Reinhard Gehlen

Reinhard Gehlen (* 3. April 1902 in Erfurt; † 8. Juni 1979 in Berg am Starnberger See) war General der Wehrmacht, Leiter der Organisation Gehlen und erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes.

Leben

Gehlen wurde als Sohn einer preußisch-bürgerlichen Familie geboren. Sein Vater war Buchhändler. 1920 trat Sohn Reinhard in die Reichswehr ein und absolvierte ab 1933 eine Generalstabsausbildung. 1936 gelangte er die Operationsabteilung, wo er Franz Halder, Generalstabschef des Heeres auffiel. Oberst Adolf Heusinger war sein Abteilungsleiter. Gehlen war an den Vorbereitungen für die Operation Barbarossa, dem Überfall auf die Sowjetunion beteiligt.

Mit dem Stocken des Rußlandfeldzuges 1942 suchte der Generalstab nach einem neuen Management für seinen militärischen Nachrichtendienst. Obwohl Gehlen sich nie mit Geheimdienstarbeit beschäftigt hatte, überdies keine Fremdsprache sprach und keine Kenntnisse über Rußland vorweisen konnte, wurde er zum Chef der "Abteilung Fremde Heere Ost" ernannt und war somit auch Chef der Ostspionage. Damit wurde die Geringschätzung der Generalstabsoffiziere für nachrichtendienstliche Belange deutlich. Gehlen systematisierte die Arbeit seines Dienstes stärker, ohne die Qualität der Analysen bedeutend zu verbessern. Dennoch wurde er 1944 zum Generalmajor befördert. Reichlich spät schloß er sich der Ansicht des Rußlandkenners Heinz Herre an, der gefordert hatte, die Bürger der Sowjetunion nicht länger als Untermenschen, sondern endlich als Menschen anzuerkennen und als Verbündete zu gewinnen, statt ihre Begeisterung für Deutsche, wie in der Ukraine durch Massaker und Zwangsarbeit schnell in ihr Gegenteil zu verkehren. Gehlen war wohl bewußt, daß diese Forderung völlig gegen Hitlers Rassekonzept gerichtet war. Rechtzeitig vor Kriegsende ließ Gehlen 50 wasserdichte Kisten mit nachrichtendienstlichem Material von handverlesenen Mitarbeitern füllen und in die Berge nach Bayern in Sicherheit bringen. Historische Untersuchungen über seine Tätigkeit an der Ostfront verstand er später zu vereiteln.

1945 sammelten die Amerikaner Wehrmachtsoffiziere in besonderen Lagern und unterzogen sie ausführlicher Befragung, da man anfangs heftigen deutschen Widerstand und Nazi-Verschwörungen befürchtete. Umgekehrt hofften viele Deutsche auf eine Fortsetzung des Krieges gegen die Sowjetunion mit angloamerikanischer Unterstützung und lieferten ihnen deshalb wichtige Informationen. Gehlen wurde zusammen mit anderen im abgeschirmten Militärgelände Fort Hunt nahe Washington (D.C.) interniert und acht Monate ausgedehnten Befragungen unterzogen. Im Juli 1946 wurde das Lager nach Frankfurt am Main verlegt. Durch die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse mußte jedem Deutschen klar sein, das die Amerikaner nicht die NS-Verbrechen vergeben und vergessen würden. Im beginnenden Kalten Krieg zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion bestand erstmals für die Amerikaner Bedarf an präzisen Informationen über militärische Ziele wie Flugplätzen, Kraftwerken, Ölraffinerien, Rüstungsfabriken, etc. und denkbare Anflugrouten für kernwaffentragende Fernbomber, die die Deutschen liefern konnten. Dank der Internierung von ca. 25.000 Lagerinsassen in ostdeutschen Lagern, der Zwangsvereinigung von SPD und KPD unter Verbot der SPD in der SBZ und später der Berlinblockade wuchs das deutsche Mißtrauen gegen die sowjetischen Besatzer und das Vertrauen in Amerikaner und Briten. Alle Besatzungsmächte begannen eifrig Menschen mit Erfahrung zu rekrutieren und lieferten sich einen Wettbewerb um die cleversten Leute mit den besten Kontakten. Da die meisten von ihnen keine lupenreine Vergangenheit besassen, beruhte die Rekrutierung meist auf einer Kombination von Locken und Erpressen. Je dunkler die Vergangenheit war, um so erpressbarer waren sie. Dies galt nicht nur für die amerikanischen Besatzer, die auf diese Weise Kriegsverbrecher wie Klaus Barbie freikauften und die Flucht ermöglichten, sondern für alle Besatzungsmächte.

