Rechtssoziologie
Die Rechtssoziologie beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis von Recht und Gesellschaft.
Fragestellungen dieser Wissenschaft sind, inwieweit das Recht die Gesellschaft, aber auch wie die Gesellschaft ein bestehendes Rechtssystem in seiner Weiterentwicklung beeinflusst. Diese Interdependenz wird oft unter dem Schlagwort "die normative Kraft des Faktischen" (Jellinek) angerissen.
Die Rechtssoziologie untersucht die gesellschaftlichen "Funktionen" des Rechts, so etwa die Herstellung von Gerechtigkeit, den Schutz einzelner, aber etwa auch die Stärkung des Vertrauens in die staatlichen Organe. In diesem Zusammenhang sind "instrumentelle" von "symbolischen" Funktionen zu unterscheiden: So kann mittels Recht eine (instrumentelle) Steuerung gesellschaftlicher Zustände unternommen werden, es können aber auch rein symbolische, instrumentell unwirksame, Alibi-Gesetze erlassen werden, etwa, weil es dem politischen Gesetzgeber mehr darauf ankommt, den Anschein von Handlungsfähigkeit zu erlassen.
Innerhalb der Rechtssoziologie kann unterschieden werden zwischen der genetischen und der operativen Rechtssoziologie. Während die operative R. die Wirkung des Rechts im Sozialleben sowie die Legitimation und Begrenzung von Macht zum Gegenstand hat, untersucht die genetische R. die Entstehung des Rechts aus der Gesellschaft heraus.
Thumb|400px|Schema Rechtssoziologie
Allgemeine Ansicht ist, dass dieser spezielle Bereich der Soziologie nur sehr eingeschränkt in Wissenschaft und Lehre behandelt wird. Allenfalls als Grundlagenfach wird es in der juristischen Ausbildung behandelt. Tatsächlich wird jedoch dieses Spannungsverhältnis von Recht und Gesellschaft stark unterschätzt. Es ist allgemein anerkannt, dass einerseits sich das Recht im Laufe der gesellschaftlichen Weiterentwicklung anpasst (vgl. das Partnerschaftsgesetz, die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts bezüglich unehelicher Kinder), und andererseits die Legislative das Recht als Steuerungsinstrument für die Weiterentwicklung der Gesellschaft verwendet.
Zunehmend ist auch zu fragen, welche Auswirkungen auf die Rechtsgesellschaft die zunehmende Regelungsdichte hat. Aufgrund zunehmender Komplexität unserer Gesellschaft werden immer mehr Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens umfassend vom Gesetzgeber geregelt. Einerseits soll dadurch die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft aufrecht erhalten werden, andererseits führt diese Entwicklung zur reduzierten Dynamik gesellschaftlicher Weiterentwicklung.
Recht wird immer mehr als abstrakte Regelung begriffen, die sich zunehmend von dem intuitiven moralischen Verständnis entfernt. Durch die zunehmende Abstraktheit werden immer mehr gesellschaftliche Konfliktlösungsmechanismen ausgeschaltet. Konflikte werden zunehmend auf dem Rechtsweg ausgetragen. Es wird schon seit Jahren von einer "Klagewelle" vor den Gerichten berichtet.
Der Gesetzgeber hat diese Tendenz erkannt. Es werden daher in bestimmten Bereichen Schiedsgerichte eingerichtet, die vorgerichtlich die flexible Konfliktlösung und Kompromissfindung erleichtern soll. Als Ergänzung dazu kann das Mediationsverfahren angesehen werden.
Siehe auch
Rechtsethnologie, Gewohnheitsrecht, Rechtsphilosophie, Rechtstheorie
Literatur
- Ehrlich, Eugen: Grundlegung der Soziologie des Rechts, 4. Aufl., 1989, durchges. u. hrsg. von Manfred Rehbinder
- Pound, Roscoe (1910): Law in the books and Law in action, in: American Law Review 44, 12 et seqs.
- Weber, Max (1967): Rechtssoziologie (hrsg. von Johannes Winckelmann), 2.Aufl.; Luchterhand, Darmstadt u. Neuwied
- Aubert, Vilhelm (1967): Einige soziale Funktionen der Gesetzgebung, in: Ernst Hirsch / Manfred Rehbinder (Hrsg.): Studien und Materialien zur Rechtssoziologie, S. 284-309.
- Luhmann, Niklas (1981): Ausdifferenzierung des Rechts; Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Luhmann, Niklas (1987): Rechtssoziologie, 3. Aufl.
- Röhl, Klaus F. (1987): Rechtssoziologie.
- Rottleuthner, Hubert (1987): Einführung in die Rechtssoziologie. Die Rechtswissenschaft, Darmstadt.
- Cotterrell, Roger (1988): Why Must Legal Ideas Be Interpreted Sociologically?, in: Journal of Law and Society 25 (2), 171-192.
- Cotterrell, Roger (1992): The Sociology of Law: An Introduction, 2nd edition, London.
- Luhmann, Niklas (1993): Das Recht der Gesellschaft; Suhrkamp, Frankfurt a.M.
- Raiser, Thomas (1999): Das lebende Recht: Rechtssoziologie in Deutschland, Baden-Baden. ISBN 3789061034
- Rehbinder, Manfred (2003): Rechtssoziologie, 5., neu bearb. Aufl.
- Newig, Jens (2003): Symbolische Umweltgesetzgebung. Rechtssoziologische Untersuchungen am Beispiel des Ozongesetzes, des Kreislaufwirtschaft- und Abfallgesetzes sowie der Großfeuerungsanlagenverordnung. Schriften zur Rechtssoziologie und Rechtstatsachenforschung, Berlin.
Weblinks
