Deutschösterreich
Deutschösterreich (auch Deutsch-Österreich) hat zwei Bedeutungen:
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Deutschösterreich in der Monarchie
Das Kaisertum Österreich umfasste, abgesehen von den der ungarischen Krone unterstehenden Ländern (Transleithanien: Ungarn, Kroatien, Siebenbürgen, Slawonien, Fiume), die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder (Cisleithanien): Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Krain, Küstenland (Görz-Gradisca, Triest, Istrien), Dalmatien, Galizien, Bukowina, Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Ab 1915 wurden diese insgesamt als Österreich bezeichnet. In vielen Gebieten wohnte die deutschsprachige Bevölkerung eng vermischt mit anderssprachigen Bevölkerungsgruppen.
Deutschösterreich war bis zum Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie eine inoffizielle Bezeichnung der durchgehend deutschsprachig besiedelten Teile des Reiches. Bei der Volkszählung 1910 umfassten diese Länder 79.866 km² und zählten 6,358 Millionen Einwohner. Andere Sammelbezeichnungen dieser Länder lauteten: »Deutsche Kronländer« oder auch »Deutsche Erblande«.
Republik Deutschösterreich
Deutschösterreich war auch von 1918-1919 die Bezeichnung der späteren Republik Österreich. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich hierbei um die deutschsprachigen Gebietsteile des auseinander gebrochenen Vielvölkerstaates handelt.
Proklamation der Republik
Mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns wählten am 21. Oktober 1918 die deutschen Abgeordneten der Monarchie (also auch die Sudetendeutschen, Deutschsüdtiroler und Deutsch-Untersteirer) den Vertreter der stärksten Fraktion des österreichischen Parlamentes zum ersten Präsidenten der »Provisorischen Nationalversammlung«. Dies war der Deutschnationale Franz Dinghofer. Landeshauptstadt wurde die Stadt Wien. Staatskanzler war der Sozialdemokrat Karl Renner.
Nachdem am 11. November 1918 der letzte Kaiser Österreich-Ungarns, Karl I., auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtet hatte, beschloss am folgenden Tag die provisorische Nationalversammlung, auch unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker und damit auf das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, mit nur zwei Gegenstimmen das »Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich«. Die beiden ersten Artikel lauteten:
- Artikel 1
- Deutschösterreich ist eine demokratische Republik. Alle öffentlichen Gewalten werden vom Volke eingesetzt.
- Artikel 2
- Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik. Besondere Gesetze regeln die Teilnahme Deutschösterreichs an der Gesetzgebung und Verwaltung der Deutschen Republik sowie die Ausdehnung des Geltungsbereiches von Gesetzen und Einrichtungen der Deutschen Republik auf Deutschösterreich.
Die proklamierte Republik umfasste 118.311 km² und 10,37 Mio. Einwohner.
Mit dem Gesetz vom 22. November 1918 legte die deutschösterreichische Nationalversammlung das Staatsgebiet wie folgt fest:
- Die Republik Deutschösterreich übt die Gebietshoheit über das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder aus.
Die Teilstaaten Deutschösterreichs
300px|thumb|Von der Nationalversammlung beanspruchtes Staatsgebiet der Republik Deutschösterreich (1918-1919) Deutschösterreich umfasste ab dem 22. November 1918 folgende Teile, in denen die deutschsprachige Bevölkerung die überwiegende Mehrheit stellte:
- Österreich unter der Enns (mit dem Deutsch-Südmährischen Kreis [Znaim])
- Österreich ob der Enns (mit dem Böhmerwaldgau [Krummau])
- Steiermark
- Kärnten
- Tirol-Vorarlberg
- Salzburg
- Deutsch-Böhmen
- Sudetenland
- »Einschlußgebiete« Iglau, Olmütz und Brünn
- Deutsch-Westungarn (formale Zugehörigkeit)
Minderheiten in Deutschösterreich:
- Als »rein deutsch« galten die Länder Salzburg und Österreich ob der Enns. Doch beim letzteren wurde der überwiegende Teil »Deutsch-Südböhmens« als »Böhmerwaldgau« (1919: 176.200 Deutsche und 6.100 Tschechen) angeschlossen, so dass dort nicht mehr von einem »rein deutschen Land« gesprochen werden konnte.
