Sein (Philosophie)
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Zentraler Begriff der Philosophie. Nach Aristoteles ist die Ontologie die Lehre vom Sein, jedoch zieht sich der Begriff durch nahezu alle Gebiete der Philosophie hindurch.
Für Betrachtungen über das Sein ist es entscheidend, zunächst zwischen dem "Was", dem "Wie" und dem "Warum" des Seins zu unterscheiden.
- Die "Washeit" oder Quidität (lat. quiditas) bezeichnet das Da-Sein (Existenz) von etwas.
- Im Gegensatz dazu steht die "Wieheit" des Seins. Sie bezeichnet die Art, in der etwas existiert.
- Schließlich das "Warum", die Ursache des Seins bzw. des Seienden.
| Inhaltsverzeichnis |
Washeit
Die Frage, was überhaupt existiert, verbindet sich eng mit der Frage nach dem Wesen des existierenden. Daraus ergeben sich verschiedene Stufen der Seins-Betrachtung. Gegenstand von Seins-Betrachtungen können sein:
- das Sein selbst (abstrakte Seins-Betrachtung, Ontologie im engeren Sinne)
- das göttliche Sein (philosophische Theologie)
- das menschliche Sein
- das natürliche Sein
- das Sein künstlich geschaffener Gegenstände
Wichtig in diesem Zusammenhang ist der Begriff Entität. Eine Entität ist ein Seiendes. Seit dem Aufkommen der objektorientierten Programmierung spielt dieser Begriff auch in der Informatik zunehmend eine Rolle.
Hieran anknüpfend kann eine Stufung des Seienden selbst vollzogen werden.
| Gegenstände | Ungegenständliches ("Nicht-Zeigbares") | ||||||
| Dinge | Abstrakta (G1) | Unvollkommenes (G2) | Vollkommenes (G3) | ||||
| Ewig (G4) | Veränderlich | ||||||
| Unbelebt | Belebt | ||||||
| Unbeseelt | Beseelt (G5) | ||||||
| Tiere | Menschen | ||||||
Eine Frage, die sich hier stellen würde, wäre z. B., wo in dieser Hierarchie Gott anzusiedeln wäre. Je nach philosophischer Ausrichtung kann diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet werden (G1 bis G5):
| (G1) | "Gott" ist ein Abstraktum, ein Begriff, dem keine darüber hinaus gehende Wirklichkeit zukommt (Atheismus). |
| (G2) und (G3) | Von Gott kann nicht in Zuschreibungen gesprochen werden, sondern nur in Negationen (Mystik). |
| Gott ist nicht vollkommen. |
| Gott wird als vollkommen angenommen. |
| (G4) | Gott ist ein Überwesen und ewig. |
| (G5) | Gott ist ein Überwesen, daß der Veränderlichkeit unterliegt. |
Als problematisch gilt auch das Verhältnis der Ideen zum Sein. So nimmt Platon ein eigenes Ideenreich an. Den Ideen käme demnach ein eigenständiges Sein zu. Andere Positionen sehen den Ursprung der Ideen in Gott oder in der menschlichen Psyche oder betrachten Ideen als Reaktion auf die Umwelt.
Wieheit
framed|Soll-Ist-Vergleich
Die Wieheit bezieht sich darauf, wie etwas ist. Hier zeigt sich die Vielschichtigkeit des Seins. Über die bloße Existenz hinaus lassen sich verschiedene Aspekte unterscheiden:
- Das So-Sein (ontisches Sein)
- Das Sein-Sollen (deontisches Sein)
- Das Sein-Werden (temporales Sein, Sein in der Zeit)
- Die Seins-Gewißheit (epistemisches Sein)
Die Aspekte sind nichts strikt von einander getrenntes. Die Verwobenheit läßt sich an einem Beispiel zeigen:
- Aus dem Wissen um die Differenz zwischen So-Sein und Sein-Sollen ergibt sich der Soll-Ist-Vergleich, der Vergangenes im Nachhinein bewertet (nebenstehendes Bild).
Jeder dieser Aspekte kann unter drei verschiedenen Modi betrachtet werden:
- Wirklichkeit (was ist?): Der Seins-Akt
- Möglichkeit (was kann sein?): Die Potenz des Seins
- Notwendigkeit (was muß sein?)
Aus der Verbindung von Aspekten und Modi ergeben sich die Modallogiken.
Aus Akt und Potenz ergibt sich die Veränderlichkeit des Seienden.
- Ein Marmorblock als Akt beinhaltet als Potenz z. B. eine Marmorsäule. Die Marmorsäule als Akt wiederum beinhaltet z. B. den Staub als Potenz, usw.
Ursache
Mit der Ursache des Seins verbinden sich Fragen, wie etwa
- Was ist die Ursache von etwas?
- Gibt es überhaupt einen Ursachenzusammenhang? (Kausalität)
- Gibt es eine erste Ursache?
