Rassismus

Rassismus wird unterschiedlich definiert. So schreibt etwa Albert Memmi: "Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden des Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen". Er betont damit einerseits den sozialen und andererseits den ideologischen Charakter rassistischer Diskriminierung. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass "die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied" abstellt und das "biologische Merkmal" manchmal nur "undeutlich ausgeprägt" wäre oder sogar "fehlt". Damit wird deutlich gemacht, dass der auf angeblich natürliche und körperlich sichtbare Rassenunterschiede abzielende moderne Rassismus nur eine Variante rassistischer Diskriminierung darstellt.

Robert Miles hingegen versteht unter Rassismus einen "Prozess der Konstruktion von Bedeutungen", durch den "bestimmten phänotypischen und/oder genetischen Eigenschaften von Menschen Bedeutungen dergestalt zugeschrieben werden, dass daraus ein System von Kategorisierungen entsteht", in dem den Betroffenen "zusätzliche (negativ bewertete) Eigenschaften zugeordnet werden". Auch diese Definition betont den ideologischen Aspekt des Rassismus. Gleichzeitig verknüpft sie ihn aber eng mit dem "Prozess der Rassenkonstruktion" und beschränkt ihn so auf seine moderne Variante. Um letztlich unproduktiven idealtypischen Begriffsstreiterein zu entgehen, ist deswegen von Stuart Hall und anderen vorgeschlagen worden, generell von Rassismen zu sprechen und ihre jeweiligen Erscheinungsformen verstärkt konkreten historischen Analysen zu unterziehen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffliche Dimensionen

In der aktuellen Rassismusdiskussion besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass die kategoriale Verknüpfung von Rassismus und Rasse nicht unabdingbar ist und dass Rassismus in einem komplexen Diskriminierungszusammenhang zum Ausdruck kommt, in dem sich die Kategorien Rasse, Klasse, Geschlecht, Nation und Kultur verbinden.

Rassismus und Rasse

Seit Martin Barker den 'new racism' untersuchte, haben sich Vorstellungen eines differentialistischen oder kulturalistischen Rassismus ohne Rassen durchgesetzt und sind von Autoren wie Etienne Balibar, Pierre-André Taguieff u. a. theoretisch weiterentwickelt worden. Damit sind rassistische Argumentationen gemeint, die auf den Rassenbegriff verzichten und statt dessen angeblich fundamentale und unüberbrückbare kulturelle Differenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen betonen. Ihre Untersuchung hat die Erkenntnis vertieft, dass die Menschenrassen selbst keine Produkte der Natur, sondern soziale Konstruktionen sind. Das heißt nicht, dass sie reine Erfindungen wären, sondern verlangt, sie als soziale Tatsachen zu verstehen, die sich aus unterschiedlichen Elementen wie tatsächlichen oder imaginierten körperlichen Eigenschaften, unterstellten kulturellen Fähigkeiten oder zugeschriebenen ästhetischen Merkmalen zusammensetzen. Selbst die bis heute verbreitete Einteilung der Menschen in Schwarze, Weiße, Rote und Gelbe ist eine solche Konstruktion. So zeigte Walter Demel, wie die Chinesen 'gelb' gemacht wurden, beschrieb Alden T. Vaughan die Verwandlung der Indianer in 'Rothäute' oder verfolgte Wulf D. Hund die Entwicklung des europäischen Afrikanerbildes vom 'Äthiopier' der Antike über den 'Mohren' des Mittelalters zum 'Neger' der Neuzeit.

Rasse, Klasse, Geschlecht, usw.

In der Encyclopedia of Race and Ethnic Studies heißt es unter dem Stichwort 'Other': "The main axis of difference is the Big Three of race, class, and gender. Representations of racial (ethnic, national) others often overlap with those of women and lower-class people". Damit wird auf die ideologischen Verbindungen verschiedener Kategorien sozialer Diskriminierung verwiesen. Der moderne Rassismus hat die von ihm konstruierten Rassen nicht nur biologisch qualifiziert, sondern auch anderen sozialen Differenzierungen unterzogen: Der vermeintlich spärliche Bartwuchs der Indianer wurde als Beweis für ihren weiblichen Charakter genommen; der europäische Kolonialismus und Imperialismus wurde zur 'Last des weißen Mannes' stilisiert, der sich den Mühen unterziehen müßte, die angeblich kulturlosen farbigen Rassen zu zivilisieren; Juden wurden zum Staat im Staate und damit zu Fremdkörpern in völkisch begriffenen Nationen erklärt, um ihre staatsbürgerliche Gleichstellung zu hintertreiben oder in Frage zu stellen; usw...

Allgemein

Diese Form der Unterdrückung und Ausbeutung ist besonders seit Beginn der Neuzeit dokumentiert. Ihre historisch bekannten Wurzeln (Metöken) reichen aber mindestens in die Antike zurück. Der moderne Rassismus bildete sich in der Folge der Aufklärung im 18ten Jahrhundert heraus. Führende Theoretiker der westlichen Welt versuchten, die rassischen Unterschiede wissenschaftlich zu erklären. Ausgehend von der generellen Annahme, dass die menschlichen Rassen feststehende und unveränderbare Merkmale aufweisen würden, wie dies etwa Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel postulierten, entwickelte sich der moderne Rassismus, der bestimmten Rassen ihre Vollwertigkeit als Menschen absprach. Einer anderen Gruppe von Menschen wird damit abgesprochen, auf derselben Stufe zu stehen wie man selbst, und es wird ihr zudem abgesprochen, diese Stufe verlassen zu können.

