Seevölker
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Definition
Der Ausdruck "Seevölker" wurde von dem französischen Ägyptologen Gaston Maspero geprägt, um die von Ramses III auf den Reliefs von Medinet Habu abgebildeten Fremdvölkern zu bezeichnen. Inzwischen nennt man so eine Reihe von Völkerschaften, die in ägyptischen Quellen des Neuen Reichs, vor allem aus der Zeit Merenptahs (ca. 1213-1203 v. Chr.) und Ramses III. (ca. 1184-53) begegnen.
Ägyptische Quellen zu den "Seevölkern"
Auf den Reliefs von Medinet Habu sind mehrere Fremdvölker dargestellt, die teils gegen, teils auf der Seite der Ägypter kämpfen. Die Träger eines Federhelms, die in der Land- und der Seeschlachtszene gegen die Ägypter stehen, werden dabei als Peleset, Tjekker, Denyen und Weshesh bezeichnet, die Träger eines Hörnerhelms ohne Aufsatz als Sherden/vielleicht auch Shekelesh, die Träger eines Hörnerhelms mit Knopf oder Scheibe als Shekelesh (tkr, skls, dnjn, plst). Diese Fremdvölker werden einheitlich mit einem kurzen Rock dargestellt, sie sind meist bartlos. Oft tragen sie Panzer. Die Bewaffnung besteht aus einem runden Schild, Speer, Lanze und Schwert. Ihre Schiffe haben einen einheitlicher Typ mit Segeln und einem Vogelkopf an beiden Enden. Ob sie Ruder besaßen, ist umstritten.
Im Papyrus Harris, einem Rechenschaftsbericht von Ramses III, kurz nach dessen Tode verfaßt, wird berichtet, wie der Pharao die 'dnjn', "die auf ihren Inseln sind", tötet. Gefangene 'srdn' werden als Hilfstruppen angesiedelt. Die meisten Kommentatoren nehmen hier eine Verwechslung mit den 'skls' an, denn die 'srdn' sind schon länger als ägyptische Hilfstruppe bekannt.
Die Šrdn sind unter Ramses II.(1279-1213) auf ägyptischer Seite in der Schlacht von Kadesch belegt. Sie kamen als Kriegsgefangene in die Armee und werden als Hörnerhelmträger mit Knauf abgebildet. Die Šrdn entsprechen wohl den Šardanu in den Amarnabriefen (18. Dynastie). In einem Brief des Königs von Byblos an den Pharao werden Šardanu als Leibwache erwähnt.
Auf Inschriften in Karnak und Atribis wird aus dem 5. Jahr des Merenptah (Baenre-hotephirmaat, 1213-1203, 19. Dynastie) von einem libyschen Angriff auf Ägypten berichtet. Dem libyschen Herrscher Merju folgen die Hilfstruppen der šrdn (Sherden) und šklš (Schekledsh), außerdem Eqeš (Ekwesh).
Verlauf des "Seevölkersturms" aus ägyptischer Sicht
Die Reliefs auf dem Totentempel und der Papyrus Harris berichten, dass sich hauptsächlich zur See operierende Völker zu einer Koalition zusammengeschlossen und um im östlichen Mittelmeergebiet viele Städte und Reiche zerstört haben. Anschließend griffen sie Ägypten an. Im 8. Regierungsjahr Ramses III. (ca. 1177 v. Chr.) soll der Hauptstoss sowohl zu Lande als auch zur See erfolgt sein. Bedeutendstes Zeugnis hierfür sind die Bildwerke und Inschriften im Totentempel Ramses III. in Medinet Habu in denen die Abwehrschlachten Ramses III. detailliert beschrieben werden. Ramses gelang es zwar, die Seevölker zu besiegen, doch Ägypten war durch die vielen Kriege geschwächt und verlor viel Macht und Einfluss. Die in weiten Teilen des östlichen Mittelmeerraums nachgewiesenen Zerstörungen um und kurz nach 1200 v. Chr. werden sehr oft mit diesen "Seevölkern" verbunden.
Theorien zur Identität der "Seevölker"
Das Thema "Seevölker" zählt zu den meistdiskutierten, komplexesten und schwierigsten Forschungsbereichen der (erweiterten) Altertumsforschung. Zahlreiche multidisziplinäre Kongresse widmeten sich ausschließlich diesem Thema. Eine allseits befriedigende und akzeptierte Lösung der "Seevölker"-Frage konnte trotzdem bis heute nicht gefunden werden. Weder ist die genaue Herkunft der einzelnen Völker ist geklärt, noch welche Dimension der sog. "Seevölkersturm" hatte.
Die genaue Identität der meisten aufgeführten sog. "Seevölker" ist bis heute ungeklärt. Viele Althistoriker, Sprachwissenschaftler und Archäologen gingen früher davon aus, dass es sich in der Mehrzahl um indogermanische Illyrer gehandelt habe. Ihr Vordringen führte nach Meinung einiger Forscher zum Niedergang der mykenischen Kultur in Griechenland (Pylos, Mykene u. a.) und besiegelte das Schicksal des Hethiterreiches (Suppiluliuma II.). Heute wird diese These - wenn überhaupt - nur noch in abgeschwächter Form vertreten. Die Theorie eines "Völkersturms", der vom Balkan oder gar noch weiter nördlich ausgehend die Kulturen Griechenlands und Anatoliens weggefegt haben soll, hält neueren Erkenntnissen nicht mehr stand. Heute herrscht die Meinung vor, dass Ausgangspunkt der "Seevölker"-Unruhen der west- und süd-kleinasiatische sowie der ägäische Raum waren.
Die u.a. in der Bibel erwähnten Philister (von ihnen stammt die Bezeichnung Palästina) gehörten zu dieser Völker-Gruppe und werden in den ägyptischen Quellen Peleset (pl(r)st) genannt. Ihre Hinterlassenschaften, insbesondere die Keramik haben sehr starke Parallelen im mykenischen Bereich (Myk IIIC 1c bzw. bzw. auf Zypern (LC IIIC-1c-Ware). Als gesichert kann die Gleichsetzung der "Lukku" mit den Bewohnern der Lukka-Länder gelten. Diese werden in hethitischen Texten oft genannt und lagen in Südwest-Kleinasien. "Lukku" treten - wie auch die berühmten Schardana - nicht erst gegen 1200 v. Chr. als "Seevölker" ins Blickfeld der Ägypter. Sie haben bereits auf hethitischer Seite bei der berühmten Schlacht bei Kadesch (ca. 1274 v. Chr.) gegen Ramses II. gekämpft.
Literatur
- Trude Dothan/Moshe Dothan, Die Philister, Zivilisation und Kultur eines Seevolkes (München Diederichs, 1995)
Siehe auch: Seevölkersturm Kategorie:Ägyptologie