Diese Fragen sind nicht zu unterschätzen, beginnt doch die ionische Naturphilosophie - und mit ihr die abendländische Philosophie überhaupt - mit der Suche nach der Ursache des Seins.
Bei aller Verschiedenheit in den Anschauungen ähneln sich diese frühen Denker darin, daß
- die Stofflichkeit des Seins angenommen wird
- das Sein eine Form besitzt
- es ein oder mehrere Urprinzipien gibt, welche der Materie ihre Form geben
- dieser Vorgang in aller Regel vernünftig geschieht.
Dies führt schließlich bei Aristoteles zur Unterscheidung der vier Ursachen für das Seiende:
- Die Formursache, da alles eine Form habe.
- Die Stoffursache, da alles aus etwas bestehe.
- Die Antriebsursache, da nichts planlos geschehe.
- Die Zweckursache, da alles einem Zweck diene.
Nach Aristoteles sperrt sich jedoch die Materie der Formung. Dadurch komme der Zufall in die Welt. Aufgabe der Wissenschaft sei, diesen zu erkennen und vom plan- und zweckvollen Geschehen zu unterscheiden, welches der eigentliche Gegenstand der Wissenschaft sei. Das Zufällige (die Akzidenz) tritt hier lediglich als Störfaktor auf (vgl. Engl. accident Unfall).
Diese Hinwendung der griechischen Philosophie auf ein planvolles, zweckorientiertes Sein bezeichnet man als Teleologie (griech. télos "Ziel").
Es bedeutete eine der größten Wendungen in der Geschichte der modernen Wissenschaft, nicht nur den Zufall und das Zufällige selbst zu ihrem Gegenstand zu machen (Statistik, statistische Methoden), sondern den Zufall selbst zum schöpferischen Prinzip zu erklären, wie dies in der Darwinschen Evolutionstheorie geschehen ist.
Transzendentalien
Begriffe, die alle Seinsbereiche übersteigen, heißen "transzendental". (Von lateinisch: transcendere, übersteigen. Der Begriff „transzendent" - im Sinne des Realismus - darf nicht mit dem „transzendental" im Sinne Kants verwechselt werden, der darunter die kritizistische Berücksichtigung der apriorischen Bedingungen menschlicher Erkenntnis versteht.)
Als Transzendentalien gelten (nach Thomas von Aquin):
- Ens (das Sein bezüglich des Seinsaktes)
- Res (der Sachgehalt)
- Unum (das Eine: die Ungeteiltheit des Seienden)
- Aliquid (das Etwas, als Unterschied zu anderem)
Bezüglich der Übereinstimmung zweier Seiender kommen hinzu:
- Verum (das Wahre)
- Bonum (das Gute)
Gelegentlich wird auch
- Bellum (das Schöne)
hinzugenommen.
Objektivität des Seins
Bezugüglich der Objektivität werden verschiedene Ansichten vetreten. Die Extrempositionien bilden die Begriffspaare
- Pessimismus - Optimismus
- Relativismus - Fundamentalismus
- Realismus - Idealismus
Man sollte betonen, daß die jeweiligen Extrempositionen in der Philosophie meist eine untergeordnete, eher theoretische Rolle spielen. Die meisten Philosoph(i)en beziehen Zwischenpositionen.
Seins-Pessimismus
Der Seins-Pessimismus behauptet die Nichtexistenz (oder zumindest Nichterkennbarkeit) des Seins. Entsprechende Positionen finden sich z. B. in
- der indischen Lehre von Brahman und Atman
- die buddhistische Lehre der Leerheit (Shunyata)
- der griechischen Sophistik
- der pyrrhonischen Skeptik
- dem Solipsismus
- der Philosophie Berkeleys.
Seins-Optimismus
In seiner Extremform behauptet der Seins-Optimismus, daß alles, was gedacht oder gesagt werden kann existiert. Diese Form der Philosophie ist jedoch sehr selten. Sie spielt nur theoretisch eine gewisse Rolle.
Seins-Relativismus
Alles Sein wird als individuell, kulturell und zeitlich abhängig betrachtet.
Seins-Fundamentalismus
Das Sein wird als etwas Absolutes gesehen, oder zumindest wird das Absolute im Sein als das wesentliche betrachtet. Typisch z. B. für die Philosophie Hegels.
Seins-Idealismus
Der Seins-Idealismus versucht das ideale, vom konkret existierenden unabhängige Sein zu erfassen. Diese Position findet sich z. B. in der Philosophie Immanuel Kants und des Deutschen Idealismus.
Seins-Realismus
Diese Positionen versuchen das konkrete Sein zu behandeln. Typisch für den Existenzialismus, aber auch viele andere Philosoph(i)en, die die Lebenspraxis in den Mittelpunkt stellen, etwa den Pragmatismus.