Der Rassismus ist gegen den Begriff der Intoleranz abzugrenzen: verschiedene Formen kultureller oder religiöser Intoleranz führen zwar auch zu Ablehnung und Unterdrückung, anders als beim Rassismus aber wird die Differenz aber nicht als erblich und unveränderbar betrachtet. Durch die religiöse Konversion oder die Annahme einer anderen kulturellen Identität sei eine Integration unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen möglich.

Rassismus ist ein weltumspannendes Phänomen, dass u.a. mit der Hybris von Menschen auf der einen, und mit der Gehorsamkeit von Menschen auf der anderen Seite zu tun hat. Stereotype Vorurteile, Illusionen und Klischees begleiten in der Regel diese Attitüden. Es ist deshalb zuwenig, dieses Phänomen nur auf "Exoten" anzuwenden. Rassismus betrifft generell das Verhältnis gegenüber dem "Anderen" und "Fremden". Mobbing gehört gewissermaßen in dieselbe Kategorie. Wobei es immer um eigene existentielle Ängste geht, die man verdrängt, indem man scheinbar oder offensichtlich Schwächere mehr oder weniger drangsaliert. Man sucht sich, wie schon die biblische Metapher von Kain und Abel zeigt, sogenannte Prügelknaben oder Sündenböcke zur Bewältigung des eigenen Alltags. Es geht also nicht nur um Menschengruppen, sondern auch um Aggression und Ausgrenzung gegenüber dem Einzelnen.

Die willkürliche Einteilung von Menschen in besondere Gruppen, die sich abgrenzen, ist uralt. Aber erst die Neuzeit hat versucht, Rassismus wissenschaftlich zu begründen. Die moderne Biologie und Genetik im Gefolge von Charles Darwin schien dazu Anhaltspunkte zu liefern. Die biologische Ableitung von Rassen ist jedoch gerade durch Darwins Entdeckungen gescheitert. (Ausstellung: "Alle verwandt, alle verschieden" von Ninian Hubertus van Blyenburgh).

Die faschistischen Aufregungen darum genügten allesamt keinen wissenschaftlichen Kriterien. Seit 1995 (Unesco, Deklaration von Schlaining) wird nicht nur jede genetische, sondern auch jede soziologische Ableitung der Kategorie "Rasse" nachvollziehbar in Frage gestellt:

Würde man die Welt auf den Spuren der Urmenschen ("Out of Africa-Theorie") erwandern, könnte man selbst leicht feststellen, dass es keine sprunghaften, also "rassenkonforme" Veränderungen gibt, sondern, dass die Übergänge bei Hautfarbe, Physiognomie und Habitus, genauso wie auch die Kulturen, fließend sind. Michael Stanzer

Die Verknüpfung von Körpermerkmalen mit Charaktertypen und deren Rangordnung ist also eine völlig willkürliche Wertung. Rassismus ist damit als unwissenschaftliche Ideologie anzusehen. Diese ist interessengeleitet und dient der Ab- und Ausgrenzung von anderen Menschen.

Nach 1945 trat offener Rassismus in der Wissenschaft zurück. Er wurde aber dennoch sozialpolitisch weiter vertreten und fälschlicherweise als Sozialdarwinismus verharmlost. Der kulturalistische "Neorassismus" versucht, die "Kultur" als gruppenspezifisch geprägten menschlichen Umgang mit der Umwelt zum natürlichen, unveränderlich der Person anhaftenden Merkmal zu erklären.

Diverse sozialwissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass auch diese Neuauflage des Rassismus wissenschaftlich unhaltbar ist: Personen können neue Umgangsformen entwickeln, ihr Umfeld wechseln oder ihren Umgang damit verändern (siehe Migration, Integration, Multikulturalismus).

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie im Grunde rassistisch denken und handeln. Sie sind u.a. deshalb für eine empirische Überprüfung ihrer Annahmen meist unzugänglich, was den wahren "Clash of Cultures" bedeutet. Denn sie verallgemeinern und verabsolutieren reale oder fiktive Unterschiede zu Werturteilen, um soziale Privilegien zu rechtfertigen. Dahinter stehen oft irrationale unbewusste Ängste vor "Überfremdung", Prestige- und Machtverlust. Diese werden in Form von Aggression gegen Andere kompensiert und abzubauen versucht. Deshalb gefährdet Rassismus das menschliche Zusammenleben in jeder Gesellschaftsform.

