Obdachlosigkeit
thumb|350px|Obdachloser auf einer Parkbank
Obdachlosigkeit wird definiert als Zustand, in dem Menschen über keinen festen Wohnsitz verfügen und im öffentlichen Raum, im Freien oder in Notunterkünften übernachten. Der veraltete Begriff "Obdach" bedeutet Unterkunft oder Wohnung, wurde aber meist im Sinne von behördlich bereitgestellter Unterkunft verwendet.
In Entwicklungsländern sind häufig Opfer von Naturkatastrophen wie z.B. Erdbeben zumindest für einige Zeit obdachlos. Die Mehrzahl der Obdachlosen in den Industriestaaten sind Männer, unter den alleinstehenden Obdachlosen machen sie ca. 80-85% aus. Sie sind in Deutschland meist zwischen 20 und 50 Jahre alt. Ein Fünftel der Wohnungslosen sind ehemalige Strafgefangene, die nach der Haftentlassung nicht in geordnete Verhältnisse zurückgefunden haben.
Langzeitobdachlose sind heute in den meisten Großstädten präsent. Abfällig werden sie auch mit Bezeichnungen wie Landstreicher, Stadtstreicher oder Penner tituliert.
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Ursachen und Auswirkungen
Der Rückgang des sozialen Wohnungsbaus, steigende Mietpreise und Mangel an preiswertem Wohnraum führten dazu, dass seit Ende der 1980er Jahre immer mehr Haushalte in Mietrückstand gerieten. Räumungsklagen wegen Mietschulden sind der häufigste Anlass für Wohnungslosigkeit. Weitere Anlässe können sein: Unzumutbarkeit oder vertragswidriger Gebrauch der Wohnung, Entlassung aus Gefängnissen, Heimen und Anstalten, unvorhergesehene Notlagen (wie Brand- oder Wasserschäden), familiäre Zerwürfnisse.
Häufig treten folgende Ursachen für Obdachlosigkeit auf:
- Scheidung vom Ehepartner oder Trennung vom Partner (meist von der Ehefrau)
- Dieser starke Einschnitt in das Leben eines Menschen kann dazu führen, dass er keinen Halt mehr in der Gesellschaft findet, was zu immer tieferem Abrutschen in der Gesellschaft führen kann. Häufig entsteht Obdachlosigkeit auch nach Trennung von einem gewalttätigen Partner.
- Arbeitslosigkeit
- Suchtverhalten wie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit
- Fehlende Resozialisierung nach Gefängnisaufenthalt
- Nach einem Gefängnisaufenthalt schaffen einige Menschen den Einstieg in ein bürgerliches Leben nicht mehr, da sie keinen Halt mehr in der Gesellschaft haben und sich eventuell frühere Freunde oder auch Familienmitglieder von ihnen abgewandt haben.
Diese Ursachen können einzeln auftreten, häufiger jedoch sind mehrere miteinander verknüpft.
Zur aktuellen Botschaft der Medien gehört, dass die "Straßenkinder" nicht nur 'immer zahlreicher', sondern auch 'immer jünger' würden. Die Großstadtjugendämter besagen allerdings das Gegenteil. Die Zahl der obdachlosen Kinder wird als eher klein eingeschätzt.
