Symbolische Krisen in Ostasien
Die symbolischen Krisen in Ostasien sind unblutige Konflikte in der neuesten Zeit zwischen ostasiatischen Ländern, vor allem zwischen Japan und seinen Nachbarn.
Bei den symbolischen Krisen geht es vor allem um Prestigegewinn oder auch Furcht vor Gesichtsverlust. Sie wird auch oft von antijapanischen Sentiment und Proteste der Bevölkerung begleitet.
Dass es sich in erster Linie um eine symbolische Krise handelt, erkennt man daran,
- dass ein Konflikt um ein vergleichbares Objekt oder Ereignis mit einem nicht-japanischen Land "pragmatischer" gelöst würde
- dass dem Konflikt ein hoher Stellenwert in der Berichterstattung der jeweiligen Länder und als Brennpunktthema der öffentlichen Meinung eingeräumt wird
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Liste der "symbolischen" Krisen
- Besuch des Yasukuni-Schreins durch den japanischen Premier Koizumi. Konfliktpartner: Japan vs. China, Korea und andere asiatische Länder. Seit Ende der 1990er Jahre.
- Zugehörigkeit der Liancourt-Felsen-Inselgruppe. Konfliktpartner: Japan vs. Südkorea. Seit dem 2. Weltkrieg.
- Formelle Entschuldigung für japanische Kriegsverbrechen durch den japanischen Kaiser. Konfliktpartner: Japan vs. China, Korea und andere asiatische Länder. Seit dem 2. Weltkrieg, in jüngster Zeit verstärkt.
- Bewertung des Nanking-Massakers in japanischen Geschichtsbüchern. Konfliktpartner: Japan vs. China. Seit Ende der 1990er Jahre.
- Nationalistische Ausschreitungen beim Finale der Asienmeisterschaft am 7. August 2004 in Peking. Konfliktpartner: China vs. Japan
- Wochenend-Sexparty in Zhuhai (China) von 400 japanischen Geschäftsleuten mit 500 chinesischen Prostitutierten am Jahrestag des Zwischenfalls von Mukden (2003). Konfliktpartner: Japan vs. China
- Japanische Visumerteilung für den Ex-Präsidenten Taiwans Lee Teng-Hui Mehrfach seit 2001. Konfliktpartner: China vs. Japan. Grenzfall, massive Proteste Chinas auch gegen die USA.
- Schadensersatzzahlung für asiatische Zwangs-Prostituierte, die von der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg zwangsrekrutiert wurden (Trostfrauen). Konfliktpartner: (Privatpersonen aus) China, Korea, Taiwan und Südostasien vs. Japan.
- Zugehörigkeit der Senkaku-Inseln. Konfliktpartner: China vs. Japan. Grenzfall, da unter den unbewohnten Inseln reiche Ölvorkommen vermutet werden.
- Bewerbung um Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 im Jahr 1996. Konfliktpartner: Japan vs. Südkorea. Die wohl salomonisch gemeinte FIFA-Entscheidung, die WM aufzuteilen, wird in beiden Ländern zunächst mit peinlichem Schrecken aufgenommen da sie keinen eigenen Gewinn bedeutet, sondern auch dauerhafte Zusammenarbeit mit dem Gegner nötig macht und von der jeweiligen Bevölkerung als diskriminierend wahrgenommen wird, da die FIFA gegenüber westlichen Ländern "einfühlender" gehandelt hätte.
- Bezeichnenderweise ist der Konflikt Japans mit Russland, der einzigen verbliebenen "Fremdnation" in Ostasien, um die Kurilen, bei denen massive Ölvorkommen vermutet werden.
Hintergrund
Konfliktherd Ostasien
Die drei bevölkerungsmäßig bei weitem größten Völker Ostasiens, Chinesen, Japaner und Koreaner, sind seit Jahrtausenden Nachbarn in Ostasien. Wie in allen Weltregionen hat die Nachbarschaft von kulturell und sprachlich unterschiedlichen Völkern auch hier zu unzähligen Konflikten geführt. Besonders Korea als kleinste der drei und zwischen den beiden anderen gelegen, war dabei oft Opfer der beiden größeren Nationen. Der Zweite Weltkrieg mit vorhergehender Besetzung Chinas und Kolonialisierung Koreas sind erst 60 Jahre her.
Keine Aufarbeitung der Wunden
Europa, vor allem Westeuropa, hat sich aus einer ähnlichen Konstellation durch eine bewusste Aufarbeitung der Konflikte in symbolischer (Entschuldigung, Versöhnung) und finanzieller Form (Entschädigungszahlungen) befreit. In Ostasien gab es dagegen keine Trauerarbeit. So ist Russland bis heute formell sogar noch im Kriegszustand mit Japan und gleichzeitig einer der wichtigsten Handelspartner.
So empfinden relativ viele Menschen aus allen drei Nationen auch heute noch oft eine tiefe und pauschale Abneigung gegen Angehörige der Nachbarvölker. Die Abneigung wird dabei oft durch individuelle Traumata geschürt oder verstärkt (der Verlust von Angehörigen im Weltkrieg). Vor allem Japan ist Anlass für antijapanischen Sentiment, da sie ihre Kriegsschuld nicht eingesteht und immer wieder die Gefühle ihrer Nachbarstaaten verletzt. Nicht nur Koreas oder Chinas, sondern die vieler südostasiatischen Staaten.
Ökonomische Verzahnung
Japan, China und Südkorea sind heute ökonomisch eng verzahnt und füreinander jeweils die wichtigsten Handelspartner. Dies neben der militärischen Einbindung Japans und Südkoreas an die USA macht es diesen Ländern in der Praxis sehr schwer, einen Konflikt militärisch oder auch ökonomisch (Boykott) auszutragen. So sind Konflikte um Symbole die einzige Möglichkeit, an der sich Reibereien und Animositäten tatsächlich entzünden können.
Ostasiatische Metaphorik
Die symbolischen Krisen in Ostasien müssen auch unter ihrem metaphorischen Gehalt verstanden werden. In vielen ostasiatischen Kulturen wird Symbolen als Stellvertreter für tatsächliche Gegebenheiten ein hoher Stellenwert eingeräumt. Daneben wird Gesichtsverlust als stark beschämend bewertet. Diese Verbindung erklärt, warum sich Konflikte in Ostasien oft an Symbolen entzünden und warum es schwierig ist, auf diese Symbole zu verzichten.
Weblinks
- Analyse eines Politologen der japanisch-chinesischen symbolischen Krisen
- Tokyo's bloody conquests of the 1930s and '40s saved Asia from colonization by "white people."