Noch gefährlicher ist allerdings die Instrumentalisierung dieser Ängste zum Erlangen und Ausüben von Herrschaft. Solche Absichten geben dem Rassismus oft erst das soziale Umfeld, in dem er gedeihen kann. Sie tarnen sich selbst als "tolerant" und vermeiden rassistisches Vokabular zu Gunsten von unverfänglicheren Begriffen wie "Kulturunterschieden" (Rassismus ohne Rassen). So werden rassistische Verhaltensmuster verharmlost und zu "berechtigten Anliegen" aufgewertet, um eigene politische Zwecke zu

Formen von Rassismus

Geschichte 1 (international)

Obschon rassistische Praktiken und der Kampf gegen sie recht alt sind, ist der Begriff Rassismus selbst relativ jung. Er wurde im Bezug auf die NS-Rassenlehre bzw. die politische Auseinandersetzung mit völkischen Theorien im Deutschland der 20er und 30er Jahre geprägt. Erstmals wurde der Begriff vom Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in einer im englischen Exil publizierten Schrift verwendet. Die erste Definition stammt von der Amerikanerin Ruth Benedikt, deren Buch "Rassismus" 1946 erstmalig in deutscher Sprache erschien. Seither hat es zahlreiche Versuche der Neudefinition gegeben, denen eine Tendenz gemeinsam ist: Je moderner eine Definition ist, desto weniger spielt die Existenz von Rassen im biologischen Sinne eine Rolle. Ist in den ersten Definitionen noch die Existenz von Menschenrassen unumstritten und Rassismus eine Form der Verfolgung oder Selbstbeweihräucherung tatsächlicher biologisch gedachter Gruppen, so verschwindet die Bedeutung der Biologie in modernen Definitionen nahezu.

Im 20. Jahrhundert haben sich in vielen Ländern ausgeprägte Formen des modernen Rassismus herausgebildet, die zum Teil zu offiziellen Ideologien der jeweiligen Staaten wurden - Beispiele sind:

Europäische Antike

Die Frage, ob es im alten Griechenland und im alten Rom Rassismus gegeben hätte, wird unterschiedlich beantwortet. Autoren wie David Theo Goldberg oder George M. Fredrickson verneinen sie mit dem Hinweis, die Antike hätte keinen Rassenbegriff gekannt und deshalb auch keinen Rassismus hervorbringen können. Autoren wie Christian Delacampagne oder Benjamin Isaak sind anderer Auffassung und betonen, dass 1) dem Rassenbegriff analoge ideologische Konstruktionen existiert hätten und 2) Rassismus ohnehin im Kern kulturalistisch argumentieren würde. Beide verweisen ausführlich auf Aristoteles' Konstruktion des Barbaren und die mit ihr betriebene Legitimation der Sklaverei. Barbaren wurde ein minderes Menschsein zugeschrieben, weil sie nur bedingt über Vernunft verfügten. Hinsichtlich der damit verbundenen Körperlichkeit meinte Aristoteles, dass auf die Natur leider kein Verlaß wäre. Sie gäbe sich zwar Mühe, die Körper von Freien und Sklaven verschiedenen zu gestalten, doch hätte sie damit oft keinen Erfolg. Die ihnen zugeschriebene Minderwertigkeit konnte man den Barbaren also nicht unbedingt ansehen. Eine andere Dimension rassistischer Diskriminierung existiert hingegen schon in der Antike, insbesondere im alten Sparta, in einer Form, die sich bis in die Neuzeit erhält: die eugenische Bestreitung des Existenzrechtes für angeblich schwaches oder lebensunwertes Leben.

China, Indien, Japan

In Asien gibt es ebenfalls weit zurückreichende Formen rassistischer Diskriminierung, die klassenbezogene und kulturbezogene Grundlagen hatten und ohne Rassenbegriff funktionierten. Die Chinesen entwickelten schon Jahrhunderte vor den Griechen kulturalistische Vorstellungen von Barbaren. Nachdem sie ursprünglich davon ausgingen, dass diese durch den Kontakt mit der chinesischen Kultur zivilisiert werden könnten, wurden sie schließlich mit Tieren verglichen, die kulturell grundsätzlich defizitär wären. Frank Dikötter hat darauf hingewiesen, dass es im Kaiserreich China eine langwährende eigene rassistische Tradition gab, ehe man dort mit dem europäischen Rassedenken in Kontakt kam.

Das gilt auch für Indien, wo Kastenschema und Unberührbarkeit mit Hilfe von organischen Metaphern (siehe Purusha) und Vermischungsverboten legitimiert wurden. Diese Biologisierung sozialer Unterschiede war durchaus nicht einzigartig. Sie wurde im Zuge der durch den europäischen Imperialismus importierten Rassentypologie und mit Hilfe des auf sie gestützten arischen Mythos einer völkischen Interpretation unterzogen, die behauptete, das Kastenschema wäre das Produkt hellhäutiger arischer Einwanderer, die die dunkelhäutige Urbevölkerung unterworfen hätten. Gail Omvedt schreibt dazu: "Punjabi Brahmans and Punjabi Untouchables were ethnically the same, and Tamil Brahmans and Tamil Untouchables were not racially different" (siehe http://wcar.alrc.net/mainfile.php/For+the+affirmative/16/).

