Sprachphilosophie bei J.G. Herder und J.N. Tetens
Die Sprachphilosophie bei J. G. Herder und J.N. Tetens bezeichnet Grundzüge der Sprachauffassungen, Sprachanalyse und Sprachkritik bei Herder und Tetens.
| Inhaltsverzeichnis |
Zu den grundlegenden Bestimmungen der Sprachphilosophie bei Herder und Tetens
Die sprachphilosophischen Arbeiten von Herder und Tens gehören zu den bedeutendsten Leistungen der klassischen deutschen Philosophie auf diesem Gebiet. Sie gingen beide konsequent von der These aus, daß es kein abstraktes Denken als reinen Bewußtseinsakt gibt. Das Denken sei immer bereits sprachlich verfaßt und gefaßt. Sprache sei die Bedingung der menschlichen Erkenntnis. Die Ideen Herders und Tetens' wurden im wesentlichen bestimmt durch die im 17. Jahrhundert in Europa vorherrschenden drei Strömungen in der Sprachbetrachtung:
- die rein empirische in England von Francis Bacon bis John Locke
- die rationalistische in Frankreich (als Schule von Port-Royal), die im 18. Jahrhundert besonders an Einfluß gewann
- die zwischen beiden vermittelnde von Leibniz
Zu der Voraussetzung des Zusammenhangs von Sprache und Vernunft
Der insbesondere bei Immanuel Kant, Herder und Hegel auftretende zentrale Gedanke der Sprachphilosophie der klassischen deutschen Philosophie, nämlich der Zusammenhang von Sprache und Vernunft, findet seinen Ursprung in den Bemühungen von Locke und Leibniz, mit Hilfe der Sprachanalyse die Möglichkeit der Gewinnung objektiver Erkenntnisse zu prüfen. Leibniz kritisierte Lockes' psychologische Lösung des Abstraktionsproblems, indem er dessen Annahme einer bloß künstlichen, begrifflichen Setzung der Gattungsgrenzen (durch die ideas of substances) verwirft und entschieden bestreitet, daß die Abstrakt- und Komplexbegriffe (als ideas of relations and ideas of mixed modes) erst durch die Namen konstituiert würden. Gemeinsam ist beiden die sich bei Herder fortsetzende Tendenz einer Sprachkritik an dogmatischen philosophischen Systemen, d.h. an Systemen, die apriorische Erkenntnis der Dinge an sich und des Transzendentalen für möglich halten.
Zu den Entwicklungstendenzen der Sprachphilosophie bei Herder
Von Herder kann gesagt werden, daß er als Vertreter der deutschen Klassik den Ursprung der Sprache bereits in materialistischer Interpretation erfaßte. Bereits in seiner Rigaer Zeit befaßte er sich mit dem Werden und der Entwicklung der Sprache. Impulse zu Überlegungen über den Zusammenhang von Denken und Fühlen eines Volkes mit seiner Sprache empfängt er durch Hamanns Schrift "Versuch über eine akademische Frage" (1700), durch Johann David Michaelis' Schrift "Über den Einfluß der Sprachen in die Meinungen und der Meinungen in die Sprache" sowie die durch die von Friedrich Nicolai herausgegebenen "Briefe, die neueste Literatur betreffend". Im Jahr 1768 äußerte sich Herder zu den damit auftretenden Problemen in seiner Sammlung "Über die neuere deutsche Literatur", worin er die Sprache als das Werkzeug, den Inhalt und die Form menschlicher Gedanken betrachtete. Die von Hamann geforderte Entwicklung der Muttersprache, d.h. der deutschen Nationalsprache, wurde hierin unterstützt.
Zur Frage des Zusammenhangs von Muttersprache und Volkscharakter
Allerdings tauchte hier auch in Überschätzung dieser Frage die später von Wilhelm von Humboldt und Leo Weisgerber vertretene These vom Zusammenhang von Sprache und Volkscharakter auf. "Die Muttersprache" ist nach Herder die freie Sprache, angefüllt mit Daten, eine Welt von Kenntnissen, die nicht "gelehrte Kenntnisse" sind. Da alle erworbenen Kenntnisse, Ideen und Erfahrungen in der Sprache des Lebens aufbewahrt würden, so ergebe sich für die Philosophie die Forderung und einzige Aufgabe, sich aus der Muttersprache gleichsam zu entwickeln. Ehe der Mensch zu philosophieren beginnen würde, besäße er schon notwendig "Denkart" und "Sprache". Wiedeholt berief sich Herder auf Locke und Leibniz, wenn es ihm um die Entwicklung der Philosophie zur "Grammatik" ging, wobei Herder unter Grammatik die Erforschung der Bezeichnungen der Begriffe in ihren Ableitungen und Komplikationen verstand. Metaphysik war für ihn eine Philosophie der menschlichen Sprache. Sie allein sei die wahre Kritik der reinen Vernunft und habe das Ziel, Begriffe aus den gegebenen Worten zu entwickeln und deutlich werden zu lassen.
