Reliquie
thumb|Reliquie aus der Domkammer Münster (Westfalen) Eine Reliquie (lateinisch Überbleibsel) ist ein Gegenstand religiöser Verehrung, besonders ein Körperteil oder Teil des persönlichen Besitzes eines Heiligen.
Reliquien finden sich in allen Hauptreligionen, vor allem aber im Christentum, im Shinto und im Buddhismus.
Im Christentum (Katholizismus und Orthodoxie) ist die Reliquienverehrung eine der ältesten Formen der Heiligenverehrung und schon im mittleren 2. Jahrhundert eindeutig nachweisbar, lange vor z.B. Ikonen- oder anderen Heiligenbildern-Verehrungen. Dies ist bemerkenswert, da in der heidnischen Antike die Reliquienverehrung nicht erwünscht war und Körperteile von noch so frommen Verstorbenen als unrein galten.
Im Protestantismus wird die Reliquienverehrung größenteils abgelehnt.
| Inhaltsverzeichnis |
Kategorisierung
Im Katholizismus werden drei Reliquienklassen unterschieden:
- Reliquien erster Klasse sind alle Körperteile des Heiligen, insbesondere Partikel seiner Knochen, aber auch seine Haare, Fingernägel und, soweit erhalten, sonstigen Überreste, ins selteneren Fällen auch Blut. Bei Heiligen, deren Körper verbrannt wurden, gilt gegebenenfalls die Asche als Reliquie erster Klasse.
- Reliquien zweiter Klasse, auch echte Berührungsreliquien genannt, sind Gegenstände, die der Heilige zu seinen Lebzeiten berührt hat, insbesondere Objekte von besonderer biographischer Bedeutung. Dazu gehören etwa bei heiliggesprochenen Priestern und Mönchen ihre sakralen Gewänder, bei Märtyrern beispielsweise die Foltergeräte und Waffen, durch die sie ums Leben kamen.
- Reliquien dritter Klasse oder mittelbare Berührungsreliquien sind Gegenstände, die Reliquien erster Klasse berührt haben. Solche Objekte, in der Regel kleine Papier- oder Stoffquadrate, die kurz auf die Reliquien gelegt und hinterher auf Heiligenbildchen geklebt werden, werden in vielen katholischen Wallfahrtsorten besonders in Südeuropa bis heute als Souvenirs an Pilger verkauft.
Eine Sonderstellung außerhalb dieses Schemas kommt den biblischen Reliquien zu, also denjenigen Gegenständen, die mit dem neutestamentarischen Heilsgeschehen, insbesondere mit Jesus und Maria in direkte Verbindung gebracht werden. Dazu zählen vor allem die Kreuzreliquien, kleine Holzsplitter vom Kreuz Christi, von denen viele tausend über die ganze Welt verteilt in katholischen und orthodoxen Kirchen verehrt werden. Zu den Passionsreliquien, die Bezüge zur Passion, also zur Leidensgeschichte Jesu in seinen letzten Lebenstagen aufweisen, gehören daneben auch die berühmte Heilige Lanze des Longinus, Partikel der Kreuznägel, der Dornenkrone und der anderen Marterwerkzeuge, ferner das Turiner Grabtuch, das Schweißtuch der Veronika und der Gral. In ähnlicher Weise werden Gewänder verehrt, die Maria und Jesus zu Lebzeiten getragen haben sollen, etwa der Heilige Rock in Trier, die Sandalen Jesu in Prüm und die Gewänder Mariae in Aachen.
Da Jesus und Maria nach katholischer Ansicht in den Himmel entrückt wurden und daher von ihnen keine Leichname existieren, war die Frage, ob es von ihnen Reliquien erster Klasse geben könne, theologisch zeitweise sehr umstritten. Die in Kirchenschätzen erhaltenen angeblichen Reliquien der abgeschnittenen Haare und Fingernägel, der Milchzähne und Nabelschnur Jesu werden heute überwiegend als mittelalterliche Fälschungen angesehen und von der katholischen Kirche nicht mehr in besonderer Weise verehrt.
Die Klasseneinteilung der Reliquien hat vor allem kirchenrechtliche Bedeutung: das kanonische Recht verbietet Katholiken den Handel mit biblischen Reliquien sowie Reliquien erster und zweiter Klasse. Katholiken dürfen solche Objekte zwar von Dritten erwerben, besitzen und privat verehren, aber nicht weiterverkaufen. Zulässig sind lediglich das Verschenken von Reliquien an andere Gläubige und die Rückgabe an die Kirche.