Diese Haltung sollte nicht verwechselt werden mit dem Seins-Optimismus.
Das persönliche Innere des Seins
Für Seins-Betrachtungen wichtig sind zum einen
- die Psychologoie des Philosophierens
zum anderen
- die philosophische Psyschologie
Philosophische Psychologie
In der philosophischen Psychologie stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Wahrnehmung, Denken, Handeln und äußerem Geschehen.
Solange es keine fundierten Theorien über die Funktionsweise von Gehirn und Nervensystem gab, mußte dies - fast zwangsläufig - Gegenstand von Spekulationen bleiben.
Bereits früh wurden hierzu Theorien entwickelt. Eine der frühesten war die "Lehre von den Bilderchen" des griechischen Philosophen Demokrit:
- Danach erfolgt die Wahrnehmung durch kleine Bilderchen, die von den Dingen ausfließen. Die gesamte Verstandestätigkeit wird konsequent als materieller, atomarer Vorgang interpretiert.
Die Eleaten (und später Sophisten und Skeptiker) nehmen hinsichtlich Wahrnehmung und Denken eine eher pessimistische Haltung ein, die bei Gorgias gipfelt in den Sätzen:
- Nichts existiert.
- Wenn etwas existiert, kann es nicht erkannt werden.
- Wenn etwas erkannt werden kann, kann es nicht mitgeteilt werden.
Alles bleibt in Worten und Meinungen stecken. Daraus folgt der Homo-Mensura-Satz des Protagoras:
- "Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Derjenigen, die sind, so wie sie sind. Derjenigen, die nicht sind, so wie sie nicht sind."
Psychologie des Philosophierens
Anlaß zum Philosophieren ist oft ein mehr oder minder starkes Gefühl die Gewißheit am Sein zu verlieren. Ein Gefühl, das vielen bekannt ist. ("Das kann und darf nicht sein!") Dies kann manchmal bis zu einem völligen Seins-Pessimismus führen, aus dem jedoch auch wieder Gewißheit erwachsen kann.
- Der Philosoph René Descartes z. B. erlebte angesichts der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges einen solchen Verlust. Dem Gefühl von einem "bösen Gott" getäuscht zu werden, folgte die Wiedererlangung der Gewißheit aus dem Gefühl des Betrogenwerdens. ("Ich denke, also bin ich! Ich werde betrogen, also bin ich! Usw.")
Meist ist das Verlustgefühl jedoch weniger extrem. Aber selbst moderater Zweifel an gewiß Geglaubtem kann Menschen zum philosophieren veranlassen.
- Dies wird schon beim ersten abendländischen Philosophen, Thales von Milet, deutlich. Die überlieferte Mythologie genügte Thales nicht, um seine Fragen zu beantworten. Statt dessen zog er es vor, nach eigenen Antworten zu suchen.
Das "Nichts"
Gegenbegriff zum Sein. Das "Nichts" kann verstanden werden als Abwesenheit von überhaupt etwas (absolutes Nichts). Es unterscheidet sich insofern von "Nicht", das lediglich das Gegenteil von etwas bezeichnet (Nicht-X ist Gegenteil von X) oder das Andersartige (nicht X).
Diese Unterschiede - ebenso wie das Verhältnis des Nichts zum Sein - provozierten zahllose Betrachtungen (oder Mißververständnissen?).
In der westlichen Philosophie wird das absolute Sein gerne als höchster Zustand betrachtet, in der östlichen hingegen (trad. indische Philosophie, Buddhismus) betrachtet man eher das Nichts (z. B. Nirwana im Buddhismus) als höchsten Zustand.
Gelegentlich wird bezweifelt, daß das Nichts überhaupt begrifflich sinnvoll ist, da es ja eine existierende Welt, mithin also ein "Etwas" gibt. Das Nichts wäre demnach ein eher theoretisches Konstrukt. Ein Nichts würde ja nicht nur eine leere Welt, sondern die Abwesenheit von überhaupt etwas (also auch Raum und Zeit) bedeuten. Selbst Seins-pessimistische Philosophien setzen zumeist einen Bezugspunkt voraus (das Brahman der trad. indischen Philosophie, das Ich des Solipsismus, der Gott Berkeleys usw.).
Christliche Ontologie
Die Ausrichtung des Seins in der antiken Tradition auf den Zweck des Seienden (Teleologie) erleichtert der christlichen Philosophie die Anknüpfung: Gott wird zum Ursprung allen Seins, der alles Sein sinnvoll erschafft.
Der aristotelische "unbewegte Beweger" bietet der christlichen Philosophie eine Basis, die als Gottesbeweis eine wichtige Rolle spielt.
Literatur
- Kunzmann/Burghard/Wiedmann: dtv-Atlas zur Philosophie. Tafeln und Texte. Deutscher Taschenbuchverlag, 2. Auflage, München 1992. ISBN 3-423-03229-4.