- In Österreich unter der Enns lebten mit dem Anschluss »Deutsch-Südmähren« und dem restlichen »Deutsch-Südböhmen« als »Deutsch-Südmährischer Kreis« rund 25.000 Tschechen, neben 180.000 Deutsche. Vor allem im Waldviertel lebten 12.400 »deutschgesinnte« Horazen und in Wien 12.600 Böhmen und Mährer.
- In den Ländern Kärnten und Steiermark wurden die Slawen zu den Slowenen gerechnet. Von Amtswegen wurden ihnen auch die Windischen zugerechnet, die sich selbst mehr dem »deutschen Kulturkreis« zurechneten.
- Im Land Tirol-Vorarlberg lebten neben den Deutschösterreichern auch rund 10.000 Italiener, zu denen auch von Amtswegen die 9.900 Ladiner gerechnet wurden.
- In Deutsch-Böhmen und Sudetenland kamen auf die deutschsprachige Bevölkerung noch rund 141.000 Tschechen.
- Im von Deutschösterreich beanspruchten »Deutschwestungarn« - das spätere Burgenland - lebten neben den Deutschen auch noch 42.000 Kroaten und 15.000 Ungarn. Es gehörte der ungarischen Reichshälfte an.
- In den böhmisch-mährischen Sprachinseln, die als »Einschlußgebiete« von Deutschösterreich beansprucht wurden, lebten 1919 neben 155.700 Deutsche noch 66.600 Tschechen.
Das ehemalige Kronland »Tirol-Vorarlberg« wurde noch während des Jahres 1918 in die heutigen Länder geteilt, da die Vorarlberger (bis 1920) mehrheitlich den Anschluss an die Schweiz anstrebten.
Von Deutschösterreich wurden die deutschen Sprachinseln Iglau, Brünn und Olmütz in Böhmen und Mähren beansprucht. Während sich die böhmisch-mährischen Sprachinseln auch völkerrechtlich der Republik Deutschösterreich anschlossen wurde in »Deutsch-Westungarn« (5.800 km² und rund 500.000 Einwohner) völkerrechtswidrig eine deutschösterreichische Zivilverwaltung eingerichtet. So kam es zwischen Ungarn und Deutschösterreich zum blutigen Grenzkrieg, als die Ungarn die Zivilverwaltung beseitigt hatten. Über die endgültige Zugehörigkeit dieses Gebietes sollte nun am 14. Dezember 1921 eine Volksabstimmung entscheiden.
Deutschösterreich nach 1919
thumb|200px|Deutschösterreichische Zeitungsmarken 1920 Am 10. September 1919 unterzeichnete Staatskanzler Karl Renner in Saint Germain die Friedensverträge. Diese enthielten, neben der Verpflichtung zu Reparationszahlungen (auf die später wegen der wirtschaftlichen Situation Österreichs verzichtet wurde), auch die Festlegung der Staatsgrenzen, ein Verbot des Zusammenschlusses mit dem Deutschen Reich und untersagten die Verwendung des Namens »Deutsch-Österreich«.
Der Vertrag wurde am 21. Oktober von der Nationalversammlung in Wien ratifiziert und die Staatsbezeichnung von »Republik Deutschösterreich« in »Republik Österreich« umgewandelt.
Nichtsdestoweniger verfasste Karl Renner im Jahr 1920 eine Hymne, »Deutschösterreich, du herrliches Land«, die den inkriminierten Begriff enthielt. Die Komposition wurde allerdings nie offiziell zur Nationalhymne erklärt.
