Sekunde (Musik)
Die Sekunde (v. lat. secundus = der zweite) ist ein musikalisches Intervall und bezeichnet den Abstand von der 1. zur 2. Stufe in heptatonischen Tonleitern. In gleichstufig-temperierter Stimmung umfasst die kleine Sekunde 1 Halbton und die große 2 Halbtöne.
Mit Sekunde wird in der Musik sowohl der Halbton (kleine Sekunde) als auch der Ganzton (große Sekunde) bezeichnet.
| Inhaltsverzeichnis |
kleine Sekunde
- Beispiele: c - des, e - f
- In pythagoräischer Stimmung: 15 : 16,
- in gleichstufig-temperierter Stimmung:
- Liedanfang: Kommt ein (Vogel geflogen)
- Die Umkehrung des - c, f - e ergibt eine große Septime
- Eine Tonleiter aus Halbtönen heißt chromatische Tonleiter; sie hat 12 verschiedene Töne, der 13. Ton ist die Oktave des Grundtones.
große Sekunde
- Beispiele: c - d, e - fis
- In pythagoräischer Stimmung 8 : 9 bzw. 9 : 10,
- in gleichstufig-temperierter Stimmung:
- Liedanfang: Alle (meine Entchen))
- Die Umkehrung d - c, fis - e ergibt eine kleine Septime
- Eine Tonleiter aus Ganztönen heißt Ganztonleiter; sie hat 6 verschiedene Töne, der 7. Ton ist die Oktave des Grundtones.
übermäßige Sekunde
- Beispiel: c - dis (
-Ton)
- Die übermäßige Sekunde heißt Hiatus; sie kommt im harmonischen Moll vor (6. und 7. Stufe), auch in den Zigeunertonarten (s. Tongeschlecht).
verminderte Sekunde
- Beispiele: cis - des, h - ces
Die Töne werden unterschiedlich geschrieben, aber es ist nur eine enharmonische Verwechslung, das heißt, ihre Frequenzen sind identisch.
Intervallqualität
Die Sekunde kann als Intervall der Emphase und der Spannung gesehen werden, die in der klassischen Vokalmusik häufig mit Schmerz, Leid, Tod und Bedrohung verknüpft ist, aber auch andere Bedeutungen haben kann.
Beispiele:
- Henry Purcell (1659-1695), March aus der Funeral Music of Queen Mary. (Dieses Stück wird von Stanley Kubrick in seinem Film Clockwork Orange klanglich verfremdet zitiert.)
- Claudio Monteverdi (1567-1643), Lamento d’Arianna
- Christoph Willibald Gluck(1714-1787), Arie Ach ich habe sie verloren aus der Oper Orfeo ed Euridice.
- In der Schluss-Szene der Oper Carmen von Georges Bizet (1838-1875) erklingt während des Zitats des Einzugsmarsches der Gäste und Matadore ein Folge absteigender Halbtöne, die in ein Tremolo münden, das auf die kommende Tragödie verweist.
- Die aufsteigende Tonleiter des Themas des vierten Satzes der 5. Sinfonie von Gustav Mahler (1860-1911) wird mit Sehnsucht und Liebe verknüpft.
- Eine ähnliche Bedeutung hat das Venus-Motiv in der Oper Tannhäuser von Richard Wagner (1813-1883).
- Im Intermedium I und VII der Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz (1585-1672) „Darinnen abermals des Chriskindleins Wiege eingeführt wird“ ist die Bewegung der Wiege durch 13-malige Wiederholungen des Sekundschrittes im Continuo-Bass dargestellt, wodurch sich eine wellenartige Linie ergibt.:
| thumb|Wiegenmotiv aus der Weinachtshistorie von Heinrich Schütz |
- Bedřich Smetana (1824-1884) stellt den Wellenschlag der Moldau durch dynamisch auf- und abschwellende Tonleiterläufe dar. Durch Akzent-Verschiebungen entsteht der Eindruck einer turbulenten Strömung:
| thumb|Wellenmotiv aus der Moldau von Bedřich Smetana |
- Der Hummelflug von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow
- Aus dem Tagebuch einer Fliege von Béla Bartók
Mit zunehmender Auflösung des tonalen Systems in der modernen Musik verliert die Sekund ihre vormalige emotionale Bedeutung.
Beispiele:
- Die Etüde für Klavier Pour degrés chromatique von Claude Debussy (1862-1918) stellt alle Arten von Sekunden vor.
