Streichquartett

Dieser Artikel befasst sich mit der musikalischen Gattung "Streichquartett", zum Streichquartett als Kammermusikgruppe siehe Streichquartett (Ensemble).



Von der so genannten Wiener Klassik bis in die heutige Zeit ist das Streichquartett in der Besetzung aus zwei Violinen, Bratsche und Violoncello die bedeutendste kammermusikalische Gattung. Die Einstehung der Gattung ist um das Jahr 1755 einzuordnen, als die Violoncellostimme nicht, wie in der Barockmusik üblich, nur eine begleitende Rolle als Basso continuo sondern solistische Passagen erhielt. Die genauen Umstände der Entstehung sind unbekannt, die Verfestigung des Typus' erfolgte um 1780. Den Grundstein zur Gattung Streichquartett legte dabei Joseph Haydn, dessen Schaffen den ersten Höhepunkt bildet.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Das Streichquartett entwickelte sich aus der barocken Triosonate durch die zunehmende Gleichberechtigung der Stimmen. Erste bekannte Werke, die der Gattung zuzuordnen sind, stammen von Luigi Boccherini und Joseph Haydn. Beide Komponisten legten ihre ersten Quartette etwa gleichzeitig und unabhängig voneinander vor. Weitere Beiträge zur Entstehung stammen von Georg Matthias Monn und Johann Georg Albrechtsberger.

Blütezeit

Ihre Blüte erreichte die Gattung in der so genannten Wiener Klassik. Ausschlaggebend war dafür die Auseinandersetzung von Komponisten mit Streichquartetten ihrer Kollegen. So treiben die Haydn-Quartette von Wolfgang Amadeus Mozart die Entwicklung voran. Die intellektuell-esoterischen Streichquartette von Ludwig van Beethoven führten zu einer Krise der Gattung: durch die ins extreme gesteigerte Spieldauer und die für ihre Zeit beinahe unhörbar gewordene avantgardistische Klanglichkeit entfremdete sie sich vom Publikum und war für Laien schwer verständlich. Auch brach Beethoven mit der Gewohnheit, stets Serien von (meist 6) Streichquartetten gleichzeitig zu veröffentlichen. Hinzu kam eine starke Fokussierung auf die eigene Person im Sinne von Selbstreflexion des Komponisten.

Bei vielen wichtigen Komponisten in der Zeit nach Beethoven, u. a. Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Johannes Brahms, stand das Streichquartett nicht im Zentrum des Schaffens, wiewohl auch in dieser Epoche bekannte Werke entstanden, wie jene von Franz Schubert ("Der Tod und das Mädchen", "Rosamunde", G-Dur-Quartett). Im 19. Jahrhundert gehört die Gattung aber selten zu den innovativen Betätigungsfeldern.

Forschrittlichere Elemente wie das der Selbstreflexion sind dann z. B. bei Bedřich Smetana zu finden, der sein Tinnitus-Leiden mit einkomponiert. Bedeutende Quartette stammen von Antonín Dvořák (z. B. "Amerikanisches Quartett" op.96). Giuseppe Verdi nutzt das Streichquartett, um eine Opern-Schreibblockade in den 1880er Jahren zu überbrücken.

Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Neudefinitionen der Gattung wurden durch die beiden Einzelwerke von Maurice Ravel und Claude Debussy, den beiden programmatischen Streichquartetten von Leoš Janáček, den fünf Streichquartetten von Arnold Schönberg und den sechs Streichquartetten von Béla Bartók erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Schönberg fügt in zwei Sätzen seines 2. Streichquartetts den vier Instrumenten eine Sopranstimme hinzu; in Nr. 3 und 4 verlässt er die harmonisch-tonale Kompositionsweise, die den formalen Verlauf eines Streichquartetts von Anbeginn der Gattung geprägt hatte. Den entscheidenden Schritt in die freie Tonalität geht aber Anton Webern mit seinen drei Streichquartetten und entwickelt dabei neue, aus der Zwölftontechnik abgeleitete musikalische Formen. Die für Webern typische kompositorische Verdichtung des Ausdrucks findet sich später wieder in den drei Streichquartetten des ungarischen Komponisten György Kurtág, dessen Streichquartett "Officium breve" (1988/89) sowohl mit der Opuszahl 28 als auch mit einem Zitat ganz bewusst auf Webern verweist.

