Rote Armee
thumb|200px|Fahne der Roten Armee
Rote Armee (russisch Рабоче-Крестьянская Красная Армия - Rabotsche-Krestjanskaja Krasnaja Armija, "Rote Arbeiter- und Bauernarmee") war die Bezeichnung für die Streitkräfte sozialistischer Republiken. Meist bezeichnet der Begriff die Streitkräfte der Sowjetunion zwischen 1918 und 1946. Sie wurde unter der maßgeblichen Beteiligung Leo Trotzkis in der Revolutionszeit aufgebaut. Die Bezeichnung entstand im Verlauf des russischen Bürgerkrieges, als die Gegner als Weiße Armee bezeichnet wurden.
Von 1946 bis zum Ende der Sowjetunion 1991 hieß die Armee der UdSSR offiziell Sowjetarmee, aber umgangssprachlich wurde sie weiterhin oft als "Rote Armee" bezeichnet.
Seit 1927 existierte in China ebenfalls eine Rote Armee, die 1949 mit der Gründung der Volksrepublik China jedoch in Volksbefreiungsarmee umbenannt wurde.
Auch in Bayern gab es im Jahre 1919 eine Rote Armee. Diese war von der KPD im Zusammenhang zu der bayerischen Revolution gegründet worden und spielte in der Zeit der Münchner Räterepublik eine - allerdings nur episodenhafte - Rolle. Im Frühjahr 1920 kämpfte zudem noch eine Rote Ruhrarmee im Ruhrgebiet die allerdings ebenfalls keine größere Bedeutung erlangen konnte.
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Gründung und Struktur
Die Rote Armee wurde durch einen Beschluss des Rates der Volkskommissare am 15. Januar (28. Januar n.d. Julianischen Kalender) 1918 gegründet. Sie ging aus der bereits vorher existierenden Roten Garde hervor. Leo Trotzki, Volkskommissar von 1918 bis 1924, sah sich als "Gründer" der Roten Armee. Es gibt aber vor allem unter den ehemaligen zaristischen Militärspezialisten durchaus andere Auffassungen zu Trotzki.
Der später in der Sowjetunion als offizieller Tag der Roten Armee ausgerufene Feiertag am 23. Februar ging auf den ersten Tag zurück, an dem 1918 in Petrograd und Moskau Soldaten rekrutiert wurden, als auch auf den ersten Tag, an dem es zu Siegen bei Kämpfen zwischen der Roten Armee und den Truppen des Deutschen Reiches bei Pskow und Narwa kam. Der bis zum Ende der Sowjetunion wichtige Feiertag wird noch heute als Tag der Verteidiger des Vaterlandes gefeiert.
Bei ihrer Gründung war die Rote Armee eine Freiwilligenarmee ohne Rangabzeichen oder besondere Hervorhebung einzelner Mitglieder. Kommandierende wurden demokratisch gewählt, auch konnten die Befehle der Offiziere durch die Untergebenen diskutiert und ggf. abgelehnt werden. Um die militärische Effizienz zu steigern, hob Stalin diese demokratischen Einrichtungen allerdings später wieder auf. Am 29. Mai 1918, mitten im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution wurde die allgemeine Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 40 Jahren ausgerufen.
Da ein Mangel an Offizieren vor allem in höheren Kommandofunktionen bestand, wurden anfangs auf freiwilliger Basis Generale und Offiziere der zaristischen Armee gewonnen. Darunter waren auch Generale, die unter dem Zaren Fronten und Armeen befehligt hatten oder in hohen Stabsfunktionen tätig waren. Beispiele dafür sind Brussilow, Bontsch-Brujewitsch, Parski, Klembowski, Gutor. Jeder Einheit der Roten Armee wurde ein Politkommissar oder Politruk (политический руководитель, politischer Führer) zugeteilt, der die Autorität besaß, Befehle von Kommandeuren aufzuheben, die gegen die Prinzipien der KPdSU verstießen. Dies verminderte zwar einerseits die militärische Effizienz, stellte aber andererseits die politische Zuverlässigkeit der Armee gegenüber der Partei sicher, angesichts der Tatsache, dass die Armee auf in der Zarenzeit ausgebildete Offiziere angewiesen war.
