Silvio Gesell

Johann Silvio Gesell (* 17. März 1862 in Sankt Vith (heute Belgien); † 11. März 1930 in Oranienburg-Eden) war ein Kaufmann, Finanztheoretiker und Begründer der Freiwirtschaftslehre. thumb|Silvio Gesell

Inhaltsverzeichnis

Leben

Silvio Gesells Mutter war Wallonin, sein Vater stammte aus Aachen. Er war preußischer Kreissekretär des Kreises Malmedy, der damals zum Deutschen Reich gehörte. Gesell war das siebte Kind unter insgesamt neun Geschwistern. thumb|right|250px|Silvio Gesells Geburtshaus in St. Vith

Nach dem Besuch der Bürgerschule in Sankt Vith wechselte Gesell zum Gymnasium in Malmedy. Er musste schon früh für seinen Lebensunterhalt sorgen, verzichtete deshalb auf ein Studium und trat in den Dienst der deutschen Reichspost ein. Die Beamtenlaufbahn lag ihm jedoch nicht. Er beschloss, bei seinen älteren Brüdern in Berlin den Beruf eines Kaufmanns zu erlernen. Danach lebte er zwei Jahre als Korrespondent in Málaga (Spanien). Widerwillig kehrte er nach Berlin zurück, um den Militärdienst abzuleisten. Anschließend arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in Braunschweig und Hamburg.

1887 ging er nach Buenos Aires (Argentinien), wo er sich selbständig machte und eine Filiale des Berliner Geschäfts eröffnete. Das durch heftige Wirtschaftskrisen geschwächte Land regte ihn zum Nachdenken über die strukturelle Problematik des Kapitalismus an. 1891 veröffentliche Gesell seine erste Schrift: "Die Reformation des Münzwesens als Brücke zum sozialen Staat". Nachdem er 1890 bereits sein argentinisches Geschäft seinem Bruder übereignet hatte, kehrte er 1892 nach Europa zurück. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Deutschland ließ er sich in der Schweiz in Les Hauts-Geneveys im Kanton Neuenburg nieder, wo er einen Bauernhof erworben hatte. Neben seiner Arbeit in der Landwirtschaft widmete er sich weiter volkswirtschaftlichen Studien und der Schriftstellerei. Der von ihm 1900 gegründeten Zeitschrift "Die Geld- und Bodenreform" war allerdings kein großer Erfolg beschieden; sie mußte aus finanziellen Gründen bereits 1903 eingestellt werden.

Von 1907 bis 1911 befand sich Gesell wieder in Argentinien. Von dort siedelte er nach Deutschland über und wählte als "ethischer Vegetarier", der aus Achtung vor den Tieren das Fleischessen ablehnt, die vegetarisch ausgerichtete, von Franz Oppenheimer mitbegründete Obstbausiedlung Eden bei Oranienburg im Norden Berlins zu seinem Wohnsitz . Hier gründete er gemeinsam mit Georg Blumenthal die Zeitschrift "Der Physiokrat". 1914 - mit Beginn des I. Weltkrieges fiel sie der staatlichen Zensur zum Opfer.

1915 verließ Gesell Deutschland und begab sich wieder auf seinen Bauernhof in der Schweiz. Im April 1919 wurde er von Ernst Niekisch nach München gerufen. Die Revolutionsregierung der Münchner Räterepublik bot ihm zunächst einen Sitz in der sogenannten Sozialisierungskommission an und ernannte ihn kurze Zeit später zu ihrem "Volksbeauftragten für Finanzen". Seine Amtszeit dauerte allerdings nur sieben Tage. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik wurde Gesell in einem Hochverratsprozess eines Münchner Standgerichtes freigesprochen. Die Kosten des Prozesses gingen zu Lasten der Staatskasse. Wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik wurde ihm von den Schweizer Behörden die Rückkehr auf seinen Bauernhof verweigert.

Daraufhin zog sich Gesell zunächst nach Rehbrücke bei Berlin, später wieder nach Oranienburg-Eden zurück. 1924 folgte nochmals ein Aufenthalt in Argentinien. Ab 1927 wohnte er wieder in Eden, wo er am 11. März 1930 einer Lungenentzündung erlag und einige Tage später im kleinen Kreis beigesetzt wurde.

Damit war es ihm nicht vergönnt, zwei erfolgreiche Aktionen mit dem von ihm vorgeschlagenen Freigeld in Schwanenkirchen im Bayerischen Wald und in Wörgl in Tirol/Österreich noch zu erleben. Auch die von Dr. Nordwall auf der Insel Norderney durchgeführte WÄRA-Freigeldaktion gehört in diese Reihe.

