Spinozismus
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Der Spinozismus bezeichnet die als materialistisch-pantheistisch rezipierte (eigentlich aber eher panentheistische) Philosophie Spinozas und ihre Wirkung bzw. Umgestaltung vor allem im 18. Jahrhundert, besonders in der französischen und deutschen Aufklärung sowie in der klassischen deutschen Philosophie und Literatur.
Spinozas Philosophie ist weitgehend von einem moralisch-politischen Anliegen bestimmt: die Befreiung des menschlichen Lebens aus dem primitiv-religiösen Stadium, in welchem die Dinge oder Verhältnisse über den Menschen herrschen, seine Erhebung auf eine höhere Stufe, wo der Mensch die Welt erkennt, bewusst durchlebt und in Übereinstimmung mit den "natürlichen" Gesetzen gestaltet, d. h. die Überwindung der feudal-klerikalen Bewusstseins- und Lebensformen.
Ausgangspunkt des Wirkens Spinozas : die rationale Bibelkritik
Im Theologisch-Politischen Traktat (Tractatus theologico-politicus von 1670) unterwarf Spinoza die Bibel erstmals einer rationalen, antimetaphysischen Kritik und schuf damit die Grundlage für die spätere wissenschaftliche Bibelkritik. Da die Bibel von Menschen geschrieben ist, müsse sie ebenso historisch betrachtet werden wie alle anderen Schriften auch. Der Wunderglaube beruhe auf Unwissenheit und Unkenntnis der wahren Ursachen der Erscheinungen.
In Übereinstimmung mit den antiken Materialisten und Thomas Hobbes betrachtet Spinoza die Furcht als eine Quelle religiösen Aberglaubens und erkennt, dass die Religion dazu dient, das Volk in Knechtschaft zu halten. Mit dem Verständnis der politischen Rolle der Religion kommt Spinoza den späteren Anschauungen der Aufklärung nahe, insbesondere denen der französischen Materialisten, die dieses Motiv weiterführen werden.
Zur Entfaltung des Menschen in einem demokratischen Staatswesen
Spinoza schwebt ein Gesellschaftszustand vor, der nicht nur von klerikaler, sondern auch von staatlicher Bedrückung frei ist. Er spricht sich für ein demokratisches Staatswesen aus. Seine Auffassung, dass der Staat die freie Entfaltung des menschlichen Wesens zu gewährleisten, nicht umgekehrt sich die Menschheit unter fremde religiöse und staatliche Gesetze zu beugen habe, war von revolutionärer Bedeutung für die Staatsrechtslehre; sie prägte einen für die Zeit völlig neuen Begriff des Staates. Spinoza war ein konsequenter Verfechter des Naturrechts.
Spinoza: die Gesinnung des Menschen kann kein Ausgangpunkt für staatliche Verwaltung sein
Nach der Ansicht Spinozas können moralische Gebote die Menschen nicht bessern, weil im politischen Leben der Affekt, die Leidenschaft, die Machtgier herrschen. Die Erkenntnis, dass eine imperativische Moral nicht eine neue Ordnung durchzusetzen vermag, dass es hierzu vielmehr des Schlüssels innergesetzlicher Gesellschaftlichkeit bedarf, äußert sich in dem genialen Satz des Tractatus politicus (1677):
" Die Sicherheit des Staates wird nicht davon berührt, welche Gesinnung die Menschen zur richtigen Verwaltung anhält, sofern die Verwaltung richtig ist".
Zur Auffassung der Affekte des Menschen im Selbsterhaltungstrieb
In seiner Ethik sieht Spinoza den Menschen als natürliches Wesen, nicht als von einer geistigen Vernunft bestimmt, wie noch in der Philosophie Rene Descartes'. Die Wirkungsstätte der Ethik sind für Spinoza die Leidenschaften und Affekte. Sie postuliert drei Grundaffekte: Begierde, Lust und Schmerz, die alle im Selbsterhaltungstrieb wurzeln. Gut heißt: das zu tun, wozu man von seiner Natur gedrängt wird.
Begierde und Vernunft sind für Spinoza gleichberechtigt, insofern sie gleich mächtig sind. Denn so weit sie die Macht haben, sich zu verwirklichen, sind sie wirklich, natürlich - das heißt aber bei Spinoza: göttlich, heilig, unantastbar. Hier gibt sich der alles andere als religiöse Sinn seines Pantheismus deutlich zu erkennen.