Sozial begründete Kastendifferenzen gab es auch in Japan. Die rassistische Diskriminierung der Buraku, einer mit niederen und als unrein geltenden Tätigkeiten beschäftigten Kaste, reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Neben diesem nach innen gerichteten Rassismus gab es auch die nach außen gerichtete rassistische Diskriminerung der Ainu. Sowohl auf die Buraku als auch auf die Ainu wurde später der von den Europäern entlehnte Rassenbegriff angewandt und so, wie Richard Siddle, Michael Weiner und andere gezeigt haben, deren auf Kastendenken und Kulturchauvinismus gesützte Diskriminierung rassisiert. In allen Fällen wird deutlich, dass Rassismus ohne Rassen funktioniert und im Kern kulturalistisch bestimmt ist.

Frühes Christentum

Bereits bei den Kirchenvätern wird die Schöpfungsgeschichte als Erzählung von der gemeinsamen Herkunft aller Menschen mit Überlegungen kombiniert, die die Menschheit in sündige und gläubige Gruppen zu unterteilen trachten. Die dabei dokumentierte Feindschaft gegenüber Frauen und Juden enthält zahlreiche Elemente rassistischer Diskriminierung.

Frauen werden als den Männern nachgeordnete und ihnen gegenüber minderwertige Wesen dargestellt. Ihre Schönheit wird als äußerer Schein bezeichnet, der ein ekelhaftes Inneres verhüllte. Der Grad ihres Menschseins wird ausführlich diskutiert. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellt ein in dieser Tradition stehender Autor die Frage "Ob die Weiber Menschen seyn". Die Juden werden als Gehilfen des Teufels, dauerhaft Verdammte und zur Sklaverei Verurteilte betrachtet. Sie werden mit Tieren verglichen und man schreibt ihnen einen unangenehmen Geruch zu. Ihre Synagogen werden als Bordelle und Orte des Wahnsinns bezeichnet, die in Brand gesteckt werden sollten.

Mittelalter

Der Rassismus des europäischen Mittelalters lässt sich an verschiedenen Indikatoren aufzeigen. Einmal ist es die Zeit eines umkämpften Bildes vom Afrikaner, zu dem Peter Martin Material zusammengetragen hat, das auf widersprüchliche Konzeptionen verweist, die zwischen Wolfram von Eschenbachs schöner schwarzer Königin Belakane und den schwarzen moslemischen Teufeln des Rolandsliedes schwanken. Ferner wird der Teufelsglaube zur Grundlage der Hexenverfolgungen gemacht, die Wolfgang Wippermann in einen inhaltlichen Zusammenhang mit dem späteren Rassenwahn zu bringen versucht. Schließlich stehen am Ende dieser Entwicklung mit den antisemitischen Pogromen während des ersten Kreuzzuges und der großen Pest Ideologien und Praktiken der Ausgrenzung und Vernichtung, die für Léon Poliakov und andere zur Geschichte des Antisemitismus und Rassismus gehören.

'Türkengefahr'

Angesichts der politischen und militärischen Stärke des Osmanischen Reiches diente die Angst vor der sogenannten Türkengefahr als wichtiges Element zur Formulierung der Einheit des Christentums und der Ausbildung der europäischen Identität. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 entstand ein umfangreiches Schrifttum, worin unter anderem behauptet wurde, die Türken wären unwissende Barbaren und es fehlte ihnen wie den Tieren an Vernunft. Um diese These angesichts ihrer kulturellen Errungenschaften begründen zu können, bedienten sich Autoren wie Georg von Ungarn, der von 1438 bis 1459 als Gefangener im Osmanischen Reich gelebt hatte, einer Rhetorik der Täuschung. Georg würdigte zunächst verschiedene Elemente der dortigen Kultur, um anschließend zu behaupten, sie wären boßer Schein, "deliramenta et illusiones diaboli", "Wahngebilde und Vorspiegelungen des Teufels". Rassismus ließ sich auf diese Weise auch gegenüber Menschen formulieren, die als mächtiger und höherstehend empfunden wurden.

(Nach dem Niedergang des osmanischen Einflusses im 19. Jahrhundert erklärten die europäischen Orientalisten, die türkische Kultur könnte durchaus gewürdigt werden, denn sie wäre das Werk gefangener und zwangsbekehrter christlicher Arier gewesen. Als der junge türkische Nationalstaat im 20. Jahrhundert eine eigene rassische Identität aufzubauen versuchte, wurden die türkische Geschichtsthese und die Sonnensprachtheorie entwickelt. Sie besagten, daß die Türken Arier wären, die wertvollsten Elemente der weißen Rasse darstellten und für die kulturellen Errungenschaften nicht nur Ägyptens und Griechenlands, sondern auch Indiens, Chinas und selbst Mittelamerikas verantwortlich wären).

Reconquista und Conquista

Das Jahr 1492 steht mit dem Fall von Granada, der Vertreibung der Juden aus Spanien und der sogenannten Entdeckung Amerikas für eine Vermengung und Überlagerung unterschiedlicher praktischer und ideologischer Formen rassistischer Diskriminierung.

