Schamgefühl

Scham ist ein Homonym und bezeichnet einerseits das Schamgefühl und andererseits den Schoß der Frau als einen derjenigen Körperteile, die schon früh in der Menschheitsgeschichte und in fast allen Kulturkreisen dem Anblick anderer entzogen wurden: die Geschlechtsteile.

Das Wort hat zugleich auch eine seelisch-emotionale Bedeutung. Scham ist die Angst vor sowie die Reaktion auf das Enthülltwerden von Intimem bzw. vermeintlich Schuldhaftem. Sie kann von heftigen körperlichen Symptomen wie beschleunigter Herzschlag, Erröten oder Schweißausbruch begleitet sein. Diese willentlich nicht zu kontrollierende Reaktionen können selbst wieder angstauslösend sein, die übersteigerte Furcht vor unwillkürlichem Erröten etwa wird Erythrophobie genannt.

Ursprungsbedeutung: "das zu Bedeckende", von dem Altdeutschen „Scama“ bzw. Angelsächsischen „Scamu“ und geht zurück auf die indogermanische Wurzel „Kamkem“: „zudecken, verschleiern, verbergen.“ Durch das vorgestellte „s“ (skam) wird aus dem „zudecken“ das „Sich bedecken“.
Ein anderes Wort für Scham (z.B. im alten Bibelübersetzungen)ist Blöße.

Das Schamgefühl gehört zur psychischen Grundausstattung des Menschen. Seine neurotische Übersteigerung oder Verlagerung sind Anzeichen einer seelischen Störung.

In der Geschichte der Menschwerdung hat das Phänomen der Scham möglicherweise mit dem aufrechten Gang sowie mit der zeitlichen Entgrenzung der Fortpflanzungsbereitschaft zu tun.

Soziologisch kennen alle Gesellschaften - höchst unterschiedliche - Gegenstände der Scham, sind also "Schamgesellschaften" (während nur einige "Schuldgesellschaften" sind.) Soziale Scham ist demnach das Gefühl, das an Konfliktpunkten zwischen Individuum und Gesellschaft entsteht. Das schlimmste Vergehen in einer Schamkultur besteht darin, sich nicht zu schämen, wenn man sich schämen sollte. Wer sich schämt, kann mildernde Umstände gegenüber den Mitmenschen geltend machen. Scham und Schande ist deshalb ein zivilisierter und erfolgreicher Ansatz, Realität zu vermeiden. Die Übertretung der gesellschaftlich sanktionierten Schamgrenze wird mit Gesichtsverlust bestraft.

Norbert Elias hat das "Vorrücken der Schamschwelle" als wesentliches Element des "Prozesses der Zivilisation" erfolgreich zu einem soziologischen Schlüsselbegriff gemacht. Hans Peter Duerr hat in einem mehrbändigen, sich prononciert gegen Elias wendenden Werk Der Mythos vom Zivilisationsprozeß vor allem im ersten Band Nacktheit und Scham nachzuweisen versucht, dass eine niedrige Schamschwelle gerade eine sehr hohe Zivilisierung voraussetzt und nur in einem streng konventionalisierten Rahmen möglich wird. Insofern sind die jeweiligen Grenzziehungen der Scham ein fundamentales Kennzeichen jeder Kultur. Die Untersuchungen Dürrs machen aber auch deutlich, dass die Frage, in welchem Zusammenhang der Mensch sich nackt fühlt, ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann und keineswegs von vornherein festgelegt ist.

Ein popularisierter Freudianismus strebte zwar in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts die völlige Beseitigung der Scham an. Die Komune-Projekte etwa eines Otto Muehl konnten sich aber nicht etablieren und scheiterten an inneren Widerständen.

Literatur

Weblinks

See also: Schamgefühl, Angst, Emotion, Erröten, Erythrophobie, Furcht, Geschlechtsteil, Gesellschaft, Gesichtsverlust, Hominisation