1918 wurden ehemalige Offiziere der Zarenarmee einberufen, wobei eine überwiegende Mehrheit treu ihren Dienst versah. Viele dieser Offiziere dienten auch noch im zweiten Weltkrieg und danach in der Sowjetarmee. Beispiele dafür sind Schaposchnikow, Wassiljewski, Rokossowski, Goworow. Die ursprünglich als Erbe des Zarismus abgeschafften Berufsoffiziere wurden 1935 wieder eingeführt. Den Generalstab bildeten Offiziere. Es gab nach Rapallo auch auf militärischem Gebiet eine deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit zwischen den Weltkriegen im gegenseitigen Vorteil.
Während der großen Stalinschen Säuberungen, vor allem in den Jahren 1937 bis 1939, wurden viele höhere Offiziere allerdings getötet oder in Gulags geschickt, da sie als eine Gefahr für die Machtposition Stalins angesehen wurden.
Zweiter Weltkrieg
Im Juni 1941, zur Zeit des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion umfasste die Rote Armee etwa 4,7 Millionen Soldaten, von denen knapp die Hälfte im Westen stationiert war. [1] Der deutsche Angriff auf Befehl und unter starkem Einfluß Hitlers auf die militärische Planung und Durchsetzung verfolgte das Ziel, die Sowjetunion und den "Bolschewismus" innerhalb kürzester Zeit zu vernichten und den deutschen "Lebensraum" bis zum Ural auszudehnen. Der von starken, gut ausgerüsteten und erfahrenen deutschen Kräften ausgeführte Überfall traf die sowjetische Führung und die schlecht gestaffelte Rote Armee völlig überraschend. Selbst nach Stunden und sogar Tagen glaubte man nur an eine zielgerichtete Provokation, um die unvorbereitete Sowjetunion in einen Krieg mit dem hochgerüsteten Hitlerdeutschland zu verwickeln.
Erschwerend kam hinzu: Die sowjetischen Streitkräfte befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Umbau. Durch die stalinschen "Säuberungen" in den Jahren bis 1938 wurde nahezu das gesamte höhere Offizierskorps, von den Marschällen, allen voran der bekannte und beliebte M. N. Tuchatschewski, bis hin zu den meisten Generälen und Obersten, vernichtet. Hinzu kamen die Folgen von verfehlten Einschätzungen nach den Erfahrungen des Spanienkrieges über den Einfluß von motorisierten Verbänden, insbesondere Panzer-Verbänden im modernen Gefecht, die erst kurz zuvor unter dem Eindruck der deutschen Erfolge während der Überfälle auf Polen- und Frankreich, wieder korrigiert wurden. Zudem befanden sich viele der teilweise von Stalin persönlich initiierten Neuentwicklungen von modernen Panzern (T-34), Flugzeugen (Jak-1, MiG-3, Il-2) und Artilleriegeschützen noch in der abschließenden Phase. Die Massenproduktion hatte erst teilweise begonnen und nur wenige Einheiten waren mit gleichwertigem Kriegsgerät ausgerüstet. In den ersten Kriegswochen verlor die Armee trotz teilweise verzweifelten Widerstandes fast jedes Gefecht, hunderttausende Soldaten wurden gefangen genommen, große Teile der Ausrüstung wurden zerstört oder erbeutet.
Die sowjetische Staatsführung änderte als Reaktion auf diese Niederlagen ihre Strategie im Umgang mit der Armee. Die Propaganda zielte nicht mehr auf die politische Dimension des Klassenkampfes ab und wandte sich stattdessen den patriotischen Gefühlen der Bevölkerung zu, bezog sich positiv auf die vorrevolutionäre russische Geschichte. Der Krieg gegen die deutschen Angreifer wurde als "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet, eine Bezugnahme auf den "Vaterländischen Krieg" gegen Napoleon Bonaparte 1812. Traditionelle russische Helden wie Alexander Newski und Michail Kutusow wurden ein wichtiger Teil der Propaganda, Repressionen gegen die Russisch-orthodoxe Kirche hörten auf; die traditionelle Praxis, Waffen vor dem Gefecht zu segnen, wurde wieder eingeführt. Politkommissare wurden zeitweilig abgeschafft, militärische Ränge, Orden und Medaillen wieder eingeführt.