Spinozas Ausgangspunkt zur Beherrschung der Leidenschaften: die Vernunft und die Anerkennung der kausalen Determinertheit
In der Ethik Spinozas ist die Vernunft Dienerin der Affekte. Das drückt sich darin aus, dass sie sich erst auf dem Boden einer gleichmäßigen Entwicklung des affektischen Lebens voll verwirklicht. Ohne den lediglich ordnenden Beitrag der Vernunft fällt der Mensch jedoch unter eine gefährliche Herrschaft der Leidenschaften. Die Vernunft erkennt sie und macht sie beherrschbar. Je klarer und deutlicher die Erkenntnis der natürlichen Gesetze, je größer die Einsicht des Menschen in die Naturgesetze ist, desto größer ist seine Freiheit zur Verwirklichung seines Wesens. Spinoza vertritt eine streng kausale Determiniertheit des Willens.
In seiner Metaphysik setzt Spinoza den Kampf gegen die feudal-klerikale Ideologie fort. Die materialistische und atheistische Leistung Spinozas zeigt sich hier im Wesentlichen in seiner Substanzlehre und seinem Determinismus. Hatte Rene Descartes noch drei Substanzen - eine göttliche, eine geistige und eine materielle - anerkannt, so lässt Spinoza nur eine einzige Substanz (als Pantheismus) gelten: Deus sive natura (Gott oder die Natur), eine ewig existierende Gottnatur, gleichsam eine pantheistisch-theologisch verhüllte Materie.
Zur Substanz, die ihre Ursachen aus sich selbst hervorbringt: causa sui
Die Substanz ist der gemeinsame Boden aller Erscheinungen, ist materiell (ausgedehnt), objektiv existierend, unendlich im Raum, in der Zeit und in ihrem Daseinswesen. Sie kann keine andere Ursache als sich selbst haben, ist causa sui, Ursache ihrer selbst. Die Annahme eines außerweltlichen Schöpfergottes ist damit verworfen. Die Wesenseigenschaften (d. h. Daseinsweisen) der Substanz, von denen es unendlich viele gibt, nennt Spinoza nach dem Vorbild Descartes' Attribute.
Im ersten Teil seiner Ethik definiert Spinoza Substanz als das, was in sich ist und durch sich begriffen wird:
- Per substantiam intellego id, quod in se est, & per se concipitur: hoc est id, cujus conceptus non indiget conceptu alterius rei, a quo formari debeat. (I, Def. III)
In dieser Definition stecken zwei Aussagen: zum einen, dass die Substanz ontologisch unabhängig ist, also in einem metaphysischen Sinn "für sich" existiert (wenn sie denn existiert); zum anderen, dass der Begriff der Substanz begrifflich unabhängig ist oder, wie Spinoza schreibt, nicht des Begriffs eines anderen Dings bedarf, um daraus gebildet zu werden (s. o.).
Weiterhin definiert Spinoza Gott als die Substanz, die unendlich viele Attribute hat, von denen jedes ewiges und unendliches Wesen ausdrückt:
- Per Deum intellego ens absolute infinitum, hoc est, substantiam constantem infinitis attributis, quorum unumquodque aeternam, & infinitam essentiam exprimit. (I, Def. VI)
Was sich hier noch liest wie die nähere Bestimmung einer Substanz unter anderen wird sich später als Grundlage für zentrale Doktrinen der Ethik – Substanzmonismus, Determinismus, Spinozas Verständnis menschlicher Freiheit – herausstellen.
Spinozas Substanztheorie läuft darauf hinaus, dass es nur eine Substanz geben kann (Monismus). Diese identifiziert Spinoza mit Gott, der Substanz mit unendlich vielen Attributen. Zunächst wird gezeigt, dass, sollte es mehrere Substanzen geben, diese kein Attribut miteinander gemein haben könnten:
- In rerum natura non possunt dari duae, aut plures substantiae ejusdem naturae, sive attributi. (I, Prop. V)
Nach I, Ax. I ist alles, was ist, entweder in sich oder in etwas anderem. In sich sind Substanzen (nach I, Def. III, s. o.); in etwas anderem (nämlich Substanzen) sind (nach I, Def. V) Affektionen (Modi). Zwei Substanzen können sich nicht nur durch ihre Affektionen unterscheiden, weil die Affektionen ja erst durch die Substanz begriffen werden und die Substanz, wie I, Prop. I sagt, von Natur früher ist als ihre Affektionen. Folglich bleiben zur Unterscheidung von Substanzen nur die Attribute übrig.
