Shodokan

Shodokan ist eine Stilrichtung des Aikido, die von Kenji Tomiki (1900-1979) entwickelt wurde. Tomiki war ein Schüler von Jigoro Kano, Gründer des Kodokan-Judo und Morihei Ueshiba, Gründer des Aikido. Shodokan-Aikido vereinigt die Techniken des traditionellen Aikido mit der modernen Didaktik und Struktur, die Jigoro Kano zur Lehre des Judo einsetzt. Das Resultat ist ein modernes, wirksames und strukturiertes Aikido, das heute in Japan und in vielen Ländern weltweit unterrichtet wird.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem Shodokan-System und dem traditionellen Aikido sind im Einzelnen:

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Entwicklung der heute weit verbreiteten modernen japanischen Kampfkünste steht im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und kulturellen Öffnung Japans ab 1853. Die traditionelle japanische Kampfkunst, die auf das Töten des Gegners ausgerichtet war, erwies sich im Zeitalter von Schusswaffen als überholt. Die Pioniere des modernen Budo, namentlich Jigoro Kano (Judo), Morihei Ueshiba (Aikido) und Funakoshi Gishin (Karate) haben ab Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene traditionelle Kampfstile in einer Weise verändert, dass sie als Methode zur körperlichen Ertüchtigung und zur Vermittlung von moralischen Werten verwendet werden konnten. Diese Modernisierung hat verhindert, dass die über Jahrhunderte gereifte Tradition in Vergessenheit geriet.

Aikido

Aikido wurde ab Anfang des 20. Jahrhunderts von Morihei Ueshiba (1883-1969) entwickelt. Auf der Basis des Daito Ryu Jujitsu von Sokaku Takeda, einer traditionellen waffenlosen Verteidigungskunst, sowie verschiedener Waffentechniken hat Ueshiba eine Kampfkunst entwickelt, die in erster Linie der körperlichen Ertüchtigung und moralischen Erziehung dient.

Ueshiba hat seine Kampfkunst Zeit seines Lebens weiterentwickelt. Als streng gläubiger Anhänger der Omoto-Religion (einer Shinto-Sekte) hat Ueshiba in seinem Aikido die ethischen Aspekte immer stärker hervorgehoben. Auch sein Stil hat sich im Laufe der Jahre von einem dem "rustikalen" Daito Ryu Jujitsu System zu einer wesentlich harmonischeren Kampf- und Bewegungskunst entwickelt.

Leider ist aufgrund der wiederholten Ortswechsel Ueshibas keiner seiner Schüler in der Lage gewesen, dem Lehrer auf dem ganzen Weg zu folgen. Somit haben mehrere fortgeschrittene Schüler Ueshibas unterschiedliche Stadien der Entwicklung des Aikido erlebt und später in ihren eigenen Schulen weitergegeben. Dies ist einer der Ursprünge der verschiedenen Stilrichtungen des Aikido.

Kenji Tomiki

Kenji Tomiki Shihan lernte schon als Grundschüler Judo und erreichte 1919 als Mitglied des Judoclubs der Waseda-Universität in Tokio den 1. Dan Kodokan. Als Judoka hat er den Wert eines strukturierten Lernsystems, sowie den Nutzen des sportlichen Wettkampfs (Randori Shiai) zu schätzen gelernt.

1926 wurde er Morihei Ueshiba vorgestellt und nahm ebenfalls Kurse in dessen Dojo. Ueshiba hatte mit Kenji Tomiki einen zuverlässigen Uchideshi, der ihm auch 1934 nach Tokio folgte. Als Ueshiba 1940 das Kyū-/Dan-Stufensystem einführte, machte er Tomiki zum ersten Träger des achten Dan.

Nachdem er 1954 an die Spitze der Sportfakultät der Waseda-Universität gewählt wurde, erhielt er 4 Jahre später die Möglichkeit, dort einen Aikidoverein zu gründen. Allerdings war dies an sehr strenge Bedingungen geknüpft: es sollten unter anderem Wettkämpfe durchgeführt werden können, ähnlich wie dies bereits im Judo oder Kendo der Fall war. Tomiki machte aus der Not eine Tugend und brachte seine langjährige Erfahrung im Judo ein, um ein Wettkampfsystem für Aikido (Aikirandori-ho) zu entwickeln.

Im Laufe der Jahre konnte Tomiki viele Judoka und andere Budo-Schüler für seine Arbeit gewinnen. Mit finanzieller Unterstützung japanischer Industrieller eröffnete er 1967 ein eigenes Aikido-Dojo in Ōsaka. Das Grundgerüst für den Shodokan als eigenständiges Aikido-Lehrsystem war etwa 1970 aufgestellt; in diesem Jahr fand ein erstes Aikido-Turnier zwischen Studenten verschiedener Universitäten statt.

Weitere Entwicklung

In der Folge haben Tomiki und seine Schüler viel Zeit darauf verwendet, Shodokan-Aikido innerhalb Japans und auch international zu verbreiten. Auf besonders fruchtbaren Boden fiel diese Lehrtätigkeit in den USA, Australien und Großbritannien. Zu diesen Ländern bestanden seit Ende des Zweiten Weltkrieges besonders intensive Beziehungen, was die durchführung von Lehrgängen vereinfachte. Ebenfalls waren die alliierten Truppenkommandanten sehr an den japanischen Kampfsportarten interessiert.

Seit 1989 werden internationale Shodokan-Aikido-Turniere durchgeführt. 1999 fand in Australien das erste Turnier außerhalb Japans statt.

Shodokan-Aikido heute

Der aktuelle Shihan (Großmeister), Tetsuro Nariyama, setzt die internationale Verbreitung des Shodokan-Aikido fort. Es finden jährlich von ihm geleitete Lehrgänge statt. Derzeit gibt es etwa 10.000 aktive Mitglieder weltweit. Die nächste Weltmeisterschaft findet 2005 in Tokio statt, zu der etwa 600 Teilnehmer aus über 20 Ländern erwartet werden.

Wettkämpfe

Die Durchführung von Wettkämpfen im Aikido war lange Zeit umstritten. Nach der Meinung vieler Aikidokas anderer Stile stehen Konfrontation und Wettbewerbsdenken im Widerspruch zur Philosophie des Aikido. Kenji Tomiki hielt jedoch trotz der Kritik einiger Schüler Ueshibas an der Einführung des Aikirandori-ho fest. Ermutigt wurde er hierzu auch von Jigoro Kano, der bereits zwei große Gruppen traditioneller Verteidigungstechniken (Nage Waza - Wurftechniken und Gatame Waza - Haltetechniken) in ein Wettkampfsystem integriert hat. Tomiki hatte zum Ziel, auch die zwei anderen Gruppen, nämlich Atemi Waza (Schlagtechniken) und Kansetsu Waza (Techniken an Gelenken), auf diese Weise zu anzupassen und somit dauerhaft zu erhalten. Aikirandori-ho sollte sich neben Kendo und Judo zur dritten modernen Wettkampfdisziplin in Japan etablieren.

Nach Ansicht von Tomiki ist die Durchführung von Wettkämpfen sehr wohl kompatibel mit der Philosophie des Aikido. Randori Shiai, so der japanische Begriff für Wettkampf, bedeutet nicht "Konfrontation", sondern "freies Training um gemeinsam Fortschritt zu erreichen". Wenn mit diesem Ziel trainiert wird, sei Aikirandori-ho durchaus im Einklang mit der Philosophie Ueshibas.

Disziplinen

Es gibt drei verschiedene Wettkampfdisziplinen:

  1. Embu Kata. Dieser Wettbewerb beinhaltet die Präsentation einer vorgegebenen Reihe von Techniken durch zwei Personen, die von 3 oder 5 Schiedsrichtern mit Noten bewertet werden. Als Alternative kann auch ein K.-O.-System angewandt werden, bei dem jeweils zwei Teams gleichzeitig antreten. Die Schiedsrichter entscheiden dann, welches Team in die nächste Runde vorrückt.
  2. Tento Randori. Dies ist die klassische Disziplin des Aikirandori-ho. Ein Wettkämpfer (Tento) ist mit einem Schaumstoffmesser bewaffnet, der andere unbewaffnet (Toshu). Tento versucht, Toshu mit dem Messer zu treffen, während Toshu seinerseits den Angriffen ausweichen muss, und versucht, eine Technik anzuwenden, um Tento zu Fall zu bringen. Die Schiedsrichter werten Treffer von Tento, sowie erfolgreiche Techniken von Toshu. Der Wettbewerb ist in 2 Halbzeiten zu je 90 Sekunden gegliedert; am Ende der 1. Halbzeit werden die Rollen getauscht. Sieger ist, wer am Ende des Kampfes die grössere Anzahl Punkte erreicht hat. Es werden ebenfalls Manschaftswettbewerbe in dieser Disziplin durchgeführt.
  3. Kongo Dentai Sen. Dies ist ein 1999 eingeführter Mannschaftswettbewerb, der mehrere Aspekte des Aikido-Trainingsprogramms aufgreift. Zuerst treten zwei Zweier-Teams parallel an und präsentieren die 17 Grundtechniken des Shodokan. Zwei weitere Teams führen 16 vorgegebene Selbstverteidigungstechniken aus. Anschließend finden 3 verschiedene Kampfwettbewerbe statt: Tento Taisabaki (Ausweichen gegen Messerangriff), Toshu Randori (Freihändiger Kampf) und Tento Randori. Die Mannschaft, die die größte Anzahl Punkte erreicht, gewinnt den Wettbewerb und rückt eine Runde vor.

Prüfungen und Ränge

Allgemeines

Wie in anderen modernen japanischen Kampfkunstarten auch, wird im Shodokan das Kyu- und Dan-System angewandt. Es gibt 8 Kyu- (Schüler-) und 8 Dan- (Lehrer-)Grade. Anfänger legen nach einigen Monaten Training die Prüfung zum 8. Kyu ab; danach folgen in länger werdenden Abständen weitere Prüfungen. Nach etwa 8-10 Jahren kann dann eine Prüfung zum 1. Dan, Schwarzer Gürtel inklusive Lehrberechtigung, abgelegt werden.

Inhalte

Für die Kyu-Grade wird das Vorführen von bestimmten Techniken in steigender Schwierigkeit verlangt. Prüfungen für Dangrade beinhalten zudem einen theoretischen Teil, in dem sich die Kandidaten schriftlich zu einem vom Prüfer festgelegten Thema äußern müssen. Für die Stufen 1.-3. Dan wird zudem die Fähigkeit der Kandidaten geprüft, in einem freien Kontext (Randori) effizient verteidigen zu können, im Hinblick auf Wettkämpfe. Für die höheren Dangrade wird auch das Verdienst der Kandidaten in der Lehre und Verbreitung von Shodokan-Aikido berücksichtigt.

Prüfungskommission

Weblinks

See also: Shodokan, 1853, 1883, 19. Jahrhundert, 1900, 1919, 1926, 1934, 1954, 1967