Strawinsky vermeidet die Bezeichnung 'Streichquartett' und reiht lose Sätze für diese Besetzung aneinander, einen ähnlichen Ansatz zur Gattungsauflösung verfolgt Alban Berg, indem er die Lyrische Suite mit 6 Sätzen statt der üblichen 4 versieht und dem Werk das kammermusikalische Element durch eine Orchestrierung nimmt. Bartók schließlich fügt volksmusikalische Elemente hinzu, schreibt ein einsätziges Quartett (Nr. 3) und entwickelt neue Spieltechniken für die vier Streicher, u.a. das so genannte 'Bartók-Pizzicato'. Völlig den Rücken kehren der Gattung, nicht aber der Besetzung, Kompositionen von Bernhard Sekles, Erich Wolfgang Korngold und Philipp Jarnach. Dem entgegen stehen Werke der selben Zeit von Paul Hindemith und Dmitri Schostakowitsch, die der Auseinandersetzung mit oder Abkehr von der Tradition fern stehen und an die Blütezeit vor Beethoven erinnern.

Neuere Entwicklungen

Schien die Zersplitterung der Gattungsvorstellung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst in eine Krise der Gattung zu führen, so zeigte sich doch spätestens seit den 60er Jahren wieder ein vermehrtes Interesse der Komponisten an dieser Gattung. Die stilistische Vielfalt ist dabei so groß wie die Namen der Komponisten. Wichtige Beiträge lieferten Witold Lutosławski (1964), György Ligeti (1968, 2. Streichquartett) und Luigi Nono (1979/1980). Einen Vorstoß in Geräuschhaftes findet sich bei Krzysztof Penderecki, zirzensische Auswüchse entstehen bei Karlheinz Stockhausen durch Verteilen der vier Spieler auf vier Hubschrauber (Helikopter-Quartett aus Licht). Die Erforschung neuer geräuschhafter Klanglichkeit findet sich auch in den beiden bemerkenswerten Beiträgen zur Gattung Streichquartett von Helmut Lachenmann.

Einen ganz eigenen Weg, unabhängig von der europäischen Tradition gehen die amerikanischen Komponisten John Cage, Steve Reich, Terry Riley und vor allem Morton Feldman, dessen 2. Streichquartett (1983) mit einer Aufführungsdauer von fünf Stunden alle herkömmliche Aufführungspraxis sprengt.

In der nachfolgenden mittleren und jüngeren Generation gibt es einige Komponisten, die ab den 1970er Jahren in dem Bewusstsein eines Neuanfangs und der Abkehr von streng strukturalistischem Denken mittlerweile mehrere Streichquartette vorlegten; zu ihnen gehören Wolfgang Rihm, dessen ungebrochener Schaffensdrang bis heute bereits 12 Quartette hervorgebracht hat, Michael Denhoff mit inzwischen 9 Streichquartetten und Jörg Widmann, der 1997 mit dem Schreiben von Streichquartetten begann, bei denen er - erstmals seit Beethoven - über die Werkgrenzen hinaus denkt und seine Quartette 1 bis 5 als Teile eines großen Werks betrachtet; eine Arbeit, die im Jahr 2005 ihren Abschluss findet.

Die verbreitete Ablehnung von Gattungen im Allgemeinen führt zum Verschwinden größerer Bewegungen innerhalb der Geschichte des Streichquartetts. So erntete das 3. Streichquartett von Wolfgang Rihm nach seiner Uraufführung 1977 böse Beschimpfungen und den Vorwurf faschistoiden Komponierens. Der Untertitel Im Innersten bot die Steilvorlage für Polemik ('Im Arsch'), verdeutlicht jedoch die Rückbesinnung auf die Beethovensche Esoterik. Durch die wiedergefundene Klanglichkeit und Tonalität konnte Rihm sich behaupten. Das einzige Streichquartett von Luigi Nono Stille - Fragmente - An Diotima (1979/80), welches die Kritiker mit seiner ungewöhnlichen Innerlichkeit und der scheinbaren Abkehr von politisch motiviertem Komponieren irritierte, zeigt ebenfalls den Bezug zu Beethovens Ästhetik.

Komponisten mit wichtigen Beiträgen zur Gattungsgeschichte

Literatur

See also: Streichquartett, 1755, 1880er, 1970er, Alban Berg, Anton Webern, Antonín Dvořák, Arnold Schönberg, Arthur Honegger, Barock