Zu den Momenten von Sprachanalyse und Sprachkritik bei Herder
Sicherlich kann nicht bestritten werden, daß hier Ansätze der modernen Sprachanalyse zu finden sind. Sprachanalyse bedeutete für Herder Sprachkritik, d.h. sinnlos gelernte Wörter als solche aufzuzeigen, zu "entnebeln", die "sapnischen Schlösser zu zerstören"(1). Um sich vor aller Spekulation zu bewahren, habe der Philosoph die Pflicht, "die Sprache, die vor ihn gebracht wird, mit dem schärfsten Obeliskus" zu "erläutern"(ebenda). Auch die von Locke und Leibniz entwickelten Probleme einer Semiotik finden sich bei Herder, und zwar in den Fragmenten von 1767/ 68. Als ihre Aufgabe bezeichnete er die "Entzifferung der menschlichen Seele aus ihrer Sprache"(ebenda). Auch in seiner preisgekrönten Schrift "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (1772) wurde als zentrales Anliegen Herders die Sprache als Ausdruck und Organ des Vertandes, als Werkzeug der Vernunft erörtert. Herder setzte von vornherein die Sprache in engsten Zusammenhang mit der Vernunft.
Zum Moment des Ursprungs der Sprache bei Herder
Gegenüber der Zurückführung der Sprache auf die göttliche Schöpfung, wie sie Johann Peter Süßmilch in seiner Schrift "Versuch eines Beweises, daß die erste Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen, sondern von Gott erhalten habe" (1766) vertrat, trat Herder entschieden für die These vom rein menschlichen Ursprung der Sprache ein. Der Mensch sei als denkendes Wesen der uninteressierten, begierdefreien Betrachtung der Dinge fähig. Die Zusammenhänge von Sprache und Denken wurden von keinem Sprachphilosophen des 18. Jahrhunderts so explizit dargelegt, wie es sich in den Arbeiten Herders zeigte. So wurde in der Schrift "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" die These begründet, daß die Sprache für den Menschen den Übergang von den Sinneseindrücken zu Gedanken vermittelt:
"Da alle Sinne zusammenwirken, sind wir, durchs Gehör, gleichsam immer in der Schule der Natur, lernen abstrahieren, und zugleich sprechen; das Gesicht verfeinert sich mit der Vernunft und die Gabe der Beziehung, und so - wenn der Mensch der feinsten Charakteris- tik sichtlicher Phänomene kommt - welch ein Vorrat von Sprache und Sprachähnlichkeiten liegt schon fertig!"(2)
Je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Abstraktionen und desto mehr Gefühle seien anzutreffen. Dies bedeute jedoch nicht, daß es einen sprachlosen Zustand des Menschen gegeben habe. Die erste Sprache war eine Art Poesie. Doch mit dem Sprechen selbst setzte dann die Vernunft ein, das Denken.
"So kühn es klinge, so ist's wahr - der Mensch empfindet mit dem Verstande und spricht, indem er denkt. Und indem er nun immer so fortdenkt, und ... jeden Gedanken in der Stille mit dem vorigen und der Zukunft zusammenhält: so muß jeder Zustand, der durch Refle- xion so verkettet ist, besser denken, mithin auch besser sprechen"(in: ebenda)
Auch der von Herder wiederholt geäußerte Gedanke der Abhängigkeit der Sprache von der Entwicklung der Gesellschaft zeugt vom Weitblick seines sprachphilosophischen Schaffens.