Häufige Ursachen von Obdachlosigkeit bei Kindern und Jugendlichen:
- materielle Not und Obdachlosigkeit der gesamten Familie
- Flucht vor Gewalt und/oder Missbrauch im Elternhaus
- zu enge Wohnverhältnisse im Elternhaus
- Flucht vor ständigen Konflikten mit anderen Familienmitgliedern
- Entweichung aus Heimen
Folgen von Obdachlosigkeit
Die Folgen von Obdachlosigkeit sind vielfältig. Sie betreffen sowohl Leib und Leben als auch den Charakter des Obdachlosen. Am sichtbarsten ist wohl die Verwahrlosung und Verelendung. Die Folgen der Obdachlosigkeit in Einzelnen sind zum Beispiel:
- Krankheiten wie zum Beispiel Erkältungen, Grippe, AIDS, Hautekzeme, Eiterherde und Abszesse am ganzen Körper, innere und äußere Verletzungen (zum Beispiel Schürfwunden und Quetschungen), Geschwüre der inneren Organe, Allergien, Pilzinfektionen, Frostbeulen und Erfrierungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten, Schäden der Wirbelsäule und Krankheiten der Atemwege, Krankheiten durch Fehl- und Unterernährung, Leberschäden durch ständigen Alkoholkonsum, verschiedene Krebsarten durch Rauchen, Abwehrschwäche und schlechtes Blutbild
- Fehlende medizinische Betreuung (Praxisgebühr!), ungenügende ärztliche Untersuchungen, keine oder minderwertige Medikamente
- Unzureichende Hygiene, Unsauberkeit, mangelnde Waschgelegenheiten, schmutzige Kleidung, Gestank
- Exposition gegenüber der Witterung wie zum Beispiel Hitze, Kälte, Regen und Schnee, mangelnde körperliche Erholung
- Unzureichende Ernährung, Verzehr verdorbener Nahrungsmittel, Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, Auszehrung
- Gewalttätige und sexuelle Übergriffe wie zum Beispiel Vergewaltigungen, Diebstahl und Raub
- Veränderungen und Schädigungen des Charakters durch das "Leben auf der Straße" wie zum Beispiel "gelockerte Sitten" und Mangel an Disziplin, Diskriminierung durch die übrige Bevölkerung, Vereinsamung, Verzweiflung, Widerstand der Obdachlosen gegen die übrige Bevölkerung, psychische Krankheiten wie beispielsweise Psychosen, Schizophrenie und Depressionen sowie Abhängigkeit von Alkohol und Drogen
- Suchtverhalten und Abhängigkeit von Alkohol und Drogen sowie Delinquenz sind möglich, zum Beispiel "Beschaffungskriminalität", Raub und Diebstahl von Essen
Sozialpsychologen gehen davon aus, dass sich bereits nach einem halben Jahr "auf der Straße" der Charakter des Obdachlosen nachhaltig verändert, was die Resozialisierung erschwert. Es besteht die Gefahr eines Teufelskreises aus Diskriminierung durch die übrige Bevölkerung, Verzweiflung und Widerstand der Obdachlosen gegen die "Etablierten".
Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit
Wichtigstes Mittel des Staates gegen die Obdachlosigkeit sind finanzielle Hilfen; in der Bundesrepublik Deutschland erster Linie durch Sozialhilfe (Übernahme von Unterkunftskosten, teilweise auch von Mietschulden) und Wohngeld. Vor allem in den großen Städten gibt es ein Netz verschiedener Hilfen. Hierzu gehören Not- und Übergangsunterkünfte sowie Tagesaufenthaltsstätten zur materiellen Grundversorgung und ärztlich-pflegerische Ambulanzen zur medizinischen Versorgung. Beratungsstellen unterstützen Betroffene bei der Suche von Wohnung und Arbeit; häufig ist auch eine Beratung bezüglich Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Haushaltsführung, Umgang mit Geld und Schuldenregulierung erforderlich. Beratungsstellen arbeiten oft auch aufsuchend als Straßensozialarbeit (Streetwork) um Betroffene vor Ort zu kontaktieren und Schwellenängste gegenüber der Hilfe abzubauen.
Präventiv wirken alle Maßnahmen im Bereich der Suchtprävention, der Jugendarbeit und der Resozialisierung von Straftätern mittelbar auch zur Verhinderung der Entstehung von Obdachlosigkeit.