Norman Roth und andere haben eindrucksvoll gezeigt, wie der Antisemitismus in der Politik der Blutsreinheit (limpieza de sangre) gegenüber den Juden anfing, seine moderne Form anzunehmen. Zielgruppe dieser Politik waren konvertierte Neuchristen oder deren Nachkommen. Ihnen gegenüber wurde mit der Frage nach der Blutsreinheit ihre Herkunft geltend gemacht und nach bis zu einem sechzehnntel Anteil angeblich jüdischen Blutes gefahndet. Es galt sogar als gefährlich, christliche Kinder von Ammen aus konvertierten Familien stillen zu lassen, weil sich deren Milch angeblich schädlich auswirken könnte.

Die Eroberung Amerikas hatte mit dem Genozid an den Indianern und der anschließenden Verschleppung afrikanischer Sklaven gleich zwei rassistische Dimensionen. In der Auseinandersetzung zwischen Bartolomé de Las Casas und Juan Gines de Sepulveda über die Frage, ob die Indianer Menschen wären und wie sie behandelt werden müßten, wurde einerseits nach wie vor auf den von Aristoteles geprägten Begriff des Barbaren zurückgegriffen. Andererseits fing sich aufgrund der Herausbildung einer vielfältig gemischten Gesellschaft ein an Hautfarben orientiertes Kastensystem zu entwickeln an, das zahlreiche Blutskombinationen und Abschattierungen kannte. Imanuel Geiss hat eine der gängigen Unterteilungen dokumentiert: "Aus Spanier und Indianerin entsteht Mestize. Aus Spanier und Mestizin entsteht Kastize. Aus Kastize und Spanierin entsteht Spanier. Aus Spanier und Negerin entsteht Mulatte. Aus Spanier und Mulattin entsteht Morisco. Aus Spanier und Morisca entshet Albino. Aus Spanier und Albina entsteht Torna Atras. Aus Indianer und Negerin entsteht Lobo. Aus Indianer und Mestizin entsteht Coyote. Aus Lobo und Indianerin entsteht Chino. Aus Chino und Negerin entsteht Cambuxo. Aus Cambuxo und Indianerin entsteht Tente en el aire. Aus Tente en el aire und Mulattin entsteht Albarasado. Aus Albarasado und Indianerin entsteht Varsino. Ais Varsino und Cambuxa entsteht Campamulatte".

Amerika

Im Zuge der Eroberung Amerikas kam der Rassismus auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck: als Genozid an den Indianern, als transatlantische Sklaverei und als Errichtung eines Systems weißer Vorherrschaft.

Genozid

Der europäisch-amerikanische Kontakt hatte für die Amerikaner genozidale Folgen. Über seine erste Phase in Mittelamerika und Südamerika schreibt David E. Stannard: "By the time the sixteenth century had ended perhaps 200 000 Spaniards had moved their lives to the Indies, to Mexico, to Central America, and points further to the south. In contrast, by the time, somewhere between 60 000 000 and 80 000 000 natives from those lands were dead". Über Nordamerika schreibt Ward Churchill: "From the time Juan Ponce de León arrived in North America in 1513, [...] until the turn of the twentieth century, up to 99 percent of the continent's indiginous population was eradicated". Was das in absoluten Zahlen bedeutet, hängt natürlich von Schätzungen der ursprünglichen Bevölkerung ab. Churchill zeigt in diesem Zusammenhang, daß selbst die Statistik der Gegenwart rassistische Dimensionen hat und häufig dazu neigt, die Zahl der potentiellen Opfer herunterzurechnen. Er selbst hält es für realistisch, von ursprünglich 15 000 000 Nordamerikanern auszugehen.

Colin Tatz hat "genocide as the ultimative form of racism" bezeichnet. Das amerikanische Beispiel macht in diesem Zusammenhang deutlich, daß Rassismus ohne Rassen kein neues, sondern ein altes, dem am Rassenbegriff orientierten Rassismus vorausgehendes Konzept ist. Den europäischen Völkermördern in Amerika stand der Rassenbegriff noch nicht zur Verfügung. Sie bedienten sich zur Legitimation ihres Vorgehens der überkommenen kulturalistischen Vorstellung von Barbaren als minderwertiger Menschen.

Sklaverei

Die transatlantische Sklaverei war nicht nur ökonomisch ein Dreiecksverhältnis, in dem Billigwaren, Schnaps und Waffen aus Europa gegen Sklaven aus Afrika und diese gegen amerikanische Kolonialwaren eingetauscht wurden. Sie war auch ein von der Geschichtsschreibung häufig vernachlässigtes soziokulturelles Verhältnis, in dem die Afrikaner nicht nur Opfer waren. Dieser Sachverhalt wird in jüngster Zeit unter dem durch Paul Gilroy populär gemachten Stichwort Black Atlantic verstärkt diskutiert.

Trotzdem war die transatlantische Sklaverei ein System, das, wie Orlando Patterson formuliert hat, neben ihrem ökonomischen Kalkül den "sozialen Tod" der Sklaven bezweckte. Seine Analyse macht deutlich, daß der Kern rassistischer Diskriminierung in der Zerstörung der sozialen und kulturellen Identität derer liegt, die ihr unterworfen werden. Schätzungen über die Anzahl der Betroffenen schwanken zwischen 11 000 000 und 15 000 000. Die wichtigsten Betreiber díeser Gewinn und Entmenschlichung verbindenden Politik waren im 18. Jahrhundert nach von Albert Wirz wiedergegebenen Zahlen: "1. England mit einem Anteil von 41,3 %, 2. Portugal (29, 3 %), 3. Frankreich (19,2 %), 4. Holland (5,7 %), 5. Brit. Noramerika/USA (3,2 %), 6. Dänemark (1,2 %), 7. Schweden und Brandenburg (0,1 %)".