Zu den Voraussetzungen der Sprachphilosophie bei Tetens
Zu bedeutsamen Erkenntnissen in den Beziehungen von Sprache und Denken war auch Johann Nicolaus Tetens gelangt, der seine sprachphilosophischen Auffassungen in der Schrift "Über den Ursprung der Sprachen und der Schrift" (1772) darlegte. Auch in dieser Schrift zeigte es sich, daß die Auseinandersetzungen zwischen materialistischen und idealistischen Auffassungen in der Frage des Verhältnisses von Sprache und Denken im 18. Jahrhundert ein weltanschauliches Zentralproblem bildeten. Tetens ging wie Herder davon aus, daß nur in der Gesellschaft mit seinesgleichen der Mensch ein Mensch werden könne, d.h., Sprache ist nur in der Gesellschaft möglich. Als dialektisch kann Tetens' Auffassung von dem sich auf sprachlicher Grundlage vollziehenden Abstraktiosnprozess bezeichnet werden:
"Diese sinnliche Abstraktion geht vor der logischen Abstraktion des Verstandes vorher und unterstützt diese. Man hat bei dem Ursprung der allgemeinen Begriffe Schwierigkeiten ge- funden, weil man den Einfluß von jener übersehen hat. Die Abstraktion des Verstandes setzt, wie sich viele sie vorstellen, voraus, daß die einzelnen wirklichen Dinge schon mit völliger Klarheit voneinander unterschieden werden. Diese Ideen einzelner Gegenstände sollen dann von der Denkkraft gegeneinander gehalten, verglichen, das Gemeinschaftliche in ihnen gesammelt, abgesondert und zusammengefaßt, und nun, damit er in derselben Verbindung beisammen erhalten werden, mit einem Ton, oder überhaupt mit einem sinnli- chen Zeichen, merkbarer gemacht werden"(3)
Zum Zusammenhang von Sprache und Denken bei Tetens
Ausdrückich sprach auch Tetens sich für den Zusammenhang von Sprache und Denken sowie deren Wechselwirkungen aus, indem er erklärte, daß die Sprache den Verstand "erweckte, unterstützte und stärkte...zur Vermehrung und Aufklärung der Begriffe, und der gestärkte Verstand erweiterte und verfeinerte die Sprache. Beide wuchsen miteinander, wie die Seele mit dem Körper."(in: ebenda). Auch das Problem von Zeichen, Wirklichkeit und Bedeutung war im 18. Jahrhundert bereits Gegenstand ernsthafter Überlegungen. Mit dieser Problematik haben sich in jener Zeit vor allem Hamann, Herder und Tetens beschäftigt. Sie erhielten dabei von Leibniz wesentliche Anregungen. Den von Locke vertretenen Nominalismus in der Frage des sprachlichen Zeichens lehnte Leibniz entschieden ab. Den Ideen (d.h. Begriffen) wurde ein durchaus objektiver Charakter zugeschrieben, wenn auch bei Leibniz noch auf quasi platonischer Weise.
Zur Funktion von Wörtern und Begriffen bei Herder
Die Worte dagegen seien willkürlich (arbitraire, wie Ferdinand de Saussure sich später ausdrückte), da eine natürliche Verbindung zwischen bestimmten Ideen nicht existiere. In diesem Falle gäbe es nämlich nur eine Sprache unter den Menschen. Durch willkürliche Festsetzung würde ein bestimmtes Wort zum Zeichen einer bestimmten Idee. Willkürliches finde sich jedoch allein in den Worten und keineswegs in den Ideen. Nach Hamann werden mit der Hilfe Zeichen, d.h. Wörtern, Begriffe ausgedrückt. Zeichen ohne Sinn, d.h. leere Wörter entstehen, wenn äußerliche Zeichen und Schall des Wortes mit ganz entgegengesetzten Begriffen verknüpft werden. Für Herder war die Sprache Ausdruck und Darstellung von Gedanken, Gefühlen, Willensregungen durch sinnvolle Zeichen, die in Lauten oder Worten ihren Ausdruck fanden. Durch die Sprache werden im Hinblick auf Sachverhalte Aussagen getroffen. Das Wort ist bei Herder das "lautlose Merkmal" der "inneren Abdrücke der Seele" der empfangenden Eindrücke "typisierender Ausdruck", ein Metaschematismus tönender "Gedankenbilder", wobei die "Artikulationen der Sprache" aufzufassen sind als Abbild der durch die Sinne vermittelten "inneren Typen"(1)
Mittels eines Wortes wird über den Begriff eine Vorstellung von der Sache ermöglicht. Begriff und Wort werden, was modernen Auffassungen völlig entspricht, von Herder nicht für ein und dasselbe gehalten. Mit einem von Cicero stammenden Motto: "Vocabula sunt notae rerum", das Herder seiner Arbeit "Über den Ursprung der Sprachen" voranstellte, bekannte er sich eindeutig zu der Auffassung, daß Wörter als Zeichen die Funktion besitzen, Sachverhalte auszudrücken. Auch bei Tetens findet sich eben diese Auffassung;
"Der Gedanke wird in dem Augenblick völlig geboren, da er durch ein Zeichen ausgedrückt werden sollte....Waren einmal die Töne mit dem Gedanken verbunden, und diese in jene sozusagen eingekörpert, so war dies eine neue Anreizung für die Reflexion, die Dinge noch schärfer zu unterscheiden. Und hieraus erwuchsen wiederum neue Gedanken."(3)
Die sprachphilosophischen Auffassungen, wie sie von Herder und Tetens entwickelt worden sind, haben in entscheidenden Maße zur Entwicklung des sprachphilosophischen und sprachwissenschaftlichen Denkens im 19. Jahrhundert beigetragen.
Literatur
- (1) J.G. Herder, Eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799, in: Sprachphilosphie, Hamburg 1960
- (2) J.G. Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache, 1771
- (3) J.N. Tetens, Über den Ursprung der Sprache und der Schrift, 1772
- J.G. Herder, Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, 1778
- J.G. Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784
