Relativismus

Relativismus ist eine philosophische Denkrichtung, die davon ausgeht, dass es keine absolute Wahrheit und keine absoluten ethischen Werte gibt.

Inhaltsverzeichnis

Einteilung

Relativistischen Theorien zufolge ist die Geltung von Aussagen prinzipiell abhängig von Voraussetzungen, die ihrerseits keine allgemeine Geltung beanspruchen können. Daher lassen sich relativistische Positionen danach einteilen, welche Klasse von Geltungsansprüchen als relativ angesehen wird und welche Art von Voraussetzungen in Anschlag gebracht wird. Entsprechend der dabei möglichen Kombinationen ergibt sich eine Vielzahl verschiedener Spielarten relativistischen Denkens:

Der Bedeutungsrelativismus (linguistischer Relativismus) nimmt an, dass sprachliche Ausdrücke nur im Zusammenhang der Sprache verständlich sind, in der sie formuliert werden, wobei zumeist von der prinzipiellen oder partiellen Unübersetzbarkeit verschiedener Sprachen beziehungsweise Sprachfamilien ineinander ausgegangen wird. Der Wahrheitsrelativismus (epistemischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass die Wahrheit von Überzeugungen beispielsweise von den ihnen zu Grunde liegenden Weltanschauungen oder wissenschaftlichen Paradigmen abhängt, die ihrerseits als inkommensurabel betrachtet werden. Der Wertrelativismus (ethischer Relativismus) schließlich ist der Auffassung, dass normative Maßstäbe menschlichen Handelns sich nicht universell rechtfertigen lassen, sondern nur innerhalb einer bestimmten Kultur (Kulturrelativismus) beziehungsweise einer bestimmten historischen Epoche (historischer Relativismus) faktisch gültig sind.


Relativismus, physikalisch

Relativismus unterscheidet sich von Relativität dadurch, daß für Beobachtungen von Naturgeschehnissen neben geometrisch bewegten Bezugspunkten in der Relativität im Relativismus zeitliche Bezugspunkte hinzukommen. Unterschiedliche Zeitabläufe entstehen in Inertialsystemen (Erde, Satellit, Raumschiff) auf Grund der Zeitdilatation entsprechend der Bewegungsgeschwindigkeit der Systeme im Raum.

In einem schnellen Raumschiff als Inertialsystem verlaufen, mit der Erde verglichen, alle Abläufe in Zeitlupe. Die Insassen können das ohne Sicht nach außen aber nicht feststellen. Für Sie ist alles wie auf der Erde, da in allen Inertialsystemen grundsätzlich die gleiche Newtonsche Physik mit identischen Parametern und Größen gilt wie auch auf der Erde. Nur die Messung der Lichtgeschwindigkeit an Bord des Raumschiffes würde einen anderen Wert ergeben: durch die Änderung der Sekunde auf Grund der Zeitdilatation aus der anderen Geschwindigkeit des Raumschiffes gegenüber der Erde. Damit ist der Geschwindigkeitsunterschied des Raumschiffes gegenüber der Erde auch ohne Außensicht bestimmbar.

Bei der Sicht von einem in ein sich mit anderer Geschwindigkeit gegenüber dem Raum bewegten Inertialsystem ergeben sich ungewohnte Erscheinungen. Bis auf den invarianten Zeitgangunterschied sind diese aber nur fiktiv, wie die Längenkontraktion bei Sicht in schnelleren Zeitgang (vom Raumschiff zur Erde gesehen) und die Massenzunahme bei der Sicht von schnellerem in langsameren Zeitgang (von der Erde zum Raumschiff gesehen). Die Umrechnung der fiktiven in die realen Längen wie Massen ist Aufgabe der speziellen Relativitätstheorie.

Zeitdilatation ist die reale physikalische Ursache für den Relativismus. Ihre Entstehung ist unbekannt. Der langsamste Zeitgang durch die Zeitdilatation ist bei Lichtgeschwindigkeit. Der Zeitgang ist dabei Null, alle Abläufe einschließlich der Bewegungen der Elektronen um den Atomkern wie Bewegungen im Atomkern sind eingefroren, eine Sekunde dauert eine unendliche Zeit! Für diesen Kosmos muß es aber auch einen Ort geben, wo der Zeitgang bei Ruhezustand eines Inertialsystems am schnellsten, die Sekunde also am kürzesten ist. Der an diesem Ort schnellste Zeitgang mit dem damit gemessenen Wert der Lichtgeschwindigkeit stellen kosmosspezifische Konstanten dar.

