Stalinorgel
| thumb|BM-13 Katjuscha |
Als Stalinorgel wurde von deutscher Seite ein sowjetischer Mehrfachraketenwerfer bezeichnet, der im zweiten Weltkrieg zu großer Bekanntheit gelangte. Er wurde in der UdSSR gebaut und wurde im Krieg zum Schrecken der Wehrmacht, da er innerhalb weniger Sekunden mehrere Dutzend Raketen abschießen konnte. Das jaulende Abschussgeräusch tat sein Übriges. Der russische Spitzname des Raketenwerfers war Katjuscha (liebevoll für "Katharina" = "Katja").
Seinen deutschen Spitznamen erhielt der Werfer zum einen, da seine Raketenabschussschienen neben- und übereinander angeordnet waren, und so Ähnlichkeit mit einer Orgel hatte, oder auch wegen des Geschützlärms den er erzeugte, zum anderen weil er während der Regierungszeit Stalins gebaut wurde. Im Kalten Krieg wurde der Begriff von westdeutschen Medien auch für spätere Ausführungen sowjetischer Mehrfachraketenwerfer verwendet.
Es gab verschiedene Ausführungen des Werferrahmens mit unterschiedlich vielen und unterschiedlich langen Abschussschienen: BM-8, BM-13 und BM-32. Die bekannteste Variante, der BM-13, war auf 3-achsigen LKW montiert. Als Lafette kamen dabei der russische ZIS 6, vor allem aber der amerikanische Studebaker US6 zum Einsatz, den die Sowjets im Rahmen des Lend-Lease-Acts in großer Zahl geliefert bekamen. Auch auf Panzerwannen wurden einige Werfer montiert. Die Reichweite lag zwischen 2.500 und 8.000 Metern, 16 bis 54 Geschosse konnten gleichzeitig als Salve abgeschossen werden, je nach Bauart.
Im Vergleich zu konventioneller Artillerie waren die russischen Raketenwerfer weniger zielgenau und besaßen eine geringere Durchschlagwirkung. Hinzu kam die höhere Ladezeit um einen Werfer mit Raketen zu bestücken. Dem standen jedoch eine hohe Explosivkraft und die große Flächenabdeckung einer Salve gegenüber. Diese Wirkung wurde durch den massiven Einsatz vieler Geschütze noch verstärkt. Auch psychologisch wirkte die Waffe durch ihr Gefechtsgeräusch.
| Inhaltsverzeichnis |
Zur Entwicklung der Raketen und Startvorrichtung 1938 und 1939
Die Entwicklung der verwendeten Raketen geht auf Untersuchungen des Leningrader Gasdynamischen Laboratoriums (GDL) später RNII mit Feststoffraketen zurück. Man sah zunächst eine Einsatzmöglichkeit als großkalibrige Waffe auf den damals noch sehr leichten Jagdflugzeugen gegen große Bomber. Durch die Kombination von 7 oder 13 Pulverstangen entstanden die Raketentypen mit 82mm und 132 mm Durchmesser die auch zur Kennzeichnung RS-82 oder RS-132 führten. Im Sowjetisch-Japanischen Konflikt am Chalchin-Gol im Sommer 1939 wurden sie erfolgreich von Jagflugzeugen z.B. Polikarpow I-16 (Rata) eingesetzt.
Bereits im Juni 1938 wurde aber auch die Entwicklung einer mobilen bodengebundenen Startvorrichtung für das 132 mm Raketengeschoss RS-132 auf der Basis des Dreiachsen LKW SIS-5, die 24 Raketen mit einer Salve abfeuern konnte, angeordnet. Damit war eine Gruppe des RNII unter der Leitung von I.I. Gwai betraut.