Beispielhafte Statistik für Nordrhein-Westfalen
In Deutschland gibt es insgesamt etwa 860.000 Obdachlose. Allerdings sind diese Zahlen in keiner Bundesstatistik erfasst (lediglich Nordrhein-Westfalen führt seit den 60er Jahren eine Obdachlosenstatistik). Bundesweit gibt es eher Schätzungen, die von Wohlfahrtsverbänden aufgestellt wurden. Nach Schätzungen gibt es derzeit etwa 19500 Betroffene in Nordrhein-Westfalen, davon rund 6500 Einpersonenhaushalte, die z. T. in Ersatzwohnungen, überwiegend aber ohne eigene Wohnunterkunft in Sozialeinrichtungen (Gemeinschafts- und Notunterkünfte, Frauenhäuser etc.), bei Freunden und Bekannten oder auch ganz ohne Unterkunft leben, und rund 4500 Mehrpersonenhaushalte, die in der Mehrzahl als Nutzungsberechtigte in bereitgestelltem Ersatzwohnraum leben.
Entwicklung in Nordrhein-Westfalen
Die Zahl der statistisch erfassten Obdachlosen in Nordrhein-Westfalen hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass der Um- und Abbau der sozialen Sicherungssysteme dazu führen kann, dass viele Betroffenen nicht mehr erfasst werden. (siehe z.B. [1])
Momentane Entwicklung
Die Zahl der ordnungsbehördlich untergebrachten Personen ist um zehn Prozent geringer als Mitte 2002. Der verstärkte Einsatz vorbeugender Maßnahmen der Städte und Gemeinden hat in den letzten acht Jahren einen kontinuierlichen Rückgang der Zahl der Obdachlosen bewirkt.
Bei der Interpretation der Zahlen ist zu beachten, dass es sich bei den statistisch erfassten Obdachlosen nur um Personen handelt, mit deren Unterbringung die kommunalen Ordnungsbehörden befasst waren (Nichtsesshafte sowie aufgrund sozialhilferechtlicher Maßnahmen mit Wohnraum versorgte Haushalte sind nicht berücksichtigt). Tatsächlich ist die Dunkelziffer vermutlich höher.
Durch die Umsetzung der Hartz IV-Gesetze wird mit einem Anstieg der Obdachlosenzahlen gerechnet.
Situation in der DDR
In der DDR gab es keine Obdachlosigkeit. Das lag daran, dass dort sogenannte Asozialität gemäß § 249 StGB-DDR wegen Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit strafbar war und die Mieten zudem subventioniert wurden. Die Obdachlosigkeit in der BRD konnte somit intensiv propagandistisch ausgeschlachtet werden. Dass es im „kapitalistischen Ausland“ (also auch in der Bundesrepublik Deutschland) Menschen gebe, die in Pappkartons und unter Brücken schlafen müssten, wurde den Kindern schon früh in der Schule beigebracht.
Verwandte Themen
- Wohnungsnot
- Notunterkunft
- Sozialversicherung, Sozialhilfe
- Hinz & Kunzt (Hamburger Obdachlosenzeitung)
- Elend
- Armut
- Hunger, Hungersnot, Unterernährung, Marasmus
- Diskriminierung, soziale Isolation
- Verwahrlosung
Weblinks
- www.foerderkreis-tagestreff-fuer-wohnungslose.de Seite des Förderkreises des Tagestreff für Wohnungslose in Wunstorf mit weiteren Materialien
- www.lit-verlag.de/ Buch über Obdachlosigkeit - Armuts-Studie mit narrativen Interviews mit von Armut betroffenen Härtefällen und Obdachlosen. Darstellung von lebenslageorientierten Integrationskonzepten für Wohnungslosigkeit
- Informationen über Obdachlosigkeit im Zusammenhang mit dem neuen Sozialhilfrecht 2005
- Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. Bielefeld
- Obdachlosigkeit und psychische Erkrankung
- Beitrag zum Dritten Wohnungsmarkt
- Seite des Ev. Fachverbandes für Gefährdetenhilfe im Rheinland zu Fragen der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe
