Sekunde (Musik)

Die Sekunde (v. lat. secundus = der zweite) ist ein musikalisches Intervall und bezeichnet den Abstand von der 1. zur 2. Stufe in heptatonischen Tonleitern. In gleichstufig-temperierter Stimmung umfasst die kleine Sekunde 1 Halbton und die große 2 Halbtöne.

Mit Sekunde wird in der Musik sowohl der Halbton (kleine Sekunde) als auch der Ganzton (große Sekunde) bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

kleine Sekunde

Beispiele: c - des, e - f
In pythagoräischer Stimmung:  15 : 16,
in gleichstufig-temperierter Stimmung1:\sqrt[12]{2}
Liedanfang: Kommt ein (Vogel geflogen)
Die Umkehrung des - c, f - e ergibt eine große Septime
Eine Tonleiter aus Halbtönen heißt chromatische Tonleiter; sie hat 12 verschiedene Töne, der 13. Ton ist die Oktave des Grundtones.

große Sekunde

Beispiele: c - d, e - fis
In pythagoräischer Stimmung 8 : 9 bzw. 9 : 10,
in gleichstufig-temperierter Stimmung1:\sqrt[6]{2}
Liedanfang: Alle (meine Entchen))
Die Umkehrung d - c, fis - e ergibt eine kleine Septime
Eine Tonleiter aus Ganztönen heißt Ganztonleiter; sie hat 6 verschiedene Töne, der 7. Ton ist die Oktave des Grundtones.

übermäßige Sekunde

Beispiel: c - dis (1\frac{1}{2}-Ton)
Die übermäßige Sekunde heißt Hiatus; sie kommt im harmonischen Moll vor (6. und 7. Stufe), auch in den Zigeunertonarten (s. Tongeschlecht).

verminderte Sekunde

Beispiele: cis - des, h - ces

Die Töne werden unterschiedlich geschrieben, aber es ist nur eine enharmonische Verwechslung, das heißt, ihre Frequenzen sind identisch.

Intervallqualität

Die Sekunde kann als Intervall der Emphase und der Spannung gesehen werden, die in der klassischen Vokalmusik häufig mit Schmerz, Leid, Tod und Bedrohung verknüpft ist, aber auch andere Bedeutungen haben kann.

Beispiele:

Schmerz und Tod
Sehnsucht und Liebe
Wiege, Wellenschlag und Hummelflug
thumb|Wiegenmotiv aus der Weinachtshistorie von Heinrich Schütz
thumb|Wellenmotiv aus der Moldau von Bedřich Smetana


Mit zunehmender Auflösung des tonalen Systems in der modernen Musik verliert die Sekund ihre vormalige emotionale Bedeutung.
Beispiele:

Sekund in Sequenz

Tonleitern

In Folge bilden Sekunden die Tonleitern der verschiedenen Tongeschlechter. Sie bestehen aus einer Folge von Ganz- und Halbtonschritten, wobei die Lage der Halbtöne das Geschlecht bestimmt, zum Beispiel Dur und Moll im tonalen System oder eine der Kirchen-Modi.

thumb|Tonleitern in C-DurIn der Dur-Tonleiter befinden sich die Halbtonschritte zwischen der 3. und 4. und zwischen der 7. (auch Leitton genannt) und 8. Stufe
thumb|Chromatische TonleiterIm tonalen System der klassischen abendländischen Musik wird der Raum einer Oktav durch 12 Halbtonschritte gefüllt. (Siehe auch Zwölftonmusik). Die absteigende Tonleiter enthält den passus duriusculus.
thumb|Ganzton-TonleiterDie Oktav kann auch durch 6 Ganztonschritte gefüllt werden. (Tonsysteme anderer Musikkulturen verwenden auch Drittel- oder Viertel-Töne zum Unterteilen einer Oktav.)
thumb|Tritonus als Mitte einer OktaveDas fis unterteilt die Tonleiter der Oktav in genau zwei Hälften, die durch 6 Halbton- oder 3-Ganztonschritte gebildet werden. Deshalb wird dieses Intervall auch als Tritonus bezeichnet. Funktional stellen die Abstände c-fis und fis-c eine verminderte Quint oder eine übermäßige Quart dar. Beide Intervalle klingen aber gleich.
Beispiele für die Verwendung von Tonleitern
thumb|Bass-Thema zu den Goldberg-Variationen
thumb|2. Thema Violinkonzert Beethoven

Der Choral Es ist genug der Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 60 von Johann Sebastian Bach beginnt mit einer den Tritonus durchschreitenden aufsteigenden Tonleiter aus großen Sekunden.

thumb|BWV 60 Choral-Beginn Der Sopran durchschreitet den Tritonus (grüner Balken). Im Bass findet sich eine kurze Tonleiter in großen Sekundschritten (blauer Balken), ihr Zielton bildet mit dem Tenor ein Tritonus-Intervall (grüne Klammer). Des weiteren finden sich Sekunden (braun und blau) sowie ein im sogenannten „reinen“ Tonsatz verpönter Querstand (rot).

Beispiele für den passus duriusculus

Der passus duriusculus spielt in der Musik der Barockzeit eine besondere Rolle. Beispiele:

  • Der ersten Chor der Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, wurde von Bach zum Crucifixus der Messe in h-moll BWV 232, umgearbeitet :
thumb|BWV 12BWV 12/2: Neben dem passus duriusculus, der im Fagott in Reinform vorgetragen wird, bilden ab- (braun) und aufsteigende (gelb) kleine Sekunden und Sprünge im Tritonus-Abstand (grün) sowie Sekund- oder Septim-Distanzen (blau) wichtige Merkmale, die den Charakter des Stückes prägen
thumb|BWV 232BWV 232/Crucifixus: Zwar ist die musikalische Substanz der Vorlage noch vorhanden, Bach hat jedoch durch zahlreiche Änderungen praktisch eine Neukomposition vorgenommen. Am auffälligsten ist die Rhythmisierung des Chaconne-Themas durch Tonrepetitionen (siehe Prime).
  • Des weiteren tritt der passus duriusculus als Chaconne-Thema in den Kantaten Jesu, der du meine Seele BWV 78, Herr gehe nicht ins Gericht BWV 105, Warum betrübst du dich mein Herz BWV 138 und Der Friede sei mit dir BWV 158 sowie in in dem Capriccio auf die Abreise des fratello diletissimo BWV 992, in der Toccata BWV 910 und im Präludium a-moll des Wohltemperierten Klaviers BWV 889 auf.
  • In Schluss-Chor der Kantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63 ist der Text „dass uns der Satan möge quälen“ als chromatisch absteigende Tonleiter im Tritonus-Raum vertont.
  • Im Rezitativ O Christenheit der Kantate Gelobet seist du, Jesu Christ BWV 91 komponierte Bach auf die Worte „durch dieses Jammertal“ für den Bass eine aufsteigende chromatische Tonleiter im Umfang einer Dezime.
  • Der erste Chor der Johannespassion BWV 245 ist durch Sekund-Vorhalte, gebrochene Orgelpunkte (siehe Prime) und Chromatik geprägt. Ab Takt 10/2, kurz vor dem Einsatz des Chores, finden sich in den Bläserstimmen und im Continuo-Bass absteigende Chromatische Tonleitern.
  • Der als Einleitung spielt der Continuo-Bass in Versus V der Choralkantate Christ lag in Todesbanden beginnt mit dem klassischen passus duriusculus.
  • Der Kanon à 2 Nr. 6 des Musikalischen Opfers BWV 1079 besteht in seinem ersten Teil aus einer ansteigenden und absteigenden chromatischen Linie.
  • Aus dem chromatischen zweiten Teil des Themas der Kunst der Fuge BWV 1080 entwickelt Bach im Verlauf der einzelnen Fugen zahlreiche Variationen chromatischer Motive.
thumb|Beschreibung

Bereits in der 4. Fuge erweitert es dieses chromatische Material um die Töne seines Namens a, h, b, c. In der unvollendeten Tripelfuge verwendet er die Tonfolge b-a-c-h als drittes Thema.

Beispiele für Tonleitern als Charakteristikum von Musikstücken

Verzierungen

Sekund-Schritte bilden die Verzierungen des Barock und der Klassik wie Triller, Pralltriller und Mordent. Darüber hinaus werden Sekund-Vorhalte häufig in Schluss-Klauseln vor allem in Rezitativen eingesetzt. Vorhalte können entsprechend der Tonart Halb- oder Ganztonschritte sein oder nur, dann auch leiterfremde, Halbtonschritte sein. Diese Verzierungs-Techniken waren in der Barockzeit so selbstverständlich, dass sie vom Komponisten nicht notiert wurden. Von zeitgenössischen Kritikern wurde Johann Sebastian Bach vorgeworfen, dass er viele Verzierungen ausgeschrieben und somit die Freiheit des Interpreten eingeschränkt hat.

Seufzermotiv

Das „Seufzermotiv“ ist ein Sekundschritt abwärts oder aufwärts, bei welchem der erste Ton stark akzuentiert ist und die folgende Note angebunden, unbetont und leiser gespielt wird. Diese Zweiergruppe wird häufig zu auf- oder absteigenden Ketten verbunden, wobei der betonte Ton der nachfolgenden Gruppe eine Wiederholung des unbetonten der vorausgehenden ist. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Choral O Mensch bewein dein Sünde groß in der Matthäus-Passion BWV 244, den Bach zeitweilig als Eingangschor der Johannes-Passion BWV 245 verwendete.