Auf Grund der guten Zusammenarbeit zwischen Gehlen und dem Geheimdienst der US-Armee wurde im Juli 1946 die Organisation Gehlen gegründet und seit Dezember 1947 in der ehemaligen Rudolf-Hess-Siedlung in Pullach untergebracht, wo sich noch heute die Zentrale des BND befindet. Ab 1949 übernahm die CIA die Organisation Gehlen. Die Organisation Gehlen nahm eine Doppelfunktion für die CIA und die noch junge BRD wahr. Da Adenauer von den Alliierten keine große Wahl bei der Berufung des eigenen Sicherheitsapparats gelassen wurde, sondern ihm klar war, daß ein völlig unabhängiger westdeutscher Auslandsnachrichtendienst genauso undenkbar, wie eine unabhängige westdeutsche Armee war, akzeptierte er die Umwandlung der Organisation Gehlen, in der eine Reihe ehemaliger Wehrmachtsoffiziere als Personalreserve "geparkt" waren. Auf "Empfehlung" der Briten berief Adenauer den ehemaligen Panzergeneral Gerhard Graf von Schwerin zu seinem "Berater in Sicherheitsfragen", der eine Art Nachrichtendienst, die "Zentrale für Heimatdienst" gründete, die mit Joachim Oster und Wilhelm Heinz durch Prominente aus der ehemaligen Abwehr besetzt war, wobei Heinz gute Beziehungen zur französischen Besatzungsmacht pflegte.

Gehlen verstand in den ersten zehn Jahre nach Ende des Krieges durch die Anwerbung auch vieler Geheimdienstler mit zweifelhafter NS-Vergangenheit, wie Heinz Felfe, schnell einen professionellen Nachrichtendienst aufzubauen, der aber auch eben wegen dieser Belasteten von Verrätern durchsetzt war. Hunderte von Agenten, Funkcodes und Kommunikationswege wurden verraten. Doch angesichts der zahlreichen "Maulwürfe" im britischen Geheimdienst war dies keine Gehlen-spezifische Erscheinung. So verstand Gehlen, seine Rivalen um v.Schwerin in Bonn ebenso als Auslandsgeheimdienst auszumanövrieren, wie ihm die Beschränkung des MAD auf die Spionageabwehr der Bundeswehr und die Sicherheitsüberprüfung ihres Personals gelang. Gehlen war nicht ungeschickt, sich aus allen politischen Lagern Zustimmung für seinen Nachrichtendienst zu beschaffen. Dabei spielte seine Neigung, sich mit der Aura des Undurchschaubaren, Rätselhaften und Geheimnisvollen zu umgeben ebenso eine Rolle, wie sein Zusammenspiel mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", zu dem er enge Kontakte unterhielt, was nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken war, daß dort in den frühen 1950er Jahren ehemalige Wehrmachtsoffiziere arbeiteten.

1956 ging aus der "Organisation Gehlen" der Bundesnachrichtendienst hervor, dessen Präsident er bis 1968 war. Sein Deckname war "Dr. Schneider". Mit dem technischen Wandel der Geheimdienstarbeit und unter dem Vorbild des großen Bruders verlagerte sich die Informationsbeschaffung zusehens von menschlichen Zuträgern zu leistungsstarken, technischen Mitteln. Mit der Gründung der Bundeswehr wechselten nicht wenige ehemaligen Wehrmachtsoffiziere aus der "Personalreserve" in die reguläre Armee. Damit schrumpfte die Bedeutung der alten Seilschaften aus den Tagen der "Fremde Heere Ost" und zivile, besser ausgebildete Leute stießen zum BND. Schließlich wurde Gehlen selbst ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Mit seinem Buch "Verschlußsache" kanzelte er schließlich seinen Nachfolger Gerhard Wessel ab und vergiftete für längere Zeit die Debatte.

1968 wurde ihm auch das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern am Schulterband verliehen.

Reinhard Gehlen war ein Cousin des Philosophen Arnold Gehlen.

Veröffentlichungen

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Personendaten
Gehlen, Reinhard
General der Wehrmacht und Präsident des Bundesnachrichtendienstes
3. April 1902
Erfurt
8. Juni 1979
Berg bei Starnberg

See also: Reinhard Gehlen, 1902, 1942, 1945, 1946, 1947, 1956, 1968, 1979