- Der Mikrokosmos von Béla Bartók (1881-1945) enthält eine Chromatische Invention, die durch Sekunden charakterisiert ist.
Sekund in Sequenz
Tonleitern
In Folge bilden Sekunden die Tonleitern der verschiedenen Tongeschlechter. Sie bestehen aus einer Folge von Ganz- und Halbtonschritten, wobei die Lage der Halbtöne das Geschlecht bestimmt, zum Beispiel Dur und Moll im tonalen System oder eine der Kirchen-Modi.
| thumb|Tonleitern in C-Dur | In der Dur-Tonleiter befinden sich die Halbtonschritte zwischen der 3. und 4. und zwischen der 7. (auch Leitton genannt) und 8. Stufe |
| thumb|Chromatische Tonleiter | Im tonalen System der klassischen abendländischen Musik wird der Raum einer Oktav durch 12 Halbtonschritte gefüllt. (Siehe auch Zwölftonmusik). Die absteigende Tonleiter enthält den passus duriusculus. |
| thumb|Ganzton-Tonleiter | Die Oktav kann auch durch 6 Ganztonschritte gefüllt werden. (Tonsysteme anderer Musikkulturen verwenden auch Drittel- oder Viertel-Töne zum Unterteilen einer Oktav.) |
| thumb|Tritonus als Mitte einer Oktave | Das fis unterteilt die Tonleiter der Oktav in genau zwei Hälften, die durch 6 Halbton- oder 3-Ganztonschritte gebildet werden. Deshalb wird dieses Intervall auch als Tritonus bezeichnet. Funktional stellen die Abstände c-fis und fis-c eine verminderte Quint oder eine übermäßige Quart dar. Beide Intervalle klingen aber gleich. |
- Das Thema, welches der Aria und allen 30 Variation der Goldberg-Variationen BWV 988 von Johann Sebastian Bach zu Grunde liegt sind Bestandteile der G-Dur-Tonleiter. Über diese acht Noten arbeitete er noch 14 Kanons BWV 1087 aus.
| thumb|Bass-Thema zu den Goldberg-Variationen |
- Das zweiten Thema des 1. Satzes des Violinkonzerts von Ludwig van Beethoven (1770-1827) beginnt mit der 3. Stufe der aufsteigenden Tonleiter in D-Dur.
| thumb|2. Thema Violinkonzert Beethoven |
- Im Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns (1835-1921) werden die Eichhörnchen durch ausgedehnte auf und absteigende Tonleiter-Läufe charakterisiert.
Der Choral Es ist genug der Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 60 von Johann Sebastian Bach beginnt mit einer den Tritonus durchschreitenden aufsteigenden Tonleiter aus großen Sekunden.
| thumb|BWV 60 Choral-Beginn | Der Sopran durchschreitet den Tritonus (grüner Balken). Im Bass findet sich eine kurze Tonleiter in großen Sekundschritten (blauer Balken), ihr Zielton bildet mit dem Tenor ein Tritonus-Intervall (grüne Klammer). Des weiteren finden sich Sekunden (braun und blau) sowie ein im sogenannten „reinen“ Tonsatz verpönter Querstand (rot). |
Beispiele für den passus duriusculus
Der passus duriusculus spielt in der Musik der Barockzeit eine besondere Rolle. Beispiele:
- Der passus duriusculus als Chaconne-Thema bei Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist meist noch um einen Halbtonschritt nach unten erweitert, so dass er den Raum einer Quarte durchschreitet. Außerdem wird die Tonfolge unterschiedlich rhythmisiert und am Anfang und am Ende variiert. In der Vokalmusik wird er vor allem bei Lamento-Themen verwendet:
- Der ersten Chor der Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, wurde von Bach zum Crucifixus der Messe in h-moll BWV 232, umgearbeitet :
| thumb|BWV 12 | BWV 12/2: Neben dem passus duriusculus, der im Fagott in Reinform vorgetragen wird, bilden ab- (braun) und aufsteigende (gelb) kleine Sekunden und Sprünge im Tritonus-Abstand (grün) sowie Sekund- oder Septim-Distanzen (blau) wichtige Merkmale, die den Charakter des Stückes prägen |
| thumb|BWV 232 | BWV 232/Crucifixus: Zwar ist die musikalische Substanz der Vorlage noch vorhanden, Bach hat jedoch durch zahlreiche Änderungen praktisch eine Neukomposition vorgenommen. Am auffälligsten ist die Rhythmisierung des Chaconne-Themas durch Tonrepetitionen (siehe Prime). |
- Des weiteren tritt der passus duriusculus als Chaconne-Thema in den Kantaten Jesu, der du meine Seele BWV 78, Herr gehe nicht ins Gericht BWV 105, Warum betrübst du dich mein Herz BWV 138 und Der Friede sei mit dir BWV 158 sowie in in dem Capriccio auf die Abreise des fratello diletissimo BWV 992, in der Toccata BWV 910 und im Präludium a-moll des Wohltemperierten Klaviers BWV 889 auf.
