Schlüsselroman
Ein Schlüsselroman ist ein Roman, in dem der Autor wahre Ereignisse darstellt und nur die Namen der handelnden Personen oder auch der Orte ändert. Die Bezeichnung rührt daher, dass Eingeweihte die wirklich gemeinten Bezüge meist leicht entschlüsseln können.
Schlüsselromane spielen eine besondere Rolle in Systemen, in denen es eine Zensur gibt, beispielsweise im Absolutismus, im Vormärz oder im Nationalsozialismus oder Stalinismus. Hier wurden Handlungen gerne in die Antike, die Renaissance oder eine andere Vorzeit verlegt. In der neueren Literatur werden aktuelle Bezüge gerne auch in Fantasy- oder in Sciencefiction-Handlungen versteckt. In der neueren Zeit spielt zumindest in der westlichen Literatur der Schlüsselroman vor allem dann eine Rolle, wenn Autoren versuchen, tabuisierte Themen zu behandeln, oder wenn es darum geht, entweder Privatklagen dargestellter Personen aus dem Wege zu gehen oder biografische Bezüge zu verschleiern.
Der Begriff "Schlüsselroman" ist auf moderne Literatur nur schwer anwendbar, denn selbst wenn ein Autor reale Personen und Ereignisse in seinen Werken verarbeitet, besteht meist darauf, ein fiktionales Werk geschaffen zu haben. Das gilt selbst für Klaus Manns Mephisto. Dieses Werk konnte man zwar viele Jahre nicht kaufen, weil ein Gericht bestätigte, dass es Persönlichkeitsrechte der Nachfahren Gustaf Gründgens verletzte, trotzdem bestand Klaus Mann darauf, dass er keinen Schlüsselroman geschrieben hat. Andererseits sind Selbstaussagen von Autoren nicht unbedingt zuverlässig.
Zu bekannten Schlüsselromanen der deutschen Literatur zählen neben dem erwähnten Mephisto von Klaus Mann Martin Walsers Tod eines Kritikers. Truman Capote wurde wegen seines letzten (unvollendeten) Romans Answered Prayers, in dem er nur wenig verschlüsselt Skandalgeschichten aus der High Society schildert, von eben dieser Szene geächtet.
Im Jahr 2003 wurde der Vertrieb von Romanen von Alban Nikolai Herbst und Maxim Biller verboten, weil sich Personen in den Romanfiguren wiedererkannten und sich in ihren Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt fühlten.