Diese Projekte konnten die schlimmen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren für die beteiligte Bevölkerung spürbar mildern. Das Interesse daran war groß. Aus Frankreich reiste Ministerpräsident Édouard Daladier nach Wörgl, und in den USA schlug der Volkswirtschaftler Irving Fisher der amerikanischen Regierung – wenn auch vergeblich – vor, ein Wörgl-ähnliches Geld mit Namen "Stamp Script" zur Überwindung der Wirtschaftskrise einzuführen. Da jedoch die Ausgabe von geldähnlichen Wertzeichen gesetzlich den Zentralbanken vorbehalten war, wurden die Aktionen verboten. Daraufhin verschlimmerte sich die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung wieder beträchtlich. Viele Gemeinden in Österreich, Deutschland und der Schweiz – die Rede ist von ungefähr 200 – mussten die geplante Einführung von Freigeld abbrechen.

Recherchen und Beobachtungen

Während die Industrialisierung in Europa zu jener Zeit bereits voll entwickelt war, behinderte die spanische Kolonialmacht eine eigenständige Entwicklung Argentiniens. Die spanische Regierung war nur an den berühmten Silbervorkommen (daher "Argentinien") interessiert, nicht jedoch an einer eigenständigen Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Dies hätte Spanien zu wichtigen Importen aus der eigenen Kolonie genötigt.

Nach dem Sturz des Diktators Juan Manuel de Rosas trat 1853 eine liberale Verfassung in Kraft, die das Land auch für Einwanderer öffnete.

Die Wirtschaft begann zu blühen, Schafswolle wurde zum wichtigsten Exportartikel. Ein Rückgang der Weltkonjunktur Mitte der 1870er Jahre und die Einführung einer mit Gold gedeckten Währung führte um 1890 erneut zu einer Wirtschaftskrise. Die exportorientierte Wirtschaft wurde durch die Golddeckungsvorschriften gefesselt. Es entwickelten sich die typischen Zeichen einer deflationären Abwärtsspirale: Abnehmende Geldmenge —> Sinkende Löhne —> Geldhortung (Konsumrückgang) —> Warenstau —> Firmenpleiten —> Entlassungen —> Massenarbeitslosigkeit.

Der Versuch, mit einer Inflation gegenzusteuern, scheiterte, weil die Menschen das neue Geld aus Zukunftsangst erneut horteten. Das Warenangebot blieb überhöht, die Preise sanken wieder schnell auf das alte Niveau. Langfristige Preiserhöhungen hätten das Sparen unattraktiver gemacht, dadurch die Menschen zu mehr Konsum getrieben, und die heimische Wirtschaft wieder angekurbelt.

Diese ökonomischen Instabilitäten brachten Gesell im eigenen Geschäftsinteresse zum Nachdenken über das Wesen des Geldes.

Einsichten und Konsequenzen

Gesell kam daher zu folgender Überzeugung:

Alles in der Natur unterliegt dem rhythmischen Wechsel von Werden und Vergehen - nur das Geld scheint der Vergänglichkeit alles Irdischen entzogen. Da das Geld im Gegensatz zu den Waren weder "rostet" noch "verdirbt", kann der Geldbesitzer abwarten, bis die Waren billig genug für ihn sind. Händler werden gezwungen, ihre Preise zu senken. In der Folge müssen sie ihre Kosten durch Kredite decken. Diesen Bedarf lässt sich der Geldbesitzer nun durch eine Zinsforderung belohnen. Diese Zinseinnahmen kommen aber nicht der Gemeinschaft zugute, sondern werden erneut verliehen (Zinseszins). Auf diese Weise wird dem Wirtschaftskreislauf immer mehr Geld entzogen. Es werden Reichtümer dort "leistungslos" angehäuft, wo sie nicht benötigt werden. Im Gegenzug wird der arbeitenden Bevölkerung das "erwirtschaftete" Geld weggenommen. Um diese Vormachtstellung zu überwinden, muss das Geld in seinem Wesen der Natur nachgebildet werden.

Geld soll nach dem Vorschlag von Gesell "rosten", das bedeutet, jeder Geldschein soll periodisch an Wert einbüßen. Sobald Geld "vergänglich" ist, hat es auf dem Markt keine Vormachtstellung mehr gegenüber der menschlichen Arbeit und den Gütern, so dass es ohne Zinsforderung dem Markt zur Verfügung gestellt werden muss. So könnte das Geld dem Menschen dienen und nicht der Mensch dem Geld.

Mit solchem Geld würde jeder Geldbesitzer bestrebt sein, sein Geld nicht zu lange aufzubewahren. Wer keine Waren benötigt, könne damit regelmäßig seine Schulden, seine Rechnungen, seine Miete und so weiter bezahlen. So stehe jedem jederzeit genügend Geld zur Verfügung.

Gesell nannte dieses Geld "Freigeld". Es ist jederzeit frei verfügbar, denn niemand würde so dumm sein und einen fortschreitenden Wertverlust gen Null hinnehmen. Ein solches Geld sei wahres Geld, denn Geld soll ja nur als Tauschmittel dienen, und nicht als Hortungsmittel die Wirtschaft lähmen.