- Der passus duriusculus tritt bei Bach als Motiv auch außerhalb von Chaconne-Themen auf:
- In Schluss-Chor der Kantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63 ist der Text „dass uns der Satan möge quälen“ als chromatisch absteigende Tonleiter im Tritonus-Raum vertont.
- Im Rezitativ O Christenheit der Kantate Gelobet seist du, Jesu Christ BWV 91 komponierte Bach auf die Worte „durch dieses Jammertal“ für den Bass eine aufsteigende chromatische Tonleiter im Umfang einer Dezime.
- Der erste Chor der Johannespassion BWV 245 ist durch Sekund-Vorhalte, gebrochene Orgelpunkte (siehe Prime) und Chromatik geprägt. Ab Takt 10/2, kurz vor dem Einsatz des Chores, finden sich in den Bläserstimmen und im Continuo-Bass absteigende Chromatische Tonleitern.
- Der als Einleitung spielt der Continuo-Bass in Versus V der Choralkantate Christ lag in Todesbanden beginnt mit dem klassischen passus duriusculus.
- Der Kanon à 2 Nr. 6 des Musikalischen Opfers BWV 1079 besteht in seinem ersten Teil aus einer ansteigenden und absteigenden chromatischen Linie.
- Aus dem chromatischen zweiten Teil des Themas der Kunst der Fuge BWV 1080 entwickelt Bach im Verlauf der einzelnen Fugen zahlreiche Variationen chromatischer Motive.
| thumb|Beschreibung |
Bereits in der 4. Fuge erweitert es dieses chromatische Material um die Töne seines Namens a, h, b, c. In der unvollendeten Tripelfuge verwendet er die Tonfolge b-a-c-h als drittes Thema.
Beispiele für Tonleitern als Charakteristikum von Musikstücken
- Im Schluss-Chor der Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich BWV 150, von Bach mit der Satzüberschrift „Ciacona“ versehen, ist das Chaconne-Thema eine aufsteigende pentatonische Tonleiter in h-moll.
- Der Chor Lasset uns nun im dritten Teil des Weihnachtsoratoriums BWV 248 von Johann Sebastian Bach ist durch auf- und absteigende Tonleitern gekennzeichnet, die auch mehr als eine Oktave durchschreiten können.
Verzierungen
Sekund-Schritte bilden die Verzierungen des Barock und der Klassik wie Triller, Pralltriller und Mordent. Darüber hinaus werden Sekund-Vorhalte häufig in Schluss-Klauseln vor allem in Rezitativen eingesetzt. Vorhalte können entsprechend der Tonart Halb- oder Ganztonschritte sein oder nur, dann auch leiterfremde, Halbtonschritte sein. Diese Verzierungs-Techniken waren in der Barockzeit so selbstverständlich, dass sie vom Komponisten nicht notiert wurden. Von zeitgenössischen Kritikern wurde Johann Sebastian Bach vorgeworfen, dass er viele Verzierungen ausgeschrieben und somit die Freiheit des Interpreten eingeschränkt hat.
Seufzermotiv
Das „Seufzermotiv“ ist ein Sekundschritt abwärts oder aufwärts, bei welchem der erste Ton stark akzuentiert ist und die folgende Note angebunden, unbetont und leiser gespielt wird. Diese Zweiergruppe wird häufig zu auf- oder absteigenden Ketten verbunden, wobei der betonte Ton der nachfolgenden Gruppe eine Wiederholung des unbetonten der vorausgehenden ist. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Choral O Mensch bewein dein Sünde groß in der Matthäus-Passion BWV 244, den Bach zeitweilig als Eingangschor der Johannes-Passion BWV 245 verwendete.
