Rallye
Die Rallye [ˈræli] ist eine Form des Motorsports, bei der auf normalen Verkehrsstraßen oder auch Feld- und Waldwegen Rennen mit Autos, selten aber auch mit Motorrädern stattfinden.
Die deutsche Schreibung des englischen Begriffs Rally (der aber verschiedene Bedeutungen hat!) ist Rallye. Der Duden definiert Rallye auch als Autosternfahrt. Diese Bedeutung ist jedoch weitgehend veraltet, allerdings wurde die historische Rallye Monte Carlo von verschiedenen Startorten aus begonnen. Deutsche Teilnehmer etwa starteten in Bad Homburg. Erst in Frankreich traf man sich dann, um dort gemeinsame Fahrtests durchzuführen. Dabei entwickelte sich der Charakter von einer touristischen Orientierungsfahrt – zur Belebung des Fremdenverkehrs auch im Winter (die Monte findet alljährlich im Januar statt) – über eine Zuverlässigkeitsprüfung bis hin zum heute üblichen Wettbewerb mit dem Ziel, möglichst viele Bestzeiten zu erringen.
Eine Rallye gliedert sich in Verbindungsetappen im öffentlichen Straßenverkehr, bei denen sich alle Teilnehmer strikt an die gültigen Verkehrsregeln halten müssen (Kontrolle u. a. über die Vorgabe von Sollzeiten), und den Wertungsprüfungen (WP), bei denen auf eigens abgesperrten Straßen und Wegen (asphaltiert oder geschottert, im Winter aber auch auf Schnee bzw. Eis) jedes Fahrzeug einzeln unterwegs ist und seine Besatzung dabei versucht, die jeweilige Bestzeit zu fahren.
Charakteristisch für eine Rallye ist der Beifahrer, der auf den WPs mittels eines zuvor bei Besichtigungsfahrten erstellten Aufschriebs (das so genannte Gebetbuch) dem Fahrer Meterangaben und Kurvenradien sowie Sprungkuppen, Belagwechsel und alle sonstigen Besonderheiten der Fahrbahn ansagt (bzw. "vorbetet"). Zudem kümmert sich der Copilot um die für dieses Team richtige Zeitnahme und lässt am Beginn und Ende jedes Abschnitts die Bordkarte (= Kontrollkarte der Rallye-Organisatoren) abstempeln.
Eine globale Serie von derzeit 16 Rallyes ist mit ihren vielfältigen Wertungsprüfungen in der FIA Rallye-Weltmeisterschaft zusammengefasst, darunter die wohl älteste Rallye der Welt, die berühmte und traditionsreiche Rallye Monte Carlo.
Rallye Raid und Rallye 200
Keine Rallye im heutigen Sinne ist das berühmte Wüsten-Langstreckenrennen Paris-Dakar. Hierbei handelt es sich um eine so genannte Rallye Raid, bei der im Gegensatz zur normalen Rallye nicht auf abgesperrten Pisten, sondern überwiegend im freien Gelände (bzw. off road oder cross country) gefahren wird. Zudem fahren bei einer Rallye Raid verschiedenartigste Gefährte mit, meist Geländewagen oder Buggys, zudem Motorräder, LKW bzw. Trucks und Quads.
Als Breitensportveranstaltung für Amateure gibt es in Deutschland eine Vielzahl so genannter Rallye 200, bei denen eine Gesamtdistanz von ca. 200 km zurückgelegt wird, davon ca. 35 km in den zumeist sechs Wertungsprüfungen zu je ca. 6 km. Teilnehmen kann jedermann für rund 100 Euro Startgebühr mit einem straßenzugelassenen Auto, das mit einem Überrollkäfig und Handfeuerlöscher ausgerüstet ist. Gefahren wird meist auf Feldwegen, Waldwegen, in Weinbergen, Kiesgruben, Industriegebieten oder auf Truppenübungsplätzen. Um den Aufwand an Helfern zu begrenzen gibt es zumeist nur drei WPs, die vormittags in langsamer Fahrt besichtigt und nachmittags im Wettbewerb jeweils zweimal im Renntempo befahren werden.
Rallye-Ableger
Der Rallyesport ist auch die Wurzel des Rallycross. Am 4. Februar 1967 ließ man auf der speziell dafür präparierten Rennstrecke Lydden Circuit (zwischen Dover und Canterbury in Kent, England) eingeladene Rallyefahrer erstmals in Vierergruppen bei kurzen Sprintrennen für eine TV-Produktion der ITV im direkten Vergleich gegeneinander antreten (Sieger wurde der Formel-1-Pilot und spätere Monte-Gewinner Vic Elford). Dadurch hoben die Veranstalter einen gänzlich neuen Autosport namens Rallycross aus der Taufe, in dem aber schon bald darauf die Rallye-Werkspiloten von nun schnell heranwachsenden echten RX-Spezialisten abgelöst wurden. Der erfolgreichste Ex-Rallycrosser der Rallye-Szene ist der Rallye-Weltmeister des Jahres 2003, der Norweger Petter Solberg. Der heutige "Mister Hollywood" war in den frühen 1990ern in der Nationalen Norwegischen Rallycross-Meisterschaft für einige Jahre fast unschlagbar, bis er dann 1997 endgültig zum Rallyesport wechselte.