Wunderwirkungen
Viele Wunder werden den Reliquien während des Mittelalters zugesprochen. Die Lebensbeschreibungen der Heiligen wurden in Hagiographien gesammelt wie der "Goldenen Legende" (Legenda aurea) oder den Arbeiten des Cäsarius von Heisterbach. Ihre große Verehrung sowie Wundergeschichten lösten während des Mittelalters eine allgemeine Suche nach deren Reliquien aus.
So wurden beispielsweise auch hunderte kleinste Teile des Heiligen Kreuzes, welches die Kaiserinmutter Helena ca. 325 von Jerusalem nach Rom und Konstantinopel gebracht hatte, nach der Eroberung Konstantinopels während des Vierten Kreuzzuges im Jahre 1204 durch die Kreuzritter über die Länder Europas verstreut. So viele Kirchen behaupteten am Ende den Besitz eines solchen Stückes, dass Erasmus von Rotterdam irrtümlich bemerkte, sie reichten aus, um daraus ein ganzes Schiff zu bauen. Jedoch ergäben diese millimetergroßen Bruchstücke noch nicht einmal ein Drittel des Kreuzes.
Das Grabtuch von Turin ist eine andere Reliquie, deren Echtheit so umstritten ist, dass sich in den letzten Jahren sogar eine neue Wissenschaft, die Sindonologie, entwickelte. Das Interesse der Wissenschaft an Reliquien läßt sich auch dadurch begründen, daß naturwissenschaftlich oftmals unerklärliche Phänomene im Zusammenhang mit Reliquien bekannt wurden. Hauptsächlich die "Unversehrtheit" (keine Verwesung) der Heiliggesprochenen oder bestimmter Organe bzw. Teile ihres Körpers sind hier zu nennen. In der Pfarrkirche St. Hildegard und St. Johannes d. T. in Eibingen im Rheingau wird der Schrein der Hildegard von Bingen mit Herz und Zunge in unverwestem Zustand aufbewahrt. Die Abteikirche von Coulomb in Frankreich behauptet den Besitz der Reliquie von Jesu Beschneidung. Trier verwahrt den Heiligen Rock, die ehemalige Benediktinerabtei Prüm in der Eifel die Sandalen Christi.
Christliche Bedeutung: Unter Christen verlangt die Pietät grundsätzlich die Achtung auch vor dem toten Körper. Umso mehr wird bei Christen aus einer religiösen Gesinnung heraus den sterblichen Überresten jener Menschen Ehrfurcht erwiesen, die aus ihrer Sicht zu Gott gegangen sind. Reliquien dürfen aber nicht auf magische Weise missverstanden werden, so als ob ihr bloßer Besitz das Heil garantiere oder sich mit ihnen bestimmte Wirkungen erzielen ließen. Vielmehr ist es im katholischen und auch orthodoxen Verständnis die Fürbitte der Heiligen bei Gott, der eine bestimmte Hilfe zugeschrieben wird, nicht aber durch irgendeine tote Sache als solche, denn die Reliquie steht nur als Stellvertreter für den Heiligen selber.
Aufbewahrung
Ursprünglich wurden die Reliquien von Personen, die im Rufe besonderer Heiligkeit und Gottesnähe standen, unter den Altären der ersten christlichen Kirchen beigesetzt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die bis heute gültige katholische Tradition, bei der Weihe einer neu errichteten Kirche eine Reliquie des jeweiligen Namenspatrons in den Tisch des Hauptaltars einzumauern und in größeren Kirchen verschiedenen Heiligen eigene, mit Reliquien ausgestattete Altäre zu errichten.
Bereits in der Spätantike begann sich unter den Gläubigen eine besondere Verehrung bestimmter Heiligenreliquien zu entwickeln. Um die dadurch gewachsene Bedeutung der Reliquien für die Kirche, in der sie sich befanden, zu unterstreichen, begann man mit der Anfertigung spezieller, meist künstlerisch und materiell sehr kostbar ausgeführter Behältnisse zur Aufbewahrung der Reliquien. Diese Behälter werden zusammenfassend als Reliquiare bezeichnet.
Die älteste Form des Reliquiars ist der Reliquienschrein. Dabei handelt es sich um einen meist reich geschmückten, dem Sarkophag des Heiligen entsprechenden Kasten in Originalgröße oder miniaturisierter Ausführung. Berühmte Reliquienschreine des hohen Mittelalters sind der Dreikönigsschrein im Kölner Dom, der Aachener Karlsschrein, der Marburger Elisabethschrein und der Eibinger Hildegardisschrein.