Am 7. Juni 1939 wurde auf einem der Artillerieschießplätze ein Schießen mit reaktiven Geschossen M-13 vorgeführt. Der anwesende Volkskommissar für Verteidigung bestätigte die Effektivität der Waffe, wodurch der Beschluss zur Forcierung der Entwicklungsrarbeiten für Raketenwaffen der Landstreitkräfte wesentlich schneller gefasst wurde.
Die Entwicklungsschritte bis Juni 1941
Ende 1939 erhielt das RNII von der Verwaltung der Artillerie den Auftrag zur Herstellung einer Serie von sechs M-132 als Selbstfahrlafetten. Fünf waren für weitere Experimente vorgesehen, die sechste für die Küstenverteidigung. Ende 1940 absolvierten die ersten fünf Geräte erfolgreich die Gruppenerprobung. Davon wurde russische Regierung und das Oberkommando der Roten Armee informiert. Anfang 1941 erging auf besondere Anweisung der Regierung der Auftrag, die Serienreife der M-132 einzuleiten. Ende Juni 1941 waren die ersten Exemplare fertig.
Zur Erprobung und Schießübung der Startanlage BM-13-16
Vom 15. bis 17. Mai 1941 erfolgte die Abnahme der neuen Waffe bei der sie dem Oberkommando der Roten Armee unter Teilahme Marschall Semjon Konstantinowitsch Timoschenko vorgestellt wurde. Das Splitterspreng-Geschoss ROSF-132 erhielt die Bezeichnung M-13, die Startanlage M-132 wurde BM-13-16 genannt (Kampfmaschine für RS-132 mit 16 Startschienen).
Der Regierungsbeschluss zur Aufnahme des Serienbaus der M-13 und des Werfers BM-13-16 erging am 21. Juni 1941, wenige Stunden bevor die deutsche Wehrmacht die Grenze der UdSSR überschritt. Alle Versuchswaffen wurden sofort an die Front geschickt. So übernahm der Hauptmann I.A. Fljorow ganze sieben BM-13-16 mit insgesamt 3 000 Geschossen. Hauptaufgabe der Batterie sollte die Erprobung der Geschosswerfer unter Gefechtsbedingungen und die Ausarbeitung von taktischen Einsatzprinzipien sein.
Erster Einsatz einer Geschosswerferbatterie am 14. Juli 1941
Am 4. Juli 1941 erreichte die Batterie den Raum östlich von Orscha, wo die 20. Armee Verteidigungsstellungen gegen die auf Smolensk vordringenden deutschen Truppen bezogen hatte. Am 14. Juli 1941 um 15.15 Uhr Ortszeit feuerten die sieben Werfer eine Salve von 112 Geschossen auf den Bahnhof Orscha ab, auf dem gerade eine deutsche Truppenkonzentration beobachtet wurde. Der Einsatz dieser unbekannten Waffe hinterließ bei den gegnerischen Truppen einen nachhaltigen Eindruck. Dieser Einsatz wurde kurzfristig an einer Übergangsstelle des Flusses Orscha wiederholt.
Die Batterie des Hauptmanns Fljorow wurde in weitere schwere Verteidigungsgefechte bei Rudnja, Jelna, im Raum Roslawl und Spassk-Demkansk verwickelt. Im August 1941 gelang es dem Gegner, die Batterie mit anderen Truppenteilen einzukesseln. Nachdem die ganze Munition verschossen war, wurden alle Geschosswerfer gesprengt. Dabei kam Fljorow selbst ums Leben. In der deutschen Armeeführung wurde man allerdings erst bei ersten massierten Einsätzen vor Leningrad aufmerksam.