- Weitere Beispiel in der Vokalmusik Bachs:
| Beginn des Choralvorspiel O Lamm Gottes unschuldig BWV 618 (linke Hand) | thumb|BWV 618 (Beginn) |
| In der Bass-Arie Ächzen und erbärmlich weinen der Kantate Meine Seufzer meine Tränen BWV 13 treten nicht nur die „Seufzer“ in kleinen Sekunden (gelbund braun) auf. Es werden auch ungewöhnliche Fortschreitung verwwendet: Tritonus (grün) und übermäßige Sekund (rot) | thumb|BWV 13/5 |
- Auch in der Instrumentalmusik verwendet Bach das Seufzermotiv.
Sekund in Distanz
Das gleichzeitige Erklingen von zwei Tönen wird in der klassischen abendländischen Musikkultur als dissonant und bei kleinen Sekunden als besonders unangenehm empfunden, sie musste im sogenannten „reinen“ Tonsatz stets aufgelöst werden. Eine besondere Wirkung entfaltet sie in Schlussklauseln. Damit werden Sekundintervalle mit dem Drang nach Auflösung verbunden.
Vierklang-Akkorde
Wird der Dreiklang in seiner Grundform um eine Terz nach oben zum Vierklang erweitert, entsteht der Sept-Akkord mit einem Tritonus , der besonders als Dominant-Septakkord nach Auflösung in die I. Stufe strebt. Dies wird durch zwei gegenläufige Halbtonschritte erreicht: Der Leitton, die 7. Stufe der Tonleiter, wird nach oben aufgelöst, die Septe nach unten. In den Umkehrungen des Septakkords entstehen im Vierklang Abstände einer großen Sekunden:
| thumb|Der Dominant-Septakkord und seine seine Umkehrungen | Beispiel: Dominant-Septakkord in G-Dur und seine Umkehrungen mit der jeweiligen Auflösung in die I. Stufe (Tritonus-Abstand grün, Sekund-Abstand blau, Sekundfortschreitungen nach oben gelb, nach unten braun) |
Dieser Eigenschaft von Sept- und Sekund-Akkorden wird häufig eingesetzt, um Spannung zu erzeugen und diese dann wieder aufzulösen. Weitere Möglichkeiten von Sekundakkorden (hier nur am Beispiel der ersten Umkehrung aufgezeigt):
| thumb|Akkorde mit Sekund-Intervall | Linke Reihe (a): Auflösung der Sekunde in einem Halbtonschritt nach unten (braun).Rechte Reihe (b): Auflösung der Sekunde in einem Halbtonschritt nach oben (gelb).(1) und (2) stellt jeweils einen Vorhalt dar, in (2) wird das Tongeschlecht deutlich: der Quartvorhalt wird in (2a) zur I. Stufe in G-Dur aufgelöst. In (2b) ergibt sich durch die Fortschreitung ein Quartsext-Akkord in c-moll, der selbst wieder nach Auflösung in die I. Stufe von G-Dur drängt(3) bis (6) stellen die Auflösung von Sekundakkorden der IV. Stufe in G-Dur dar, wobei durch die Alterationen in (4) bis (6) der Sekundakkord und damit der Drang zur Auflösung zunehmend verschärft wird, es entstehen Akkorde mit Tritonus-Intervallen (grün). (Anmerkung: In (3) und (5) stellt das f’ einen leiterfremden Ton in G-Dur dar.) |
(siehe hierzu auch den Artikel Harmonielehre.)
Beispiele
Im Modernen Tonsatz werden auch mehrere Sekunden zu Clustern zusammen gefügt. (Henry Cowell, Charles Ives und Krzysztof Penderecki)
Aber bereits bei John Dowland (1562-1626) finden sich Reibungen durch kleine Sekunden im ersten Stück der Lachrimae Antiquae für fünf Stimmen. Diese Sekunden sind in der Lautentabulatur, die Dowland als ebenfalls anfertigte, nicht zu finden.
| thumb|Notenbeispiel aus Lachrimae Antiquae von J. Dowland |
Don Carlo Gesualdo di Venosa (um 1560-1613) verwendet in seinen Madrigalen exzessiv dissonante Harmonien und Fortschreitungen.
| Beispiel: zwei Stellen aus dem Madrigal Moro lasso. des 6. Madrigalbuchs (Abstände einer kleinen Sekunde sind rot, einer Septe oder großen Sekunde hellrot, der Tritonus-Sprung grün gekennzeichnet) | thumb|Ausschnitte aus Moro lasso von Gesualdo |
Kategorie:Musiktheorie