Der nächste Schritt im Beweis des Substanzmonismus besteht darin, die Existenz der unendlichen Substanz – Gott – zu beweisen:
- Deus, sive substantia constans infinitis attributis, quorum unumquodque aeternam, & infinitam essentiam exprimit, necessario existit. (I, Prop. XI)
Spinoza bringt drei Beweise für den Lehrsatz. Der erste verweist schlicht auf den Substanzbegriff, der so gebildet ist, dass das Wesen der Substanz ihre Existenz einschließt (s. I, Prop. VII), denn wenn Substanz in sich ist und durch sich begriffen wird, kann sie nicht von etwas anderem hervorgebracht werden.
Der zweite Beweis fußt auf dem Argument, dass jedes Ding, das existiert, aufgrund einer bestimmten Ursache oder aus einem bestimmten Grund (causa, seu ratio) existiert, und jedes Ding, das nicht existiert, aufgrund einer bestimmten Ursache oder aus einem bestimmten Grund nicht existiert (oder nichts existiert zufällig). Dafür, dass Gott nicht existiert, ist kein Grund und keine Ursache angebbar, denn ein solcher Grund müsste entweder in Gottes Natur selbst liegen – was widersinnig wäre (wegen des Conatus-Prinzips) – oder in einem anderen Ding, einer anderen Substanz. Diese dürfte aber, um nicht selbst Gott zu sein, kein Attribut mit Gott gemein haben (s. o.), und insofern könnte sie als von Gott grundverschiedene Entität dessen Existenz weder setzen noch aufheben.
Der dritte Beweis, den Spinoza selbst als aposteriorischen Beweis bezeichnet, funktioniert mit der Setzung, dass existieren zu können ein Vermögen (potentia), nicht existieren zu können ein Unvermögen (impotentia) ist, woraus gefolgert wird, dass Gott existiert, weil er als unendliches Wesen nicht weniger Macht haben kann als existierende endliche Wesen (wie Menschen). Der Beweis hat also die Zusatzprämisse, dass irgend etwas (Menschen) existiert. (Dass der ontologische Gottesbeweis ungültig ist, weil er den Existenzquantor fälschlicherweise wie ein Prädikat behandelt, hat Kant [Kritik der reinen Vernunft] gezeigt.)
Nachdem Spinoza also die Existenz mehrerer Substanzen gleicher Attribute widerlegt und die Existenz der unendlichen Substanz bewiesen hat, kann er in einem dritten Schritt auf den Substanzmonismus schließen:
- Praeter Deum nulli dari, neque concipi potest substantia. (I, Prop. XIV)
Dieser Satz folgt daraus, dass Gott gemäß Definition unendlich viele Attribute hat und es kein Attribut gibt, das Gott nicht hat. Da Spinoza schon bewiesen hat, dass Gott existiert und dass Substanzen nur durch Attribute voneinander unterschieden werden können, wäre die Existenz einer weiteren Substanz anzunehmen widersprüchlich. Nimmt man noch I, Ax. I und I, Def. III hinzu, ist damit auch schon der Spinozasche Panentheismus bewiesen, d. h. die Lehrmeinung, dass alles, was ist, "in Gott" ist. Denn so ist alles, was ist, entweder in sich (also Gott) oder in etwas anderem (also in Gott). Dies findet sich dann auch im Anschluss:
- Quicquid est, in Deo est, & nihil sine Deo esse, neque concipi potest. (I, Prop. XV)
Zu den Attributen der Substanz: das Denken und die Ausdehnung
Wir kennen von den Attributen der Substanz aus ihrer unendlichen Zahl nur Denken (cogitatio) und Ausdehnung (extensio), was jedoch nicht bedeutet, dass die Substanz unerkennbar ist: ihre attributive Unendlichkeit bedeutet lediglich Vollkommenheit, den Beweis ihrer Realität, ihrer Unabhängigkeit von einem Schöpfergott. Die Attribute schließen sich nicht gegenseitig aus wie bei Descartes, sondern sind der Ausdruck eines und desselben Wesens, einmal unter der Form der Ausdehnung, das andere Mal unter der Form des Denkens.
Wo Denken ist, muss auch Ausdehnung sein, und umgekehrt. Die Folgerung, dass Ausdehnung immer auch eine Art des Denkens erkennen lassen müsse, trieb Spinoza zu der hylozoistischen Behauptung, dass alle natürlichen Körper, wenn auch in unterschiedlichem Maß, beseelt seien.
