Tabu

Tabu (Tapu), nach einem aus der Sprache der Südseeinsulaner (Tonga) herrührenden Wort, heißt so viel wie unverletzlich. Das Wort hat im 20. Jahrhundert Eingang in die deutsche Sprache gefunden und bezeichnet eine Handlung oder Verhaltensweise, die durch Sitte oder Gesetz verboten ist.

Inhaltsverzeichnis

Ethnologie

So gelten bei Naturvölkern die Person des Häuptlings, Begräbnisplätze, Kultstätten etc. an sich als tabu. Man wusste jedoch auch jede beliebige andere Örtlichkeit, beispielsweise einen Baum, eine verlassene Wohnungen, ja ein einzelnes Besitzstück, vor Annäherung, Berührung oder Wegnahme zu schützen, indem man sie mit einem einfachen Faden, in den unter bestimmten Zeremonien einige Knoten mit oder ohne Fetische eingeknüpft worden waren, umgrenzte oder umband (siehe Knotenknüpfen). Die Angehörigen der gleichen Ethnie waren überzeugt, dass bei Verletzung dieses Fadens alle Übel, die der Knotenschürzer hineingeknüpft hatte, unfehlbar auf sie fallen würden, und so ersetzte dieser Glaube die Sicherheitspolizei bei den verschiedensten Naturvölkern, denn in verschiedenen Formen findet oder fand sich das Tabu in allen Erdteilen.

Tabus können sich auch auf bestimmte Nahrungsmittel beziehen, dergestalt, dass zum Beispiel einer Sippe nicht erlaubt ist, ihr Totemtier zu jagen oder zu essen. Es gibt in Afrika auch spezielle, teils sehr weitreichende Nahrungstabus für schwangere Frauen, in abgeschwächter Form findet es sich in allen Gesellschaften. Diese können zum Beispiel wie die jüdischen Speisegesetze oder das Fasten (Ramadan, Passionszeit, Verbot von Schweinefleisch in Judentum und Islam) religiös motiviert sein, sich aber auch an beliebigen Traditionen und ethischen wie moralischen Einflussfaktoren orientieren. In Deutschland kann man zum Beispiel Hunde- und Katzenfleisch als tabuisiert ansehen, in der Volksrepublik China dagegen den Verzehr von Kaninchen und in Nordamerika den Genuß von Pferdefleisch. Unter ein in nahezu allen Gesellschaften umfassendes Tabu fällt auch der Kannibalismus.

In polynesischen Gesellschaften ist es zum Teil ein Tabu, den Namen der angeheirateten Verwandten oder kürzlich Verstorbener auszusprechen.

Die verbale Missachtung von Tabus dient in vielen Kulturen als Anknüpfungspunkt für Witze und Schimpfwörter, da die direkte Erwähnung eines Tabus eine Spannung im Zuhörer erzeugt.

Soziologie, Sozialpsychologie

Der Begriff Tabu ist aus soziologischer und sozialpsychologischer Sicht von besonderer Bedeutung. Tabus schützen ein Thema vor dem Diskurs in einer Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft („Darüber spricht man nicht!“). Dem Thema wird kein Platz, kein „Ort“ im öffentlichen „Raum“ des Bezugssystems gewährt. (Vgl. auch: Öffentliche Meinung.)

Je mehr Mitglieder des Bezugssystems sich an dieser Form der Ausgrenzung eines Themas beteiligen, desto mehr „Macht“ hat das Tabu über den Einzelnen. Kollektive Verdrängungsmechanismen werden wirksam („Das darfst du noch nicht einmal denken!“). Diese starke emotionale Aufladung ist der Grund dafür, dass „die direkte Erwähnung eines Tabus eine Spannung im Zuhörer erzeugt“ (siehe oben).

Gemeinsame Tabus stabilisieren die Bezugssysteme von Menschen, insbesondere aufgrund ihrer emotionalen Aufladung. Mitglieder, die einen Tabubruch wagen, sind daher in der Regel schweren Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinschaft ausgesetzt. Wenn der Zusammenhalt des Bezugssystems aber aus anderen Gründen gefährdet ist, können wiederholte Tabubrüche den Niedergang des Bezugssystems beschleunigen.

Tabubruch und Christentum

Mit der Säkularisierung und der grundsätzlichen Trennung von Kirche und Staat verlor die Amtskirche ihr Funktion als maßgebender Normgeber. Besonders davon betroffen ist die Sexualmoral der christlichen Kirchen ( Unauflöslichkeit der Ehe,Ächtung der Homosexualität) . Erhalten ist unter Christen aber z. B. noch das Tabu, außerhalb der Abendmahlsfeier die geweihten Oblaten zu essen.

Tabus in der heutigen Zeit

Als „Tabuthema“ wird ein Thema bezeichnet, das keinerlei (öffentlicher) Diskussion unterliegt, also „totgeschwiegen“ wird. Meist handelt es sich dabei um Gebiete, die wunde Punkte einer Gesellschaft berühren. Die freie Erörterung von Glaubensfragen erfolgt nach neueren Umfragen nur bei 7 Prozent der Gesellschaft häufig. Darin wirkt sich die Ketzerverfolgung über fast sechzehn Jahrhunderte aus. Das Tabu, Zweifel zu besprechen oder neue Glaubensvorstellungen zu erörtern, engt die Toleranz ein. Das wirkt sich negativ aus für die Fähigkeit der Gesellschaft, fremde Kulturen zu integrieren, wie z.B. den Islam. Auch die Amtskirche muß noch lernen, auf neue Überzeugungen oder Zweifel einzugehen, wenn sie in Glaubensumfragen hervortreten.

Auch wenn heute in westlichen Ländern vielfach von einer „Gesellschaft ohne Tabus“ gesprochen wird und in vielen Zeitschriften der Regenbogenpresse offen von Sex-Skandalen oder Ehestreitereien die Rede ist, gibt es auch in diesen Ländern Tabus, die zum Beispiel Exkremente, Inzest, Alter, Krankheit oder Tod betreffen.

Film, Literatur und Spiel

See also: Tabu, 20. Jahrhundert, Abendmahl, Deutsche Sprache, Diskurs, Diskussion, Emotion, Ethik, Ethnie, Exkremente