Weiße Vorherrschaft

Das System der white supremacy nahm in Amerika unterschiedliche Formen an, die jeweils Weißheit als zentrale Norm der Teilhabe an politischen Rechten und sozialen Entfaltungsmöglichkeiten setzten. In Brasilien schlug sie sich unter anderem in der Politik des branqueamento nieder, mit der die 'weißen' Brasilianer die 'brasilianische Rasse' verbessern und durch Zumischung von mit Hilfe von europäischen Einwanderen importierten 'weißen Blutes' das 'schwarze Element' in der brasilianischen Bewölkerung bis zum Jahre 2012 zum Verschwinden bringen wollten. In den USA kam sie nicht nur in der Politik der Rassentrennung zum Ausdruck, sondern äußerte sich auch als Verdacht ungenügender 'Weißheit' gegenüber verschiedenen europäischen Einwanderergruppen, die nur, wie Karen Brodkin für die Juden und Noel Ignatiev für die Iren beschrieben haben, in langwierigen und schmerzhaften Prozessen 'weiß werden' konnten.

In beiden Fällen zeigte sich besonders deutlich, was in der Rassismudiskussion die soziale Konstruktion von Rasse genannt wird. Wo irische und afrikanische Amerikaner in den USA zunächst in nachbarschaftlichen Verhältnissen gut miteinander auskamen und die Vorurteile ihnen gegenüber häufiger sogar davon ausgingen, daß der "Southern Cuffee seems of a higher social grade than Northern Paddy", mußten sie ihre 'Weißheit' in einem rassistischen Qualifikationsprozess, d. h. durch ebenso gewalttätige wie gehässige Absetzbewegungen von ihren ehemaligen Leidensgenossen, überhaupt erst erringen. Wo die Zuweisung von Hautfarben sich mit sozialem Erfolg änderte (wie es in Brasilien bis heute der Fall ist), konnte jemand im Verlauf seines Lebens ohne Hauttransplantation in unterschiedliche Farbklassen eingeordnet werden und demonstrierte damit, daß Rasse keine feste und natürliche Eigenschaft der Körper, sondern eine ihnen zugeschriebene soziale Qualität ist.

Imperialismus

Im Zeitalter des Imperialismus betrachteten sich die Europäer nach Victor Kiernans Worten als "the lords of humankind" und handelten auch so. Wärend sie mordend und plündernd die Welt aufteilten, besang der imperialistische Dichter Rudyard Kipling ihr Vorgehen als "the white man's burden", die schwere Aufgabe, die Welt zu zivilisieren. An ihr beteiligten sich alle Stände, vom freigelassenen Sträfling über den bäuerlichen Siedler, vom bürgerlichen Wissenschaftler bis zum Missionar, vom adligen Offizier bis zum König. Eines der brutalsten Regime ließ Leopold von Belgien im Kongo errichten. In Australien führte der Rassismus der Arbeiterbewegung zur exklusiven 'weißen' Staatsgründung. In Ostasien fiel das europäische Vorbild auf fruchtbaren Boden und ließ sich Japan als Hoffnung der farbigen Rassen präsentieren.

Theoretisch begleitet wurde diese Politik von der Theorie der Lebensunfähigkeit der primitiven Rassen. Nach der sozialdarwinistischen Doktrin waren sie dem Kampf ums Dasein nicht gewachsen und zum Untergang verurteilt. Viele Europäer waren überzeugt, daß die Welt binnen kurzem nur noch von ihnen bevölkert sein würde.

Belgisch-Kongo

Die belgischen Verbrechen im Kongo spielten sich unter den Augen der gesamten sogenannten Zivilisation ab. Sie dienten der Ausplünderung eines riesigen Gebietes und der privaten Aneignung der mit Kautschuk, Elfenbein und Palmöl gemachten Gewinne. Die einheimische Bevölkerung wurde mit Terror zur Zwangsarbeit gepreßt. Unmenschliche Arbeitbedingungen und gewalttätige Willkür forderten eine gewaltige Zahl an Opfern. Die Politik der Entmenschlichung wurde mit der Behauptung legitimiert, daß die Afrikaner, wenn nicht halbe Tiere, so doch völlig kulturlose Wesen wären, die mit Gewalt zur Arbeit gezwungen werden müßten. Der britische Journalist und Abenteurer Henry Morton Stanley lobte in diesem Zusammenhang das Maschinengewehr als Werkzeug der Zivilisation. In Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis fordert Kurtz als Protagonist imperialistischer Politik: "Exterminate all the brutes".

