Schleier des Nichtwissens

Der Schleier des Nichtwissens bezeichnet in der Schrift Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls eine metaphysische These, die die Voraussetzung für die Herausbildung von Grundsätzen einer Gerechtigkeit in einer Gesellschaft sei. Als Ausgangsposition nimmt Rawls die Konstruktion eines Urzustandes an: "Dieser Urzustand wird natürlich nicht als wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur" (in: Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit", 1979, S. 28).

Rawls hat in seiner Schrift herausgestellt, dass eine Theorie der Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nur dann möglich sei, wenn sie aus einer Situation der Gleichheit heraus entwickelt wird. Zu den wesentlichen Eigenschaften einer solchen Situation, die als ein so genannter "Urzustand" der Gesellschaft vorzustellen sei, wäre eine Voraussetzung, "dass niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig wie sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft".

Der zentrale Satz dieser Vorstellung lautet bei Rawls:

Dieser Schleier sei notwendig und konstitutiv für jede Theorie der Gerechtigkeit, damit keiner durch Zufälligkeiten der Natur oder durch gesellschaftliche Umstände bevorzugt wird. Der Schleier kann nicht, darf nicht gelüftet werden.

Diese Vorstellung vom Schleier des Nichtwissens hat ihren Ausgangspunkt in metaphysischen Überlegungen, die besonders in der jüdischen und islamischen Philosophie des Mittelalters eine bedeutende Rolle gespielt haben. So schrieb z.B. der jüdische Philosoph Bachja Ibn Pakuda im 12. Jahrhundert in Spanien in seiner Schrift "Buch der Pflichten des Herzens", der Mensch könne allein dann zur wahren Erkenntnis gelangen, wenn Gott ihm "den Schleier des Nichtwissens" abziehe.

Dabei schließt Pakuda an die Aussagen des islamischen Philosophen Muhammed al-Ghazali († 1111) an, der die göttliche Vorstellung als das definierte, "der Geheimnisse enthüllt und Schleier hebt." Diese Vorstellung des Verhüllens und Enthüllens steht in der Tradition der koranischen Lehre, wo es z.B. in der Sure 41 Vers 5 heißt:

Auch in der hebräischen Bibel ist das Bild des Schleiers zu finden (z.B. Deuteronomium 31, 17-18; Jesaja 59,2), der von der göttlichen Vorstellung ausgeht und nur vermöge ist, diesen Schleier wieder abzuziehen.

Dieser islamisch-jüdischen Tradition steht aber schon die griechische Philosophie gegenüber. Beim Tempel des Apollon in Delphi ist die Aufforderung zu treffen: "Erkenne dich selbst". Damit wird ausgesagt: der Mensch muss selbst den Schleier entfernen, um vom Nicht-Wissen zum Wissen zu gelangen; eine göttliche Vorstellung ist hier als "Entferner des Schleiers" nicht mehr impliziert.

In der deutschen Literatur ist wiederum eine ideelle Fortsetzung der Vorstellung des Schleiers auf dem Wege zur Erkenntnis zu finden:

ist es der Mensch, der mit eigener Hand den Schleier lüftet, um dann die "die Wahrheit" (bei Schiller) oder "sich selbst" (bei Novalis) zu erkennen oder (bei Schopenhauer) wird nur dem "der Schleier der Maja durchsichtig", der selbst tätig wird.

Schleier des Nichtwissens in der Ökonomik

In der Wirtschaftspolitik kann der Schleier des Nichtwissens als Ideal angesehen werden, durch dass der Politiker entgegen seiner sonst üblichen Interessen (vgl. Artikel Politiker) eine dem Wohl der Volkswirtschaft maximierende Politik durchführen wird.

Die Neutralität der Notenbanken vieler Volkswirtschaften kann als eine Verwirklichung der Idee gewertet werden, da tagespolitischer Einfluss von den Notenbanken ferngehalten wird. Der EU-Stabilitätspakt ist ein weiteres Beispiel.

Es gibt Forderungen, Subventionen grundsätzlich zu verbieten, da diese oft für kurzfristige Zwecke von der Politik missbraucht werden, ohne jedoch positive ökonomische Wirkung zu zeigen, da durch sie Nettowohlfahrtsverluste entstehen (s. dort).

Literatur

John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt (Main) 1979, ISBN 3-518-27871-1

See also: Schleier des Nichtwissens, 12. Jahrhundert, 1795, 1798, 1819, 1859, Apollon, Arthur Schopenhauer, Delphi, EU-Stabilitätspakt