War die Rote Armee zum Kriegsbeginn im Sommer 1941 eine schlecht ausgebildete und mit veralteter Technik ausgerüstete Armee, die nicht in der Lage war, den schlagkräftigen und kampferprobten Verbänden der angreifenden deutschen Wehrmacht vernichtende Niederlagen beizubringen, änderte sich das im Verlaufe der nächsten zwei Jahre. In kurzer Zeit verwandelte sie sich in eine qualitativ und quantitativ stark überlegene Angriffsarmee, die in der Lage war, die Initiative auf dem Schlachtfeld zu erobern, aufwendige Offensiv-Operationen durchzuführen und diese auch erfolgreich abzuschließen. Nach dem überraschenden Überfall befanden sich zunächst alle Verbände der Roten Armee in der Defensive. Technologisch schlecht ausgestattet, schlecht motiviert und mit ungeeigneter Strategie und Taktik operierend, verzeichnete die Rote Armee vor allem in den ersten Kriegsmonaten verheerende Verluste an Menschen und Material. Der schnell vorstoßende und durch die gute Ausstattung mit Funkgeräten zu weitreichender Kommunikation fähige Gegner eroberte in kurzer Zeit die Luftherrschaft. Hochmotorisierte Panzereinheiten durchbrachen schlecht verteidigte Stellungen und stießen schnell in die Tiefe vor, so daß der Gegner keine durchgehende Front errichten konnte. Viele der veralteten Flugzeuge der Roten Armee wurden bereits in den ersten Tagen am Boden zerstört oder in kurzen Luftkämpfen abgeschossen. Verteidigende und zurückweichende Einheiten sahen sich von Beginn an permanenten Luftangriffen, vor allem durch die psychologisch wirkungsvoll mit Sirenen ausgestatteten Sturzkampfflugzeuge (Stukas), ausgesetzt. Fehlgeleiteter Widerstand und kompromisslose Haltebefehle führten zu katastrophalen Einkesselungen, die regelmäßig mit der Vernichtung ganzer Divisionen und Armeen führten, aber den Vorstoß der Wehrmacht auch entscheidend verzögerten. Erst kurz vor Moskau stabilisierte sich die Front. NKWD-Sperrverbände hinter der kämpfenden Truppe und drastische Maßnahmen, bis hin zur öffentlichen Erschießung von angeblichen Feiglingen taten ein Übriges. Gefangengenommene Rotarmisten galten als Verräter. Stalin weigerte sich später, Kriegsgefangene, darunter auch seinen in den ersten Kriegswochen gefangenen Sohn Jakow, der später im KZ Selbstmord beging, gegeneinander auszutauschen.
Das ganze Land verwandelte sich in wenigen Monaten in ein gewaltiges Heer- und Arbeitslager, in dem nur ein Ziel galt: Die Rote Armee in kürzester Zeit mit allem Notwendigen für den Sieg zu versorgen. Nahrungsmittel, Treibstoff, Panzer, Flugzeuge, Geschütze, Soldaten. Mit dieser gewaltigen Opferbereitschaft hatten die Angreifer, allen voran Hitler, der davon ausgegangen war, die Sowjetunion sei ein Koloß auf tönernen Füßen, nicht gerechnet.
Der sich verschärfende Widerstand an der Front und im Hinterland brachte in Verbindung mit dem Herbstschlamm und dem kalten Winter 1941 die angreifende Wehrmacht kurz vor Moskau zum Stehen. Aus Sibirien frisch herangeführte Divisionen sorgten mit einer Gegenoffensive für Entlastung. Die Rote Armee konnte jedoch zu diesem Zeitpunkt die Initiative im Krieg noch nicht übernehmen.
