Technizismus

Der Technizismus bezeichnet eine philosophische und soziologische Theorie sowie eine weltanschaulich-philosophische Denkhaltung, die die Technik und ihre Entwicklung weitgehends isoliert von den konkret historischen Produktionsverhältnissen und der politischen Organisation der Gesellschaft betrachtet und den Einfluss der Technik auf die gesellschaftliche Entwicklung überschätzt. Dabei wird die Technik als verabsolutiertes "Phänomen" den gesellschaftlichen Erscheinungen und Prozessen metaphysisch gegenübergestellt.

Inhaltsverzeichnis

Erscheinungsformen

Der Technizismus tritt in verschiedenen Strömungen der Philosophie und Soziologie in Erscheinung. Zu ihrem Erscheinungsbild gehören die verschiedenen Theorien der Industriegesellschaft einschließlich der Konzeptionen von der Computer- bzw. Informationsgesellschaft, der postindustriellen Gesellschaft u.ä. Technizistische Konzeptionen können in einem weiten Raum variieren. Unter den Bedingungen der vielfältigen gesellschaftlichen Einflüsse auf Triebkräfte, Mechanismen und Wirkungen der technischen Durchdringung der Gesellschaft wird der Technizismus heute nicht mehr in der radikalsten Ausprägung vertreten.

Vertreter

Entschiedene Vertreter des Technizismus waren u.a. Friedrich Dessauer und Jean Fourastié. Anhänger technizistischer Auffassungen, die der technischen Entwicklung unter den herrschenden Bedingungen skeptisch gegenüberstanden, waren Friedrich Georg Jünger, Hans Driesch u.a. Diese befürchteten eine Reihe unerwünschter "Folgeerscheinungen", die schließlich dazu führen könnten, den Bestand der bürgerlichen Ordnung zu gefährden bzw. als Faktoren für soziale Auseinandersetzungen wirksam werden könnten. Technizistische Lehren traten schon im 19. Jahrhundert auf. Karl Marx bezeichnete ihre Verfechter als "Pindaren des Kapitals", die "die gegenständliche Elemente der Produktion geltend machen und ihre Bedeutung überschätzen gegenüber dem subjektiven Element, der lebendigen, unmittelbaren Arbeit".

Bindung der Technik an Gesellschaftsverhältnisse

Die erkenntnistheoretrischen Wurzeln des Technizismus liegen in der Ignorierung der sozialökonomischen Bedingtheit und Determination der Entwicklung der Technik. Dadurch wird die Rolle der Technik verabsolutiert und ihr Einfluss auf das gesellschaftliche Leben und seine Entwicklung überschätzt. Die Technik als eine gesellschaftliche Macht, die Möglichkeiten setzt zur wachsenden Beherrschung der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt des Menschen, ist keine Macht sui generis, sondern materiell determiniert von den jeweiligen konkreten gegebenen Produktionsverhältnissen und denen sich daraus ergebenden Möglichkeiten. D.h., die Möglichkeiten der Technik sind folglich historisch bedingt vom jeweiligen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte, verbundenen mit den konkreten Bedingungen ihrer Anwendung.

Überschätzung der Technik gegenüber der Gesellschaft

Die technizistischen Auffassungen vertreten dagegen die Position, dass die "Welt der Technik" eine schicksalsbestimmende Macht über den Menschen zukomme. Der "technischen Rationalität der Produktion" sei der Mensch ausgeliefert und nur die Anpassung an die technische Entwicklung würde dem Menschen eine gesicherte Existenzweise nach sich ziehen. Damit wird die Technik als soziale Erscheinung gedanklich aus dem System der gesellschaftlichen Erscheinungen herausgelöst und der Gesellschaft gegenübergestellt. Sie wird als ein von außen auf das gesellschaftliche System wirkender Faktor entweder optimistisch oder pessimistisch betrachtet. Von anderen philosophischen Strömungen wird die Tatsache, dass der Mensch bewusst die Produkte seiner Arbeit gestaltet, die Arbeitsprodukte gedanklich schon im voraus plant und für die Produktion vorbereitet, mit der Technik selbst identifiziert.

Rolle der Vertreter und deren Ansprüche

Die Stellung der Praxis und ihr Verhältnis zum menschlichen Schöpfertum, zur Entstehung der Ideen wird dabei einseitig beurteilt. Durch die herrschenden Produktionsverhältnisse erlangen die Produkte der eigenen Arbeitstätigkeiten eine scheinbar vom Menschen unabhängige Existenz, treten den produzierenden Menschen als fremde Macht gegenüber. Die Technik erscheint so als schicksalshafte, geschichtsbestimmende Macht, als "Dämon" und in seiner extremsten Form als "Grundübel der Epoche". Mehr oder weniger werden aus diesem scheinbaren Machtverhältnis auch Führungsansprüche abgeleitet, soweit sie Teile der technischen Intelligenz betreffen, für die künftigen Phasen der Gesellschaftentwicklung. Da, wo dieser Technikanspruch zu einer Ideologie auswächst, findet sich bei Vertretern der Technikwissenschaften eine Fetischisierung der Technik. Eine solche Rollenentwicklung ist nicht in jedem Falle identisch mit der Denkhaltung im Technizismus, kann jedoch den Einfluß des Technizismus begünstigen.

siehe auch Technik, Technokratie, technischer Fortschritt, Fortschritt, Automatisierung, Futurismus

See also: Technizismus, 19. Jahrhundert, Automatisierung, Fortschritt, Friedrich Dessauer, Friedrich Georg Jünger, Futurismus, Hans Driesch, Jean Fourastié, Karl Marx