Beginn des Choralvorspiel O Lamm Gottes unschuldig BWV 618 (linke Hand) thumb|BWV 618 (Beginn)
In der Bass-Arie Ächzen und erbärmlich weinen der Kantate Meine Seufzer meine Tränen BWV 13 treten nicht nur die „Seufzer“ in kleinen Sekunden (gelbund braun) auf. Es werden auch ungewöhnliche Fortschreitung verwwendet: Tritonus (grün) und übermäßige Sekund (rot) thumb|BWV 13/5
  • 1. Satz Adagio der Sonate für Violine und obligates Cembalo BWV 1014.
  • Fuge fis-moll aus dem Wohltemperierten Klavier BWV 859

Sekund in Distanz

Das gleichzeitige Erklingen von zwei Tönen wird in der klassischen abendländischen Musikkultur als dissonant und bei kleinen Sekunden als besonders unangenehm empfunden, sie musste im sogenannten „reinen“ Tonsatz stets aufgelöst werden. Eine besondere Wirkung entfaltet sie in Schlussklauseln. Damit werden Sekundintervalle mit dem Drang nach Auflösung verbunden.

Vierklang-Akkorde

Wird der Dreiklang in seiner Grundform um eine Terz nach oben zum Vierklang erweitert, entsteht der Sept-Akkord mit einem Tritonus , der besonders als Dominant-Septakkord nach Auflösung in die I. Stufe strebt. Dies wird durch zwei gegenläufige Halbtonschritte erreicht: Der Leitton, die 7. Stufe der Tonleiter, wird nach oben aufgelöst, die Septe nach unten. In den Umkehrungen des Septakkords entstehen im Vierklang Abstände einer großen Sekunden:

thumb|Der Dominant-Septakkord und seine seine Umkehrungen Beispiel: Dominant-Septakkord in G-Dur und seine Umkehrungen mit der jeweiligen Auflösung in die I. Stufe (Tritonus-Abstand grün, Sekund-Abstand blau, Sekundfortschreitungen nach oben gelb, nach unten braun)

Dieser Eigenschaft von Sept- und Sekund-Akkorden wird häufig eingesetzt, um Spannung zu erzeugen und diese dann wieder aufzulösen. Weitere Möglichkeiten von Sekundakkorden (hier nur am Beispiel der ersten Umkehrung aufgezeigt):

thumb|Akkorde mit Sekund-Intervall Linke Reihe (a): Auflösung der Sekunde in einem Halbtonschritt nach unten (braun).
Rechte Reihe (b): Auflösung der Sekunde in einem Halbtonschritt nach oben (gelb).
(1) und (2) stellt jeweils einen Vorhalt dar, in (2) wird das Tongeschlecht deutlich: der Quartvorhalt wird in (2a) zur I. Stufe in G-Dur aufgelöst. In (2b) ergibt sich durch die Fortschreitung ein Quartsext-Akkord in c-moll, der selbst wieder nach Auflösung in die I. Stufe von G-Dur drängt(3) bis (6) stellen die Auflösung von Sekundakkorden der IV. Stufe in G-Dur dar, wobei durch die Alterationen in (4) bis (6) der Sekundakkord und damit der Drang zur Auflösung zunehmend verschärft wird, es entstehen Akkorde mit Tritonus-Intervallen (grün). (Anmerkung: In (3) und (5) stellt das f’ einen leiterfremden Ton in G-Dur dar.)

(siehe hierzu auch den Artikel Harmonielehre.)

Beispiele

Im Modernen Tonsatz werden auch mehrere Sekunden zu Clustern zusammen gefügt. (Henry Cowell, Charles Ives und Krzysztof Penderecki)

Aber bereits bei John Dowland (1562-1626) finden sich Reibungen durch kleine Sekunden im ersten Stück der Lachrimae Antiquae für fünf Stimmen. Diese Sekunden sind in der Lautentabulatur, die Dowland als ebenfalls anfertigte, nicht zu finden.

thumb|Notenbeispiel aus Lachrimae Antiquae von J. Dowland

Don Carlo Gesualdo di Venosa (um 1560-1613) verwendet in seinen Madrigalen exzessiv dissonante Harmonien und Fortschreitungen.

Beispiel: zwei Stellen aus dem Madrigal Moro lasso. des 6. Madrigalbuchs (Abstände einer kleinen Sekunde sind rot, einer Septe oder großen Sekunde hellrot, der Tritonus-Sprung grün gekennzeichnet) thumb|Ausschnitte aus Moro lasso von Gesualdo


Kategorie:Musiktheorie

See also: Sekunde (Musik), Abendland, Adagio, Akzent (Musik), Alteration, Barock, Bedřich Smetana, Béla Bartók, Camille Saint-Saëns, Capriccio