Die Rote Armee wurde nun im breiten Umfang mit moderner Gefechtstechnik ausgerüstet. Teilte Stalin den Fronten und Armeen in der Anfangszeit die wenigen produzierten Panzer, Flugzeuge und Geschütze noch persönlich zu, sorgten die aus den besetzten Landesteilen evakuierten und im Hinterland neu oder wiedererrichteten Rüstungsbetriebe für eine ständig steigende Anzahl an moderner Ausrüstung. Zu nennen sind hier vor allem der bekannte mittlere Panzer T-34, das Schlachtflugzeug Il-2 und die Jagdflugzeuge Jak-9, Jak-3 und La-5/7. Fast alle Kriegsgeräte waren auf die Massenproduktion in riesigen Stückzahlen mit ungelernten Arbeitern - darunter auch sehr viele Frauen im Hinterland - zugeschnitten. Auf dem Gefechtsfeld sorgte ihre zunehmende Zahl und immer bessere Beherrschung für einen allmählichen Wandel. Der entscheidende Befehl Nr. 227 des Volkskommisars für Verteidigung vom 28. Juli 1942 macht den Ernst der Situation, in der es für die Sowjetunion um das nackte Überleben ging, deutlich. Der Befehl statuierte die Forderung "Kein Schritt zurück" und legte durchgreifende Bestimmungen zum Erhalt und zur Durchsetzung der Disziplin fest. Er enthielt unter anderem die Anweisung zur Aufstellung von Strafbataillionen und Sondereinheiten, die „unmittelbar hinter unzuverlässigen Divisionen einzusetzen sind und die Aufgabe haben, im Falle eines ungeordneten Rückzugs der vor ihnen liegenden Divisionen jeden Flüchtenden und jeden Feigling zu erschießen und damit dem ehrlichen Kämpfer bei der Verteidigung seiner Heimat beizustehen.“
Ein erster Versuch, die militärische Initiative durch eine großangelegte Offensive zu gewinnen, scheiterte in der Schlacht bei Charkow (12. - 28. Mai 1942) aufgrund zu schwacher und in für großangelegte Offensivmaßnahmen noch nicht fähiger Kräfte, sowie ungenügender Reserven. Das Ziel der Operation unter Marschall Timoschenko, mit starken Panzerkräften die 6. Armee unter Paulus einzuschließen, schlug fehl. Die weit vorgestoßenen sowjetischen Truppen - sechs Armeen mit über 30 Divisionen und Brigaden - wurden nun ihrerseits in einer Zangenbewegung durch deutsche Verbände eingeschlossen und in einer Kesselschlacht vollständig aufgerieben. Verzweifelte Ausbruchsversuche schlugen fehl, mehrere hunderttausend sowjetische Soldeten wurden getötet oder gingen in Gefangenschaft. Der Kräftevorteil an der gesamten Front lag zu diesem Zeitpunkt immer noch auf Seiten der Wehrmacht, die nun ihre in Überschätzung der eigenen Kräfte groß angelegten Offensivoperationen in Richtung der südlichen Ölvorkommen bei Baku, den Kaukasus und Stalingrad begann, verschob sich jedoch unaufhaltsam weiter in Richtung der sowjetischen Streitkräfte.
Nach der Einkesselung und Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad und der folgenden Charkower Operation erlangte die Rote Armee 1943 immer mehr die Initiative und ging zu weitreichenden Angriffsoperationen über. Das Bewußtsein der eigenen Kraft und die Motivation stiegen an. Heldentaten wurden von der sowjetischen Propaganda an Front und im Hinterland ausgiebig gefeiert. Ausgezeichnete Soldaten und Offiziere erhielten auch materielle Vorteile, höhere Lebensmittelzuteilungen oder sogar Fronturlaub. Parallel stattfindende Umstrukturierungen und die steigende Qualifikation von Kommandeuren und Mannschaften, die aus Fehlern und Niederlagen lernten, sorgte für die notwendige Schlagkraft. Neu geschaffene Panzer- und Luftarmeen, sowie die steigende Mobilität durch motorisierte Verbände, erlaubten Kräftekonzentration an entscheidenden Punkten des Gefechtsfeldes, so dass die Wehrmacht immer stärker in die Defensive gedrängt wurde, aus der sie sich auch mit der letzten großen Angriffsoperation bei Kursk (Unternehmen Zitadelle) nicht mehr befreien konnte. Aufgrund der Strategie Hitlers ("Halten um jeden Preis") zu permanenter Verteidigung im Stellungskrieg gezwungen, wurden den angreifenden Verbänden der Roten Armee zwar hohe Verluste beigebracht, aber an einen Sieg gegen den ständig stärker werdenden Gegner war im Gegensatz zu Illusionen, die sich Hitler und einige Getreue weiterhin machten, auch ohne die spätere Eröffnung der zweiten Front im Westen, nicht mehr zu denken. Im spiegelbildlicher Verkehrung der Lage aus den Anfangstagen operierte die Rote Armee in den großen Offensiven 1944 mit der "Blitzkriegstaktik". Konzentrierte Verbände mit hoher Panzerdichte durchstießen nach stundenlanger Artillerievorbereitung mit tausenden Geschützen die gegnerischen Linien und drängten weiträumig vorwärts. Nachfolgende Verbände kesselten überrollte Wehrmachtsverbände, Städte und Dörfer ein. So wurde z.B. die Heeresgruppe Nord vollständig in Kurland bis zum Kriegsende im Mai 1945 eingeschlossen. Der organisierte Widerstand der stark angeschlagenen und personell und materiell unterlegenen Wehrmacht, die zeitgleich an der Westfront gegen überlegene Kräfte operieren mußte, wurde mit sicherem Hinterland und kontinuierlichem Nachschub so entscheidend erschwert.
