Soziales Kapital
Erstmalig verwendete Hanifan den Begriff des sozialen Kapitals 1916 (vgl. Putnam 2001, S. 16). Dann verschwand der Begriff und tauchte erst wieder um die 1950 durch John Seeley auf. Danach, in den 60er bis heute, folgten viele weitere Autoren. Einige bekannte sind: Jane Jacobs (1961), Glenn C. Loury (1977), Pierre Bourdieu (1983), Robert D. Putnam (1993) und James S. Coleman (1987) sowie Thomas Faist (1995).
Der soziologische Begriff Soziales Kapital wurde von Pierre Bourdieu (1983) geprägt und bezeichnet die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit der Teilhabe an dem Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennes verbunden sind. Im Gegensatz zum Humankapital bezieht sich das soziale Kapital nicht auf natürliche Personen, sondern die Beziehungen zwischen ihnen sind Träger dieser Kapitalform.
In der nordamerikanischen Soziologie wurde das Konzept Anfang der 1990er Jahre von James Samuel Coleman und Robert Putnam aufgenommen und soziales Kapital als Schlüsselmerkmal von Gemeinschaften charakterisiert. Soziales Kapital entsteht durch die Bereitschaft der Bürger (Akteure), miteinander zu kooperieren und benötigt eine Basis des Vertrauens, auf der sich Kooperation und gegenseitige Unterstützung entwickeln können. In einem Klima des Vertrauens kann auch die Bereitschaft entstehen, anderen zu vertrauen, vor allem aber auch Fremden, ohne sofort eine Gegenseitigkeit voraussetzen zu müssen. Vertrauen ist auch nicht einfach ein Produkt von Sanktionsmöglichkeiten und der Angst vor Bestrafung. Ein oft angeführtes Beispiel für das Vorhandensein oder Fehlen eines Vertrauensklimas als Maß für soziales Kapital, ist folgendes: Lässt eine Mutter ihr Kind allein in einem Park spielen, oder wagt sie dies nicht und begleitet es oder lässt es begleiten? Die 'amerikanische' Bedeutung des social capital weicht allerdings in einigen wichtigen Punkten von Bourdieus Vorstellung ab.
Soziales Kapital bietet für das Individuum einen Zugang zu den Ressourcen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens wie Unterstützung, Hilfeleistung, Anerkennung, Wissen und Verbindungen bis hin zum Finden von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Dahinter steht die soziale Dynamik von Kennen und Anerkennen, wie sie etwa in Golfclubs (aber auch in allen anderen Bekanntschaftsnetzwerken) zu beobachten ist: Aus dem Kennen von Personen kann ein Informationsvorsprung entstehen (beispielsweise das Wissen um einen neuen Job, der noch nicht offiziell ausgeschrieben ist), der dann auch in einen Vertrauensvorschuss "umgemünzt" werden kann (wenn der Bewerber sich gegenüber dem Personalchef auf gemeinsame Bekannte als Informationsquelle beruft).
Für die Gesellschaft verringert soziales Kapital soziale Kosten in dem Maße, wie Hilfeleistungen und Unterstützung im Rahmen der Beziehungsnetzwerken erbracht werden. Umgekehrt steigen die ("externalisierten", auf die Allgemeinheit abgewälzten) Kosten für Unterstützung und Hilfeleistung für Kranke, Alte, Behinderte und sonstwie beeinträchtigte Personen in dem Maße, wie in modernen Gesellschaften im Zuge der Individualisierung und steigenden Mobilität Beziehungsnetze wie Nachbarschaften, Freundeskreise, Vereinsstrukturen usw. nicht mehr greifen.
In einer Gesellschaft mit geringem sozialen Kapital ist Rechts- und Polizeigewalt zum Schutz des Eigentums und staatliche Regulation von größerer Bedeutung, weil Vertrauen und Kooperationsbereitschaft bei der Lösung von Problemen und Konflikten nicht ausreichend vorhanden sind. So besteht die Tendenz, dass für kollektive Handlungsprobleme wie z.B. für Probleme des Umweltschutzes keine einvernehmlichen Lösungen gefunden werden können. Integrationsprobleme durch zugewanderte Bevölkerungsgruppen können ebenfalls nur schwer bewältigt werden, da sie sich rein regulativ nicht lösen lassen. Gelungene 'Integration' hieße, zugewanderten Gruppen einen Zugang zum sozialen Kapital (z.B. durch Schulbildung) zu eröffnen, das entwickelt genug sein muss, um diese zunächst zusätzliche Leistung zu tragen.
Der Grad des vorhandenen sozialen Kapitals in einer Gesellschaft ist weiterhin am Wachstum oder Niedergang des wirtschaftlichen Wachstums beteiligt. Geschäftsbeziehungen, wirtschaftliche Transaktionen und Investitionen sind in einem mangelnden Vertrauensklima unsicherer (hohe "kalkulatorische Wagniskosten") und werden weniger risikofreudig und zügig getätigt. Sie benötigen wesentlich mehr Aufwand an Vorsondierung auftretender Probleme, rechtliche Absicherungen, längere Vertragsverhandlungen, Aushandlungen von Garantieansprüchen bei nicht eingehaltenen Verträgen usw. Geringes soziales Kapital erhöht somit die Transaktionskosten und verringert potentiell die Produktivität. Ökonomische Auswirkungen besitzt das Sozialkapital im positiven Sinn auf Allokation (Standortpolitik), Wachstum und Beschäftigung.
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Fach-Literatur
- Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital - Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In: ders. (1993): Die verborgenen Mechanismen der Macht, S.49-80.
- Coleman, J.S. (1988): Social capital in creation of human capital, American Journal of Sociology 94 (Supplement): 95-120
- Putnam, R.D. (1995): Bowling alone: America's declining social capital, Journal of Democracy 6 (1): 65-78 +
- Schechler: Sozialkapital und Netzwerkökonomik, Frankfurt a.M. 2002
weitere Literatur
Vance, Jack (1975): Die Mondmotte. -eine S.F.-Geschichte über eine interessante Abart von Sozialkapital bzw. symbolischem Kapital