White Australia

Bis zur Bildung eines einheitlichen australischen Staates am 1. Januar 1901 unterstanden die einzelnen Kolonien direkt dem britischen Kolonialministerium. Große Teile der kolonialen Eliten hatten sich in dieser Situation eingerichtet und wollten sie nicht ändern. Entscheidende Unterstützung erhielten die Föderalisten von der australischen Arbeiterbewegung. Mit der Forderung "Australia for the white man" plädierte sie für ein geeintes Australien, das stark genug sein würde, sich gegen fremde Einflüsse zu verteidigen und vor allem in der Lage sein sollte, nichtweiße Arbeiterinnen und Arbeiter des Landes zu verweisen. Da die Aborigines schon länger als aussterbende Rasse galten, richtete sich diese Politik vor allem gegen Kulis und Kanaken genannte Kontraktarbeiter aus China und dem pazifischen Raum. Ihre Bereitschaft, für geringen Lohn zu arbeiten, wurde auf ihre rassische Minderwertigkeit zurückgeführt und sie wurden beschuldigt, Australien mit Krankheiten und Lastern zu überziehen. "The total exclusion of undesirable alien races" stand als Ziel im Wahlprogramm der Labor Party. Der radikalreformerische Journalist und Agitator William Lane schrieb unter der Schlagzeile "Australia for the Australians": "it is a true racial struggle that is going on today in Australia and Australia itself is the prize".

Yamato-Rasse

Die Modernisierung der Meiji-Zeit führte in Japan auch zur Entwicklung imperialistischer Ambitionen, die unter anderem im chinesisch-japanischen Krieg und im russisch-japanischen Krieg umgesetzt wurden. Unter der Parole Asien für die Asiaten bediente man sich dabei einerseits einer ideologischen Umkehrung des europäisch-amerikanischen Stereotyps von der 'gelben Gefahr' und warnte die asiatische Staatengemeinschaft vor der 'weißen Gefahr'. Andererseits wurde die eigene aggressive und expansionistische Kolonialpolitik mit rassistischem Paternalismus legitimiert. Danach sollte sich die asiatische Bevölkerung aus den 'fünf Rassen' der Japaner, Chinesen, Koreaner, Mandschuren und Mongolen zusammensetzen, von denen die japanische 'Yamato-Rasse' am weitesten entwickelt und am fortschrittlichsten und deswegen berufen wäre, die anderen zu erleuchten, kulturell und moralisch zu vervollkommnen und vor allem zu führen.

Als die westlichen Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg den von Japan bei den Friedensverhandlungen von Versailles eingebrachten Vorschlag einer Erklärung zur Gleichberechtigung der Rassen zurückwiesen, verstärkte dieses seine imperialistischen Anstrengungen im pazifischen Raum. Die sich zuspitzenden Widersprüche zwischen den japanischen und den Ambitionen Englands und der USA führte schließlich zu der als 'Rassenkrieg' geführten militärischen Auseinandersetzung, die John Dower, Gerald Horne und andere beschrieben haben.

Apartheid

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Separate öffentliche Wasserspender für "Weisse" und "Farbige" in den USA der 1920er Jahre

thumb|„Nur für Weisse“-Beschilderung in Südafrika während der Apartheid

Im 19. und 20. Jahrhundert nahm die Rassentrennung in den USA und in Südafrika besonders perfide Formen an, die von der Rassismusforschung mittlerweile gründlich untersucht worden sind.

Die Dominanz christlicher Akteure in den Südstaaten der USA führte hier zu absonderlichen Debatten, die um die Frage der Abkunft der Schwarzen von Adam und Eva kreisten. Die Vertreter der Monogenese, die davon ausgingen, dass Adam und Eva weiß waren, erklärten, dass farbige Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies entstanden. Die Vertreter der Polygenese vertraten die Auffassung, dass Gott mehrere unterschiedliche Urpaare geschaffen habe. Aus beiden Auffassungen lässt sich Rassismus ableiten. Im einen Fall als Änderung des göttlichen Planes, im zweiten Fall als gewollte göttliche Separation. Die Sklavenbefreiung in den Südstaaten der USA beendete dort nicht die Rassendiskriminierung, sie veränderte sie nur. Zahlreiche rassistische Praktiken waren bis zur Bürgerrechtsbewegung in den USA gültig. Erst 1964 wurde die Diskriminierung von Schwarzen rechtlich untersagt. Doch auch heute noch sind die Lebenschancen, Bildungsmöglichkeiten etc. dort nach der tradierten Linie zwischen weiß und farbig ungleich verteilt, rassistische Ausschlussformen nach wie vor vorhanden.

Nach der Sklavenbefreiung in den USA entstand der Ku Klux Klan, eine der bekanntesten noch bestehenden Rassistenvereinigungen der Welt.

Geschichte 2 (Deutschland)

Weimarer Republik

In der Weimarer Republik war neben der antisemitischen Propaganda besonders die Agitation gegen die Besetzung des Rheinlandes von rassistischer Begleitmusik durchzogen und dieses nicht nur in den Kampfblättern der extremen Rechten. Anlass boten hier besonders die z.T. aus Afrika stammenden Truppen der französischen Besatzungsarmee. Die in der Besatzungszeit geborenen afrodeutschen Kinder einiger schwarzer Soldaten und deutscher Frauen wurden als Gefahr für die deutsche Rassenreinheit angesehen. Die betroffenen Kinder wurden als sogenannte 'Rheinlandbastarde' später von den NS-Behörden erfasst und vielfach zwangssterilisiert.