Im Frühjahr 1945 stand die Rote Armee vor Berlin, in Ungarn, Österreich und der damaligen Tschechoslowakei. In der letzten großen Offensive, der Berliner Operation, beginnend mit der kompromisslos und unter hohen eigenen Verlusten geführten Schlacht bei den Seelower Höhen, bis zu den letzten Straßenkämpfen in Berlin, verlor die Rote Armee noch einmal 300.000 bis 500.000 Soldaten, bevor Deutschland am 8. Mai bedingungslos kapitulierte.
Während des Zweiten Weltkriegs zog die Rote Armee zwischen 15 und 20 Millionen Männer ein, von denen etwa 7 bis 10 Millionen getötet wurden. Sowjetische Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, kamen zu einem großen Teil durch Hunger oder gezielte Tötung ums Leben. Die Wehrmacht bildete auch Einheiten aus freiwilligen Gefangenen (Wlassow-Armee). Aufgrund der Rassenideologie der Nationalsozialisten kamen diese aber nicht zu nennenswerten Einsätzen, und wenn, dann normalerweise nur leicht bewaffnet. Nach dem blutig errungenen Sieg über Deutschland und der Einnahme von Berlin 1945 stiegen das Prestige und der politische Einfluss der Roten Armee in der Sowjetunion immens. Stalin bemühte sich jedoch in der Folgezeit, namhafte Kommandeure, wie den erfolgreichen Marschall Schukow, von entscheidenden Machtpositionen fernzuhalten.
Die Rote Armee in Finnland
Beginnend mit einem Luftangriff auf Helsinki, befahl die Führung der Sowjetunion 1939 den Überfall auf Finnland. Finnland war offiziell wegen der Nähe zu Leningrad (heute St. Petersburg) und einem möglichen Angriff aus dem Norden als Gefahr beurteilt worden, tatsächlich aber wohl nur durch den Krieg in Europa ohne ausreichenden Schutz. Die zahlenmäßig weit unterlegene finnische Armee vermochte sich aber im so genannten Winterkrieg sehr erfolgreich zu verteidigen, auch wenn Finnland territoriale Einbußen hinnehmen musste. Insgesamt war der Winterkrieg ein desaströs erkaufter Sieg für die Rote Armee und ein Grund für die Hitlerregierung, die Sowjetunion sehr zu unterschätzen, während in der SU dadurch zahlreiche Modernisierungs- und Aufrüstungsmaßnahmen ergriffen wurden.
Die Rote Armee in Ostasien
1939 kam es auch zu einer kurzen Auseinandersetzung zwischen Japan und der UdSSR, in der die Rote Armee als eine der ersten Armeen Panzer wie Kavallerie einsetzte und damit die japanischen Truppen einschloss und vernichtend schlug. Da Hitler zu dem Zeitpunkt nicht glaubte, dass Deutschland Russland besiegen könne, verzichtete er auf einen Beistand, was Japan dazu veranlasste, eine Friedensvereinbarung mit Russland zu unterzeichnen, die wiederum Russland im späteren Krieg gegen Deutschland den Rücken freihielt (zusammen mit dem von den Alliierten verhängten Ölembargo und der mangelnden Fähigkeit der Japaner, Panzer in großen Mengen zu bauen). Zum Ende des zweiten Weltkriegs brach Russland dieses Abkommen und die Rote Armee eroberte unter anderem die Kurilen, die seither Zankapfel zwischen Japan und Russland sind.
Die Rote Armee in Polen
Die Rote Armee besetzte 1939 den östlichen Teil Polens, nachdem Hitler und Stalin Polen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgeteilt hatten (Hitler-Stalin-Pakt). 1941, im Zuge des "Unternehmen Barbarossa" genannten Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, verließ die Rote Armee Polen.