Zu Spinozas Erkenntnistheorie: Bewusstseinsvorgänge sind Produkt des Körpers
In der Erkenntnistheorie kommt Spinoza zu der These, dass den körperlichen Veränderungen stets geistige entsprechen (d. h. die Identität von Denken und Sein). Damit lässt er eine Grundfrage der Philosophie (d. h. das Verhältnis von Sein und Denken, Materie und Bewusstsein u. ä.) zwar unentschieden, jedoch setzt sich die materialistische Grundtendenz der Philosophie Spinozas in letzter Instanz auch in der Erkenntnistheorie durch: die Bewusstseinsvorgänge werden als vom menschlichen Körper abhängig genommen, die Erkenntnisfähigkeit der Seele wachse in dem Maße, in dem auf den Körper eingewirkt werde.
Die idealistischen Inkonsequenzen der Erkenntnistheorie Spinozas sind ein Erbe der Erkenntnistheorie Descartes', von der sie weitgehend beeinflusst ist. Nach Descartes war die sinnliche Erkenntnis unzugänglich und trügerisch, und allein die vom Intellekt erzeugten Ideen hatten das Merkmal der Wahrheit, nämlich der Evidenz. Als höchste Form rationaler Erkenntnis galt ihm - und gilt auch bei Spinoza - die intuitive, die die Begriffe des ewigen Wesens der Dinge einschließt, die Dinge sub specie aeternitatis (unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit) wahrnimmt.
Doch führt Spinoza auch in diesem Punkt seine Erkenntnistheorie wieder auf eine materialistische Richtung zurück, indem er im Zusammenhang mit der (idealistischen) Wesenserkenntnis die reine, göttlichen Mitwirkens entratende Naturgesetzlichkeit der Erscheinungen herausarbeitet.
Zu den Einzeldingen der Modi und der Affektionen : Ausgangspunkt und Einsicht für eine Notwendigkeit
In die kausale Verkettung des Allgemeinen (d. h. der Substanz) und Besonderen (d. h. der Attribute der Substanz) wird auch das Einzelne einbezogen: die Modi. Die Einzeldinge, ausgedehnte Körper oder bewusste Geisteswesen, sind nur Modi oder Affektionen der Substanz, von dieser nicht durch Wirken nach außen (actio transiens), sondern nach innen (actio immanens) als Entfaltungsweisen Gottes hervorgebracht. Daraus folgt der starre Determinismus. Wie für Spinoza die Freiheit Gottes nicht in Wahlfreiheit, sondern in Wesensnotwendigkeit besteht, so liegt die Freiheit des Menschen nur darin, alles Geschehen aus der Notwendigkeit zu erkennen und anzunehmen, um zu geistiger Gottesliebe (amor Dei intellectualis) aufzusteigen.
In Spinozas Weltbild fließt alles mit eherner Notwendigkeit aus dem Wesen der Substanz: auch das Einzelne, das Zufällige ist notwendiger Ausdruck des Allgemeinen, des Notwendigen: "so werden die Teile des Universums in unendlichen Modi modifiziert und müssen unendliche Veränderungen erleiden". Unendlicher Zusammenhang, unendliche Veränderung, unendliche Wechselwirkung bestimmen Spinozas Substanz.
Zur Problemlösung des Verhältnisses von Freiheit und Notwendigkeit : Einheit von Ursache und Wirkung - Ziel und Sein
Lieferte Spinoza in seiner allgemeinen Substanzlehre Elemente der Dialektik, so gelingt ihm eine wahrhaft dialektische Fassung des Problems Freiheit und Notwendigkeit (als Teleologie und Kausalität) mit der Lehre von dem absolut selbständigen Wirken der Substanz. Die Substanz ist causa sui, Ursache ihrer Wirkung selbst, d. h. Einheit von Ursache und Wirkung - und auch von Ziel und Sein.
Die Bewegungsrichtung der Substanz ist nicht zufällig oder von Gott vorgegeben, sondern immanente Notwendigekit ihrer selbst. Spinoza spricht von der freien Notwendigkeit. Frei heißt für ihn, was nur kraft der Notwendigkeit seiner Natur existiert und allein durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird, notwendig dagegen, oder besser: gezwungen, das Ding, das von einem anderen bestimmt wird, auf gewisse und bestimmte Weise zu existieren und zu wirken. Da die Einzeldinge, die Modi, stets von anderen als sich selbst bestimmt werden, sind sie notwendiger Natur, determiniert.
Spinoza als konsequenter Gegner der teleologischen Naturbetrachtung
Spinoza betrachtet die Gesamtheit der Natur als vollständig determiniert, d. h. dem Kausalgesetz durchgängig unterliegend. Er ist einer der konsequentesten Gegner der teleologischen Naturbetrachtung. Die Erklärungen der Naturerscheinungen aus natürlichen Ursachen macht ihn zu einem erbitterten Gegner der Theologie (deus sive natura). Andere als natürliche Ursachen zu Hilfe nehmen heißt ihm: "seine Zuflucht zum Willen Gottes nehmen, das heißt, zur Freistatt der Unwissenheit".