Erste vom Typus des Schreins abweichende Formen des Reliquiars entwickelten sich vor allem in der Ostkirche, darunter die Staurothek, eine flache goldene Lade zur Unterbringung großer Kreuzreliquien - ein bekanntes Exemplar aus Byzanz befindet sich heute im Limburger Domschatz - und das Enkolpion, eine meist kreuzförmige Reliquienkapsel, die vom Priester an einer Kette um den Hals getragen wurde.
Im Westen übernahm man im Verlauf des Mittelalters zunächst die ostkirchlichen Reliquiartypen, von denen als diplomatische Geschenke sowie besonders infolge der Plünderung Konstantinopels durch venezianische Truppen im Jahre 1206 sehr viele Exemplare nach Mitteleuropa gelangten. Daneben traten Behältnis-Variationen wie das große Reliquienkreuz und die formal einer Pilgertasche nachempfundene Bursa. Berühmte Beispiele für diese Typen finden sich mit dem Reichskreuz und der Stephansbursa in den römisch-deutschen Reichskleinodien.
Unter den Pilgern des beginnenden Spätmittelalters wuchs die Begierde danach, die Reliquien auf ihren Wallfahrten unmittelbarer in Augenschein nehmen zu können; vielfach stellte sich gegenüber den geschlossenen Reliquienkästen ein gewisses Misstrauen ein, zumal Reliquienfälschungen überhand nahmen. Daher wurde zunächst der Typus des sprechenden Reliquiars entwickelt - dabei handelt es sich um Behältnisse, die in ihrer äußeren Form dem Körperteil nachempfunden sind, dessen Überreste sich darin befinden. Reliquiare für Armknochen wurden als goldene Arme gestaltet, Fußreliquiare als goldene Beine, Schädelreliquiare als kostbar geschmückte Reliquienbüsten. Wichtige Beispiele sind die Karlsbüste im Aachener Domschatz und die Schädelreliquiare der Apostel Petrus und Paulus in der Lateranbasilika in Rom. Bedeutende Kirchen und Klöster sammelten ihre Reliquiare in speziellen Heiltumskammern und zeigten sie den Gläubigen stolz bei Prozessionen und sogenannten Heiltumsweisungen, von denen sich eine besonders bedeutende in Trier mit der periodischen Ausstellung des Heiligen Rocks bis heute erhalten hat.
Auch die sprechenden Reliquiare wurden von den Gläubigen bald als unbefriedigend empfunden, weshalb man im Spätmittelalter dazu überging, aufwendig gefasste gläserne Behälter zu schaffen, in denen die eigeschlossenen Reliquien für den Betrachter direkt sichtbar waren. Ein solches Schauglas wird je nach Ausführung als Reliquienmonstranz oder Ostensorium bezeichnet; im Volksmund nennt man kreuzförmige Ostensorien wegen ihrer Verwendung durch den Priester bei Flursegnungen auch Wetterkreuze. Kleine Reliquiensplitter werden seit dem späten Mittelalter von offiziellen kirchlichen Stellen in spezielle verglaste Kapseln von meist ovaler Form eingeschlossen und anschließend versiegelt oder verplombt, um die Echtheit der enthaltenen Reliquie zu dokumentieren und zu verhindern, dass kleine Reliquien verloren gehen können. Eine solche Kapsel wird als Theca bezeichnet; meist befindet sich in ihr neben der Reliquie ein Zettelchen mit erklärender Beschriftung, die sogenannte Cedula.
Eine Sonderform des Reliquiars ist das Osculatorium, auch Kusstafel oder Pacificale genannt. Dabei handelt es sich um eine flache Metallplatte mit eingesetzer Reliquienkapsel, die rückseitig mit einem Griff oder Henkel versehen ist. In der vorkonziliaren katholischen Liturgie wurde das Osculatorium vor der Kommunion als Friedenssymbol durch die Bankreihen gereicht und von jedem Gottesdienstbesucher symbolisch geküsst.
Prozession
Eine besonders herausragende Form der Reliquienverehrung in der katholischen Kirche ist die Reliquienprozession. Hierbei werden die Reliquien von Heiligen in besonders würdevoller Form über einen meist traditionell festgelegten Prozessionsweg getragen. Eine wichtige bis heute gepflegte Feier dieser Art ist die Reliquienprozession der Heiligen Hildegard von Bingen, die jährlich am 17. September in Eibingen stattfindet.
Verweise
- www.stjosef.at Lexikon der christlichen Moral
- www.padre.at Kurzgeschichte der Reliquienverehrung anhand konkreter Beispiele (PDF-Dokument)
!
Literatur
- Angenendt, Arnold: Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart. München ²1997.
- Herrmann, Horst: Lexikon der kuriosesten Reliquien (Berlin 2003). ISBN 3-352-00644-X.
