Raumkrankheit

Raumkrankheit ist das Unwohlsein, das Astronauten erleben, solange ihr Körper sich noch an die Schwerelosigkeit anpaßt. Wie auch bei der Seekrankheit ist das Gleichgewichtsorgan betroffen, es muß sich erst an den freien Fall gewöhnen.

Die Raumkrankheit trat während der ersten Raumflüge praktisch nicht auf, da diese Flüge unter sehr beengten Bedingungen stattfanden. Sie wird verstärkt, wenn man in der Lage ist, sich frei umherzubewegen, uns tritt deshalb in größeren Raumfahrzeugen häufiger auf. Etwa 60% aller Space-Shuttle-Astronauten erleben sie während ihres ersten Fluges. Der erste Fall ist, wie man heute vermutet, 1960 bei German Titow aufgetreten, der von Schwindelgefühlen und Übelkeit berichtete. Die ersten deutlichen Fälle sind bei den frühen Apollo-Flügen aufgetreten. Frank Borman bei Apollo 8 und Russell Schweickart bei Apollo 9 hatten beide deutliche und mäßig schwere Fälle von Raumkrankheit; bei Schweickart hatte dies eine Änderung des Einsatzplanes zur Folge.

Wie bei der Seekrankheit können die Symptome von leichter Übelkeit und Desorientiertheit bis zu Erbrechen und starkem Unwohlsein reichen; Kopfschmerzen und Übelkeit in unterschiedlicher Intensität werden oft berichtet. Etwa die Hälfte der Erkrankten haben leichte Symptome, nur etwa zehn Prozent leiden sehr. Die extremste bisher berichtete Reaktion war die, die Senator Jake Garn bei dem Flug mit der Discovery 1985 erlebte. Nach diesem Flug entwickelte die NASA die Garn-Skala, um die Stärke von Reaktionen auf die Raumkrankheit zu messen. Die Skala erfaßt die meisten bekannten Fälle mit Werten von eins bis zehn, Garns Fall wurde mit dreizehn bewertet. In den meisten Fällen hält die Raumkrankheit zwei bis vier Tage an.

Moderne Medikamente gegen Seekrankheit wirken auch gegen Raumkrankheit, werden aber selten eingesetzt. Man geht davon aus, daß es besser ist, wenn die Astronauten sich für einige Tage an die Schwerelosigkeit gewöhnen, als wenn sie während der Dauer ihres Einsatzes unter Medikamenten stehen und schläfrig sind. Allgemein wird nun so vorgegangen, daß während der ersten Tage der Mission keine kritischen Tätigkeiten stattfinden, insbesondere keine Außenbordarbeiten, bei denen ein Erbrechen tödliche Folgen haben könnte. Man erlaubt den Mannschaften stattdessen, sich zuerst richtig an die Schwerelosigkeit anzupassen. Eine starke Belastung für Körper und Geist ist ein längerer Aufenthalt im Zustand der Schwerelosigkeit außerhalb des Bereichs der Erdanziehung. Man hat bei den Astronauten festgestellt, daß er sich nachteilig auf das Herz und den Kreislauf, auf die Muskeln, auf den Flüssigkeitshaushalt im Körper und auf die Körperfunktionen auswirkt. Er bewirkt einen Kalziumverlust in den Knochen.

Im Jahre 1964, nachdem zwei amerikanische Astronauten vier Tage lang die Erde umkreist hatten, bemerkte man eine weitere unangenehme Folge. Die Ärzte, die sie nach ihrer Rückkehr zur Erde untersuchten, stellten fest, daß sich die zirkulierende Blutmenge vermindert hatte. Experimente auf dem nächsten Flug bestätigten den Blutverlust. Auf dem achttägigen Flug der Raumkapsel Gemini 5 verloren die Astronauten 8% ihrer roten Blutkörperchen — etwa einen Viertelliter Blut. Auf einem späteren, vierzehntägigen Flug verloren zwei andere Astronauten fast einen halben Liter Blut! Dasselbe stellte man bei den Astronauten fest, die zu dem die Erde umkreisenden Weltraumlaboratorium (Skylab) flogen. Die erste Mannschaft erlitt einen 15prozentigen Verlust an roten Blutkörperchen, die zweite einen 12prozentigen. Die erste Mannschaft verlor etwa 10 Prozent ihres Blutplasmas, die zweite etwa 13 Prozent. Auch die dritte Mannschaft erlitt einen Blutverlust. Darüber konnte man in der in Atlanta erscheinenden Zeitschrift Journal and Constitution lesen: „Der Verlust an roten Blutkörperchen und an Blutplasma sowie an zellulärer Körperflüssigkeit ist ein ernstes weltraummedizinisches Problem, ganz gleich, welche Ursache diese Erscheinung hat. Es mag übertrieben sein, zu sagen, die Zukunft der bemannten Raumfahrt hänge von seiner Lösung ab, aber die Wahrheit ist nicht allzuweit davon entfernt.“ Einer der Astronauten, die solche Flüge ausführen sollen, sagte deshalb: „Aufgrund dessen, was wir heute wissen, bin ich nicht bereit, morgen zum Mars zu fliegen.“

See also: Raumkrankheit, Apollo 8, Apollo 9, Astronaut, Discovery, Extra-Vehicular-Activity, Frank Borman, German Stepanowitsch Titow, Gleichgewichtsorgan, Schwerelosigkeit