Schlittschuh
Als Schlittschuh (auch Eislaufschuhe, franz. Patin, engl. Skate) bezeichnet man an den Füssen angebrachte Vorrichtungen mit Kufen zum Gleiten auf Eisflächen. Die Fortbewegung mit Schlittschuhen wird als Schlittschuhlaufen, Schlittschuh fahren oder Eislaufen bezeichnet.
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Funktionsweise
Daß lange, glatte und harte Kufen auf Eis und Schnee leicht gleiten, ist eine unbestreitbare praktische Erfahrung. Es wird gesagt, daß der Schlittschuhlauf nur bis zu Temperaturen oberhalb von etwa minus 30 Grad möglich sei. Die wissenschaftliche Erklärung des Gleitens auf dem Eis bereitet jedoch Schwierigkeiten.
- Am weitesten verbreitet ist die Ansicht, daß unter dem Druck des Körpergewichts ein vorübergehendes Schmelzen des Eises und auf dem dadurch entstehenden Wasserfilm das Gleiten mit geringem Reibungswiderstand erfolgt. Die festgestellte physikalische Größe dieser „Druckaufschmelzung“ ist jedoch bei weitem zu klein, um den Effekt befriedigend zu erklären. Ein Schlittschuhläufer müsste etwa sieben Tonnen wiegen, um das Eis bei minus fünf Grad unter seinen Kufen zum Schmelzen zu bringen.
- Eine andere Erklärung weist darauf hin, daß Wasser seine größte Dichte bei plus vier Grad Celsius habe, also im flüssigen Zustand. Das liegt daran, dass die Wasserstoffbrücken zwischen den Sauerstoffatomen des Wassers bei dieser Temperatur so eng wie nur möglich zusammenrücken können. Unter dem Druck der Kufen seien die Wassermoleküle bestrebt, den geringstmöglichen Raum einzunehmen und würden - solange der Druck anhält, an dieser Stelle den Aggregatzustand des flüssigen Wassers einnehmen. Schwierig an dieser Darstellung eines reinen Druck- und Volumen-Zusammenhangs erscheint demgegenüber die Temperaturgrenze für das Gleiten bei etwa -30 Grad.
- Eine weitere Erklärung besagt, daß die Oberflächen von Eis und Schnee eine Schicht nur schwach gebundener Wassermoleküle besitzen, die dazu führen, daß die Reibung auf Eis- oder Schneeflächen gering ist.
Die ständige Fortbewegung wird erreicht durch abwechselndes Abstoßen mit dem Schlittschuh an einem Bein und Gleiten auf dem jeweils anderen Fuß. Da die Schlittschuhkufen wesentlich weniger Standfläche als der menschliche Fuß haben, muß gegenüber dem normalen Laufen und Gehen eine zusätzliche Balance-Leistung des Körpers aufgebracht werden.
Moderne Schlittschuh-Formen
Bild nicht gefunden Eishockeyschlittschuhe |
| thumb|220px| Schnellaufschlittschuhe |
| thumb|220px| Eislauf auf einem zugefrorenen See |
| thumb|220px| Schlittschuhläufer auf der Elf-Städte-Tour |
| thumb|220px| Eisschnellläufer |
| thumb|220px| Eishockeyspieler |
| thumb|220px| Eiskunstlauf |
- Kunstlauf-Schlittschuhe haben bis zu den Waden hochgeschlossene Schnürstiefel mit etwa 5 mm dicken Stahlkufen mit Hohlschliff in Querrichtung und einer leichten Kurvung in Längsrichtung. An der vorderen Spitze befinden sich gezackte Ränder zum rückwärtigen Abstoßen.
- Eishockey-Schlittschuhe haben bis über das Fußgelenk reichende angearbeitete Schnürstiefel aus festem Leder mit zusätzlichem Fersen- bzw. Achillessehnen-Schutz und etwa 5 mm dicke Stahlkufen mit Hohlschliff in Querrichtung und einer leichten Kurvung in Längsrichtung. An der vorderen Spitze befinden sich gezackte Ränder zum rückwärtigen Abstoßen.
- Eisschnelllauf-Schlittschuhe haben bis unterhalb des Fußgelenks reichende Schnürschuhe aus Ziegenleder. Die langen Stahlkufen, auch "Brotmesser" genannt, sind etwa 38 - 45 Zentimeter lang iund haben eine Dicke von etwa 1,3 bis 1,5 Millimetern. Die Lauffläche hat einen Planschliff mit einer schwachen Kurvung in Längsrichtung, die ein "Eingraben" der Kufe in das Eis verhindern soll. Die Spitze ist gerundet, das Ende nach hinten abfallend.
- Im Gegensatz zum rückseitigen Abstoßen beim Kunstlauf und Eishockey stößt sich der Eisschnelläufer auf gerader Strecke mit den Beinen schräg nach hinten ab, wobei die Kufe in ganzer Länge mit der Eisfläche in Kontakt bleibt. Obwohl die langen Kufen den Geradeauslauf stabilisieren sollen führt gerade die damit erzwungene Abstoßtechnik zu einem weit ausgeprägteren Zickzack-Kurs, dennoch wird damit die größtmögliche Geschwindigkeit auf dem Eis erreicht.
- Der letzte Entwicklungsstand ist hier der Klappschlittschuh, bei dem die Kufe beim Anheben der Ferse bei gestrecktem Stoßbein hinten abklappt und erst beim endgültigen Abheben wieder zurückgezogen wird.
Spitzen-Sportler erreichen auf Schlittschuhen über mehrere Kilometer bzw. etliche Minuten eine Dauergeschwindigkeit von 45 km/h, im Sprint kurzzeitig bis über 60 km/h.