Österreich musste nun auf große Teile des für sich beanspruchten Gebietes verzichten und diese an die Nachbarstaaten Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien und Italien abtreten:
- Deutsch-Böhmen, das Sudetenland, der Böhmerwaldgau und Deutsch-Südböhmen sowie Deutsch-Südmähren wurden mit rund 27.000 km² an die Tschechoslowakei abgetreten. In diesen Gebieten lebten über 3,2 Millionen Deutschsprachige und rund 226.500 Tschechen.
- Im westlichen Übermurgebiet lebten 2.500 Österreicher. Dieses Gebiet verblieb als ehemaliger Teil Deutsch-Westungarns ebenfalls bei Ungarn.
- An Jugoslawien musste die Untersteiermark mit 5.900 km² abgetreten werden. Die Bevölkerung bestand aus 79.000 Österreicher (einschließlich der Windischen) und aus 400.000 Slowenen. Die großen Städte des Landes waren überwiegend deutsch und die ländlichen Gebiete slowenisch besiedelt.
- Die Gemeinden Seeland, Mießtal und Unterdrauburg umfassten gemeinsam rund 430 km². Der Bevölkerung nach waren 3.105 Österreicher und 13.600 Slowenen. Sie fielen an Jugoslawien.
- Das Kanaltal fiel mit 332 km² und dem Hauptort Tarvis an Italien. Der Bevölkerung nach waren 5.300 Österreicher und 1.500 Slowenen.
- Südtirol umfasste 7.400 km² und wies 202.400 Österreicher, 9.000 Italiener und 9.900 Ladiener auf. Es fiel an Italien.
Aber im Gegenzuge gelangten 3.967 km² des nun als »Burgenland« bezeichneten Deutschwestungarn an Österreich. Dort lebten nun neben 226.000 Österreichern noch 42.000 Kroaten und 15.000 Ungarn. Der Hauptort Ödenburg fiel jedoch nach dem 14. Dezember 1921 an Ungarn.
Anschluss an Deutschland 1938
Hauptartikel: Anschluss (Österreich)
1938 schlossen die deutschen Nationalsozialisten Österreich an das Deutsche Reich an, später auch im Münchner Abkommen, das Sudetenland.
Zitatensammlung (1791-1933)
Das politische Selbstverständnis Deutschösterreichs war, nicht zuletzt da mit dem Krieg auch wirtschaftlich bedeutende Regionen in Ungarn und der Tschechoslowakei verloren gegangen waren und das Land von vielen als ökonomisch nicht lebensfähig angesehen wurde, mehrheitlich großdeutsch ausgerichtet. Am 4. Februar 1919 (zwei Tage vor der ersten Wahl der neu entstandenen Republik) übermittelte die provisorische Nationalversammlung dem Deutschen Reichstag einstimmig folgende Grußworte: »Wir hoffen, daß es der deutschen Nationalversammlung im Vereine mit der deutschösterreichischen Volksvertretung gelingen wird, das Band, das die Gewalt im Jahre 1866 zerrissen hat, wieder zu knüpfen, die Einheit und Freiheit des Deutschen Volkes zu verwirklichen und Deutschösterreich mit dem deutschen Mutterlande für alle Zeiten zu vereinen.«
Dass viele damalige Künstler und Politiker Deutschösterreichs das Deutschtum aus verschiedensten Gründen bewusst als politisches Instrument einsetzten, unterstreichen auch folgende Zitate:
- »Der Deutsche Bund war nicht schlecht von Haus, gab euch Schutz in jeder Fährlichkeit, nur setzt’ er etwas Altmodisches voraus, die Treue und die Ehrlichkeit!«
- (Franz Grillparzer, 1866 zur Auflösung des Deutschen Bundes)
- »Als Deutscher ward ich geboren, bin ich noch einer? Nur was ich Deutsches geschrieben, das nimmt mir keiner!«
- (Franz Grillparzer, 1871 zu seinem 80. Geburtstag und als Reaktion auf das neugeschaffene Deutsche Reich Bismarcks)
- »Ich bin vor allem Österreicher, aber entschieden deutsch und wünsche mir den innigsten Anschluß an Deutschland!«
