) gegen JHWH verstanden werden musste und so den geschauten Unterganges des Volkes Israel als Strafe Gottes (oder zumindest als Aufkündigung der Exklusivität der Stellung Israels) erklärte.
Siehe auch
Literatur
- J. Jeremias, Der Prophet Amos; (=ATD 24/2), Göttingen 1995
