Steadicam
Die SteadiCam™ (nicht lizensiert: Steadycam), auch Schwebestativ genannt, ist ein komplexes Halterungssystem für tragbare Film- und Fernsehkameras, das verwackelungsarme Bilder von einem frei beweglichen Kameramann ermöglicht.
Es gibt auch eine deutsche Filmzeitschrift gleichen Namens (siehe steadycam).
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Aufbau und Funktionsprinzip
Einfache Ausführung
right|180px|thumb|Steadicam einfacher ArtEine Steadicam der einfachen Bauart (s. Bild) nutzt Trägheit, Kipp- und Neigestabilität (Trägheitsmoment) einer großen, an ihrem Schwerpunkt gehaltenen Masse. Physikalisch gesehen stellt sie einen senkrecht angeordneten, zweiseitigen Hebel dar. An der einen Seite (Lastarm) ist die Kamera befestigt, an der anderen Seite (Kraftarm) das Ausgleichsgewicht. In der Mitte der Verbindung von Last- und Kraftarm, dem Drehzentrum des zweiseitigen Hebels, befindet sich der Handgriff. Das Ausgleichsgewicht besteht aus Akkus und Kontrollmonitor und ist so dimensioniert, daß der gemeinsame Schwerpunkt von Kamera, Steadicam und Ausgleichsgewicht im Handgriff der Steadicam zu liegen kommt. Auf diese Weise wird ein schmerzhaftes Drehmoment auf das Handgelenk des Kameramanns vermieden.
Erweiterte Ausführung
Unter dem Begriff Steadicam wird jedoch meist die erweiterte Bauart verstanden. Hierbei ist das senkrechte Stativsegment knapp oberhalb des Schwerpunkts über einen speziell-beweglichen Tragarm mit einer den ganzen Rumpf umschließenden Tragweste verbunden, was wegen des hohen Gewichts der Steadicam-Kamera-Einheit notwendig ist. Der Tragarm besteht i. d. R. aus zwei parallelstatischen Gelenkarmen (ähnlich denen einer Schreibtischlampe), die mittels starker, auf das Gewicht der Kamera abgestimmter Federn die Kamera auf halber Höhe der Armauslenkung halten. Durch den gefederten, iso-elastischen Tragarm ist – zusätzlich zur einfachen Bauart – auch die vor allem auftretende senkrechte Komponente der Laufbewegung des Kameramanns weitgehend entkoppelt. Steigt der Kameramann beispielsweise auf eine Stufe, so folgt die Kamera der Bewegung mit gleitend weicher Verzögerung.
Durch den Tragarm kann die Steadicam auch seitlich, parallel zur Rumpfachse des Kameramanns, ausgeschwenkt werden, was auch Kamerapositionen, weit vom Körperschwerpunkt entfernt ermöglicht. Das dabei auftretende Drehmoment wird dabei über die Weste auf die Wirbelsäule des Kameramanns übertragen. Das Drehmoment ist umso größer, je weiter der Kameramann die Steadicam seitlich von seinem Rumpf weg ausschwenkt. Mit der Steadicam werden störende Drehungen der Kamera als solche vermieden und die Höhe der Kamera über Grund kann durch die bequeme (d. h. für die Arme und Hände des Kameramanns kräftefreien und damit schmerz- und ermüdungsarmen) Handhabung nahezu konstant gehalten werden. Eine Belastung der Wirbelsäule des Kameramanns ist allerdings unvermeidlich.
Bei beiden Ausführungen kann die Kamera natürlich nicht mehr direkt bedient werden, schließlich soll die Kamera ruhiger sein, als der Körper des Kameramannes. Daher sind die wichtigsten Funktionen über eine Fernsteuerung am Griff bedienbar. Der zur Bildkontrolle notwendige Monitor ist daher bei hellen Lichtverhältnissen auch ein Nachteil der Steadicam. Das Bild kann aber auch live auf einen Monitor (z. B. für den Regisseur oder bei Live-Sendungen) übertragen werden.
Geschichte und Bedeutung
Die erweiterte Steadicam wurde in den 1970ern von dem Kameramann Garrett Brown entwickelt. Brown drehte einen 10-minütigen Demofilm, den er einigen Regisseuren vorführte (u. a. Stanley Kubrick und John G. Avildsen). In Avildsens Rocky (1976) fand das System erstmals in einem Kinofilm Verwendung, kurz darauf folgte John Schlesingers Marathon Man (1976).