Entwicklung
Fortbewegung, Vergnügen und Sport
Bereits in prähistorischer Zeit versuchten die Menschen in Nord- und Mitteleuropa, mit Gleithilfen aus präparierten Tierknochen größere Eisflächen zu überwinden. Davon wird auch in der Edda berichtet.
Vor etwa 800 Jahren wurden in Holland Eisenkufen an Holzschuhen befestigt. Boten glitten damit über die zugefrorenen Kanäle und überbrachten auf diese Weise eilige Nachrichten an adelige Empfänger. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Schlittschuhlaufen zunächst zum Vergnügen des Adels und später auch zum Volkssport. Mitte des 18. Jh. wurden in Großbritannien die ersten Schlittschuhvereine gegründet.
Während die nordischen Völker ebenso wie die Friesen und Holländer etc. immer gute Schlittschuhläufer blieben, war die Kunst in Deutschland mehr auf die Jugend beschränkt, bis durch Klopstocks enthusiastische Schilderungen (z. B. in seinen Oden: "Der Eislauf", "Braga", "Die Kunst Thialfs") das Schlittschuhlaufen von neuem populär wurde und zum bevorzugten Wintervergnügen geworden ist. In Holland, Friesland, Skandinavien, in der Schweiz, in Norddeutschland und Kanada wurde das Weit- und Schnellfahren sehr gepflegt. Das markanteste Beispiel ist dafür die holländische traditionelle Elf-Städte-Tour, bei der an einem Tag elf friesische Städte durchfahren und etwa 200 Kilometer zurückgelegt werden. In Kanada und auf den dänischen Inseln wurde der Schlittschuhlauf durch ein auf dem Rücken befestigtes Segel beschleunigt, ein Friese legt so eine Strecke von 160 niederländischen Ellen in 14 Sekunden zurück.
In Großstädten mit kleinen Eisplätzen und rivalisierenden Schlittschuhläufern war das Kunstfahren mehr ausgeprägt. Den ersten Rang nahm hier New York City ein, und von dort kommende Meister wie Haynes, haben in den europäischen Hauptstädten Schule gemacht. Zwischen 1840 und 1875 wurde in Kanada aus verschiedenen Mannschaftssportarten das auf Schlittschuhen betreibene Eishockey entwickelt. Dabei spielten die stationierten britischen Truppen eine wichtige Rolle, die das schottische Spiel Shinty 1840 als Shinney auf Schnee oder Eis spielten.
Gegenwärtig frieren in Mitteleuropa die natürlichen Wasserflächen wie Seen, Flüsse und Kanäle selten so stark zu, daß regelmäßiges Eislaufen dort möglich ist. Falls es doch geschieht, wird das jedoch gern genutzt, auf Seen wie etwa die Hamburger Außenalster spielen sich dann volksfestartige Szenen mit vielen tausend Menschen ab. In großen Städten gibt es spezielle Kunsteisbahnen im Freien oder in Hallen. Auf diesen zumeist eher kleinen Eisflächen entwickelten sich die Shorttrack-Schelllaufwettbewerbe auf 111 Meter langen Rundkursen.
Technische Entwicklung
In Mitteleuropa dienten zunächst vor allem Schweinefußknochen zur Herstellung dieser Gleithilfen, die mit Lederriemen an den Füßen befestigt wurden. Die dafür verwendeten Knochen des Schweins erhielten davon die Bezeichnung "Eisbein".
Vor etwa 800 Jahren wurden in Holland die Eisenkufen für Schlitten so verkleinert, daß sie an Holzschuhe festgeschraubt werden konnten. Damit waren die Schlitt(ten)schuhe erfunden. Im 18. Jahrhundert wurden in London noch mit Riemen befestigte Knochenschlittschuhe gebraucht, auch in Norwegen und Island waren sie bis ins 19. Jahrhundert in Verwendung. Jene Knochenschlittschuhe, welche so groß waren wie diese kleinen Knochenschlitten, hießen altnordisch Skidi oder Öndrun. Uller, der Schlittschuh-Ase der Edda, wird als der Meister in ihrem Gebrauch geschildert.
Mitte des 19. Jahrhunderts kannte man auch in Skandinavien erfundenen Stahlschlittschuhe, bei denen die Sohle in Holz eingelassen ist, und nur eine oder höchstens zweierlei Befestigungsarten, den Kreuzriemen mit der Kappe und mit den knöchelmarternden Ringen oder den Schnürschuh.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Schlittschuh mittels einer Schraube im Absatz befestigt wurde. Besonders bewährt hatte sich auch die Befestigung mittels Schrauben an der Seite der Sohle und des Absatzes von A. Stotz in Stuttgart und die sogenannte Halifaxsche Verbesserung, welche dieselbe Wirkung mittels eines Spannhebels hervorbringt. Diese Schlittschuhe halten so fest wie die Sohle selbst, ohne den Fuß zu drücken. Die weitestgehende Innovation vollzog sich erst im 20. Jahrhundert, als die Kufen fest mit den Schuhen verbunden wurden.
Literatur
- Anderson, The art of skating (Lond. 1867);
- Vandervell und Wetham, A system of figure-skating (3. Aufl., das. 1874);
- Swatek, Das Schlittschuhlaufen (Wien 1874; "Figuren", das. 1885);
- Wirth u. a., Spuren auf dem Eise (das. 1880);
- Brink, Schlittschuhfahrkunst (Plauen 1881);
- Calisius, Kunst des Schlittschuhlaufens (Wien 1885).