Als die Geburtstunde aller Rallyesprints darf man vermutlich die so genannte Mini Monte von Brands Hatch in England betrachten. Im Februar 1963 ließ ein gewisser Raymond Baxter, der für das Sports Department der BBC tätig war, auf den Parkplätzen der südlich von London gelegenen Rennstrecke eine Serie von Mini Rally Stages (= Mini-Wertungsprüfungen) abstecken. Ein einzelnes Auto kämpfte damals an einem recht nebligen Tag zur Gaudi hunderttausender Fernsehzuschauer sowohl gegen das von Schneematsch und Schlamm arg deformierte Gelände, als auch die Stoppuhr der Zeitnehmer. Am Ende ging der Sieg an den Finnen Timo Mäkinen, der sein Rallye-Werksauto, einen Austin Healey 3000, als Schnellster über die äußerst rutschigen Pisten bewegt hatte. Erst einige Jahre später wurden derartig komprimierte Rallyes unter dem Namen Rallyesprint zu einer ganz neuen Autosport-Disziplin. Während die Briten sie z. B. auf der Rennstrecke Donington Park (hier traten dabei Rallye- und Rundstreckenfahrer mit gleichwertigen Fahrzeugen gegeneinander an und mussten sich auf Asphalt- und Gras- bzw. Schotterabschnitten bewähren) auch weiterhin gerne zur Unterhaltung des TV-Publikums organisierten, entwickelten sich diese Rallyesprints in vielen anderen Ländern zu einer völlig eigenständigen Rennsportart. Häufig wird dabei nur eine einzige Rallye-Wertungsprüfung gleich mehrfach absolviert und nicht selten beim zweiten Durchgang einfach in der entgegengesetzten Richtung befahren.
Im Rahmen der Motor Show von Bologna in Italien veranstalteten die Organisatoren im Dezember 1985 das erste Show-Rennen von Rallyefahrern unter dem Begriff Formula Rallye. Zum Gedenken an den einige Monate zuvor tödlich verunglückten Rallye-Piloten Attilio Bettega wurde es in dessen Heimatland als Memorial Bettega zu einem über Jahre anhaltenden Erfolg. In einer von rund 50.000 Zuschauern besetzten Arena hatte man einen "Mickymaus-Kurs" angelegt, auf dem sich jeweils zwei Akteure (von verschiedenen Startplätzen aus ins Rennen gehend) durch ein Knock-out-System über Vorrunden, Viertel- und Halbfinale im Finale um den Gesamtsieg stritten. Der amtierende Weltmeister Timo Salonen aus Finnland stellte seine Dominanz und die seines Peugeot 205 T16 E2 eindeutig unter Beweis und schnappte seinem Landsmann Markku Alén im Lancia Delta S4 (und somit auch dem italienischen Hausherrn Lancia) den ersten Sieg vor der Nase weg. Als Formula Rallye Germany kam dieser Rallye-Sprössling im September 1987 auch nach Deutschland und konnte sich für einige Jahre auf dem Gründautalring in der Nähe von Frankfurt etablieren.
Als eine gelungene Mischung oder Kreuzung dieser drei Rallye-Ableger Rallycross, Rallyesprint und Formula Rallye kann man auch das von der früheren Rallye-Werksfahrerin Michèle Mouton und ihrem Ehemann Frederik Johnson im Jahre 1988 ins Leben gerufene lukrative Stadion- und Medien-Spektakel namens Race of Champions betrachten.
Last, not least haben auch zumindest die in Frankreich derzeit überaus populären Eisrennen der so genannten Trophée Andros ihre Wurzeln im Rallyesport. Bereits in den 1970ern wurden in den französischen Seealpen in den Wintersportzentren Serre Chevalier und Chamonix PKW-Eisrennen mit damals aber noch relativ bescheidenen Rallyeautos bestritten. Später entwickelten die Teilnehmer dafür jedoch weitaus effizientere Fahrzeuge, für die Andros-Trophäe letztendlich fast ausschließlich sehr potente Prototypen mit u. a. Allradantrieb und einer Synchron-Lenkung der Vorder- und Hinterachse. Während die 24 Stunden von Chamonix für lange Zeit eine völlig eigenständige Veranstaltung war (in der meist jedoch "nur" sechs Rennen von jeweils 40 Minuten Länge innerhalb von 24 Stunden bestritten wurden), die aber mit der missglückten FIA-"Weltmeisterschaft" namens Ice Race Series International (IRSI) im Januar 2004 wieder vom Terminkalender verschwand, ist es um die Andros-Serie seit vielen Jahren glänzend bestellt. Initiiert wurde sie vom Ex-Rallycrosser Max Mamers (Französischer Rallycross-Meister 1982 und 1983) in Kooperation mit dem Dauer-Sponsor Andros (ein Kompott- und Konfitüren-Hersteller) und erfreut seitdem in jedem Winter zigtausende Zuschauer an den Eispisten in Frankreich und darüber hinaus hunderttausende Fernsehzuschauer in aller Welt.