Die Wirkung der Philosophie Spinozas im 18. Jahrhundert war gewaltig und kann kaum überschätzt werden. Zwar konnte es bis kurz vor der Französischen Revolution niemand in Europa wagen, sich offen zu Spinoza zu bekennen, ohne von der feudal-klerikalen Reaktion in den äußerst kompromittierenden und gefährlichen Ruf eines Atheisten und Materialisten gebracht zu werden, aber die Ausbreitung seiner Philosophie war unaufhaltsam und lässt sich an der großen Zahl der Gegenschriften ablesen.
Zu den Wirkungen des Spinozismus in Frankreich und Deutschland
Die Philosophie Spinozas, insbesondere ihre materialistischen und atheistischen Elemente, ihre konsequente Kritik der Religion und Theologie, war ein Springquell des weiteren progressiven weltanschaulichen Denkens. Als Spinozismus wird sie in der Folge zu einem wesentlichen Moment der vom aufsteigenden Bürgertum geführten geistigen Emanzipationsbewegung aller antifeudalen Kräfte in der Periode der Vorbereitung der bürgerlichen Revolution, der Aufklärung. Die französische Aufklärung und vor allem die deutsche Aufklärung sowie - in Fortführung der Tradition der Aufklärung - die klassische deutsche Philosophie und Literatur knüpfen bei Spinoza an.
Innerhalb der französischen Aufklärung entkleideten vor allem die Materialisten die Philosophie Spinozas ihrer idealistisch-theologischen Hülle, schälten den materialistischen Kern ihrer Substanzlehre heraus und führten die Bibelkritik des Theologisch-Politischen Traktats fort.
In Deutschland, wo die feudal-klerikale Reaktion Spinoza zum „Fürsten der Atheisten“, seine Lehre für „abscheulich“ und für eine „Ausgeburt der Hölle“ erklärt hatte, fand seine Lehre relativ rasch Eingang. Die ersten deutschen Spinozisten waren Mathias Knutzen, Friedrich Wilhelm Stosch, Theodor Ludwig Lau und Johann Christian Edelmann. Mit und nach Friedrich Heinrich Jacobis Buch Über die Lehre des Spinozas (1785) wird der Spinozismus jedoch zum Gegenstand öffentlich weitverzweigter und die Gemüter erregender positiver weltanschaulicher Diskussionen unter den hervorragendsten Denkern des damaligen Deutschlands und dadurch von seinem kompromittierendem Charakter nach und nach befreit.
Bald gilt Spinozas Philosophie als Höhepunkt der bisherigen philosophischen Entwicklung. „Es gibt keine andere Philosophie als die Philosophie des Spinoza“ (Gotthold Ephraim Lessing). Der Spinozismus entfaltet sich in Deutschland zu einer befreiten geistigen Bewegung, als deren vornehmsten Repräsentanten Lessing, Herder und Goethe anzusehen sind. Schließlich greifen Johann Gottlieb Fichte (zum Teil), Schleiermacher, vor allem Schelling und Hegel bei der Ausführung ihrer Philosophien auf Spinoza zurück.
Die Spinozarezeption in Deutschland, die Herausbildung des deutschen Spinozismus ist im engen Zusammenhang mit dem sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts abzeichnenden Prozess des Erstarkens des deutschen Bürgertums zu sehen. Nur von diesem Prozess her kann das Anknüpfen der deutschen Denker an eine so progressive weltanschauliche Erscheinung wie die Philosophie Spinozas, die ihren sozialen Nährboden in den nationalen bürgerlichen Verhältnissen Hollands in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte, erklärt werden.
Zwei Momente des deutschen Spinozismus sind bemerkenswert. Auf der einen Seite stumpfen die deutschen Denker den materialistischen und atheistischen Charakter der Philosophie Spinozas (den besonders die französischen Materialisten entwickeln) ab und biegen ihn meist objektiv-idealistisch und deistisch um oder verstärken seine pantheistische Verhüllung und bleiben so hinter ihm zurück.
Auf der anderen Seite gehen besonders Lessing, Herder, Goethe, später Hegel über diese hinaus, indem sie in ihren Weltanschauungen die in der Philosophie Spinozas fehlende Idee der Entwicklung in Natur und Geschichte ausarbeiten und durchgängig zur Geltung bringen. Die bloße Verwandlung einer Erscheinungsform der Natur in eine andere bei Spinoza wird im deutschen Spinozismus zur Höherentwicklung der Natur und des Menschen.
