Sankhya
Sankhya (साख्य): indische Philosphie, der Begriff bedeutet auf Sanskrit: "das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt". Neben Vedanta ist Sankhya die wichtigste Richtung der indischen Philosophie. Sankyha ist eines der sechs klassischen, orthodoxen, philosophischen Systeme (Darshanas).
Die Entstehungszeit ist nicht lange nach dem Tode Buddhas anzusetzen. Als Begründer wird von der Überlieferung Kapila genannt. Ob es sich um eine historische Person handelt, ist fragwürdig. Als wichtigste Textquelle gelten die Sankhyakarikas. Dabei handelt es sich um 72 Lehrsätze im Sutrastil (Sutra heißt Leitfaden). Das Sankhya war schon früh mit dem Yoga eine enge Verbindung eingegangen. Das Sankhya lieferte die Theorie, das Yoga bildete die Praxis.
Als Kernzeit des Sankhya ist die klassische Zeit anzusehen (von ca. 400 v.Chr. bis ca. 700 n.Chr.). Das Mahabharata, das große indische Epos (300 v.Chr - 500 n.Chr) wurde deutlich vom Sankhya beeinflusst. Seit dem 3./4. Jh. ist die Lehre in der vorliegenden Form bekannt. Es ist eine gewisse Nähe zum Buddhismus vorhanden.
Bei Sankhya handelt es sich um ein dualistisches System. Die Welt setzt sich zusammen aus dem Geist (purusha) und der Urmaterie (prakriti). Purusha ist in Göttern, Tieren, Menschen und Pflanzen. Die meisten purushas sind jedoch unerlöst.
Charakteristisch für den Sankhya ist die Evolutionslehre. Als Konstituenten der Urmaterie werden die drei gunas (Eigenschaften) gesehen: sattva (das Seiende, Reinheit, Klarheit), rajas (Bewegung, Energie, Leidenschaft) und tamas (Finsternis). Diese sind die Ursache der psychischen Regungen. Aus der Urmaterie (prakriti) entspringt das Erkennen (buddhi) und daraus das Ichbewusstsein (ahamkara). Das Ichbewusstsein ist einerseits der Ursprung der Elemente (mahabhutani) und des Denkens (manas) sowie der zehn Sinnesorgane (indriyani). Diese Sinnesorgane umfassen die fünf Erkenntnisorgane (buddhindriyani) und die fünf Tatorgane (karmendriyani). Überwiegt die Reinheit (sattva), welche Helligkeit und Klarheit und somit Erkenntnisfähigkeit verkörpert, so hat dies direkten Einfluss auf die Sinnesorgane (indriyani).
Leiden kommt durch karma und Naturmächte. Der Geist (purusha) leidet nicht. Das Mittel, das Leid zu überwinden, ist Erkenntnis. Es gibt drei Möglichkeiten der Erkenntnis: die Wahrnehmung, die Schlussfolgerung und die Überlieferung durch den Meister. Grundsätzlich besteht Erkenntnis im Scheiden des Materiellen vom Geistigen. Erkenntnis ist das Überwinden des Zusammenspiels von ahamkara (Ichbewusstsein) und manas (Denken) und dass purusha (Geist) das wahre Ich ist. Beim Tod des Erleuchteten tritt Erlösung ein.
Leiden gehört zur Sphäre der Materie (prakriti). Hoffnung gilt als die größte aller Illusionen. Das größte Leid ist die Wiederkehr des Todes. Individualität besteht in der Verbindung vieler purushas (Geist) mit der prakriti (Materie). Jedoch ist die Verbindung von purusha und prakriti eine Illusion. Der Wunsch nach Erlösung entstammt der prakriti.
Die prakriti besteht in zwei Zuständen: nicht entfaltet und entfaltet. Die empirische Welt ist entfaltet. In der entfalteten Welt vermischen sich die gunas (Eigenschaften). Das, was der Mensch denkt, gibt es nach Auffassung des Sankhya. Das, was der Mensch denken kann, ist zwar real, aber das Denken findet auf der manas-Ebene statt. Deshalb ist es gewissermaßen eine Illusion. Die Sinnesorgane sind unzuverlässig. Alles was Verwandlung ist, ist Leid.
Rituale, Opfer und bhakti (Yoga der Hingabe) werden vom Sankhya abgelehnt. Yoga wird als Methode für den physischen Bereich gesehen: das Abziehen der Sinnesorgane von den Sinnesobjekten.
Literatur
- Erich Frauwallner: Geschichte der indischen Philosophie. Otto Müller Verlag, Salzburg, 1953