Nähere Informationen: siehe Freigeld

Stabiles Geld - Stabile Wirtschaft

Durch den beständigen Geldumlauf könne seine Menge so dosiert werden, dass die Kaufkraft der Währung und damit auch die Preise stabil bleiben. Natürliche Preisschwankungen würde es durch permanente Innovationen immer geben. Aber daran würde sich niemand stören. Die veralteten Produkte würden schnell vom Markt gefegt, und sei es durch Spende an die Bedürftigen. Es würde also keine massiven Schwankungen in der Wirtschaft mehr geben, keine störenden Deflationen und Inflationen. Auch die sozialen Unruhen durch hohe Arbeitslosigkeit würden, laut Gesell, dauerhaft beseitigt.

Die Entdeckung einer von ihm als der Natur gemäß empfundenen Geldordnung gab dem Leben Gesells eine entscheidende Wende. Er wurde zum Sozialreformer, seine Gedanken waren ein wichtiger Beitrag zur Lösung der sozialen Frage. Es entstanden seine Frühschriften Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat, Nervus rerum und Die Verstaatlichung des Geldes. Ihnen folgte eine Fülle von Broschüren, Büchern und Aufsätzen in deutscher und spanischer Sprache.

Im Jahre 1900 zog Gesell in die Schweiz, um sich auf einem Bauernhof bei Neuchatel der Landwirtschaft und autodidaktischen wirtschaftstheoretischen Studien zu widmen. 1916 erschien sein Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld", das seither viele Neuauflagen und Übersetzungen erlebte.

Schriften

(noch nicht vollständig!)

Die aktuelle Bedeutung Gesells

In Bremen, Schleswig-Holstein, Hessen und Bayern sind in den letzten Jahren so genannte "Regiogeld-Initiativen" entstanden, mit denen die lokalen Wirtschaftskreisläufe wieder belebt werden sollen.

Das Regionalgeld fungiert als "Komplementärwährung" zum Euro, und ist ihm gegenüber mit 1:1 gedeckt. Die Umlaufsicherung wird durch eine befristete Gültigkeit wie bei Gutscheinen erreicht. Die Fälschungssicherheit wird ähnlich gewährleistet wie bei den Banknoten. Die Umlaufsumme des Regionalgeldes ist jedoch marginal.

Siehe auch: Umlaufgesichertes Geld, Zins, Deflation, Inflation, Hyperinflation, Wirtschaftskrise

Zitate

20px Wikiquote: Zitate zu Silvio Gesell

John Maynard Keynes sagte über ihn: "In den Nachkriegsjahren bombardierten mich seine Anhänger mit Exemplaren seiner Werke; aber wegen gewisser offenkundiger Mängel seiner Beweisführung verfehlte ich vollständig, ihre Vorzüge zu entdecken. ... Gesell zog die halbreligiöse Verehrung auf sich, die früher Henry George umgab, und wurde der verehrte Prophet eines Kultus mit Tausenden von Anhängern in der ganzen Welt. ... Der Zweck von Gesells Buch als Ganzes kann als die Aufstellung eines antimarxistischen Sozialismus beschrieben werden, eine Reaktion gegen das laissez-faire, auf theoretischen Grundlagen aufgebaut, die von jenen von Marx grundverschieden sind. Ich glaube, daß die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird. Das Vorwort zu "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" wird dem Leser, wenn er es nachschlägt, die moralische Höhe Gesells zeigen. ... Aber die Theorie Gesells hat einen großen Fehler. ... Er hat nur eine halbe Theorie des Zinsfußes aufgebaut. Die Unvollständigkeit seiner Theorie ist zweifellos die Erklärung, warum sein Werk von der akademischen Welt vernachlässigt worden ist. ... Der hinter dem gestempelten Geld liegende Gedanke ist gesund. Es ist in der Tat möglich, daß Mittel gefunden werden könnten, um ihn in bescheidenem Rahmen in der Wirklichkeit anzuwenden. Aber es bestehen viele Schwierigkeiten, auf die Gesell nicht gefaßt war. ..." aus: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes

"Warum spricht man in allen Zeitungen der Welt von Marx und seiner Lehre? Einer meinte, das läge an der Hoffnungslosigkeit und entsprechenden Harmlosigkeit der Marxschen Lehre. Kein Kapitalist fürchtet diese Lehre, wie auch kein Kapitalist die christliche Lehre fürchtet. Es wäre geradezu vorteilhaft für das Kapital, möglichst viel und breit von Marx und Christus zu reden." [Verlag für Sozialökonomie (Hrsg.): [Gesammelte Werke, Band 11] Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, 4. letztmalig vom Autor überarbeitete Auflage, Neuauflage 2004, S. 4]

Literatur

Siehe auch

Weblinks

Initiativen, die Gesells Ideen aufgreifen

Gesell, Silvio Gesell, Silvio Gesell, Silvio Gesell, Silvio Kategorie:Politiker

Personendaten
Gesell, Jean Silvio
Ökonom, Begründer der Freiwirtschaftslehre, Kaufmann, Autor
17. März 1862
Sankt Vith, Belgien
11. März 1930
Oranienburg, Brandenburg, Deutschland

See also: Silvio Gesell, 11. März, 17. März, 1853, 1862, 1870, 1887, 1890