Seitdem gehört die in ihrem cinematographischen Nutzen kaum zu überschätzende Steadicam bei größeren Produktionen zur Standardausrüstung. Mit ihr sind verwackelungsfreie Aufnahmen auch in linearer (nicht krangebundener) und abschwenkbarer Bewegungsrichtung möglich, weil kein Schienensystem (Dolly) sichtbar ist. Bei Live-Übertagungen ist den Akteuren ein erweiterter Bewegungsspielraum gewährt und spontane Aktionen werden möglich. Für die Entwicklung der Steadicam erhielt Garrett Brown 1978 einen Oscar.
Filmbeispiele
Ein hervorragendes Exempel für die Leistungsfähigkeit der Steadicam ist in dem Film The Shining von 1982 zu sehen: Hier verfolgt die Steadicam die rennenden Schauspieler durch ein verschneites (!) Heckenlabyrinth vorwärts und rückwärts – zwischen den hohen Hecken hätte z. B. ein Kamerakran keinen Platz gefunden. Garrett Brown, der die Steadicam hier selbst führte, trat bei den Rückwärtsbewegungen in vorhandene Fußspuren und beeinträchtigte so nicht die filmische Illusion.
- Aliens (1986): Die im Film gezeigten sog. "Smart Guns" sind MGs, die anstelle einer Kamera auf ein Steadicam-System montiert wurden. Hier sieht man die Steadicam also tatsächlich im Film.
- Goodfellas (1990): Eröffnungsszene.
- Alien³ (1992): Verfolgungssequenz im Gangsystem.
- Russian Ark (2002): Wegen des Kraftaufwandes im Umgang mit der Steadicam sind die meisten so gedrehten Sequenzen nur wenige Minuten lang. Eine Besonderheit stellt daher der Film Russian Ark von Alexander Sokurov dar. Zusammen mit dem Kameramann Tilman Büttner (Lola rennt) drehte er ihn in einer einzigen 92-minütigen Steadicam-Einstellung, die durch alle Ausstellungsräume der Sankt Petersburger Eremitage führte.
Steadicam Hersteller
Der erste Hersteller von SteadiCams™ nach dem Patent von Brown war die Cinema Products Corporation, USA. Mit der Schließung des Unternehmens 2000 wurde die Steadicam™-Lizenz an die Tiffen Company, LLC, New York, verkauft.
Das Steadicam™-System UltraCine, komplett mit Batteriepack, Monitor (mit eingeblendetem künstlichem Horizont), diversem Anschlußmaterial, PDA zum berechnen der Schwerpunktjustage und Hardcase, kostet US-$ 66.000,- (Stand: 2005).
Weiterentwicklungen
Garrett Brown hat später auch schienen- (GoCam) und seilgeführte (FlyCam™) Kamerasysteme entwickelt, deren Bilder auch häufig bei Sportübertragungen zu sehen sind. All diese Systeme wenden aber im wesentlichen das Stabilisierungsprinzip der Steadicam auf andere, nichtmenschliche Träger an. Als wirkliche Weiterentwicklung zur Steadicam ist wohl nur die SpaceCam zu sehen; bei ihr wird nicht mechanisch durch Masseträgheit stabilisiert, sondern elekronisch unterstützt durch ein Gyroskop. Die Aufhängung ist aber so groß und schwer, daß sie meist nur für Flugaufnahmen verwendet wird (z. B. die Überflugbilder aus Tom Tykwers Heaven, (2002)).
Weblinks
- Interview mit Tilman Büttner über die Steadicam-Sequenz in der Eremitage: [1]
- Steadicam-Anbieter (Tiffen): [2]
- Garrett Brown: Steadicams und weitere Systeme (mit Demofilm zu Einsatzmöglichkeiten): [3]
- Steadicams: ABC Products: [4]
- Steadicams: STEADYDRIVE: [5]
- Steadicams: Steadytracker: [6]
- Steadicams: IG-N800: [7]
- Erklärungen zur Funktionsweise (engl.) [8]
- Anleitungen zum Selberbauen einer Steadicam [9]
- Bilder und Info zu Steadicam [10]