Im Sommer 1944 beschloss die polnische Heimatarmee, die einen freien demokratischen Staat Polen wollte, nicht auf den "Befreier" "Russland" zu warten und rief am 1. August 1944 in Warschau zum Aufstand gegen die deutsche Besatzung auf. Die Rote Armee hatte sich während des Aufstandes in Warschau bis an die Grenzen und Vororte der Stadt herangekämpft, unterstützte die Aufständischen jedoch in keiner Weise, sondern wartete vor den Toren der Stadt, während die deutschen Besatzer den Aufstand niederschlugen und Warschau nahezu dem Erdboden gleich machten.
Die Rote Armee im Baltikum
Nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzte die Rote Armee die drei baltischen Staaten, wo sie in mehreren Wellen einen nicht geringen Teil der Bevölkerung in sibirische und zentralasiatische Lager deportierte, was in vielen Fällen einem Todesurteil gleichkam. Zehntausende versuchten aus Angst vor der Roten Armee oft in wenig seetüchtigen Booten nach Schweden zu fliehen, wobei viele ertranken.
Die Rote Armee in Deutschland
Die historische Bewertung der Roten Armee in der Zeit des Zweiten Weltkriegs ist unterschiedlich: Einerseits kämpfte die UdSSR an der Seite der anderen Alliierten in der Anti-Hitler-Koalition und befreite viele KZ, darunter auch das KZ Auschwitz-Birkenau. Andererseits werden ihr Gewaltexzesse vorgeworfen, die von manchen als Rache für die Verbrechen der Nazis gesehen werden. Lew Kopelew, der als Offizier der Roten Armee die Gewaltexzesse kritisierte, fand kein Gehör bei seinen Vorgesetzten und wurde deswegen zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Ähnlich erging es Alexander Solschenizyn.
Zeitgenössische Schilderungen berichten von Vergewaltigungen in erheblicher Zahl durch die Rote Armee. Schätzungen über die Anzahl variieren; die Bundeszentrale für Politische Bildung geht auf Basis von Franz W. Seidler/Alfred M. de Zayas Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert von mindestens 2 Millionen deutschen Vergewaltigungsopfern aus. [2] Die Führung der Roten Armee versuchte, das Problem seit Juni 1945 einzudämmen, dabei reichten die Strafen von Arrest bis zur Hinrichtung. Erst durch die Einrichtung der Besatzungsregierung in Berlin konnte das Problem dort entschärft werden. Seit Mitte 1947 wurde die Rote Armee auch räumlich von der Wohnbevölkerung getrennt. Im März 1949 schließlich erließ das Präsidium des Obersten Sowjets einen Erlass, der das Strafmaß vereinheitlichte und erhöhte. Eine Vergewaltigung zog zwingend eine Strafe von 10 bis 15 Jahren im Arbeitslager nach sich, schwere Fälle eine Strafe von 10 bis 20 Jahren.
Aus Angst vor der Roten Armee kam es im Mai 1945 in Demmin zur vermutlich größten Massenselbsttötung der deutschen Geschichte. Etwa 900 Einwohner beendeten vor und nach dem Einmarsch der russischen Armee ihr Leben. Ein Auslöser hierfür war auch der Mord eines nationalsozialistischen Apothekers an russischen Soldaten.
Das Thema wurde stets auch politisch instrumentalisiert, sowohl zur Legitimation des Antikommunismus, als auch, um im Vergleich die Taten der Nationalsozialisten zu verharmlosen und zu relativieren. Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte die "Schändung deutscher Frauen" eine wichtige Rolle in der Kriegspropaganda. In der DDR war es nicht möglich, das Thema in der Öffentlichkeit zu erwähnen.
Nach 1945
Um den endgültigen Schritt von einer revolutionären Miliz zu einer regulären Armee eines souveränen Staates zu markieren, wurde die Rote Armee 1946 in Sowjetische Armee umbenannt.
Die im zweiten Weltkrieg erlernten Strategien und Taktiken prägten und bestimmten bis zum Ende des kalten Krieges und der Sowjetunion die Militärdoktrin der Roten Armee. Starke und zahlenmäßig überlegene, vor allem mit Panzern ausgerüstete konventionelle Angriffsarmeen sollten auch im Zeitalter der nuklearen Waffenarsenale durch konzentrierte Vorstöße den Krieg auf dem Territorium des Gegners entscheiden. Die in der ehemaligen DDR und der CSSR befindliche Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte verfügte zu diesem Zweck über mehrere schlagkräftige Panzer-Divisionen, die für die gegenüberstehenden NATO-Verbände den potentiellen Gegner stellten.
