Reduktionismus

Unter Reduktionismus werden eine Reihe verwandter Gedankenmodelle und philosophischer Theorien gefasst, nach denen sich (grob gesagt) höherstufigen Eigenschaften wie biologische oder psychologische Eigenschaften auf relativ niederstufige Eigenschaften wie molekulare oder physikalische Eigenschaften zurückführen lassen. Vereinfacht besteht dabei eine höherstufige Eigenschaften immer aus einer bestimmten Anordnung niederstufiger Eigenschaften bzw. lässt sich daraus erklären - so bestehen z.B. die biologischen Eigenschaften einer lebenden Zelle lediglich aus der Anordnung ihrer molekularen Bestandteile bzw. die biologischen Eigenschaften einer Zelle lassen sich alle auch rein molekular oder sogar physikalisch erklären.

Die Gegenposition zum Reduktionismus ist der Holismus, der annimmt, dass höherstufige Eigenschaften wie z.B. biologische oder psychologische Eigenschaften etwas besitzen, das nicht nur in der Anordnung von niederstufigen Eigenschaften besteht bzw. nicht aus der Anordnung niederstufiger Eigenschaften erklärbar ist.

Inhaltsverzeichnis

Ausprägungen

Verschiedene Disziplinen benutzen den Begriff mit unterschiedlicher Zielsetzung.

Beispiele

Die Akzeptanz oder Ablehnung des Reduktionismus hängt stark von dem Bereich ab, auf den sie angewendet wird. Insbesondere Versuche, tierisches und menschliches Verhalten reduktionistisch zu erklären, wird von Kritikern als unzureichend angesehen. Die Reduktion des Lebens auf materielle Prinzipien und die Erklärung von Religion durch Methoden der Anthropologie oder Soziobiologie sind auch aufgrund der sich ergebenden Schlußfolgerungen umstritten.

Chemie

Ein einfaches Beispiel wissenschaftlichen Reduktionismus ist der Übergang von der Atomphysik zur Chemie. Mit dem Verstehen des Wasserstoffatoms ließen sich Physiker zu der Annahme verleiten, chemische Moleküle seine jetzt "verstanden", da ja die Bausteine der Moleküle, die Atome, verstanden seien.

Tatsächlich lieferten die Kenntnisse vom Aufbau und Verhalten der Atome wertvolle Beiträge zur Chemie. Gleichzeitig beschreibt die Chemie jedoch Phänomene, die über die der Atomphysik hinausgehen. Beide Disziplinen bleiben also eigenständig.

Der Reduktionismus behauptet letztendlich, dass jedes chemische Phänomen zumindest prinzipiell aus den Eigenschaften der beteiligten Atome abgeleitet werden kann. Es ist demnach also nicht notwendig, neue grundlegende Gesetze zu finden, die spezifisch für die übergeordnete Disziplin Chemie sind.

Diskussion

Vereinfacht gesprochen versucht eine Wissenschaft, für jedes Phänomen X eine Erklärung aus dem Bereich ihrer Grundlagen Y zu finden. Zumindest im Prinzip wird dann die Frage gestellt, ob sich X aus Y ableiten läßt. Aufgrund der komplexität vieler Phänomene nimmt die Fragestellung oft die Gestalt eines Gedankenexperiments an.

Dieser Ansatz kann zu szientistischen wissenschaftlichen Weltanschauungen wie etwa dem Historischen Materialismus, dem Evolutionismus oder dem Psychologismus führen, die jedem anderen Verständnis des erklärten Phänomens prinzipiell die Wissenschaftlichkeit absprechen.

Als Alternative wird die Phänomenologie angeboten, die argumentiert, dass auch ein nicht-reduktionistischer Zugang "zu den Sachen selbst" (Edmund Husserl) eine strenge Wissenschaft begründen kann. Bezeichnend für deren Ansatz wäre demnach die Form: X ist nichts anderes als X, die bereits im Spätmittelalter mit der Non-aliud-Lehre des Nikolaus von Kues zum Tragen kam.

Zitate

Siehe auch: Emergenz, Holismus


Kategorie:Philosophie

See also: Reduktionismus, Analyse, Anthropologie, Atomphysik, Chemie, Edmund Husserl, Einheitswissenschaft, Emergenz, Ernst Mayr, Evolutionismus