Santería
Als Santería bezeichnet man eine Gruppe von synkretischen Religionen. Sie vereint volks-katholischen Glauben mit schwarzafrikanischen Religionen, vor allem der Religion des Yoruba-Volkes aus Westafrika. Entsprechend der Transportwege der Negersklaven zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert findet sich die Santería (z.T. unter verschiedenen Namen) in der Karibik und in Brasilien. Die Traditionen der Yoruba und der Religionen anderer afrikanischer Völker entwickelten sich in den Kolonien eigenständig weiter und bilden heute miteinander verwandte, aber auch deutlich unterschiedene religiöse Gruppen (z.B. Candomblé in Brasilien).
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Geschichte
Der strikte Katholizimus der Kolonialmächte Spanien und Portugal verlangte auch die religiöse Unterordnung der Sklaven unter den katholischen Glauben. Ähnlich wie diejenigen spanischen Juden, die nicht nach 1492 vor der Inquisition nach Griechenland und anderswohin flohen, sondern sich taufen ließen, um im Land bleiben zu können, teilweise aber heimlich ihr Judentum weiter pflegten, so führten auch die zwangschristianisierten Sklaven des Yoruba-Volkes ihre Religion trotz Verbot unter dem herrschenden Katholizismus weiter fort.
Die kubanische Santería
Aufgrund der nichtschriftlichen Tradition gibt es keine festen Glaubensvorschriften, sondern eher Gruppen von Gläubigen, die gemeinsamen Regeln folgen. Es gibt einen gemeinsamen Kernbereich, um den herum sich unterschiedlichste Formen entwickeln.
Die Hauptrichtungen sind die Regla Ocha (besonders im Westen Kubas verbreitet), die Regla Conga (auch Palo Monte, besonders im Osten Kubas) und die Geheimgesellschaft der Abakuá. Darüber hinaus existieren zahlreiche andere Gruppen wie die der Voudou (auch Vudú oder Voodoo), die Regla Arará (oder Arada) und die Gangá Longobá.
Das Ergebnis dieses Nebeneinanderbestehens von Yoruba und Katholizimus führte letztlich zu einer Verschmelzung ganz besonderer Art. Während die katholische Kirche offiziell die Santería als Heidentum ablehnt (heimlich aber duldet), ist für die Anhänger der Santería die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche Voraussetzung. Heilige der katholischen Kirche erhalten in den Augen der Santería eine Doppelfunktion: sie bleiben die Heiligen der katholischen Kirche, werden aber gleichzeitig als Götter der Santería unter einem zweiten Namen verehrt. Die Zuordnung selbst ist jedoch regional unterschiedlich.
Obwohl die Santería eigentlich eine Religion der Schwarzen ist, lässt sich besonders seit den 1970er Jahren, ausgehend von kubanischen Intellektuellen, eine starke Ausbreitung auch unter weißen Kubanern beobachten. Ohne dies gab es auch vorher schon einen starken Einfluss der Santería auf den kubanischen Katholizismus, der auch mit den innerhalb der Santería tradierten volkmedizinischen Kenntnissen zu tun hat.
Mit der kubanischen Emigration breitete sich die Santería auch in den USA aus und ist in jüngster Zeit auch in Europa anzutreffen.
Da es sich bei der Santería nicht um eine Religion handelt, die auf religiösen Schriften beruht, verändert sie sich ständig und passt sich aufgrund der praktischen Ausübung ihrer Anhänger den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nahezu bruchlos an. Jeglicher Versuch, die religiösen Regeln zu kanonisieren, muss scheitern, da es keine Institution gibt, die über richtige oder falsche Religionsausübung entscheidet.
Orishas - Gottheiten der Santería
Die hier vorgenommene Zuordnung soll nur eine Vorstellung vom Synkretismus vermitteln und ist weder vollständig noch verbindlich. In der Regla Ocha gibt es etwa 200 verschiedene Gottheiten, von denen ca. 20 als Kernbereich angesehen werden können. Zu den hier genannten Merkmalen kommen noch viele andere Eigenschaften und Riten, die den jeweiligen Gottheiten zugeordnet sind.
| Gottheit | Herrschaftsbereich | kath. Heiliger | Farbe |
|---|---|---|---|
| Elegguá | öffnet und schließt die Wege | Antonius | rot + schwarz |
| Yemayá | Meer, Geburt, Tod | Jungfrau von Regla | hellblau + weiß |
| Changó | Gott des Krieges | Barbara | rot u. weiß |
| Obatalá | Köpfe | Nuestra señora de las Mercedes | weiß |
| Ochosí | Pfeil u. Bogen, Gefängnis | Norbert, Albert | leuchtendes Grün, schwarz-grün, grün-weiß |
| Orichaoko | Äcker, Ernte, Regen, Fruchtbarkeit | Isidro | blau u. rosa |
| Ochún | Göttin der Flüsse und der Liebe | Jungfrau vom Kupfer (Virgen del Cobre) kubanische Nationalheilige | amber u. rot |
| Oya - | Wind, Friedhofstor, Sturm, | braun mit schwarzen u. weißen Streifen | alle |
| Osain | Berge, Pflanzen, Heilkräuter | Silvester | |
| Aggayú | Flüsse, Laken | Christoph von Havanna | dunkelrot und weiß |
| Oggún | Eisen, Berge, Wälder | Petrus (Havanna), Paulus, Johannnes der Täufer (Matanzas) | schwarz + transparentes Grün |
| Babalú Ayé | ansteckende Hautkrankheiten | Lazarus | weiß-blau, weiß-grün |
In Europa ist die folkloristische Variante der Santería besonders durch den Kuba-Tourismus seit Beginn der 1980er Jahre bekannt geworden. Das führte besonders in Deutschland auch an den Universitäten zu einer stärkeren Beschäftigung mit diesen Religionen. Die von Touristen mitunter recht teuer bezahlte Aufnahme in die Santería kann eher als eine Form von Bauernfängerei gesehen werden, da der über Generationen gewachsene soziale und religiöse Hintergrund der Santería weit mehr als ein Bekenntnis zu einem Glauben beinhaltet.
Literatur
- Miguel Barnet. Der Cimarrón. ISBN 3518395408
- Miguel Barnet. Afrokubanische Kulte. ISBN 351812143X
Die wichtigste Literatur zu afrokubanischen Religionen ist leider nicht in deutscher Sprache erhältlich:
- Anibal Argüelles Mederos / Ileana Hodge Limonta. Los llamados cultos sincréticos y el espiritismo. Havanna 1991
- Enrique Sosa Rodriguez. Los Ñañigos. Havanna 1982
- Lydia Cabrera. El Monte. Havanna 1981
- Fernando Ortíz Fernández (siehe Artikel)
- Varuna Holzapfel: Santeria - Der Voodoo der Kubaner
Weblinks
- http://www.orishanetwork.de/ (Deutsches Santerianetzwerk)
- http://www.freitag.de/2003/45/03450801.php
- http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/13/0,1872,2098413,00.html
- http://www.uni-marburg.de/voelkerkunde/forschung/forschungsprojekte/santeria.htm (Santería in Deutschland)
