Tagelied
Das Tagelied ist eine spezielle Form der mittelalterlichen Lyrik, die von deutschen Minnesängern aus der romanischen Trobador-Tradition übernommen wurde. Es schildert - oft in drei Strophen - den Abschied eines Liebespaars bei Tagesanbruch.
Eine besonders beliebte Variante des Tagelieds war das so genannte Wächterlied, in dem ein eingeweihter Wächter den Ritter zum Aufbruch mahnt. Diese Form wurde im deutschen Sprachraum von Wolfram von Eschenbach eingeführt.
Da das Tagelied ein geheim zu haltendes Liebesabenteuer beschreibt, bildet es als erzählende Lyrikgattung ein sogenanntes genre objectif und unterscheidet sich darin von den reflektierenden Liedern der Hohen Minne, in denen der Ritter nur hoffen darf, aber nie ans Ziel seiner Werbung kommt. Das Tagelied genoss somit eine Sonderstellung und hatte für die in strenge Regeln eingebundene mittelalterliche Gesellschaft vielleicht eine befreiende Wirkung.
Wichtige Motive des Tagelieds sind die Schilderung des Tagesanbruchs, die Aufforderung zum Aufbruch, die Abschiedsklage und die letzte Hingabe der Dame an den Ritter (urloup).
Wichtige Vertreter des Tageliedes waren u.a. Heinrich von Morungen, Wolfram von Eschenbach, Walther von der Vogelweide und später Oswald von Wolkenstein.
Moderne Tagelieddichter sind u.a. Rainer Maria Rilke, Ezra Pound, R. Boschart und Peter Rühmkorf.