Nationalsozialismus

Rassismus war Teil der Ideologie des Nationalsozialismus. Man ging davon aus, dass es höherwertige und minderwertige Menschen gibt. Hochwertige Menschen konnten dabei nur aus der 'Herrenrasse' stammen. Die Mitglieder dieser 'Herrenrasse' hatten die Aufgabe, ihre Rasse 'reinzuhalten', weshalb sexueller Kontakt zwischen Angehörigen der 'hohen' und der 'minderwertigen' Rasse verhindert werden sollte. Bestimmten, von den Nazis als "Rasse" definierten Gruppen wie Juden, Roma oder Sinti unterstellten sie, dass diese "die Herrenrasse" zersetzen wollten.

Die Opfer des NS-Rassismus wurden verfolgt, zwangssterilisiert, deportiert und ermordet. Die gesamte Gesundheitsvorsorge, Sozialpolitik sowie die Bevölkerungspolitik wurden unter "rassenhygienischen" Gesichtspunkten gleichgeschaltet, die auch die Zulässigkeit von Eheschließungen bestimmten. Zu diesem Programm gehörten auch Ahnenpässe, die sich in vielen deutschen Familien heute noch finden. Der aufgrund dieser Ahnenpässe zu führende Ariernachweis bzw. der Große Ariernachweis war z.B. Bedingung für eine Karriere bei der SS. Ohne die Zusammenarbeit von NS-Stellen und Kirchengemeinden, deren Eintragungen zu Geburten in Kirchenbüchern herangezogen wurden, wäre diese Arbeit nicht zu bewältigen gewesen.

Der NS-Rassismus berschränkte sich nicht auf Menschen, sondern richtete sich auch gegen Kulturgüter. Beispielsweise wurde Jazz als "Negermusik" diffamiert und verworfen, und Werke missliebiger Künstler galten als entartete Kunst.

Gegenwart

In der heutigen Zeit wird in deutschsprachigen Ländern oftmals bis zum heutigen Zeitpunkt z.T angenommen, dass Rassismus in erster Linie in Form von Xenophobie (v. griech.: xenos fremd;Gast / phóbos Furcht) vorhanden ist. Von dieser Xenophobie nimmt man an, dass sie keine Rassenbegriffe kennt, sondern eher einen Ethnopluralismus antagonisiert. Man nimmt auch an, dass rassistisch denkenden Menschen häufig nicht bewusst ist, dass sie rassistisch denken. Diese Annahme impliziert gleichzeitig aber auch, dass die Bevölkerung keinen Rassebegriff kennt und entsprechende Annahmen nicht mit dem Begriff "Rasse" verbunden werden. Der Begriff der Xenophobie (Furcht vor dem Fremden) wird daher oftmals auch benutzt, um das eigentliche Problem Rassismus nicht offen ansprechen zu müssen.

thumb|350px|right|Rassistische Schmiererei an einer Hauswand.

Diese generelle Annahme wird unterstützt durch Studien in der Schweiz, wo aufgrund einer Studie der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (Carmel Fröhlicher-Stines und Kelechi Monika Mennel (2004) "Schwarze Menschen in der Schweiz. Ein Leben zwischen Integration und Diskriminierung") anzunehmen ist, dass Rassismus im engeren Sinne in der Schweiz sehr viel weiter verbreitet ist, als ursprünglich angenommen. So sind Schwarze trotz Assimilierung, Integration und Einbürgerung auch nach Jahrzehnten gesellschaftlich marginalisiert und werden, teilweise sogar unter eindeutiger Nennung der Hautfarbe als abwertender Faktor, bei Bewerbungen zurückgewiesen; ein weiterer Faktor ist das Anstarren, das für Schwarze in der Schweiz ein wesentlicher Stressor ist. Gewisse Secondos sprechen auch von 'silent apartheid', die von den Behörden bis anhin dementiert wurde. Von einem fehlenden Bewusstsein rassistisch denkender Personen kann aufgrund dieser Studie daher in der Schweiz nicht mehr zwingend ausgegangen werden.

Im Zuge der Entkolonialisierung Afrikas kamen in vielen entstehenden Staaten Selbstbehauptungsbewegungen der schwarzen Mehrheitsbevölkerungen auf. Die meisten dieser Strömungen hatten vor allem die Emanzipation vom rassistisch geprägten Afrikabild der Kolonialmächte zum Ziel, zum Beispiel die Négritude im Senegal. Einzelne Strömungen jedoch gehen weiter und propagieren die Ausgrenzung der weißen Minderheit und die Ablehnung eines "weißen Lebensstils". Insbesondere in Zimbabwe entwickelt sich seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts unter Leitung von Staatschef Robert Mugabe eine neue Art von Rassismus. Dies ist nicht bloß ein opportunistisches, ideologiefreies politisches Konzept, sondern echt "afrikanischer" Rassismus. So bezeichnet beispielsweise Mugabe Homosexualität als "unafrikanisch".

Literatur

Filme

Siehe auch (alphabetisch)

Weblinks

allgemeines

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