Zur Produktion des Geschosswerfers BM-8
Der erfolgreiche Einsatz der ersten Gefechtsfahrzeuge der reaktiven Artillerie beschleunigte die Entwickungsarbeiten für den neuen Geschosswerfer BM-8, der in der zweiten Jahreshälfte 1941 in die Bewaffnung eingeführt werden konnte. Das 82 mm Geschoss dieses Waffensystems verfügte über eine Masse von 8 kg und eine Reichweite von 5500 m. Die Industrie produzierte verschiedene Varianten des Geschosswerfers BM-8:
- eine 36-rohrige auf dem Fahrgestell des LKW ZIS-6
- eine 24-rohrige mit den Panzern T-40 und T-60 als Basisfahrzeug
- eine 48-rohrige Variante (B-8-48) auf dem Chassis des LKW GAS-AA
Im Verlaufe des Jahres 1941 wurden 593 Geschosswerfer BM-13, 390 Geschosswerfer BM-8 und 525.000 reaktive Geschosse (243.000 M-13 und 282.000 B-8) an die Fronttruppen übergeben. Im August 1941 begann die Aufstellung von 8 Regimentern, die mit den Geschosswerfern BM-13 und BM-8 ausgerüstet wurden. Ein Regiment bestand aus drei Abteilungen mit jeweils drei Batterien zu je vier Geschosswerfern. Die aufgestellten Regimenter erhielten die Bezeichnung Gardewerferregimenter der Artillerie der Reserve des Oberkommandos.
Zu den Einsatzstärken der Geschosswerfer BM-8 und BM-13 an den Fronten
Diese Einheiten wurden meistens zur Verstärkung der Schützendivisionen, die sich in der ersten Staffel verteidigten, eingesetzt. Waren nicht genügend Abteilungen verfügbar, verblieben die Geschosswerfer unter dem Kommando des Armeebefehlshabers, der dann entsprechend der Lage den Einsatz befahl. Am 1. Januar 1942 existierten bereits 87 Abteilungen mit Geschosswerfern BM-13 und BM-8 an den Fronten.
Im November 1941 waren mehr als 40 Gardewerferabteilungen im Bestand der Kalininer und der Westfront. An der Verteidigungsoperation Moskau 1941/1942 waren Geschosswerfer im Einsatz. Bei der Verteidigungsoperation Stalingrad 1942/1943 waren mehr als 1300 Geschosswerfer im Einsatz.
Im Verlaufe des Krieges wurden noch andere ungelenkte Feststoffraketentypen entwickelt z. B. M-31 (gegen Bunkeranlagen) oder panzerbrechende RBS-82. Der Einsatz erfolgte sowohl von Fahrzeugen, aber auch von Flugzeugen (z. B. Schlachtflugzeug Iljuschin Il-2) aber auch von Schiffen (Flusskampfschiffe) aus.
Einige technische Daten der Werfergeschosse BM-8 und BM13
Technische Daten der Werfergeschosse
M-8 M-13 M-31
Einsatz ab 1941 1941 1943
Kaliber mm 82 132 300 Länge mm 714 1415 1760 Masse kg 14,1 28,7 Masse Kampfkopf kg 5,4 21,3 52,4 Sprengstoffmasse kg 0,6 4,9 28,8 Leermasse kg 6,8 35,4 81,1 Treibstoffmasse kg 1,2 7,1 11,3 Startmasse kg 8,0 42,5 92,4 Massenverhältnis 1,2 1,2 1,1 Treibstoffanteil % 15,0 16,7 12,2 Nutzmasseanteil % 50,1 56,7 Brennschlußgeschwindigkeit m/s 315 355 255 Maximale Flugweite m 5500 8470 4300
Alle 16 Geschosse des BM-18-16 konnten im Verlauf von 7 bis 10 Sekunden abgefeuert werden. Die Zeit für den Übergang aus der Marsch- in die Gefechtslage betrug 2 bis 3 Minuten, der Höhenrichtbereich 4 bis 45 Grad, der Seiteneinrichtbereich plus-minus 10 Grad. Die Marschgeschwindigkeit betrug auf festen Straßen bis zu 40 km/h.
Siehe auch
Literatur
- Peter Stache "Sowjetische Raketen im Dienste von Wissenschaft und Verteidigung" Berlin 1987 ISBN 3-327-00302-5