- (Kaiser Franz Joseph I. im Jahre 1858 zu seinem Onkel Erzherzog Karl)
- »Ich erkläre Ihnen, jeder Deutsche, der sich die Nationalität stehlen lassen wird, ist in meinen Augen ein Feigling, der nicht verdient auf der Welt zu sein!«
- (Der Wiener Bürgermeister und Führer der Christlichsozialen Volkspartei Karl Lueger im österreichischen Abgeordnetenhaus, 13. 02.1901)
- »Werte Volksgenossen! Im Auftrage aller deutscher Parteien habe ich alle deutschen Reichsratabgeordneten zur heutigen Vollversammlung einberufen, damit auch das deutsche Volk in Österreich als seine gewählten Gesamtvertretung…erklären…und für den Staat Deutschösterreich in einer konstituierenden Nationalversammlung…«
- (Dr. Waldner am 21. Oktober 1918 zur ersten Sitzung der Provisorischen Nationalversammlung)
- »...so erklären wir, daß sich das deutsche Volk in Österreich mit allen Mitteln dagegen wehren wird, daß seine staatsrechtliche Stellung oder die staatsrechtliche Stellung eines seiner Teile über seine Köpfe hinweg durch die Staatsgewalt eines fremden Eroberers bestimmt wird. Jedem solchen Versuch wird das deutsche Volk in Österreich sein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht mit allen Mitteln verteidigen!«
- (Entschließungsantrag der Sozialdemokraten im Reichsrat, 03.10.1918)
- »Anschluß an Deutschland ist Anschluß an den Sozialismus.«
- (Parole der Arbeiterzeitung, nachdem in Deutschland die Novemberrevolution stattgefunden hatte, 1918)
- »...aufgrund dieser Tatsachen erklärt die Provisorische Landesversammlung für Oberösterreich kraft des Selbstbestimmungsrechtes des reindeutschen Volkes in diesem Lande mit gleichen Rechten den Ländern Niederösterreich, Steiermark, Tirol, Vorarlberg, Deutschböhmen und Sudetenland als Glied des Staates Deutschösterreich zur Seite zu treten...«
- (Beitrittserklärung Oberösterreichs zur Republik Deutschösterreich, 18.11.1918)
- »Die deutsche Nation, deren integrierter Bestandteil wir Deutschösterreicher sind, zimmert sich heute in Not und Drang ein neues Haus … Wir haben das Interesse, unsere künftige Stellung in der Gemeinschaft aller deutschen Stämme zu wahren und zu bekunden, daß die Gemeinschaft der Sprache, des Blutes und der Kultur stärker ist als der vorübergehende Zufallwellenschlag der Tagesereignisse.«
- (Staatskanzler Karl Renner in der deutschösterreichischen Nationalversammlung, 24.04.1919)
- »Diese brutale Gewalt, welche man an uns ausübt, wird sich rächen. Das Wort, daß jede Politik der Gewalt sich am Ende rächt, wird Wahrheit werden, Wahrheit in vielleicht nicht allzu ferner Zeit!«
- (Präsident der Nationalversammlung Franz Dinghofer zum Anschlussverbot, 6. Dezember 1919)
- »Laßt die Bürger Österreichs frei abstimmen – und von 100 werden 98 für die Vereinigung mit Deutschland stimmen!«
- (Dr. Karl Renner, 1928)
- »Die Österreicher freuen sich und sind stolz darauf, der deutschen Nation, dabei auch gerade dem Zweig der Nation anzugehören, der in Österreich eine so ausgeprägte und hochwertige Kultur, natürlich im Rahmen der großen deutschen Gesamtkultur, zur Entwicklung gebracht hat.«
- (Bundeskanzler Ignaz Seipel im Finanzausschuss, 02.09.1926)
- »Wir Österreicher sind uns unserer Schicksalsverbundenheit mit dem gesamten deutschen Volk voll und ganz bewußt.«
- (Engelbert Dollfuß, 20.04.1933)