Mehr über Relativismus sowie Relativitätstheorie [1]

Geschichte

Die zunehmende Bekanntschaft mit fremden Völkern und die damit einhergehende Einsicht in die Pluralität religiöser Vorstellungen, Weltbilder und lokaler Sitten und Gebräuche führte bereits in der antiken Sophistik zur Entwicklung relativistischer Auffassungen. So ist etwa der "Homo-Mensura-Satz" des Protagoras bereits von seinen zeitgenössischen (göttertreuen, aristokratischen) Widersachern als Ausdruck eines extremen epistemischen Relativismus gedeutet worden: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden für ihr Sein und der Nicht-Seienden für ihr Nicht-Sein". Mit der begrifflichen Unterscheidung von Natur ("physis") und menschlicher Satzung ("nomos") wurde zudem die Grundlage für einen ethischen Relativismus geschaffen, dem zufolge moralische Normen und Gesetze nicht auf der Natur, sondern auf menschlicher Übereinkunft beruhen und somit kontingent, das heißt sowohl kulturrelativ als auch historisch veränderlich sind.

Neuere kritische Quellenforschung geht allerdings davon aus, dass der "Homo-Mensura-Satz" des Protagoras wie auch andere überlieferte erkenntnistheoretische Positionen der Sophisten statt im Sinne der heutigen (platonischen) Relativismusdefinition eher im Sinne der neuzeitlichen Systemtheorie beziehungsweise des (Radikalen) Konstruktivismus zu verstehen sind.

Der neuzeitliche Relativismus entwickelte sich insbesondere seit dem 18. Jahrhundert. Beeindruckt von der Entdeckung und Erkundung neuer Kontinente und der wachsenden Anzahl von Reiseberichten aus fernen Ländern entwickelten Gelehrte wie beispielsweise Herder, Humboldt oder Hamann in kritischer Distanz zum universalistischen Vernunftbegriff der Aufklärung Ansätze zu Sprach-, Kultur- und Rationalitätstheorien mit relativistischen Implikationen. Der Siegeszug der neuzeitlichen Wissenschaften schuf die weltanschaulichen Voraussetzungen für das Aufkommen einer Vielzahl relativistischer Theorien im Verlauf des 19. Jahrhunderts. So ging etwa der geschichtswissenschaftliche Historismus von der historischen Bedingtheit aller menschlichen Lebensäußerungen aus, während Biologismus und Psychologismus die relativistische Ansicht nahe legten, dass menschliches Denken und Verhalten nur mehr als Ausdruck der biologischen beziehungsweise psychischen Konstitution des Menschen zu verstehen sind.

Im 20. Jahrhundert wurden explizit relativistische Positionen, insbesondere von Evans-Pritchard und anderen in der Ethnologie, von Benjamin Lee Whorf und anderen in der Linguistik (Sapir-Whorf-Hypothese) und von Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend in der postempiristischen Wissenschaftstheorie, entwickelt. Im Kontext der zeitgenössischen Philosophie weisen vor allem der Konstruktivismus, der Poststrukturalismus und der Pragmatismus vielfach relativistische Tendenzen auf.

Diskussion

Der Standardeinwand gegen den epistemischen Relativismus besteht in dem Nachweis seiner selbstreferentiellen Inkonsistenz: Wenn alle Behauptungen nur relativ gültig sind, betrifft dies auch die relativistische Behauptung selbst, die somit nicht als gültiger als ihre Negation angesehen werden kann. Geht man davon aus, dass bereits der Akt des Behauptens selbst notwendig einen Anspruch auf universelle Geltung einschließt, begeht der Relativist zudem einen performativen Selbstwiderspruch (Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Vittorio Hösle): Der propositionale Gehalt seiner Behauptung steht im Widerspruch zu dem Sprechakt, den er vollzieht. Hösle und Apel sehen in diesem Argument eine Letztbegründung notwendiger Wahrheiten

Der linguistische Relativismus wird unter anderem dafür kritisiert, dass er, um seine These zu belegen, auf Beispiele aus der betreffenden Sprache beziehungsweise auf ausführliche Sprachvergleiche zurückgreifen muss, was ihm unter seinen eigenen Voraussetzungen überhaupt nicht möglich wäre. Vor diesem Hintergrund wird unter anderem von Donald Davidson argumentiert, dass der Begriff der Sprache selbst bereits Übersetzbarkeit impliziert, da es andernfalls keine Möglichkeit gebe, etwas überhaupt als Sprache zu identifizieren.

Der ethische Relativismus wird vielfach als moralisch verwerflich oder gar politisch gefährlich angesehen, da er beispielsweise die universelle Geltung der Menschenrechte zu leugnen und die moralische Verurteilung inhumaner kultureller Praktiken (wie beispielsweise der Beschneidung von Mädchen und Frauen) unmöglich zu machen scheint. Der ethische Relativismus stellt jedoch nicht notwendig selbst eine ethische Position dar, sondern lässt sich oftmals als theoretische Position auf einer metaethischen Ebene verstehen.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

See also: Relativismus, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Aufklärung, Benjamin Lee Whorf, Biologismus, Donald Davidson, Epoche, Ethik