Der schleichende wirtschaftliche und soziale Verfall der Sowjetunion, der bereits in den sechziger Jahren begann, machte auch vor den grundsätzlich aus Wehrpflichtigen bestehenden Streitkräften der roten Armee nicht halt. Die Technik wurde schlecht gewartet, die Mannschaften und Offiziere, vor allem der Verbände im Hinterland, waren schlecht ausgebildet. Teilweise mußten durch Soldaten selbst Lebensmittel, z. B. Kartoffeln, angebaut werden, um die Versorgung der Truppen zu verbessern. Ganze Truppenteile wurden in die sozialisitsche Wirtschaft abkommandiert, um Engpässe, z. B. in der Kohleförderung oder beim Einbringen der Ernte, zu beseitigen.
Der Afghanistan-Krieg, in dem sich die rote Armee in unwegsamen Gelände mit hartnäckigen und jahrelangen Partisanen-Taktiken konfrontiert sah, sorgte für einen weiteren moralischen Verfall, sowie starke materielle und personelle Abnutzungserscheinungen bei der aus unzureichend ausgebildeten und schlecht motivierten Wehrpflichtigen bestehenden Truppe. Obwohl die rote Armee nahezu jedes größere Gefecht gegen den nationalen und islamistischen Widerstand der ausländischen Kämpfer gewann, wurde sie 1988 aus Afghanistan durch die politische Führung aus dem verwüsteten Land, das in der Folge in einem jahrelangen und blutigen Bürgerkrieg versank, abgezogen.
Nach dem Ende der Sowjetunion, insbesondere im ersten Tschetschenienkrieg Russlands wurde das Desaster und der komplette Niedergang der nach dem Ende des zweiten Weltkrieges mächtigsten konventionellen Streitkraft auch in der breiten Öffentlichkeit deutlich. Die nationalistischen Freischärler brachten auch starken Truppenteilen, insbesondere in der ersten Schlacht um die Hauptstadt Grosny, in der die russischen Streitkräfte schlecht ausgebildet und schlecht geführt mit völlig verfehlter Taktik operierten, empfindliche Niederlagen bei, die letztendlich in einem vorübergehenden Rückzug gipfelten.
Nach der Ära Jelzin haben die aus großen Teilen der roten Armee formierten russischen Streitkräfte einen hohen Stellenwert für die politische Führung Russlands, die damit ihre weiterhin vorhandenen Ansprüche einer internationalen Großmacht legitimieren will. Es wird versucht, durch Reformen und einen höheren Militäretat eine Renaissance einzuleiten. Vielfach wird die einstmalige - wenn auch entscheidend durch jahrelange Propaganda und Indoktrination vermittelte - Größe und der Ruhm der roten Armee beschworen. Der Niedergang konnte bislang jedoch nur in Teilbereichen aufgehalten werden. Unglücke und ihre Bewältigung, wie der tragische Untergang des Atom-U-Bootes Kursk und der Verfall der ausgemusterten Atom-U-Boot-Flotte in Murmansk und anderen Standorten, sind nur Sinnbild für die tiefe Krise der russischen Streitkräfte.
Literatur
- Leo Trotzki: Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. Deutsche Ausgabe: Fischer, Frankfurt am Main 1990 ISBN 3-596-26627-0 - Trotzki war zuerst Kommissar für äußere Angelegenheiten (Außenminister), dann Kriegskommissar (Kriegsminister) der UdSSR und hat die Rote Armee mit aufgebaut. Das Buch ist online unter [3]
- Carey Schofield: Die Rote Armee: ein Koloss enttarnt sich, Zürich, 1991 ISBN 3-7263-6629-6
- Ilko-Sascha Kowalczuk und Stefan Wolle: Roter Stern über Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2001 ISBN 3-86153-246-8
- Helke Sander und Barbara Johr (Hrsg.): Befreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder. Kunstmann, München 1992. (als Taschenbuch: Fischer, Frankfurt am Main 1995 ISBN 3-596-12644-4)
- Franz W. Seidler/Alfred M. de Zayas, Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg-Berlin-Bonn 2002, S. 122. ISBN 3813207021
siehe auch: Bachmatsch - Brandenburger Werferregiment
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